Logbuch

TOO MUCH INFORMATION (TMI).

Der Dichter steht, von der Taille an entblößt, mit den faltig gelben Hühnerbeinen der Greise in der Küche und kühlt sein Skrotum am Kühlschrank mit Eiswürfeln. Wer will das wissen?

Wir kennen nun, was nicht zu wissen, man eigentlich hoffen müsste. Wir wissen, wie ein alter Mann in Truro, Cornwall, UK, von seiner zwanzig Jahre jüngeren Ehefrau sexuell unterhalten wurde. Die Dame hat den Tod ihres berühmten Gatten genutzt, um die Welt mit einem Enthüllungswerk um eine weitere Peinlichkeit reicher zu machen. Man kann bei Suleika, so ihr Vornamen, banalste Details zu dem Ritual lesen, sexuellen Dingen an ungewöhnlichen Orten nachzugehen.

Entehrt wird der Schriftsteller JOHN LE CARRE, der aus einer peripheren Geheimdiensttätigkeit ein Romanwerk geschaffen hat, das den Nicht-Engländern als Ausdruck der englischen Seele galt. Ich selbst habe nachweisen können, dass mindestens eines der Werke von einem Ghostwriter verfasst wurde (nämlich Michael Jürgs); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Diskrete wurde von seiner nachgelassenen Konkubine post mortem zur Indiskretion; jetzt verstellt eine leichte sexuelle Devianz die literarische Verehrung. TMI.

Max Frisch wurde eine ähnliche Indiskretion von seinen Angehörigen vorgeworfen, als diese entdeckten, von dem Greis ungefragt und ungewollt schlicht abgekupfert worden zu sein. Man trägt sein Privates nicht zu Markte. Dies ist wirkliche Pornographie, eine nackte Seele, gegen die ein bloßer Hintern noch zurückhaltend wirkt. Das Bild der Hühnerbeine des Greisen kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.

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HOME OFFICE.

Dass der Buchhalter ein Stehpult in beheizten Räumen gestellt bekommt, eine Kantine und einen Betriebsrat, das ist nicht agil. Agil aber, dass muss man sein. Sonst verliert man das Recht auf weiße Sneaker.

Der Hinweis, man arbeite im HOME OFFICE, führt bei echten Engländern zu der irrtümlichen Annahme, dass man jetzt im Innenministerium tätig sei. Das nämlich bedeutet eigentlich Home Office. Man ist REMOTE unterwegs; wie bei der Fernbedienung namens „remote control“. Oder in Französisch „en route“, auf Achse. Eigentlich aber läuft die zeitgemäße Verständigung über Abkürzungen.

Was WTF bedeutet, dass kriegen wir später. WFH jedenfalls heißt: „working from home“, unser HOME OFFICE. Diese Büroflucht kann man vorsichtig erweitern, insbesondere bei milder Witterung: WFG. Aus dem Garten. Wer kühner drauf ist: WFA. Das meint „working from abroad“, sprich aus dem Ausland. Da kommt das Sommerhäuschen in Spanien zu neuer Ehre. Oder gar ein Kreuzfahrtschiff mit WiFi, das ist WLAN.

Wir dissoziieren Bürogemeinschaften zu Funktionsketten. Wir akzeptieren, dass Betriebskosten jetzt privat anfallen. Und wenn dann die Heizkosten für das Zuhause nicht mehr zu bezahlen sind, dann halt WFP, sprich „working from the pub“. Früher gab es auf Bahnhöfen sogenannte „Öffentliche Wärmehallen“; Nichtsesshaften wird das im Winter in den großen Städten auch geboten. So weit sind wir, denke ich, wir lassen uns im Namen der Agilität behandeln wie Penner. WTF.

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GRAVITAS.

Die Traumhochzeit des FDP-Granden auf Sylt war so makellos inszeniert, dass dagegen kein Kraut gewachsen schien. Ein deutscher Macron, der neue JFK. Jugend an die Macht. Hat aber nicht geklappt.

Wenn eine Wahl gelaufen ist, endet alles Wunschdenken. Dann ist es vorbei mit „hätte-hätte-Fahrradkette“. Mit dem parlamentarischen Ergebnis muss die künftige Regierung leben. Im Dschungel gibt es keinen Konjunktiv, hätte Kipling gesagt. Trotzdem nagt ein Konjunktiv an mir. Eigentlich hätte die FDP in Hannover im Landtag sein sollen und in einer linken Regierung des Rotgrünen das liberale Gegengewicht zu Spinnereien der Sozen und der Ökos bilden sollen. Eigentlich hätte man sich eine Ampel wünschen können. Warum nur schmiert die Truppe von Christian Lindner so ab? Nun, im Dschungel… das hatten wir schon. Das Schlüsselwort lautet „affektive Dissonanz“.

Ich kenne viele Zeitgenossen, die intellektuell ein liberales Gemüt auszeichnet, die aber mit der FDP nun stimmungsmässig gar nicht können. Sie räumen ein, dass die Freie Demokraten staatsbürgerlich von Bedeutung sein könnten, werden dann aber in ihrem Urteil bruchartig emotional: diese Bubis mögen sie nicht. Ich höre dann: „Dieser Buschmann vielleicht, aber Lindner geht gar nicht!“ Wenn überhaupt einem FDPler positiver Charakter zugebilligt wird, fallen die Namen von Altvorderen.

Sagen wir es offen: Den Bubis der Libertären fehlt es an charakterlichem Gewicht. Gebrüder Leichtfuß. Der Rhetoriker nennt, was hier so schmerzlich fehlt: GRAVITAS. Dieses Gelbe hat etwas flapsig Grelles, das die alten Menschen, die rot vertrauen, ebenso irritiert wie junge Menschen, die ihr Herz an Grünes hängen. Während der Zeitgeist neuerdings mal zu rotgrüner Musik, mal zu schwarzgrüner Weise tanzt, sitzt die FDP wie ein pickliger Teenager verloren neben der Tanzfläche und erscheint versetzt. Lieber nicht tanzen als falsch tanzen. Wie ein schwuler Pubertant in der Tanzschule der Heteros. Nicht bestellt und nicht abgeholt.

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Eine ungarische Schweinerei, die K-Frage, Bio-Diesel als Tierfutter sowie schließlich der Mensch überhaupt

Mit Ungarn sind die angenehmsten Bilder europäischer Kultur verbunden. Einem lebhafteren Österreich gleicht das herrliche Land. Man weiß hier Piroschka und Paprika, Gulasch und Galanterie zu Hause. Blickt man in der Hauptstadt von Pest über den Fluss nach Buda, zeigt sich ein Parlamentsgebäude ganz im Stil englischer Architektur. Big Ben an der Donau. Man glaubt, auf Westminster zu schauen, den Hort der parlamentarischen Demokratie an der Themse.

Aber das täuscht. Hinter den ungarischen Westminstermauern spukt es wie im Kreml. Die Puszta-Romantik wird neuerdings zerrissen durch eine politische Schweinerei. Ein neues Pressegesetz atmet den Geist autoritärer Ostblockregime. In Ungarn hat man wieder Wege in den Kommunismus gefunden; in Deutschland sucht  die schöne Vorsitzende der Linkspartei noch danach.

Man muss an der EU loben, dass es postwendend wütende Proteste gegen die Pest aus Buda gibt. Luxemburg wünscht nicht die Einführung weißrussischer Verhältnisse durch die ungarische Hintertür. Die ungarische Regierung hat ein ganz verständliches Verlangen, sie will nur noch hören und lesen, was sie hören und lesen will.

Mit der Regulierung der Presse durch einen parteipolitisch gesteuerten Watchdog wuchert aber ein Krebs, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens befallen wird. So steht der folkloristische Czardasfürst plötzlich in Europa als böser Big Brother da.

Womit wir bei George Orwell sind und seiner Vision vom unvermeidbaren Stalinismus („Animal Farm“) und dem totalitären Staat („1984“). Der kleine Gregor Gysi Ganzgroß weiß, dass wir das im Westen die K-Frage nennen. Und er ahnt, warum dieses Land keinen Weg in den Kommunismus sucht wie die Vorsitzende des SED-Epigonen namens Linkspartei. Orwell hatte in einem Vorwort zu seiner „Farm der Tiere“ Pressefreiheit mustergültig definiert. „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

Die Pressefreiheit ist ohne ideologische Auflagen zu gewähren und schlicht gar nicht zu regulieren, basta Puszta! Von Orwell gibt es die ultimative Beantwortung der K-Frage in seiner Bilanz des „Aufstands der Tiere“, zu beziehen auch für Plattenbauwohnungen und  in ungarisch.

In seiner „animal farm“ ersetzt ein Regime stalinistischer Schweine die Feudalherrschaft des Bauern. Der Stalinismus ist nicht ein Betriebsunfall des Kommunismus, sondern seine notwendige Folge. Man kriegt das eine nicht ohne das andere.  Der Aufstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung als Diktatur des Proletariats endet in einer neuen, nicht minder schrecklichen Diktatur.

Orwell rechnet schon sehr früh, just zum Beginn der Nachkriegsära, mit dem Kommunismus ab; so radikal, dass auch in England niemand seine „Farm der Tiere“ verlegen wollte –  weshalb seine wunderbare Definition der Pressefreiheit zunächst nur der Zensor zu lesen bekam.

Orwells Satire auf das Scheitern der Oktoberrevolution zeigt, wie sich der Satz „all animals are equal“ in sein Gegenteil wandelt: „but some are more equal than others.“ Die englische Zensur wollte 1945 den Alliierten, die siegreiche Sowjetunion, nicht als Schweinestaat bezeichnet wissen. Das wäre nach dem Erlebnis des Faschismus und den Opfern des russischen Volkes im Zweiten Weltkrieg unangemessen gewesen. Man fürchtete Heftigkeiten Stalins.

Man war da übervorsichtig, finde ich. Ich mag nämlich Schweine. Weil ich Schinken mag. Unser Verhältnis zu Haus- wie Nutztieren ist ein Spiegel unserer Weltsicht. In der Art, wie wir jene behandeln, die uns anvertraut sind, zeigen wir, wes Geistes Kind wir sind.

Über diesen Lehrsatz lachen nicht mal mehr die Hühner, jedenfalls nicht mehr, nachdem wir sie mit Dioxin aus der Bio-Dieselproduktion gefüttert haben. Soviel zu Bio. Ich werde das Zeug nicht tanken! Ich will anständigen Diesel aus echtem Erdöl, Punkt.

Nur die Schweine behandeln uns als gleichgestellt („ I am fond of pigs. Pigs treat us as equal“). Diese Weisheit deckt sich mit unserer Alltagserfahrung. Hunde sind treu und ergeben. Man könnte sie als die Deutschen unter den Tieren bezeichnen. Oder die männlichen Charaktere. Katzen sind unzweifelhaft Frauen. Das zeigen sie nicht nur in ihrer Grazie, sondern auch im stets überlegenen Kalkül. Dazu ist der Hund zu trottelig. Zu solchen Erfahrungen weiß jeder Stand-Up-Comedian Episoden und Witze beizutragen.

Aber wir reden hier nicht über „gender“, sprich Geschlechterrollen. Wir reden über das schlechte Image unserer Artgenossen, der Schweine. Obwohl wir bei einer hauchdünnen Scheibe Schinken die Augen vor Glück zu verdrehen wissen, verdrängen wir die Tatsache, dass es sich um einen Schweinehintern handelt, wenn auch um den eines mit Kastanien gefütterten Gevatters der suhlenden Gattung.

Ungeliebte Polizisten nennt man „pigs“. Und eine üble Sache eine Schweinerei. Zur Diskriminierung von Nationalcharakteren muss es herhalten: Was dem Araber das Pferd und dem Engländer der Hund, sagt man in England, sei dem Iren das Schwein. Oder die Ambivalenz in sexuellen Dingen darf die Rüsselnase benennen. Eine amerikanische Schauspielerin macht ihren Verehrer verächtlich, indem sie ihn als  „pig in a silk suit“ bezeichnet, das ihr Blumen sende. Man weiß nicht so recht, was sie stört, der tierische Sex oder der Seidenanzug.

Kurzum: Das Schwein hat ein Reputationsproblem.  Dieser Befund deckt sich mit einem Brecht-Wort: Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Schweine scheinen uns Sinnbild  unseres verachteten Selbst. Darüber lohnt nachzudenken.

Quelle: starke-meinungen.de