Logbuch
WAS GESCHRIEBEN STEHT.
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt…“ Zum großen Stolz meiner Frau Mutter wusste ich als Knabe die WEIHNACHTSGESCHICHTE auswendig daher zu sagen. In kurzen Hosen stand ich vor dem geschmückten Baum und rezitierte die Luther-Übersetzung des Lukas-Evangeliums. „Woher hat der Junge das?“
Ich war seitens meiner Eltern keinem religiösen Eifer ausgesetzt. Die Mutter katholisch und der Vater Spross der „Versammlung“, nämlich ostpreußischer Protestanten, waren die beiden Heiratswilligen übereingekommen, sich kirchlich auf der Mitte zu treffen; man wurde evangelisch. Ich wurde daher wie von selbst Katechumene und Konfirmand in der Kirche Luthers. Erwartet wurde von mir zuhause im Religiösen eigentlich nichts, aber ich galt irgendwann als „bibelfest“.
Das meint jene Rechthaberei von Schriftgelehrten, die ihr Halbwissen mit allerlei Zitaten zu tarnen wissen. Sie sind streitsüchtig und heben immer an mit: „Es steht geschrieben…“ Der lapidare Spruch des Zitats wird geadelt, indem man mit dem Habitus des Pharisäers die Bibelstelle anzuführen weiß. Das ist schon übel, wenn es um das Neue Testament geht; aus den philologischen Urgründen des Alten Testaments tauchen ganz kryptische Dinge auf. Es herrscht der Geist der Unduldsamkeit und der strafbewehrte Wille zur Belehrung.
Diese Schlaumeierei der Idioten feiert bei den Evangelikalen in der USA Urstände. Bei deren Übungen zur Laienexegese muss der Nazarener an sich halten; da bin ich sicher. Das gleiche Halbwissen höre ich in der predigenden Anwendung des Koran. Patriarchalische Herrschaft. Wie die Juden es mit dem Talmud halten, weiß ich nicht, ich fürchte aber das gleiche Elend. Das ist ja das Übel mit all den Schriftgelehrten, dass sie nicht gelehrt sind.
Bei modernen Berufen leiden insbesondere die Juristen an dieser Manie der Zitation, am schlimmsten jene, die gar keine sind: Politiker mit dem Völkerrecht oder dem Grundgesetz unter dem Arm. Wer könnte Frau Roth oder Herrn Hofbauer von den Grünen mal erklären, dass das GG eine Verfassung ist, die die Rechte des Staates beschränkt, aber eben keine Maßregel für den sozialen Umgang? Anmerkung: Wenn jetzt jemand „Lüth-Urteil“ sagt, sofort erschießen.
Wo waren wir? Bei der peinlichen Buchstabentreue des Pharisäers, dem liberalen Geist der alten Schriften und dem verbindlichen Gebot der „sprezzatura“. Entspannt Euch. Der Herr, der Euch da heute geboren wird, war kein Rechthaber.
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DER TITAN UND DIE POMMES.
Zu berichten ist von einem Abend mit Daniel Barenboim und Martha Argerich in der Berliner Philharmonie; es gab Beethoven (grandios, ironisch und keck) und leider auch Brahms (über den Rheingau, wie immer ein Langweiler). Ein Erlebnis von großer Kraft.
Das Haus feiert das über achtzigjährige Paar; man kennt sich aus früher Jugend aus Kreisen jüdischer Migranten in Argentinien. Eine großartige Pianistin, die Argerich, wie die klavierspielenden Wunderkinder Barenboim und Beethoven. Lassen wir die notorischen Mäkeleien an Brahms mal beiseite: Das Konzert hatte eine hohe Würde in der zarten Zerbrechlichkeit, die das hohe Lebensalter bedingt. Die Philharmoniker zudem ausgezeichnet wie immer (eine sehr schöne Cellistin fällt mir als neu auf; hoch konzentriertes Spiel).
Barenboim ist eben auch politisch eine Ikone. Er steht für ein west-östliches Orchester, in dem israelische und palästinensische wie andere arabische Musiker zusammen spielen. Das ist der Sinn des Musizierens, man konzertiert. Barenboim war im Sinne der Aufklärung sehr oft sehr mutig, sprich politisch nicht korrekt. Der stehende Beifall wollte gestern Abend nicht enden. Ein Lebenswerk wurde geehrt.
Barenboim ist auch Berlin. Ich traf ihn kürzlich in Dahlem vor einem Take-Away-Imbiss und will meine Wertschätzung in einem kleinen Gespräch zum Ausdruck bringen, biete ihm also die Hand. Bevor ich anheben kann: Ein geneigtes Lächeln, er hebt die Plastiktüte mit dem Alupäckchen hoch. „Die Pommes werden kalt…“, sagt er, sich entschuldigend und geht weiter. Ich mag diese Bescheidenheit der wirklichen Genies.
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LEIDKULTUR.
Der Begriff einer leitenden Kultur löst Kontroversen aus; daran ist ja zunächst nichts schlechtes. Angeblich gibt es nämlich einen Mangel an „leadership“, wie die Meinungsführer im Personalwesen sagen. Zu wenig Führer? Echt? Na, wenn das der Führer wüsste.
Beginnen wir mit der Religionsfreiheit: Das ist die Freiheit von der Religion, nicht die Freiheit der Religiösen zu Übergriffen. Wenn eine solche Vorstellung davon, dass Glaubensfragen eine reine Privatangelegenheit sind, Sinn macht, muss sie für alle Religionen gleichermaßen gelten. Ja, auch für die christlichen. Exempel: In Amtsstuben oder Schulklassen gehören keine Golgathakreuze.
Und natürlich gehört der Weihnachtsbaum nicht zur Leitkultur, insofern man darunter eine Regulierung des öffentlichen Lebens versteht. Baum darf, muss aber nicht. Wie die Ostereier sind lamettabehangene Tannen keine Verfassungsinstitute. Jedes Brauchtum hat jedes Recht, solange nicht die Rechte anderer dadurch massiv beeinträchtigt werden. Etwas nicht mögen oder sich beleidigt fühlen, das ist keine massive Beeinträchtigung, klar?
Aber man redet gegen Windmühlen, wenn Neid, Missgunst und Hass das soziale Klima bestimmen. Muss nicht das „positive Recht“ reichen? Taugen Gesetze dazu? Kann die Justiz Frieden stiften? Dann reichte ja die Maxime, dass alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten. Das mag im Staatlichen als Prinzip genügen, im Sozialen ist das zu knapp.
Das Recht auf Privatheit; hier liegt möglicherweise der Kern. Was geht den Nachbarn nichts an, schon gar nicht den Staat? Wann endet die Schulpflicht? Und haben das auch die Öffentlich-Rechtlichen Medien verstanden? Und die Missionare aller Religionen, auch der politischen? Schon ein Leid mit der Leitkultur.
Das Selbstbestimmungsrecht des Individuums, das ist doch ein Konzept. Und die soziale Weisheit, dass starke Zäune gute Nachbarn machen. Schließlich „sprezzatura“ für alle. Verbindlich. Was das ist, das kriegen wir aber erst später.
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Die Körnerfresser greifen nach der Macht – wer hätte das gedacht?
Sind die Grünen eine Volkspartei? Gar die einzig erfolgreiche? Es reiben sich Politiker, Journalisten und Meinungsforscher die Augen. Ein Umbruch im Zeitgeist wird prophezeit – die Bio-Republik breche an.
Mich plagen Zweifel. Dem genialen Publizisten Vijai Sapre („Effilee“, eine Zeitschrift für Kulinaristik, mit einem Journalismus, den man ansonsten nur im „New Yorker“ findet) verdanke ich die kühne Frage: „Wie braun ist bio?“ Der Hamburger Kulinarist bezieht das natürlich nur auf den kleinbäuerlichen Lebensmittelkult der Bio-Fans, aber die Frage hat etwas. Ich weiß nur noch nicht, was. Und dann stolpere ich über einen Satz zu Renate Künast, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, die in der Hauptstadt als Regierende Bürgermeisterin in spe antritt. Es geht darum, dass sie erwägt, die Regelung umzustoßen, nach der in Berlin junge Lehrer als Angestellte besoldet werden und nicht schon zum Karrierestart in die Tretmühle eines Berufsbeamtentums hineingebettet werden.
Künast zögert, lese ich, weil ja Beamte die Kernunterstützer dieser Partei seien. Ja, glaubt man das?
Mehrwertsteuersenkung nicht für Hoteliers wie bei der FDP, jetzt bei den Grünen dicke Bezüge lebenslang für Beamte?
Generationsbedingt kenne ich viele Spitzenpolitiker der Grünen noch aus der Zeit, in der sie als studentische Revoluzzer im Kommunistischen Bund Westdeutschland den Sieg im Volkskrieg ersehnten und die allgemeine Volksbewaffnung forderten.
Der Demoskop glaubt, dass die aktuellen Zahlen von 20 bis 24 prozentiger Zustimmung für die Körnerfresser-Fraktion im deutschen Parteisystem durch ein vorübergehendes Parken der Stimme seitens frustrierter SPD- und CDU-Anhänger zustande kommen. Eine Stärke der Grünen liegt sicher in der Schwäche der klassischen Volksparteien SPD und Union und dem Verpuffen der FDP.
Sieht man die Größe der Lager links und rechts nicht nur nach dem Anteil an den abgegebenen Stimmen, sondern an der Anzahl aller Wahlberechtigten, liegen sie jeweils nur bei 20 Prozent. Absolute Mehrheiten gehören unwiderruflich der Vergangenheit an, vielleicht sogar regierungsfähige Mehrheiten.
Denn das ist allen Demoskopen klar: Die Volksparteien sind in sich zusammengefallen. Der Kulinarist Sapre denkt an ein Soufflee, jenes zarte Gebilde, das, falsch aus dem Ofen gehoben, in sich zusammenfällt und nur noch aussieht wie ein pappiges Plätzchen. Und Forsas Güllner weiß, dass das Phänomen der Implosion der Volksparteien, dieser Kartenhauseffekt des Ermattens, struktureller Natur ist.
Man muss den Grünen nicht misstrauen wie der Gourmet und der Zahlenakrobat, aber auffällig ist schon, dass sie nicht so richtig zu sagen wissen, wofür sie eigentlich stehen. Noch schlimmer ist, dass auch ihre potentiellen Wähler eben dies nicht wissen, gleichwohl aber angetan sind.
Und damit sind wir beim Kern: Alle Parteien wandeln sich. Sie sind künftig keine wert- und gesinnungsgetriebenen Tendenzbetriebe mehr, die man mit Attributen wie rechts und links messen könnte. Auch ehedem so schwere Vokabeln wie bürgerlich oder sozialliberal sagen nichts mehr.
Man vertritt alles, von dem man denkt, dass es eine Mehrheit der Menschen insgeheim denkt; so geht Populismus. Am klarsten zeigt das in der Union der Zorn der letzten Konservativen alten Schlages gegen die Merkelisierung, denn die neue Generation der Konservativen verkörpern Ursula von der Leyen, Norbert Röttgen und Karl Theodor zu Guttenberg (vulgo: Agent 007). Den fränkischen Popstar als Kriegsminister einmal außen vor gelassen, von der Leyen ist so schwarz wie rot, so wie Röttgen so grün wie schwarz ist.
Wir sind auf dem Weg in die Demoskopie-Demokratie, fürchtet Merkel. Nein, wir sind auf dem Weg in die Demagogie-Demokratie. Und jetzt reden wir dann doch über KTG. Ein politisches Genie der neuen Zeit, der uns, nur ein Beispiel, ein Söldnerheer verkauft, indem er sich flott kleidet, stets mit Gottessegen auf den Lippen im Vagen rezitiert und bübisch lächelt.
Die Demagogie-Demokratie will unterhalten sein. Dann stimmt die Stimmung wieder. Monarchen werden geliebt, von Untertanen, von den neuen grünen Untertanen, die überall mitreden wollen, aber nichts entscheiden und rein gar nichts verantworten. Das ist es, was die Körnerfresser verkörpern: Alle dürfen mitreden, niemandem droht die Verantwortung. Der linke Marsch durch die Institutionen, den die heutigen Grünen einst begannen, hat genau hier seinen epochalen Triumph gefunden: Öko-Hedonismus mit Pensionsgarantie. Eine Republik von Staatsbestallten und Fürsorgeempfängern, die sich ihren gemeinsamen Traum von freilaufenden Hühnern erfüllen.
Quelle: starke-meinungen.de