Logbuch

REMIGRATION.

Am Herbsthimmel sehe ich die ersten Schwärme von Zugvögeln auf ihrem Weg nach Afrika, den erkaltenden Gefilden entfliehend. Es ereilt sie die Zugunruhe, die angeboren, da nahrhafte Insekten winters hier selten. Man hängt das Herz an ihre Rückkehr.

Wer das für ein politisches Exempel hält, hat schon als Vogelkundler versagt; als Bürger sowieso. Denn der Piepmatz geht nicht ins Exil, wenn er vor der kargen Zeit flieht; er geht nach Hause. Die eigentliche Leistung der Evolution besteht nämlich in der Besiedlung des unwirtlichen Nordens, jedenfalls für die Sommermonate. Wer es hier ausgehalten hatte, durfte zur Erholung zurück.

Das Paradies ist keine deutsche Gegend. Wir hier waren die Barbaren, denen die Südländer die Kultur brachten; nicht umgekehrt. Das gilt in jüngerer Vergangenheit (für die Römer und den Limes) und für die fernere, da der Homo Sapiens aus Afrika einwanderte und den Neandertaler kultivierte.

Als regressiv gilt die Wandlung der Zugvögel zu Standvögeln, die bleiben, weil ihnen die großen Städte durchgängig Nahrung bieten. Oder Müllkippen auf halbem Weg. Keine kulinarische Errungenschaft; sie teilen sich diesen winterlichen Speisezettel mit den Ratten.

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n —
Wohl dem‚ der jetzt noch — Heimat hat!

Nun stehst du starr‚
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt — entflohn?

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DREI, VIER WICHTIGE NAMEN.

Man weiß wenig von Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi, dem persischen Mathematiker des 19. Jahrhunderts, außer dass er algebraische Gleichungen so vorbildlich zu lösen wusste, dass durch die lateinische Fassung seines Namens der Begriff ALGORITHMUS entstand. Heute ist das Wort in aller Munde; was nicht heißt, dass die Schlaumeier auch wissen, wovon sie reden. Es handelt sich um die Selbststeuerungsanweisung für kybernetische Maschinen, die in großem Stil Informationen verarbeiten. Hegemonie-Monster.

Es begann wahrnehmbar mit der Unart des Einzelhändlers Amazon, uns als seine Kunden darüber zu belehren, was andere Kunden, die das, was wir bestellt haben, auch noch bestellt hatten, also einer personalisierten Empfehlungsmaschine für nunmehr gläserne Kunden. Mittlerweile führt das Regime der Algorithmen dazu, dass ein und dieselbe Plattform eine konservativ gesinnte Nutzergruppe („Blase“) rechts einstimmt und eine liberal gestimmte links, weil sie deren Verhalten der Vergangenheit verarbeitet und zur Ausweitung der Nutzungszeiten verwertet.

Die Plattform X bildet regelrechte „mobs“ und Facebook „cults“; Mobbing und Subkulturen formen großes Geschäft. Und politischer Missbrauch liegt nah. Da taucht ein zweiter großer Name auf: Marshall McLuhan, ein kanadischer Publizist, der den Beginn der Massenkommunikation mit dem Satz zusammenfasste: „The medium is the message.“ Gilt in digitalem Zeitalter für den Algorithmus, der die bevorzugte Verbreitung steuert. Algorithm is the message.

Dritter großer Name: Edward Bernays, der 1928 seine Begründung der Public Relations unter dem Titel PROPAGANDA vorlegt (deutsche Ausgabe mit Nachwort von mir bei Amazon). Der Neffe Sigmund Freuds preist die „invisible rulers“ als „hidden persuaders“. Damit steht das Paradigma der aktuellen Kritik am Unvermeidlichen, der Herrschaft der Herren des Algorithmus. Und darum geht es tatsächlich, um Vor-Macht. Hegemonie.

Insider story: Als sich die „posts“ von dem Plattformbesitzer Musk nicht mehr automatisch (!) durchsetzten, bekamen sie einen Präferenz-Code. Er lautete naiv wie fundamental: „author_is_elon“. Damit stand der „post“ immer oben. Das gefällt mir. Es gefällt mir sogar sehr: Autor_ist_Klaus.

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TOD IN LEVERKUSEN.

Ein Freund berichtet mir, dass er in Zürich an der ETH eine Dauerausstellung mit dem Arbeitszimmer des Thomas Mann besucht habe. Ich weiß gar nicht, wie diese Gegenstände an die Eidgenössische Technische Hochschule kommen, eigentlich nämlich eine Fachhochschule für Ingenieure. Jedenfalls klingen mir noch die Klagen seiner Kinder in den Ohren, die das Allerheiligste des Vaters nicht zu betreten hatten, das er nur zu den Mahlzeiten verließ, die die kinderreiche Familie schweigend einnahm.

Thomas Mann lebte unter auskömmlichen Bedingungen, weil er schon als Knabe den Friedensnobelpreis erhalten hatte für eine Familiengeschichte von Kieler Kaufleuten. Der eigentliche Sehnsuchtsort der Manns war aber Leverkusen, wo der Lieblingssohn von Thomas und Katja Mann beerdigt ist, der Historiker Gelus Mann; bekannt durch den Ruf an die Frankfurter Schule, die ihm Theodor Wiesengrund und Maxi Horkheimer und deren Ziehsohn Jürgen Habermas erteilt hatten.

Das Familiäre war bei Manns durch eine rücksichtslos vagabundierende Homo-Erotik gekennzeichnet und exzessives Tagebuchschreiben, auch zu banalsten Details. Der Tod in Leverkusen des Tonio Krüger und seiner Gebrüder wurde später vom WDR verfilmt. Dank an die KI für die kenntnisreiche Ausarbeitung.

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Neujahrswunsch: endlich einen Minister für gesunden Menschenverstand

Dies ist eine Jahrhundertidee, aber leider nicht von mir. Über die Feiertage habe ich einen wahren Berg an ungelesener Post und alten Zeitungen abgearbeitet. Darunter eine saustarke Meinung von Jeremy Clarkson. Die könnte man ohne weiteres klauen. Wer liest hierzulande schon englische Zeitungen?

Clarkson fordert einen „minister for common sense“, der als Sachwalter einer Alltagsklugheit jedweden Blödsinn untersagt.  Das finde ich fabelhaft, ohnehin ist dieser englische Journalist  mein großes Vorbild. Ich bewundere ihn, obwohl er mich mehrfach „the dodgy hun“ genannt hat, was soviel heißt wie der verrückte Deutsche („hun“ von Hunne) oder „nazi prat“. Ihm behagen meine preußischen Manieren nicht. Da kommen dann die historischen Vergleiche unsäglicher Art. Engländer dürfen das, weil sie den Krieg gewonnen haben. Weltberühmt haben Clarkson seine Eskapaden als Motorjournalist gemacht. Die BBC-Sendung „Top Gear“ gehört zum Abgedrehtesten, was der Journalismus zu bieten hat. Aber richtig gut ist er in seinen Meinungs-Kolumnen in der „Sunday Times“, in denen er sich als bürgerlicher Anarchist um politisch Unkorrektes bemüht. Im Gegensatz zu Henryk M. Broder oder anderen Rollenkaspern ist Clarkson völlig unberechenbar. Er schreibt die Wahrheit auch dann, wenn sie nicht absurd ist; das ist sehr selten bei Satirikern.

Und so fällt ihm zu WikiLeaks nur der Verweis auf den gesunden Menschenverstand ein, nach dem beim Zusammenbruch aller Geheimnisse und jedweder Privatheit ein gesellschaftliches Leben nicht mehr möglich ist. Ein starkes Argument: Wenn WikiLeaks Schule macht, ist keine Politik mehr möglich, auch keine Friedenspolitik. Blamiert und ausspioniert werden die Mächte wieder die Waffen sprechen lassen. Das kann niemand, der bei Verstand ist, wollen. Ein Minister für gesunden Menschenverstand würde einschreiten.

Bevor wir uns für Angela Merkel den Kopf zerbrechen, wer als Minister für den Common Sense in das Bundeskabinett einziehen sollte, muss man sich erst mal mit sehr deutschen Problemen beschäftigen. Das fängt schon bei der Sprache an. „Common Sense“, das klingt gut, wie „Commonwealth“, aber im Deutschen ist der Menschenverstand nicht nur ein „allgemeiner“, sondern sofort „gesund“, was den Schluss nahelegt, dass es auch „kranken“ Menschenverstand gebe.

Und Krankheiten gilt es auszumerzen. Da aktiviert sich ein gesundes Volksempfinden. In einem Land, in dem es mal ein „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ gab, ist Sorglosigkeit bei solchen Begriffen fehl am Platze. Das Problem mit Ressentiments in der Politik ist ja, dass sie nach geeigneter Propaganda beinahe jedermann teilt.

Die Lösung liegt in einem anderen Amt: Der Bundespräsident sollte das doch können. Christian Wulff als Prinzip der Vernunft? Wenn es dazu nur einen Funken der Hoffnung gäbe. Seine Weihnachtsansprache war von der philosophischen Brillianz eines Glückskekses: Wir sollen Respekt haben und hilfsbereit sein, sagt er, und zwar im Stehen.

Und das preist die Republik als eigentliche Innovation: Wulff hat es im Stehen gemacht. Hurra. Natürlich geht es auch anders. Man muss Elisabeth II, die englischen Kollegin von Wulff, in ihrer Weihnachtsansprache zur „King-James-Bible“ (das ist die Luthersche Großtat für England) gehört haben: zwischen Bildung und Klasse auf der einen Seite und Gefälligkeit und  Gemeinplatz auf der anderen liegt mehr als nur der Ärmelkanal.

Grinsende Gemeinplätze sind aber etwas anderes als die solide Skepsis des Bodenständigen. Der Lübke-Epigone Wulff als Höhe der praktischen Vernunft: echt jetzt? Nein, machen wir uns das klar, der Ort des gesunden Menschenverstandes ist nicht die Politik.

Stimme verleihen kann dem gesunden Menschenverstand nur eine freie und selbstbewusste Presse. Wenn sie es denn täte. Meine Zweifel wachsen mit jedem Blatt, das ich in die Hand nehme. Mit diesem Neujahrswunsch wird es werden, wie mit meinen anderen beiden; dass ich nie mehr über’s Maß trinke und zehn Kilo abnehme. Sie werden den Dreikönigstag nicht überleben.

Ich weiß gar nicht, warum ich immer wieder auf die starken Meinungen von Clarkson anspringe. Sicher war sein Vorschlag nur die bittere Ironie eines Gentleman, jener schwarze Humor, auf den Preußen wie die Trottel reinfallen?

Die Ideen der Engländer sind einfach nicht mehr, was sie mal waren. Erinnert mich an Monty Python: die legendäre Satirikertruppe hatte das „Ministerium für alberne Gangarten“ erfunden. The Minister of funny walks parodierte den preußischen Stechschritt. Wehe dem, der die Ironie-Signale nicht sieht. Reden wir, so hieß das in Preußen, über’s Räsonnieren: Der Menschenverstand ist vielleicht am Ende nur gesund, wenn er der Macht misstraut. Deshalb bekleidet er keine Ministerämter, er tobt am Stammtisch, in der Kaffee-Ecke vom Büro, auf den Marktplätzen, in den Blogs, und gelegentlich erreicht er auch mal einen Leitartikel der Tagespresse. Selten genug.

Quelle: starke-meinungen.de