Logbuch

SCHWEIGEN.

Als der große Held Shakespeares, Hamlet, stirbt, bestimmt er, dass der Rest Schweigen sei: „The rest is silence.“ So bricht, sagt da sein treuer Gefährte Horatio, ein edles Herz. Der Rest ist Ruhe.

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VERKLEIDEN.

Zu Halloween scheint als Kult auf, was im Karneval ausgiebig wird: der Zwang sich originell zu kostümieren. Graf Dracula, Billy the Kid oder Seeräuber. Wie doof ist das denn?

Die Unschuld eines Kinderspiels geht verloren, wenn der erwachsene Ernst seine Sache gut machen will. Von Markus Söder, dem Franken, gibt es Fotos von solchen Auftritten. Man merkt die Absicht und ist völlig zu Recht verstimmt. Nichts an diesem Mann hat „esprit“, nicht mal sein Humor. In die Prinzen- und Ehrengarde-Kultur des Karnevals hatte ich einen kurzen Einblick; führte zu dem festen Entschluss, alles darin und darum zu vergessen. Ich habe noch irgendwo einen Orden, der zu entsorgen ist. Nicht vergessen!

Jede Kleidung ist Verkleidung. Man nannte das früher HABIT. Was die Nonne kenntlich macht oder den Obersteiger, wenn er ausgeht. Uniformierung. Bei HOHEITSTRÄGERN wichtig wegen der Rangordnung. Als was gehst du zu Halloween? Richtiger: Als wer gehst du zu Halloween? Wenn Verkleidung zu ihren Ursprüngen zurückkehrt, will sie ROLLENWECHSEL. Der Sultan nächtens als Teppichhändler in den Spielhöllen des Basars. Der Pope als Fischhändler ausgelassen im Bordell. Die ewige Jungfrau frivol als Lebedame mit tiefem Dekolleté. Der Geheimdienstler, diesmal ohne Schlapphut.

Mode ist die leichte Spielart der großen Tarnung. Auch sie kostümiert. Allerdings mit einer saftigen Lüge: sie soll den Typ, der man ist, zur Geltung bringen. AUTHENTIZITÄT. Das ist natürlich Unsinn. KLEIDER MACHEN LEUTE. Wir sind das, für was wir gelten. Wir suchen Geltung durch unsere Klamotten. Nach mehr (!) oder anderer (!) Geltung.

Meine Frau Mutter pflegte scherzend zu sagen: „Gentlemennt bleibt Gentlemennt. Und wenn er in der Gosse pennt.“ Wie klug. An den Fenstern Stores, aber keine Laken im Bett.

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IM GROSSEN & GANZEN

Engherzigkeit verdirbt die Lebensfreude. Man muss auch fünf mal gerade sein lassen. Nur keine PEDANTERIE. Lässig, sagt der Schweizer, wenn er lobt. Ein schönes Wort.

Zu den Erleichterungen meines Alltags gehört, dass ich einen Mandanten los bin, der unter manischer Pedanterie litt. Diese Zwangscharaktere können ihre Übellaunigkeit auf Dauer stellen und wie alle Irren unglaubliche Kräfte entwickeln, mit denen sie sich in Details verlieren, während das GROSSE & GANZE ärschlings geht. Selbstquälerische Naturen, die toxisch auf ihre Umwelt wirken. Meiden!

Ich lobe die Großzügigen, die Gelassenen, die mit ihrer Weitherzigkeit die Welt erfreuen. „Noch nie“, soll ein moderner Grieche gesagt haben, „habe ich etwas so schön zusammenbrechen sehen.“ Die Mediterranen hatten noch, was die Puritaner sich versagten. Daher kommt das Wort der PEDANTERIE ja auch, vom Schulmeisterlichen. Das kleine Caro.

Ich erinnere einen amerikanischen Film, in dem ein manischer Kapitän sein Boot versenkte, weil er nach dem Dieb der Erdbeeren aus der Kombüse suchte. War das in dieser Rolle nicht der legendäre Humphrey Bogart? Kein Haarspalter zu sein. Auch mal ein Unrecht hinnehmen. Seinen Frieden machen können.

Der Lateiner spricht davon, dass man etwas auch mit einem Korn Salz nehme: CUM GRANO SALIS. Dabei meinte „Salz“ eben auch „Witz“, also ein Aufruf zur Ironie. Ein gefährlicher Vorschlag, denn Ironie, soll sie gelingen und erfreuen, setzt Verständnis und Verstand beim Gegenüber voraus. Eher selten sowas.

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NATURSCHAUSPIEL.

Eine Naturkatastrophe wird zum Erlebnis für alle, wenn sie sich verhält, wie die Zuschauer es von einem Drama, einer veritablen Tragödie erwarten. Die Zerstörung muss ausdrucksstarke Bilder liefern. Ein Naturschauspiel. Zunächst aufgeführt von der Naturgewalt selbst, dann von der politischen.

Ich nenne das im Akademischen: Fiktionalismus. Panfiktionalismus. Nein, es ist nicht die Presse und das TV, das diese Dramatik verlangt. Unser Bedürfnis ist sehr viel älter. Man lese HOMER mit den wilden Abenteuern des Odysseuss oder das ALTE TESTAMENT mit Noah und der Sintflut. Und natürlich das EVANGELIUM unseres Religionsstifters, der gegen die Natur Wunder tut. Wir erwarten große Schauspiele, wenn wir uns Schicksalsschläge erklären wollen. Und HELDEN, wenn nicht gar ERLÖSER.

Eigentlich erwarten wir nämlich nicht nur Dramen; wir wollen religiöse Rituale, sogenannte GOTTESDIENSTE. Früher mit Opfergaben, auch Menschenopfern, jetzt mit Zorn gegen „die“ Leugner. Für alle gilt nun: Unterwerfung unter die Symbole der höheren Gewalt. Zu Kreuze kriechen, auch wenn es nur heißt, den Gesslerhut zu grüßen. Deshalb muss man nun notorisch einräumen, dass die Ursache für den Starkregen die menschengemachte Klimaerwärmung ist. Es ist zu wiederholen, wie man einen Rosenkranz betet.

Ich erinnere bei den Bildern aus dem Ahrtal ein Ereignis in England, das „Lynmouth Flooddesaster“ von 1952. Anhaltender Starkregen im Exmoor, N. Devon, hat im flussnah bebauten Tal der Lyn viele Gebäude weggespült. Ich habe in den Siebzigern noch mit Zeugen gesprochen. Studiert habe ich vor Ort, wie man das Hafenstädtchen bei Linton neu angelegt hat. Riesige Brücken, breite Wasserläufe und eine Auflauffläche enormer Größe, als Park angelegt. Das flooddesaster war in meinem Geburtsjahr, eine neue Flut ist bisher nicht gekommen, trotzdem schien es mir immer klug, so zu siedeln, dass die Natur sich ernstgenommen fühlt. Ich liebe das Exmoor und Lynmouth. Im Hafen übrigens ein kleiner Feuerturm, den sie den Rheinischen Turm nennen. Zufälle.

Aktuell zu sagen ist, dass sich der Kanzlerkandidat der Grünen, Robert HABECK, klug verhält im Naturtheater, der Kandidat der Sozis, der SCHOLZOMAT, an der Seite von Malu Dreyer keine Fehler macht und der Karnevalskasper der Union, der Armin aus Aachen, gestern mit Clownerie schlicht abgeschmiert ist. Das zu der POLITISCHEN BEWIRTSCHAFTUNG, dem Ausnützen eines Naturschauspiels für die eigene HELDENSAGE.

Im übrigen ist es wie im Krieg: vom wirklichen Elend der einfachen Menschen handeln die STAATSAKTE nur vordergründig. Sie sind, wie schon immer, nur Statisten im Schauspiel der Feldherren. Kanonenfutter, nennt das mein Alter Herr, der einen Krieg überlebt hat. Es ist mindest so bitter, wie der Zyniker es empfindet.