Logbuch

FERIENBEGINN.

Ich hätte gern ganzjährig August. Das ist doch kein verwegener Traum. Damit wäre man im Streben nach Glück („the pursuit of happiness“) schon ein ganzes Stück weiter. Weil die anderen Leute sich dafür verpissen und hier nicht mehr im Wege stehen. Da bin ich wie der Philosoph Diogenes, dem man nicht den Sonnenschein nehmen soll. Geht mir aus der Sonne!

Es beginnt nun ja die wahrlich seltsamste Jahreszeit. Die Kinder müssen nicht mehr in die Schule; für die Pauker beginnt die „unterrichtsfreie Zeit“ (nach all den Klassenfahrten gegönnt), die Professoren schlafen durch. Der Beamte bettet sich um. Den hartarbeitenden Menschen ist natürlich von Herzen gegönnt, dass die Fabrikglocke mal verstummt. Jene beförderten Werktätigen, die noch nicht vom Amt leben, sondern Home-Office machen, dürfen jetzt auch offiziell den Herrgott einen lieben Mann sein lassen. Die Republik wechselt geschlossen in den Gammelmodus. Man legt kurze Hosen an.

Wesentliche Teile der Leute wollen nun partout verreisen; erst das bringt die wirkliche Erleichterung. Die Leute folgen einem Lockruf in ferne Paradiese. Für viele Migranten die schwierige Zeit, in der sie die Orte ihres Heimwehs aufsuchen, dabei aber in der Gewissheit bestärkt werden, den Ruhestand hier nicht verbringen zu wollen. Andere pflegen einen Exotismus des Ortes, sagen wir in Ägypten oder auf Mali, bei tiefster Normalität des Lebens: fressen, saufen, ficken, am Pool liegen. Meist ohne die behaupteten Eskapaden. Der Plebs sucht die Lager auf, Ferienlager.

Nun gut, ich räume es ein: Wir fahren nicht weg. Nicht weil es am Geld mangelte, es fehlt uns an Fantasie und Gestaltungskraft. Zu lange haben wir uns in Edelhotels großer Metropolen interniert und den Bustouristen bei der Vulgarisierung edler Stätte zugesehen. Was soll ich da? Von den Weltreisenden in den Viehtrieben der Jets auf andere Hälften des Globus ganz zu schweigen. Man wird mich nicht in kurzen Hosen auf Bali sehen. Oder sonst wo.

Jetzt, da die Städte leer und das Landleben ruhig, da genießen wir die Heimat, wie sie sein könnte, wenn nicht überall so viele Leute wären. Der Mensch ist gut, die Leute sind ein Dreck. Und im August weg.

Logbuch

DICHTER UND DENKER.

Ich lese gerade die Berlin-Romane eines Gegenwartsdichters, der mit erstaunlicher Wortgewalt auf Dinge anzuspielen weiß, die die Zeitgenossen noch deutlich in Erinnerung haben. Große Sprache, eine Bereicherung zu lesen; und oben drauf die Freude des Wiedererkennens von Zeitgenössischem. Etwa wie er Jens Spahn als Gesundheitsminister verarscht. Was aber ist mit dieser Literatur, wenn künftige Generationen sie in Händen halten, denen diese Erinnerung bereits fehlt? Es ist ja sicher, dass der klebrige Spahn schlicht vergessen wird.

Gestern ein Erlebnis bei Fabrizio, meinem Italiener (Rigatoni mit Speck und Dicken Bohnen, Kalbsleber hauchdünn mit Kartoffelstampf, Cassata in Schnaps). Es stellt sich mir ein Herr vor, den ich als frühen Leser dieses Logbuchs sehr schätze, aber real noch nie getroffen hatte. Mein Leser, die Zweite. Das ist der Lange von der Welle (meint Deutsche Welle). Es gibt hier aber auch den Kurzen von der Welle, den sie auch Dreggers Dreckschleuder nennen. Der Riese ein Mann von Bildung und liberalem Format. Der Giftzwerg ein unangenehmer Rechthaber der klassischen Rechten. Unterschiedlicher können Journalisten nicht sein. Im San Giorgio in der Mommsen dürfen alle sein. Der Lange ist mir lieber.

Spaß an diesen Worten kann man eigentlich nur haben, wenn man noch weiß, wer Dr. Alfred Dregger war, der schon AfD konnte, als diese noch in der hessischen CDU schlummerte. Wem das fehlt, dem fehlt halt was. Oder dieser Art von anspielender Literatur. Sie hat etwas von der Vergänglichkeit des Kabaretts. Große Literatur braucht ihrem Wesen nach mehr als die Anspielung auf den Moment. Jetzt fällt mir ein, der Pimpf war Intendant bei der Welle, der Titan Chefredakteur, sicher zu unterschiedlichen Zeiten. Die angeberische Dreckschleuder hatte das nämlich an seiner Berliner Klingel stehen: „Intendant“. Seine Spesen zahlte damals ein Stadtwerk. Aber wen interessiert das heute noch?

Wem große Literatur nicht gegeben, der muss sich auf das Tagebuchschreiben bescheiden. Logbuch ist vielleicht auch eine Lösung.

Logbuch

DER LESER.

Der alte Kant galt als sittenstreng, aber nicht obrigkeitshörig. Der Wahrheit wollte er ohne Einschränkung ergeben sein; seinem Fürsten zu folgen, war ihm nicht so gegeben. Es gab in seinem Leben zwei Autoritäten eigener Natur. Sein Privatleben lag in den Händen seines Dieners, der ihn vom Ankleiden über das ausgiebige Gastmahl zu Mittag bis zum Zubettgehen zu begleiten wusste; seinen Tod wusste der alte Kant nicht zu verwinden.

In Fragen der Wahrheit war er einem fiktiven und doch faktischen Wesen verpflichtet, seinem Leser. Das Publikum seiner Zeit wusste sein Verleger aus Riga auf der Leipziger Buchmesse und anderen zu versorgen. Hier war Kant entschieden. Ein Prediger, befand er, könne ruhig nach dem Katechismus seiner Gemeinde reden und den Glaubensfragen die jeweils gewünschten Antworten geben. Dem Gläubigen gewähre man seinen Glauben.

Ganz anders, was unter die Augen des Lesers trete; das habe vor strengstem Urteil zu bestehen. Dieser Leser ist jener Gründungsmythos von Öffentlichkeit als Aufklärung. Warum sage ich das? Gestern hat mein Logbuch ein Schulfreund gelesen und geliked, den ich mehr als 50 Jahre nicht gesehen habe. Stand früher deutlich links von mir; auch wenn das heute wundern mag, das ging. Eigentlich schlummerte in ihm ein Anarchist. Keine Namen.

Aber einen herzlichen Gruß an meinen alten Jugend-Kumpel Winnie! Freut mich, dass Du mich liest und mir zu allem Überfluss nach einem halben Jahrhundert auch noch Recht gibst. Möge es Dir gutgehen! Es lebe mein Leser!

Logbuch

Plädoyer für eine gottlose Politik

Ich habe eine Nacht mit George W. Bush verbracht, dem Erfinder des Krieges gegen den Terror, und es war ein Alptraum. Aber dazu später. Beginnen wir mit etwas Weihnachtlichem. „Frieden“, säuselt der Weihnachtsengel allenthalben, „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Wir gehen in die besinnlichere Jahreszeit, in der das Christentum die Geburt des Heilands feiert und sich die Familien um den Weihnachtsbaum versammeln, um sich beschenkt und erleuchtet als gesegnete Gemeinschaft zu erleben. Das christliche Abendland feiert sich selbst. Die Leitkultur hat auf allen Plätzen Hüttendörfer errichtet, in denen Glühwein ausgeschenkt wird, vorzugsweise mit Schuss. Dazu gibt es Bratfisch und Zuckerwatte. Hosianna. Politik hat Pause, auch die große. Und so beschränkte sich meine Nacht mit George W. auf die Lektüre eines fünfhundertseitigen Werkes mit dem markanten Titel „Decision Points“. Das Werk ist (angeblich) von ihm selbst, jedenfalls ist es über ihn selbst. Der ehemalige amerikanische Präsident gliedert seine Autobiographie staatsmännisch in die historischen Entscheidungspunkte, die er zu treffen hatte. Es gehört zur Eigenart all dieser Lebenserinnerungen der Mächtigen, dass sie im Nachhinein nach Rechtfertigung suchen, die meist zur Verklärung gerät.

Mitte Januar wird der deutsche Industrieführer Heinrich von Pierer, einst Mister Siemens und beinahe Bundespräsident, jedenfalls Berater der Kanzlerin, seine Erinnerungen vorlegen. Der Titel lautet „Gipfelstürmer“ und es ist zu befürchten, dass er damit sich selbst meint.

Wir werden aller Voraussicht nach Gelegenheit haben zu lernen, warum es in einer der größten industriellen Korruptionsaffären gar nicht um Schmiergelder gegangen sei, der Chef selbst jedenfalls nichts davon gewusst habe. Ein Nachrichtenmagazin soll dazu noch ein Foto bereithalten, das vermeintlich eine einschlägige Scheckübergabe durch den Gipfelstürmer zeigen soll, also einen fehlleitenden Eindruck liefert.

Es wird viel zu erklären geben. So auch bei der Weltmacht, die sich entschloss, einen Angriffskrieg zu führen, die Genfer Konvention außer Kraft zu setzen und so Folter zu einem legitimen Mittel gegen den Terror zu machen. Folge: So gab man auf eine geradezu tragische Weise den eigenen Feinden nachträglich Recht, jedenfalls eine Legitimation für deren Propaganda im feindlichen Lager.

Miterleben musste ich eine Orgie des evangelikalen Christentums, das von einer Profanität ist, dass man selbst als Protestant plötzlich wieder den Katholizismus schätzen lernt. „Nearer My God to Thee“, das ist der Gospel des rückblickenden George W. Bush. Wir werden Zeuge eines initialen Bekehrungserlebnisses (Saulus zu Paulus), als der Trinker sich fragt: „Could I continue to grow closer to the Almighty, or was alcohol becoming my god?“

Nun, er hat die Frage anders entschieden als Gerhard Schröder. Leider. Die Vervollkommnung nach der Bekehrung leistet der amerikanische Massenprediger Billy Graham, der die Familie Bush zu Hause besucht und dabei ausführt, dass es nicht die Taten eines Menschen sind, die ihn gottgefällig machen. Man kann die Christenmenschen, so lehrt der Evangelikale, nicht an ihren Früchten erkennen, sondern nur an ihren guten Vorsätzen. Der Glaube allein entscheidet.

Das ist auch aus europäischer Sicht keine Irrlehre. Der deutsche Titan Martin Luther ist mit dem Slogan „sola gratia“ („allein aus Gnade“, nicht wegen guter Taten oder strammer Ablasszahlungen kommen wir in den Himmel) groß geworden und der Schweizer Calvin hat weiteres dazugetan, damit sich die Erwählten auch sicher als erwählt fühlen können. Erlösung ist das Thema des George W. Bush, Erlösung durch Gebete und die Lektüre der Schrift (auch hier profanisierter Luther: „sola scriptura“).

Die Gebete können am Telefon mit obskuren Fernsehpredigern stattfinden, und die Bibellektüre ist natürlich keine theologisch kundige Exegese, sondern das laienhafte Aufschnappen vermeintlicher Sinnsprüche. Näher, mein Gott, bei Dir. Hier entspringt das politische Charisma. Charisma macht blind für die Wirklichkeit, Charisma ist ein mentaler Führerbunker.

Anlässlich des ersten Börsencrashs war Bush frei von Selbstzweifeln, dass er das auch fachlich überschaut,  weil der Herr niemandem eine Last auf die Schulter legt, die dieser nicht tragen kann. Das gilt natürlich auch für den Irak-Krieg. Kleinigkeiten wie die Frage, wo denn eigentlich die Massenvernichtungswaffen sind, die diesen Angriffskrieg rechtfertigen sollten, berühren Bush nicht. Der Herr hatte ihm aufgetragen, die Bösen zur Strecke zu bringen. „Oh Lord, let thy light shine through me!“ Und deshalb war der Mann, der sein Land und damit die westliche Welt in die Niederungen eines  entmoralisierten Imperialismus geführt hat, nie im Zweifel.

“Dead certain” nennt das der New Yorker. Und wie klingt das, wenn das Licht des Allmächtigen durch einen Erlösten hindurch scheint? Es klingt nicht sehr sakral. Ich zitiere die Reaktion nach den Anschlägen vom 11. September in seinen Worten: „I called Condi from the secure phone in the limo. My blood was boiling. This was a declaration of war. We were going to find out who did this, and kick their ass.” Nun, in den Arsch getreten hat dieser Mann den Kern westlicher Leitkultur: Religion hat im Staat nichts zu suchen. Ob man das Laizismus nennt oder Säkularisierung oder einfach nur moderne Staatsverfassung: Der islamische Gottesstaat ist in sich ein Unding wie die das evangelikale Reich des Guten.

Religion ist eine persönliche und eine private Sache, mit dieser Erkenntnis beginnt die Aufklärung. Religion rechtfertigt in öffentlichen Dingen nichts. Vor allem aber: Politik ist an ihren Folgen zu messen, nicht an ihren Vorsätzen.

Quelle: starke-meinungen.de