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GENERATION ZETT.

In den Gärten meiner Nachbarn stehen viele Kirschbäume, die jetzt mit knallroten Früchten die Vögel belohnen, wohl auch die Katz und den Marder; na und die dicke Kuchentante, die dazu den Biskuitteig und die obligatorische Sahne packt. Früher wurden die Weck-Gläser aus dem Keller geholt und in Kesseln eingekocht. Kenner waren Brenner.

Eine Nachbarin hat ein handgemaltes Schild an die Straße gestellt, dass dem Wanderer eine Gelegenheit deutet: „Kirschen zu überlassen!“ Das ist eine nette Geste für die Gäste und ob der Früchtefülle nur zu gut zu verstehen. Ich werde in der Schlange beim Bäcker (neuerdings mit „coffee to go“) Zeuge eines Gespräches zwischen zwei Angehörigen der GENERATION ZETT, genauer gesagt von zwei Gesprächen, die das Pärchen jeweils mit mir unbekannten Menschen am jeweiligen Handy führt. So ist das bei dieser Generation; man ist immer auf mindestens zwei Geräten online, in der Regel zwei pro Person. Weiße Knöpfe in den Ohren, Stimme zu laut und immer eine halbe Oktave zu hoch. Aufregung statt Erregung lautet die Losung der Twens.

Ich erspare hier mir die Wiedergabe der beiden simultanen Dialoge und nenne nur die beiden Themen, jedes für sich ein Skandalon. Von wegen „cherry to go“. Die Dinger hingen noch an Bäumen und zwar höher als man langen kann. Und sie enthalten Steine, die man nicht mitisst. Ja, jede einen. GENERATION ZETT an der Kirschenfront. Bleibt nur die Frage, woher ich das mit Katz und Marder weiß. Von der Losung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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DEM EINSTEIN SEIN.

Ein Branchengremium der PR-Wirtschaft hat einen Preis für „Wissenschaftskommunikation“ ausgerufen, den nun eine Fachjury aus PR-Leuten vergeben will. Auf Nachfrage erfahre ich, dass Wissenschaftler dem Gremium nicht angehören, aber „ausgewiesene Kommunikationsexpert:innen“. Wie zu fast allen Dingen meines Berufsstandes habe ich dazu zwei Meinungen.

Das ist ein gutes und wirklich wichtiges Thema. Ich gratuliere zum Vorhaben. Uns steckt noch die Anti-Seuchen-Politik in den Gliedern, die zu Covid-Zeiten ein staatliches Zwangsregime ohne gleichen walten ließ; mit einer eher kärglichen Rolle der Wissenschaft selbst. In der plötzlich allmächtigen Behörde regierte ein Tierarzt (sic) ohne große Fortune. Ich hätte, eingesperrt und in Angst um die Familie, aber schon gern gewusst, was Sache war. Stattdessen wurde ich mit Märchen um chinesische Fledermäuse abgespeist. Keine gute Wissenschaftskommunikation.

Zweite Meinung: so angelegt ist der Preis ein typischer Fall von KOMPETENZSIMULATION. Das ist die Niederung einer Branche, die die Gebrauchsanleitung („how to do“) für die intellektuell höchste Textform hält und daraus ihre expansive Expertise zieht. Es wird notorisch nicht nach wissenschaftlichen Urgründen gefragt, sondern nach allfälligen Alltagstauglichkeiten. Einstein ist dann ein Kaffeehaus und Quanten ungewaschene Füße. Den Johann Wolfgang kennen wir von „Fuck you Göte“. The Proof of the Pudding is in the Eating, wie schon Friedrich Engels sagte, der aus Engelskirchen im Oberbergischen; dem Kalle sein Bro.

Spaß muss sein. Kann man weniger polemisch sagen, wo die Fehlorientierung der KOMPETENZSIMULATION liegt? Ja, es ist die Illusion einer Pädagogik ohne Didaktik. Der Ersatz des Didaktischen durch Pädagogisches. Dabei ist die Didaktik der Master und das Pädagogische Slave. Haben wir das auch etwas woker? Eher nicht.

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RESPEKT.

Was mir alles durch den Kopf geht.

Ich bin, weiß Gott, kein Katholik, aber der neue Papst gefällt mir. Zunächst dachte ich, es liegt an seinen sprachlichen Fähigkeiten; er spricht für einen Ami ein ganz passables Englisch, hervorragend Italienisch und wohl auch Spanisch, allemal Latein. Es ist aber etwas anderes. Sein Lächeln deutet an, dass er Humor hat und den Menschen zugewandt ist. Meine eigene Religion ist bevölkert von Protestunten, die alles anstellen, solange es kein Gottesdienst ist. Ich habe den Respekt verloren.

Von Olaf Scholz, dem letzten Kanzler, höre ich, dass er als Pensionär ein Büro mit acht Mitarbeitern unterhalten wird, zum Teil in sehr noblen Besoldungsstufen. Natürlich auf unsere Kosten. Diese Unverschämtheit teilt er mit Angela Merkel, seiner Vorgängerin. Man bewegt sich jeweils in zwei Panzerlimousinen mit jeweils zwei Fahrern. Ein Standard, den man Gerd Schröder verweigert. Der Scholzomat hat aber nichts gebacken gekriegt und ein eigentlich gutes Projekt, die Ampel, vermasselt. Ich habe den Respekt verloren.

Gestern, obwohl ich die Roten immer meide, an einer Esso-Tanke den Wagen gewaschen. An der Halle steht noch immer „Tiger Wash“. Der Slogan „Put the tiger in your tank“ dürfte inzwischen 65 Jahre alt sein. Er versprach längere Laufleistung, höheres Drehmoment und bessere Laufruhe; alles gelogen. Die Tankstellen aller Marken werden rund um Raffineriestandorte oder Tanklager versorgt; überall die gleiche Suppe. Nur die Zapfgläser unterschiedlich eingefärbt. Man sollte sich auch von sogenannten Additiven nicht täuschen lassen. Werbung ist die Lizenz zur Lüge. Sozial tolerierte Täuschung. Gilt für Werbung wie für PR. Ich weiß, dass die Branche und ihre Hofschranzen in der Wissenschaft das anders angesehen haben wollen, aber da fehlt es mir an Respekt.

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Eine ungarische Schweinerei, die K-Frage, Bio-Diesel als Tierfutter sowie schließlich der Mensch überhaupt

Mit Ungarn sind die angenehmsten Bilder europäischer Kultur verbunden. Einem lebhafteren Österreich gleicht das herrliche Land. Man weiß hier Piroschka und Paprika, Gulasch und Galanterie zu Hause. Blickt man in der Hauptstadt von Pest über den Fluss nach Buda, zeigt sich ein Parlamentsgebäude ganz im Stil englischer Architektur. Big Ben an der Donau. Man glaubt, auf Westminster zu schauen, den Hort der parlamentarischen Demokratie an der Themse.

Aber das täuscht. Hinter den ungarischen Westminstermauern spukt es wie im Kreml. Die Puszta-Romantik wird neuerdings zerrissen durch eine politische Schweinerei. Ein neues Pressegesetz atmet den Geist autoritärer Ostblockregime. In Ungarn hat man wieder Wege in den Kommunismus gefunden; in Deutschland sucht  die schöne Vorsitzende der Linkspartei noch danach.

Man muss an der EU loben, dass es postwendend wütende Proteste gegen die Pest aus Buda gibt. Luxemburg wünscht nicht die Einführung weißrussischer Verhältnisse durch die ungarische Hintertür. Die ungarische Regierung hat ein ganz verständliches Verlangen, sie will nur noch hören und lesen, was sie hören und lesen will.

Mit der Regulierung der Presse durch einen parteipolitisch gesteuerten Watchdog wuchert aber ein Krebs, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens befallen wird. So steht der folkloristische Czardasfürst plötzlich in Europa als böser Big Brother da.

Womit wir bei George Orwell sind und seiner Vision vom unvermeidbaren Stalinismus („Animal Farm“) und dem totalitären Staat („1984“). Der kleine Gregor Gysi Ganzgroß weiß, dass wir das im Westen die K-Frage nennen. Und er ahnt, warum dieses Land keinen Weg in den Kommunismus sucht wie die Vorsitzende des SED-Epigonen namens Linkspartei. Orwell hatte in einem Vorwort zu seiner „Farm der Tiere“ Pressefreiheit mustergültig definiert. „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

Die Pressefreiheit ist ohne ideologische Auflagen zu gewähren und schlicht gar nicht zu regulieren, basta Puszta! Von Orwell gibt es die ultimative Beantwortung der K-Frage in seiner Bilanz des „Aufstands der Tiere“, zu beziehen auch für Plattenbauwohnungen und  in ungarisch.

In seiner „animal farm“ ersetzt ein Regime stalinistischer Schweine die Feudalherrschaft des Bauern. Der Stalinismus ist nicht ein Betriebsunfall des Kommunismus, sondern seine notwendige Folge. Man kriegt das eine nicht ohne das andere.  Der Aufstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung als Diktatur des Proletariats endet in einer neuen, nicht minder schrecklichen Diktatur.

Orwell rechnet schon sehr früh, just zum Beginn der Nachkriegsära, mit dem Kommunismus ab; so radikal, dass auch in England niemand seine „Farm der Tiere“ verlegen wollte –  weshalb seine wunderbare Definition der Pressefreiheit zunächst nur der Zensor zu lesen bekam.

Orwells Satire auf das Scheitern der Oktoberrevolution zeigt, wie sich der Satz „all animals are equal“ in sein Gegenteil wandelt: „but some are more equal than others.“ Die englische Zensur wollte 1945 den Alliierten, die siegreiche Sowjetunion, nicht als Schweinestaat bezeichnet wissen. Das wäre nach dem Erlebnis des Faschismus und den Opfern des russischen Volkes im Zweiten Weltkrieg unangemessen gewesen. Man fürchtete Heftigkeiten Stalins.

Man war da übervorsichtig, finde ich. Ich mag nämlich Schweine. Weil ich Schinken mag. Unser Verhältnis zu Haus- wie Nutztieren ist ein Spiegel unserer Weltsicht. In der Art, wie wir jene behandeln, die uns anvertraut sind, zeigen wir, wes Geistes Kind wir sind.

Über diesen Lehrsatz lachen nicht mal mehr die Hühner, jedenfalls nicht mehr, nachdem wir sie mit Dioxin aus der Bio-Dieselproduktion gefüttert haben. Soviel zu Bio. Ich werde das Zeug nicht tanken! Ich will anständigen Diesel aus echtem Erdöl, Punkt.

Nur die Schweine behandeln uns als gleichgestellt („ I am fond of pigs. Pigs treat us as equal“). Diese Weisheit deckt sich mit unserer Alltagserfahrung. Hunde sind treu und ergeben. Man könnte sie als die Deutschen unter den Tieren bezeichnen. Oder die männlichen Charaktere. Katzen sind unzweifelhaft Frauen. Das zeigen sie nicht nur in ihrer Grazie, sondern auch im stets überlegenen Kalkül. Dazu ist der Hund zu trottelig. Zu solchen Erfahrungen weiß jeder Stand-Up-Comedian Episoden und Witze beizutragen.

Aber wir reden hier nicht über „gender“, sprich Geschlechterrollen. Wir reden über das schlechte Image unserer Artgenossen, der Schweine. Obwohl wir bei einer hauchdünnen Scheibe Schinken die Augen vor Glück zu verdrehen wissen, verdrängen wir die Tatsache, dass es sich um einen Schweinehintern handelt, wenn auch um den eines mit Kastanien gefütterten Gevatters der suhlenden Gattung.

Ungeliebte Polizisten nennt man „pigs“. Und eine üble Sache eine Schweinerei. Zur Diskriminierung von Nationalcharakteren muss es herhalten: Was dem Araber das Pferd und dem Engländer der Hund, sagt man in England, sei dem Iren das Schwein. Oder die Ambivalenz in sexuellen Dingen darf die Rüsselnase benennen. Eine amerikanische Schauspielerin macht ihren Verehrer verächtlich, indem sie ihn als  „pig in a silk suit“ bezeichnet, das ihr Blumen sende. Man weiß nicht so recht, was sie stört, der tierische Sex oder der Seidenanzug.

Kurzum: Das Schwein hat ein Reputationsproblem.  Dieser Befund deckt sich mit einem Brecht-Wort: Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Schweine scheinen uns Sinnbild  unseres verachteten Selbst. Darüber lohnt nachzudenken.

Quelle: starke-meinungen.de