Logbuch
LEBENSWELTEN.
Messebesuch auf der INTERSOLAR in München-Riem, wo früher der Flughafen war. Die Hallen rammelvoll mit Besuchern aus allen Ländern, vor allem aber Asiens, junge Leute, vorwiegend männlichen Geschlechts. Die Aussteller durchgehend mittelständischen Zuschnitts. Messestände ausnahmslos so groß wie Pommesbuden.
Ein Gewerbe bildet sich rund um die Photovoltaik, man spricht nur noch von PV; die Kleinteiligkeit überrascht mich. Gewusel. Hersteller mit einem Produkt. Industrie ging früher anders. Darunter fast verloren die große Siemens, übrigens mit dem Vortrag eines deutschen Diplom Ingenieurs in katastrophal radebrechendem Englisch. Deutscher Veränderungsverlierer. Typischer die jungen Männer Asiens, leger gekleidet, in hektischer Ambition. Wer noch die Hannoveraner Industriemesse kannte, sieht wie das ganze Milieu in die Horizontale verrutscht ist.
Ich habe das Gefühl einer Marginalisierung deutscher Industrie, was technikhistorisch ganz sachlich zutrifft und nur zeigt, dass wir nicht mehr Zentrum der Industrialisierung sind. Ohne jedes nationale Sentiment ist das so. Übernachtung dann in der Nähe von Ingolstadt in einem Landgasthaus aus dem 17. Jahrhundert. Die Taferngerechtigkeit wurde, so eine Urkunde, 1624 bestätigt, was das Brau- und Brennrecht an die Taverne (Tafern) band, also unabhängig von der feudalen Herrschaft machte. Bauern wurden Bürger und lösten den Adel ab.
Klosternaher Betrieb. Die Ruhe des Landlebens längst der Donau beeindruckt. Aber da war doch was. Irgendwo hier hatte die ESSO eine stattliche Raffinerie. Ganz in der Nähe fertigt AUDI. Und das Laufwasserkraftwerk, lese ich, gehört der UNIPER, die die Ruhrgas groß gemacht hat. Öl und Gas und Vorsprung durch Technik. Von alldem verrät die gepflegte Gastlichkeit wenig. Man vermarktet hier die ländliche Idylle einer anderen Zeit. Nostalgie wird unsere Lebenswelt beherrschen. Ich fürchte fürderhin Furchtbares.
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VATER STAAT.
Was man von Vater und Mutter zu halten habe, das hängt sehr stark davon ab, wie man seine eigene Kindheit erlebt hat. In diesem Satz liegt nicht allzu viel Weisheit. Und doch geht er mir durch den Kopf, als ich den Artikel 1 des Grundgesetzes mal wieder lese. Das ist nämlich von keinem gütigen Vater die Rede, schon eher von mütterlichen Tugenden.
Unsere Verfassung (und das ist das Grundgesetz, die Verfassung des Gemeinwesens) spricht eingangs ganz ausdrücklich von „staatlicher Gewalt“; nicht von der Harmonie einer heiligen Familie. Der Staat ist hier ein Gewalttätiger, wenn nicht gar ein Gewalttäter, dem Verpflichtungen auferlegt werden. Das Grundgesetz zügelt die Rechte des Staates, nicht die der Bürger. Das entspricht der Erfahrung, die die Eltern dieses Grundgesetzes mit dem Vorgängerstaat hatten.
Der hatte einen Weltkrieg vom Zaune gebrochen, der ganze Völker dahinraffte. Mein Herr Vater hat es immer so empfunden, einer Generation angehört zu haben, die diesen Irrsinn nur zufällig überlebt hatte. Ich bin Kind eines historischen Zufalls; das verpflichtet, dem Säbelrasseln nicht mit Hurra zu begegnen.
So legt die Verfassung die staatliche Gewalt an die Fessel, dass sie in erster Linie die Menschenwürde zu achten und zu pflegen habe. Meine, die von meinen Leuten, dann die der Nachbarn, schließlich die von Fremden.
Der Staat tritt den Menschen gewaltsam entgegen, wenn er sie „zieht“ oder in den Knast steckt, eigentlich schon, wenn er jeden Monat die Hälfte vom Verdienst abhaben will. Daher erschien er den Alten als Ungeheuer („Leviathan“). Dieses Erlebnis ist manchen meiner stets behüteten Zeitgenossen erstmals untergekommen, als die staatliche Gewalt eine Seuche zu bekämpfen hatte. Auch mich hat man infiziert, mit allem möglichen Zeugs geimpft und dabei mit Hausarrest belegt und ich war empört, bin darüber aber nicht hysterisch geworden. Das ist bei anderen offensichtlich anders.
Nie hatte ich aber das Gefühl, dass in erster Linie Papa Staat für meine Daseinsfürsorge zuständig sei; ich komme aus einer Kultur, die da eigenes Bemühen, Schweiß und Arbeit, in der Pflicht sah. Und wo die nicht reichen, Solidarsysteme, zu denen man sich frühzeitig entschließen sollte. Noch immer zahle ich in die gesetzliche Krankenkasse mehr ein, als ich von ihr in Anspruch nehme; und ich hoffe, dass das fürderhin auch ein schlechtes Geschäft bleibt.
Soviel also an ernsthaften Überlegungen zum amerikanischen Vatertag, an dem ich im Netz kluge Worte von Ex-Präsident Obama lese; ich glaube, der hat seine Vaterpflichten, wie so viele von uns, der Mutter seiner Kinder überlassen müssen. Schöner Satz für eine Verfassung: Der Staat sollte nicht Vater sein, sondern Mutter.
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AUGEN VOR OHREN.
Was wir über die Welt lernen, wird uns immer mehr in Clips gezeigt, sehr kurzen Filmszenen, die als dokumentarisch gelten wollen. Dabei greift der inszenatorische Code des Episodischen, weil zu mehr als einem Augenblick niemand mehr Zeit hat. Das verführerische Potential ist enorm. Der Augenblick im Wortsinn ist ein großer Manipulator.
Früher war es der „sound bite“, ein besonders typischer Spruch, der die Interpretation einer komplexen Sache auf den Punkt bringen sollte. Heute ist es der kurze Film, dem eine verräterische Geste zu entnehmen ist. Wir trauen unseren Augen mehr als den Ohren. Das Internet füttert beide. Meist mit vergifteter Kost, könnte man vermuten; man weiß es aber nicht.
Immer wieder Szenen, in denen der greise amerikanische Präsident schlicht hilflos wirkt. Ohnehin bewegt er sich staksig, einem Roboter gleich. Dann wirkt er auf offener Bühne schlicht orientierungslos. Man sieht den französischen Präsidenten ihm zur Hilfe eilen, dann Frau Meloni aus Mussolinis Heimat, jetzt mit Barack Obama jemand, der gerade tänzerische Begabung im Amt hatte. Man erinnert sich, dass sein Konkurrent ihn „Sleepy Joe“ nannte und ahnt, was dazu noch kommen wird.
Man kann die Episode leicht zur Evidenz machen, indem die Propaganda sie symbolisch stellt. Verräterische Körpersprache. Das böseste Symbol nennt sich Metonymie, wenn der Betrachter die Gewissheit hat, dass hier das demonstrierte Teil für das Ganze steht. Ist der Weltenherrscher nicht mehr bei Verstand? Diese gemeine Frage will man uns mit den Filmchen ins Herz pflanzen.
Nun, ich weiß es nicht. Das Alter ist nicht gnädig mit uns, mit niemanden von uns, und ich werde darüber nicht lästern. Schon gar nicht zu Gunsten des vermeintlichen Vitalismus wirklich verhängnisvoller Helden. Aber man wird schon fragen dürfen, wie gut beraten die amerikanischen Demokraten mit diesem Kandidaten waren. Könnte das nicht sein Sohn machen? Pun intended.
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Helden im Sport und Schufte in den Banken: Wir messen mit zweierlei Maß
Für Millionen und Abermillionen Euro wechseln junge Fußballer von einem Verein zum anderen. Die Gehälter sind in der Größenordnung, die sonst nur Investmentbanker ihr Eigen nennen können. Und die Vereine sind gewaltige Wirtschaftsunternehmen, die sich die Unsummen für die Stargagen leisten können.
Wer Tore schießt, soll es ruhig zum Slumdog-Millionär bringen. Da sind wir großzügig. Ja, es ist unsere Großzügigkeit, Ihre und meine. Das Geld der Vereine stammt aus Werbe-Einnahmen und TV-Lizenzen. Damit ist klar, wer es am Ende zahlt: wir, die Fernsehzuschauer und Verbraucher.
Aber für einen Ballgott wie den grazilen Özil, liebevoll Fischauge genannt, da legen wir gerne hier und da einen Euro drauf. Ich liebe ihn, weil er zeigt, was man in seiner und meiner Heimat, dem Ruhrpott, unter Integration versteht und weil er Ballett und Sturmangriff stilsicher vereint. Einen Künstler kriegt man nicht für Mindestlohn; zahlen wir ihm stolze Gagen. Money well spent, sagt da der Engländer.
Bei den Stürmern im Finanzwesen, jedenfalls bei den öffentlichen Bankern, hat die Politik die Gehaltsmöglichkeiten gedeckelt. Da gibt es „eine halbe Mille brutt“, und keinen Cent mehr. Dafür tritt im Fußball niemand an, der das Runde auch tatsächlich in das Eckige bringt. Wir reden also darüber, was wir unseren Stars im Sport bereit sind zu zahlen und was wir den Helden der Börse verweigern. Dazu meldet sich der Coach der HSH Nordbank, Hilmar Kopper (der mit den „peanuts“), nun zu Wort. Als Aufsichtsrats-Vorsitzender einer norddeutschen Landesbank verliert er gerade auf politischen Druck hin seinen Mannschaftskapitän, einen gewissen Dr. No (Kennzeichen: Gelhaar, genannt Ölprinz).
In dieser Geschichte tauchen allerlei Figuren auf, über deren Sachkenntnis man zweimal nachdenken sollte, gerade in der Politik. Da filzt es im Senat und riecht gänzlich unhanseatisch. Es laufen für die Nordbank Berater durch das Land, bei denen man in der Branche nur jene als Klienten weiß, die bar jeder Hoffnung sind. Aber darüber hat der Wähler das letzte Wort.
Ich bin vielleicht nicht objektiv, weil ich ihn schätze, und das nicht nur, weil er mein Nachbar im Westerwald ist; von seiner Frau Gemahlin wollen wir hier jetzt mal nicht reden. Was also sagt das Urgestein seriösen Bankwesens zur Gehaltsdeckelung bei Bankern in öffentlichen Häusern? Der Jahrhundertsatz lautet: „Wir erhalten dafür keine Manager aus der Bundesliga.“
Dem Steuerzahler droht eine Milliardenpleite. Eine Landesbank muss gerettet werden, die sich unter vermeintlichen Aufsicht der Politik in die Schieflage verspekuliert hat. Es braucht Profis, um weiteren Schaden vom Gemeinwesen abzuwenden. Vor einem Länderspiel stehend darf der Coach aber nur aus der Amateurliga rekrutieren. Ja, sind wir bei Verstand? Wir sollten mehr Interesse am Erfolg der Ölprinzen auf den Vorstandsetagen haben als an den Toren des Fischauges.
Wir zahlen zwar beide, aber die Bankenpleite ist teurer. Deshalb mein Vorschlag: Banker in öffentlichen Banken sollten nicht mehr verdienen als Fußballhelden, aber auch nicht weniger. Und wir machen das Gehalt davon abhängig, ob sie Tore schießen, bei beiden. Hohe Gagen sind in Ordnung, wenn sie am nachgewiesenen Erfolg hängen, und ein Skandal, wenn sie als Beamtenapanage gewährt werden.
Die Verstaatlichung der Banken ist nicht die Lösung; sie ist das Problem. Die Bankenaufsicht in Händen minderbemittelter Politiker ist das Problem, nicht die Lösung. Was brauchen wir auf dem Platz? Hochbezahlte Spieler und rigorose Schiedsrichter. Und ein lautstarkes, gnadenloses Publikum. So geht Spitzenklasse. Nur so.
Quelle: starke-meinungen.de