Logbuch
HEIMAT.
Heimatliebe, ein Wort mit einem schnöden Beigeschmack. Es scheint verbändelt mit Angst vor FREMDEN. Man kriegt Menschen leichterdings in die Fremde, aber nicht die Heimat aus ihrem Gemüt.
Gestern bemerke ich erstmals, nach Jahrzehnten, bei einem Kollegen, den ich sehr schätze, was einer der Gründe sein könnte. Es war mir nie klar, dass wir die gleiche HEIMAT haben. Das ist doch wirklich albern, dass ein solcher Zufall der Geographie eine Bedeutung haben soll. Zumal, wenn es gar keine besonders tolle Region ist, die hier verbindet. Und ich schon als Schüler wegzog.
Man versteht das mit der Heimat bei Menschen, die eine DIASPORA erleben mussten, also den angestammten Ort ihres GLAUBENS verlassen haben. Da wird Wehmut zu einem Grundmotiv des religiösen Empfindens.
Man versteht das bei Migranten, die aus ARMUT oder wegen VERFOLGUNG eine neue Heimat finden mussten. Ich empfinde großen Respekt vor den Tapferen. Da bleiben dann immer zwei Seelen in der Brust. Und natürlich eine unstillbare Sehnsucht nach der Mutterbrust.
Man versteht es vielleicht auch noch, wenn die Heimat ein toller Ort ungebrochener TRADITION war. Als Friese in Schwaben oder als Hanseat in Sachsen-Anhalt, das muss ja schmerzen. Aber mein Kollege, der kommt, erfahre ich erst jetzt, aus Bottrop. Bottrop, das ist an Beiläufigkeit nicht zu überbieten.
Du kriegst den Jungen aus dem Revier, aber nicht das Revier aus dem Jungen. Gilt auch für die Mädchen, schrieb neulich eine türkischstämmige Journalistin in Berlin, die in Duisburg in einer Zechensiedlung groß wurde. Der „rheinisch-westfälische Stadtbezirk“ darf von seinen Bewohnern, nur von diesen, der POTT genannt werden, sofern sie noch wissen, was der PÜTT ist. Aber es ist nicht mal ein homogener Menschenschlag. Hungerleider aus aller Herren Länder: Westfalen, Ostpreußen, Polen, Türken, ein erkalteter Schmelztiegel. Mit EMSCHERWASSER getauft.
Aber man erkennt sich am TON. Graf Koks von der Gasanstalt; Übertagebelegschaft auf Kokerei, Bergbeamte. Sprichwörtlich ist die vermeintliche Beleidigung in derber Sprache als initiales Signal der Wertschätzung. Beispiele verbieten sich hier, wo jeder mitliest.
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DAS GENIE DES OLAF SCHOLZ.
Der Erfolg der SPD hat einen Vater. Es ist das GENIE ihres Kanzlerkandidaten. Der Mann hat seine Lektion gelernt. Er widersteht jeder Versuchung zur Vielfalt. Das wirkt dann wie CHARAKTER. Und Charakter liebt der Wähler, schon bei Mutti wie jetzt bei Vati.
Es geht um das VERHETZUNGSPOTENTIAL von politischen Ideen. In der Politik ist man für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich. Ich kenne Olaf Scholz lange. Und habe ihm lange zugesehen, wie er Prügel einzustecken hatte. Prügel der Medien dafür, dass man in die Falle der Missverstehbarkeit tappt. Denn das ist der polemische Politisierungseffekt in der Debatte, jemanden so auf das Eis zuführen, dass der Esel sich dort die Beine bricht. Nur ein Esel geht deshalb auf das Eis.
Wirklich geprügelt wurde Olaf Scholz zur Zeit des großen Gerd Schröder dafür, dass er auf die immer gleichen Fragen die immer gleichen Antworten gegeben hat. Mit der immer gleichen Mine. Das brachte ihm den Schimpfnamen SCHOLZOMAT ein; man bezichtigte ihn, eine SPRECHPUPPE zu sein. Auch ich habe diesem Impuls nachgegeben. Das war nicht schlau. Ich möchte das einräumen. Denn Vielfalt tötet.
Der doppelte Fehler der VARIANZ. Zunächst mal überschätzt man damit das Publikum. Noch nie ist ein Zirkus Pleite gegangen, soll der große Barum gesagt haben, weil er das Niveau seines Publikums unterschätzte. Man darf nicht verwirren. Dann, zweiter Gedanke, liegt die Qualität einer MARKE in der Standardisierung. Auch eine politische Marke muss wiedererkennbar sein, sofort wiedererkannt werden. Das ist das Verbot der AMBIGUITÄT.
Ich lege mich fest: Das GENIE des Olaf Scholz ist das SEMPER IDEM jeder Markenkommunikation. Der lateinische Begriff meint: Immer das Gleiche. Das steht nicht nur auf der Underbergflasche, es ist der Wesenskern von CHARAKTER. Angela Merkel hat das sehr früh als Schutzhaltung gelernt; sie hat es sich dem Zynismus des lange verkannten Helmut Kohl abgeschaut. So schützte sich das Mädchen vor den Kerlen. In der Wissenschaft spricht man vom REKURRENZ-GEBOT. Das ist wie beim Pauken von schwierigem Lernstoff, nur die Wiederholung bringt es. „Mach’s noch einmal, Sam!“
Wie entsteht in der Musik ein GENIE? Durch endloses Üben, sprich Wiederholung. Ein Musikant spielt, was er kann; ein Musiker kann, was er spielt. So wird man Kanzler. Der Vorwurf der Langeweile, bezogen auf den Wahlkampf, ist ein Verdikt von Laien. Na klar. Unterhaltend ist Annalena, nicht Olaf. Also: Olaf hat keinen Husten, Olaf patzt nicht. Jedenfalls wenn er jetzt noch bis zur Wahl durchhält. Man will ihm geradezu zurufen: „semper idem!“
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DOOF WIE BROT.
Dass ein Lebenslauf geschönt ist, das kann einen PR-Manager nicht überraschen. Das ist ja sein Handwerk, aus Tand eine Torte zu formen, aus Krümeln einen Kuchen. Nie würde ein Profi das bestreiten.
Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Frau BÄRBOCK ist bei so einem „Pimp your CV“ („Möbel Deinen Lebenslauf auf!“) erwischt worden. Lässliche Sünde, Schnee von gestern. Wie aber verteidigt sie das heute? Dazu wusste die Sonntagszeitung nun wirklich Sensationelles zu berichten. Dort wird die PR-Truppe der „Kanzlerin in spe“ ausdrücklich erwähnt.
Man hat der Zeitung nämlich eine Liste gezeigt von biografischen Rühmlichkeiten, die BÄRBOCK auch noch im Lebenslauf hätte nennen können, aber es versäumt hatte. Sie hätte also noch mit ganz anderen Dingen prahlen können, als nur mit den geschummelten. Das ist das Argument. Man ist sprachlos. Aha. Was soll das jetzt beweisen?
Es soll beweisen, dass Frau BÄRBOCK nicht eitel ist, sondern nur schusselig war. Und ab und an mal schlampig zu sein, das ist ja kein Verbrechen. Stimmt. Der Artikel schildert sie überhaupt als SPIELERIN, die gerne fünf gerade sein lässt. Annalena zockt gern. Das wird dort politisch gelobt. Nur schlampig also. Will man eine Schlampe im Kanzleramt, fragt nun der Teufel. Diese Verteidigung ist so dumm, dass man Mitleid mit den Grünen zu spüren beginnt. TAND statt TORTE. Vom KUCHEN bleiben KRÜMEL.
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Eine ungarische Schweinerei, die K-Frage, Bio-Diesel als Tierfutter sowie schließlich der Mensch überhaupt
Mit Ungarn sind die angenehmsten Bilder europäischer Kultur verbunden. Einem lebhafteren Österreich gleicht das herrliche Land. Man weiß hier Piroschka und Paprika, Gulasch und Galanterie zu Hause. Blickt man in der Hauptstadt von Pest über den Fluss nach Buda, zeigt sich ein Parlamentsgebäude ganz im Stil englischer Architektur. Big Ben an der Donau. Man glaubt, auf Westminster zu schauen, den Hort der parlamentarischen Demokratie an der Themse.
Aber das täuscht. Hinter den ungarischen Westminstermauern spukt es wie im Kreml. Die Puszta-Romantik wird neuerdings zerrissen durch eine politische Schweinerei. Ein neues Pressegesetz atmet den Geist autoritärer Ostblockregime. In Ungarn hat man wieder Wege in den Kommunismus gefunden; in Deutschland sucht die schöne Vorsitzende der Linkspartei noch danach.
Man muss an der EU loben, dass es postwendend wütende Proteste gegen die Pest aus Buda gibt. Luxemburg wünscht nicht die Einführung weißrussischer Verhältnisse durch die ungarische Hintertür. Die ungarische Regierung hat ein ganz verständliches Verlangen, sie will nur noch hören und lesen, was sie hören und lesen will.
Mit der Regulierung der Presse durch einen parteipolitisch gesteuerten Watchdog wuchert aber ein Krebs, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens befallen wird. So steht der folkloristische Czardasfürst plötzlich in Europa als böser Big Brother da.
Womit wir bei George Orwell sind und seiner Vision vom unvermeidbaren Stalinismus („Animal Farm“) und dem totalitären Staat („1984“). Der kleine Gregor Gysi Ganzgroß weiß, dass wir das im Westen die K-Frage nennen. Und er ahnt, warum dieses Land keinen Weg in den Kommunismus sucht wie die Vorsitzende des SED-Epigonen namens Linkspartei. Orwell hatte in einem Vorwort zu seiner „Farm der Tiere“ Pressefreiheit mustergültig definiert. „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
Die Pressefreiheit ist ohne ideologische Auflagen zu gewähren und schlicht gar nicht zu regulieren, basta Puszta! Von Orwell gibt es die ultimative Beantwortung der K-Frage in seiner Bilanz des „Aufstands der Tiere“, zu beziehen auch für Plattenbauwohnungen und in ungarisch.
In seiner „animal farm“ ersetzt ein Regime stalinistischer Schweine die Feudalherrschaft des Bauern. Der Stalinismus ist nicht ein Betriebsunfall des Kommunismus, sondern seine notwendige Folge. Man kriegt das eine nicht ohne das andere. Der Aufstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung als Diktatur des Proletariats endet in einer neuen, nicht minder schrecklichen Diktatur.
Orwell rechnet schon sehr früh, just zum Beginn der Nachkriegsära, mit dem Kommunismus ab; so radikal, dass auch in England niemand seine „Farm der Tiere“ verlegen wollte – weshalb seine wunderbare Definition der Pressefreiheit zunächst nur der Zensor zu lesen bekam.
Orwells Satire auf das Scheitern der Oktoberrevolution zeigt, wie sich der Satz „all animals are equal“ in sein Gegenteil wandelt: „but some are more equal than others.“ Die englische Zensur wollte 1945 den Alliierten, die siegreiche Sowjetunion, nicht als Schweinestaat bezeichnet wissen. Das wäre nach dem Erlebnis des Faschismus und den Opfern des russischen Volkes im Zweiten Weltkrieg unangemessen gewesen. Man fürchtete Heftigkeiten Stalins.
Man war da übervorsichtig, finde ich. Ich mag nämlich Schweine. Weil ich Schinken mag. Unser Verhältnis zu Haus- wie Nutztieren ist ein Spiegel unserer Weltsicht. In der Art, wie wir jene behandeln, die uns anvertraut sind, zeigen wir, wes Geistes Kind wir sind.
Über diesen Lehrsatz lachen nicht mal mehr die Hühner, jedenfalls nicht mehr, nachdem wir sie mit Dioxin aus der Bio-Dieselproduktion gefüttert haben. Soviel zu Bio. Ich werde das Zeug nicht tanken! Ich will anständigen Diesel aus echtem Erdöl, Punkt.
Nur die Schweine behandeln uns als gleichgestellt („ I am fond of pigs. Pigs treat us as equal“). Diese Weisheit deckt sich mit unserer Alltagserfahrung. Hunde sind treu und ergeben. Man könnte sie als die Deutschen unter den Tieren bezeichnen. Oder die männlichen Charaktere. Katzen sind unzweifelhaft Frauen. Das zeigen sie nicht nur in ihrer Grazie, sondern auch im stets überlegenen Kalkül. Dazu ist der Hund zu trottelig. Zu solchen Erfahrungen weiß jeder Stand-Up-Comedian Episoden und Witze beizutragen.
Aber wir reden hier nicht über „gender“, sprich Geschlechterrollen. Wir reden über das schlechte Image unserer Artgenossen, der Schweine. Obwohl wir bei einer hauchdünnen Scheibe Schinken die Augen vor Glück zu verdrehen wissen, verdrängen wir die Tatsache, dass es sich um einen Schweinehintern handelt, wenn auch um den eines mit Kastanien gefütterten Gevatters der suhlenden Gattung.
Ungeliebte Polizisten nennt man „pigs“. Und eine üble Sache eine Schweinerei. Zur Diskriminierung von Nationalcharakteren muss es herhalten: Was dem Araber das Pferd und dem Engländer der Hund, sagt man in England, sei dem Iren das Schwein. Oder die Ambivalenz in sexuellen Dingen darf die Rüsselnase benennen. Eine amerikanische Schauspielerin macht ihren Verehrer verächtlich, indem sie ihn als „pig in a silk suit“ bezeichnet, das ihr Blumen sende. Man weiß nicht so recht, was sie stört, der tierische Sex oder der Seidenanzug.
Kurzum: Das Schwein hat ein Reputationsproblem. Dieser Befund deckt sich mit einem Brecht-Wort: Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Schweine scheinen uns Sinnbild unseres verachteten Selbst. Darüber lohnt nachzudenken.
Quelle: starke-meinungen.de