Logbuch

DAS SCHWEIGEN.

Wer wissen will, was den Menschen seiner Umgebung wichtig ist, darf nicht nur darauf hören, was sie sagen; er muss Wege finden zu erfahren, wovon sie schweigen.
Das ist ein sehr grundsätzlicher Gedanke, der, so richtig er ist, einige methodische Probleme aufwirft. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Es kann durchaus sein, dass das Schweigen zu diesem oder jenem Thema eine größere Willenskraft erfordert als das Plappern zu allen möglichen anderen.

Der große Psychoanalytiker Sigmund Freud hat sich für solche Tabus interessiert, weil er geglaubt hat, dass der wesentlichere Teil unserer Persönlichkeit im Dunklen liegt, obwohl gerade dieses Unbewusste uns zu schaffen macht. Das mag insbesondere für sexuell verklemmte Milieus gelten. Ich meine die Frage nach dem Unausgesprochenen aber grundsätzlicher. Eher so, wie die mittelalterliche Theologie, die mit dem Prädikat „anathema est“ (deutsch: ist kein Thema) ganze Wissenskontingente verbot. Hegemonie besteht nämlich auch in der Herrschaft darüber, wovon geschwiegen werden soll.

Wovon reden also die über fast alles Schwätzenden eben notorisch nicht? Die wissenschaftliche Meinungsforschung kommt an ihre Grenzen. Ohnehin erforscht sie ja nicht, was die Befragten denken, sondern nur, was sie auf Befragen zu sagen bereit sind zu sagen. Das ist nicht das Gleiche. Demoskopie offenbart Hegemonie nicht; sie ist deren Ausdruck.

In besonderer Weise drängt sich mir diese Frage in Selbstdarstellungsmedien auf; das war früher das Poesiealbum, heute ist es LinkedIn. Man sieht hier Geschäftsleute mit zaghafter Eigenwerbung, aber auch schrille Schreihälse mit geradezu pathologischer Überpräsens. Ich verstehe schon, was die dem Eigenlob verfallenen Narzissten mir sagen wollen; wonach sie geil gieren. Geschenkt. Aber was ist da, wenn das Handy aus ist? Auch der hysterisch Schreiende muss ja mal verstummen. Und sei es nur, um Luft zu holen. Erträgt er sein Schweigen? Vor allem aber, worüber schweigt er?

„Denn die einen sind im Dunkeln. Und die anderen sind im Licht. Wir sehen die im Licht. Und die im Dunklen sehen wir nicht.“

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MEMENTO MORI.

Gestern durfte ich mit der Blonden einen Wein verkosten, der ihr nun gar nicht schmeckte. Erster Hinweis: Die Blonde, englisch „the blond“, ist keine natürliche Person, sondern eine literarische Figur des großen A. A. GILL, eines verstorbenen Journalisten meiner Generation, den ich sehr schätze. Er ist der mit Abstand beste Restaurantkritiker, den ich je kennengelernt habe; von großem Biss („acerbic“) und für mich mit einer gewissen Tragik. Dazu mehr am Schluss. AA Gill nutzte die Blonde als rhetorische Figur, um über zwei Menus berichten zu können, seines und ihres; ging aber oft allein essen und meist nur zum Lunch (wenn er auch dabei das Dinner nahm).

Es gab gestern bei Carl&Sophie einen Rheingauriesling von Wegeler, der schon ein gutes Jahrzehnt in der Flasche war. Das können sie in Oestrich-Winkel. Ich fand ihn großartig und die Blonde sagt, er schmeckt nach Reifen. Wie kann ein Winzersekt nach Reifen schmecken? Nun gibt es beim Wein drei Säulenheilige, den Önologen, den Sommelier und den Connaisseur. Zunächst zum ersten, dem Winzer. Mein Rat, besuchen Sie ihn; sagen Sie ihm vorher, dass Sie sicher einen Kofferraum voll erstehen werden und dann lassen Sie ihn in seinem Keller reden. Fragen Sie ihm Löcher in den Bauch. Das wird ein Bildungserlebnis.

Mit dem Weinkellner im Resto reden wir gar nicht. Das ist immer ein eitler Fatzke, der dummschwätzt. Man nennt seine Geschmacksrichtung und das Preisniveau. Damit lässt man ihn machen. Nur der Connaisseur labert mit dem Dackel im Frack. Wir lauschen dagegen der Blonden und widersprechen nicht. Das befördert den weiteren Abend. Von mir aus eben Reifen.

Der Önologe erzählt vom Winzersterben, vielen Familienbetrieben geht es an den Kragen und der Winzer greift zum Strick. Er sagt: „Da müssen die Bäum dann starke Äst haben.“ Erinnert mich an AA Gill, der von seinem nahenden Tod wusste und das Wissen mit seinen Lesern geteilt hat. Bittere Stücke, die letzten. Man wusste, dass sie das sind, die letzten. Und so war es dann auch. Mit wem die Blonde jetzt wohl geht?

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UND ER ERKANNTE SIE.

Ich lese seit langem wieder mal einen Roman, der mich nicht nur insgesamt zunehmend fesselt, ich bin auf das Ende wirklich gespannt, sondern den ich auch in sehr vielen Details als wirklich bereichernd empfinde. Große Literatur. Christoph Peters, Innerstädtischer Tod. Luchterhand. Manches in den Inneren Monologen der dort sich erklärenden Figuren ist für mich von beiläufigem Interesse, anderes von geradezu explodierender Spannung oder tiefer Erheiterung. Oft zu meiner Skepsis gegenüber investigativen Journalisten.

Aber da lese man selbst. Es wird ein Kaleidoskop metropoler Charaktere gegeben, hinter denen mehr oder weniger leicht Zeitgenossen zu erkennen sind. Oder vertraute Orte erscheinen äußerst zutreffend beschrieben, und sei es nur ein Restaurant (die Kantine) oder eine Hotelbar (die des Hyatt, im Roman Regent genannt). Große Themen, nichts Geringeres als die Frage nach der übermächtigen, aber völlig hohlen Attraktivität von Sex. Oder kleine Beobachtungen, die man als ungemein typisch empfindet. Lesefrüchte.

Nur ein Beispiel. Über einen Skandalbericht in der Hauptstadtpresse, es geht um die angeblich sexuellen Übergriffigkeit eines Galeristen Damen der Gesellschaft gegenüber, heißt es, dass man dem Wortlaut des Artikels anmerken konnte, dass er bis in jeden Nebensatz von den Verlagsjuristen frisiert worden sei, weil man sich seiner Geschichte eigentlich nicht sicher gewesen sei, trotz der so häufig angeführten Eidesstattlichen Versicherungen, die man dort anonym anführe. Bingo!

Das ist voll auf die Zwölf. Wer meinen Job einige Jahrzehnte gemacht hat, der riecht das, was eine dünne Geschichte des allfälligen Rufmords ausmacht, die die Äußerungsrechtler des Verlags wasserdicht gemacht haben, weil sie wissen, wie dünn die Faktenlage ist und ahnten, das das vor Gericht nicht hält, was schlechtgelaunte Ideologen da in übler Absicht zusammengerührt haben. Nur ein Detail unter zahlreichen Beobachtungen, aber für den kundigen Thebaner ein Moment der Erkenntnis im biblischen Sinne. Du riechst, wie sie sich in ihrer Story winden, um aus der Mücke doch noch den Elefanten zu machen und eine tiefe Skepsis sagt Dir: Da stimmt was nicht; auch dieser Skandal ist konstruiert.

So wartet also ein Reigen von Inneren Monologen mit einer bitter heiteren Weltsicht auf. Der geneigten Lektüre anzuempfehlen.

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Der Gaucksche Pastoren-Staat: Mit dem Katechismus in der Hand durch’s ganze Land.

Hätten wir eine englische Seele und in der Zeitung stünde, dass das Königshaus von einer katholischen Irin angeführt würde, wir wären irritiert. Nun ist es so, dass Elisabeth die Zweite eigentlich eine Hannoveranerin ist und der Gatte ihrer Ururoma aus Thüringen kam. Deshalb sind die Engländer tatsächlich irritiert. In Windsor sitzen, Lady Di hat es ausgesprochen, „bloody Germans.“ Wer will schon von Ausländern beherrscht werden? Wie authentisch soll ein Staatsoberhaupt sein?

Joachim Gauck ist, jetzt mal unter uns Wessis, ein Präsident aus dem deutschsprachigen Ausland. Wäre dieser Ossi ein Ösi, sagen wir aus Wien oder einem anderen Ort der demokratischen Alpenrepublik, wäre er uns näher. Gauck ist wie Merkel nicht nur aus dem Osten, sondern auch noch Abkömmling eines anderen Systems. Und beide gehörten in der DDR, das scheint unstrittig, wenn man die wirklichen Oppositionellen ernst nimmt, nicht zum Widerstand. Aber sie stammen aus dem Protestantismus, der dort geputscht hat. Pastoren an die Macht!

Nach zwei Interimslösungen, einem Sparkassenpräsidenten namens Köhler Horst und einem John F Kennedy light namens Wulff Christian, nun also ein Martin Luther King aus der DDR. Die Statur des politisch ambitionierten Pfarrers ist uns vertraut. Wir kennen diese heimliche Eitelkeit evangelischer Zurückhaltung, diesen Gestus der Menschenfischer, von Johannes Rau, der uns aber wenigstens aus Wuppertal beschert wurde, nicht auch noch aus Rostock, sprich Pankow.

Der All-Parteien-Gauck ist aus der Not geboren. Die Republik leckt ihre Wunden. Köhler wurde fahnenflüchtig, keine Ruhmesgeste. Nichts an Wulff war wirklich Präsident. Wulff war selbst in seinen Vergehen noch eine Nummer zu klein. Wir empören uns über Lächerlichkeiten wie Spesenbetrug. Der Amerikaner nennt so was „short people“, der Engländer “small fry“ und der Franzose „petit bourgeois.“ Das letzte Wort hat der Hamburger, der eine Augenbraue hochzieht und anmerkt: „Wenn Schiet watt wiet.“

Aber: Der Fall Wulff ist mit dessen Fall beendet. Alle Kleingeister sind jetzt aufgefordert, endlich die Klappe zu halten. Seine Frau hatte Tränen in den Augen bei der Rücktrittsrede. Es ist gut jetzt. Der Volkszorn hat geschafft, was er schaffen wollte. Und der Christian war das ideale Opfer, unterstützt von Brutus Hintze und Anwälten ganz eigener Brillianz. Gebt Wulff den Ehrensold. Er hat ihn vielleicht nicht verdient, aber er steht ihm zu.

Dass die Kanzlerin dieser Republik als Jahressalär soviel kriegt wie ein Investmentbanker in einer Woche, in einer miserablen Woche, ist ein Skandal. Jedem Fußballer werfen wir die Honorare hinterher, die wir unseren Präsidenten zahlen sollten. Wenn sie Tore schießen. Wer keine Klassengesellschaft will, keine Herrschaft der Betuchten, muss die Politiker vernünftig bezahlen. Wulff steht das Geld zu, weil wir ihn haben feuern dürfen. Wir sind als Volk großzügig in so kleinen Dingen.

Jetzt also wird uns vom politischen Pastor aus dem Katechismus vorgelesen. Und das Thema ist Freiheit, hören wir. Weil die Lebenserfahrung des Amtsinhabers von einer Diktatur geprägt ist. Das verdient Respekt. Es kann nicht leicht gewesen sein, eine Amtskirche unter den Bedingungen der SED-Herrschaft in der DDR über die Runden zu bringen. Davon wusste ja schon Manfred Stolte zu berichten, der in Brandenburg Ministerpräsident war, nach der Wende.

Die Irritation der Engländer über das Haus Hannover in Schloss Windsor wächst mir in diesen Tagen ans Herz. Mir ist nicht wohl bei diesen Herrschaften von den Kanzeln des Ostens. Pastoren, Pastorentöchter, Schwarzröcke, wohin man schaut. Ich fremdele, während der bibelfeste preußische Adler sich anschickt, seinen Jungen das freiheitliche Futter ins Maul zu hacken. Auf dem Gendarmenmarkt der Gauckschen Republik wird wieder der Katechismus aufgeschlagen und Mores gelehrt.

Fiebertraum, denk ich an Deutschland in der Nacht…Preußen ist mit der Wiedervereinigung wieder Preußen. Es ist zusammengewachsen, was vorher mal zusammen gehörte. Und wir sehen, dass es wirklich ein „melting pot“ wurde. Das meint das „wieder“ in der Wiedervereinigung: Die Befreiten aus dem Osten regieren nunmehr ihre Befreier im Westen. Halt: Die Bürgerrechtler des Ostens haben sich selbst befreit und ihren Unrechtsstaat zu Fall gebracht. Wer hat hier wen annektiert? Ein Verwirrspiel, nicht nur dem Fieberwahn geschuldet.

Jedenfalls ist in der Triade unseres Staates jetzt nur noch das Bundestagspräsidium an die sehr evangelische Frau Göring-Eckardt aus Thüringen zu übergeben (sie ist dort schon Vize), und das Bild ist rund. Drei Ossis an der Spitze des Staates. Drei Protestanten. Dem preußischen Adler, schon immer ein Doppelkopf, wächst ein dritter. Und alle drei Pastoren lesen uns aus dem Katechismus. Was war noch mal unser Einwand gegen den Gottesstaat?

Quelle: starke-meinungen.de