Logbuch
POLITISCHE KLASSE.
Unsere politische Klasse hat keine (Klasse). Während eine Naturkatastrophe die Menschen zuhause ersaufen lässt, säuft sie Schampus auf Malle. Dazu lügt sie, als erwischt. Pflichtvergessenes Pack.
Was Nordrhein-Westfalen da Rheinland-Pfalz nachmacht, ist Futter für die AfD. Es betrifft die GRÜNEN (eine Frau Spiegel) und die CDU (eine Frau Hennen-Esser) und empört, weil es so verantwortungslos aussieht. Eine politische Elite, die sorgsam auf ihre Partykultur achtet, der aber das Schicksal der Menschen am Arsch vorbeigeht. Wenn enttarnt, täuscht sie. Ein kräftiges, weil populistisches Bild.
Auch ich habe Fragen: Was genau macht der stets fröhlich gestimmte Herr Holthoff-Pförtner mit der betont wohlgenährten Frau Umweltministerin da auf Malle? Und noch zwei Minister oben drauf. Warum überhaupt Mallorca? Haben die in der Düsseldorfer Altstadt kein Kölsch mehr? Ha! Oder Ahr-Wein? Der soll gerade günstig sein. Ob das alles der juvenile CDU-Spitzenkandidat (ein sehr glatter Herr Wüst) im laufenden Wahlkampf noch weggrinsen kann, das darf bezweifelt werden.
Und plötzlich passt das frühere Unglück des unvermittelten Lachens von Herrn Laschet, dem damaligen CDU-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten, mitten in der Katastrophe auch ins Bild. Die verarschen uns. Der Rechtspopulist sagt: Die Elite hat für das unfassbare Leid der Opfer nur Hohn. Stimmt das? Nein. Na ja, es stimmt nicht und dann wieder doch.
Lehrsatz: In der Politik bist Du für das Maß Deiner Missverstehbarkeit verantwortlich.
Logbuch
DAS RICHTIGE FALSCH BEGRÜNDET.
Die Grünen erschienen mir oft als Spinner. Ich habe nie an die Apokalypse des Klimas geglaubt. Aber REGENERATIVE ENERGIEN sind schlau, halt nur falsch begründet. Ich bin für die Energiewende.
Es kann gar nicht falsch sein, die EFFIZIENZ zu steigern. Weil es immer dumm ist, einen unnötig hohen Aufwand zu treiben. Ich renoviere privat gelegentlich sehr alte Häuser. Und sage: Die Alten haben das gewusst, weil sie arm waren und Brennstoff teuer. Damit ist der erste Punkt abgehakt.
Es kann gar nicht falsch sein, sich aus dem eigenen Garten zu ernähren. Wer seinen Hunger mit exotischen Kolonialwaren stillen will, wird diese aus den Kolonien importieren müssen. Was für den Magen gilt, gilt für den Ofen. HEIMISCHE Energien zuerst! Damit ist der zweite Punkt klar.
Es kann gar nicht falsch sein, Dinge wiederzuverwenden. Und wiederzuverwerten. Reparatur ist eine Haltungsfrage. Selbst aus dem Mist hat der Kleinbauer noch Dünger gemacht. Das Prinzip der REGENERATION ist das der Jahreszeiten. Es gilt die Sonne einzufangen und den Wind zu bändigen. Dritter Punkt klar.
Es kann gar nicht falsch sein, die wirklichen Kräfte der Natur zu nutzen. Zumal wenn sie heimisch sind und regenerativ. Also reichert man URAN an, bis es brennstofffähig ist und entwickelt die Kernkraft weiter. Schnelle Brüter! Keine Klimagase. Kein fossiler Fußabdruck. Nukleare Ökologie. Vierter Punkt. Ups.
Solches hörte ich mit Erschrecken von meiner Geschichte. Kann das sein? Irgendwann und irgendwo ist dieses Land falsch abgebogen.
Logbuch
AUTO-ESTIMATION.
Früher waren Pressesprecher graue Mäuse und TV-Moderatoren bunte Vögel. Immer öfter sehen wir diese Rollen getauscht. Mätzchen werden selbst bei Vorstandsvorsitzenden modern. So wird die Hauptversammlung zum Zirkus.
Apropos Zirkus: „Noch nie ist ein Zirkus pleite gegangen, weil er das Publikum unterschätzte.“ Das hat der große Zirkusdirektor Barum gesagt. Meinte: Die Clowns in der Manege können gar nicht doof genug sein. Im Show-Geschäft steht dafür Thomas Gottschalk, den ich neulich mit Bruder und amtierender Gattin auf den Ku’damm sah. Wie immer entschieden zu bunt gekleidet. Kasper.
Für meinen ersten PR-Job habe ich mir graues Flanell gekauft; man wollte damals, was bei Springer „Flanellmännchen“ hieß. Zweireiher und gedeckte Krawatte. Von meinem späteren Kollegen Graf Zedtwitz-Arnim lernte ich die noch geschliffeneren Manieren; er hatte bei Bertolt Beitz auf der Villa Hügel gelernt. Wir wären damals eher nicht in Sauna-Klamotten auf der eigenen Pressekonferenz aufgeschlagen.
Anders als der selbstbewusste Graf ZA habe ich das Eigenlob immer anderen überlassen. Auto-Estimation galt als degoutant. Ein ARALER oder SHELL-Mann überließ das zu meiner Zeit der DEUTSCHEN BP. Die hatten einen Vorsitzer, der über Tisch und Bänke ging, und einen mit Schmissen verzierten PR-Chef, der auch vor Kraft nicht gehen konnte. An der Ruhr sprach man vom idealeren Typus des GRUBENPFERDES. Die Gäule, die ein Pferdeleben lang untertage gearbeitet hatten, wurden, einmal ans Tageslicht geführt, blind. Also kriegten sie ihr Ehrenbrot im Dunklen und scheuten das Licht.
Ein Grubenpferd ist kein Paradeross. Man schmückt sich nicht wie eine Kuh beim Almabtrieb. Und hängt sich selbst keine Glocke um. Das sehen viele der jüngeren PR-KollegInnen heutzutage anders. Dem entspricht, dass PR und Marketing und Vertrieb immer stärker zusammenwachsen. Da ist der Direktvertrieb von Gemüseraspeln in der Fußgängerzone zumindest prinzipiell das gleiche Fach wie eine HV-Rede. Insofern konsequent und modern. Dass Mätzchen dazugehören, das fand Elon Musk eh schon immer. Mit 81 Millionen Followern auf LinkedIn ist die Auto-Estimation ohnehin ein Heimspiel.
Logbuch
Alle Blöden bloggen: das Internet als Medium infantiler Idioten
Jeder Berufsstand hat seine eigenen Idioten. In der Philharmonie ist es die Bratsche, die als Dummbüttel gilt. In der Gerichtsbarkeit denkt man niedrig vom Dorfrichter Adam, dem Amtsrichter in Kleinkleckersdorf. Im klassischen Journalismus war es der Gerichtsreporter, dem man jede Niedertracht zutraute. Das Internet erweist sich als der große Gleichmacher. Hier versagen auch die Edelsten und zeigen sich als die letzten Deppen.
Zu reden ist von dem PR-Chef eines renommierten Verlagshauses, zugleich Sohn des Verlegers selbst, der sich aus seinem publizistischen Olymp in die allgemeine Lächerlichkeit gestürzt hat. Eine Karriere ist vernichtet, wahrscheinlich auch ein großes Erbe. Wir werden Zeugen eines Königsdramas, einer göttliche Tragödie, die uns Sterblichen zeigt, was die Blogosphäre aus den charakterlich Schwachen machen kann.
Eigentlich ist es einfach. Jeder darf seine Meinung sagen. Jeder soll seine Meinung sagen. Dann streitet man um die höhere Wahrheit und am Schluss steht der Konsens. Man reicht sich die Hand und hält nach der nächsten Diskussion Ausschau. Kinder lernen an guten Schulen mannhaft und frauhaft für sich und ihre Person einzustehen. Nur Feiglinge schreiben anonyme Briefe. Nur Infantile beschriften von innen die Toilettentür. Und die Weltbürger unter uns wissen, dass nur Spießer der Rechthaberei frönen.
Man kann auch Meinungen bloß zitieren und die Diskussion zum Spiel machen. So reden Philosophen. Das alles geschieht in einem freien Land unter freien Menschen mit offenem Visier und in Ansehung der Person. Heckschützen genießen in einer demokratischen Leitkultur geringes Ansehen. Unser Vorbild des Streites ist Martin Luther: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Unser Vorbild ist nicht der anonyme Informant, der feige Stasi-Spitzel.
Es gilt ein Vermummungsverbot, vordergründig für Burkaträger und Bankräuber, hintergründig für jedermann. Die öffentliche Debatte, der bürgerliche Diskurs und der Widerstreit konträrer Meinungen um Deutungsmacht und Einfluss – das ist konstituierendes Merkmal einer modernen demokratischen Gesellschaft. Dieses Selbstverständnis muss sich im Internetzeitalter noch verschärfen, da die Partizipationsschwelle merklich gesunken ist; die Mittel, sich Gehör zu verschaffen, sind für jedermann erschwinglich geworden, kein professionelles oder soziales Privileg mehr.
Wovon genau ist zu berichten? Die Fama geht so: Ein mächtiger Mann im bundesdeutschen Medienbetrieb, Erbe eines Imperiums mittlerer und großer Printmedien und PR-Chef des Hauses, fühlte sich von einem Blogger ungerecht behandelt. Er begehrte unter Klarnamen Eintritt in dessen Debattierarena und erhielt diesen auch. Der mediale Goliath setzte sich nun mit dem vermeintlichen David auseinander. Bald jedoch muss er erkennen, dass die Rollenverteilung in der digitalen Welt eine andere ist.
Da gewinnt nicht jeder, dessen Papa irgendwo das Sagen hat. Das Söhnchen soll nun geflüchtet sein – nicht aus der Arena, sondern in die Anonymität.
In der Folgezeit beginnt der Kommentarbereich des Blogs des Medienjournalisten Stefan Niggemeier, des Davids, der Goliaths Aufmerksamkeit erregt hatte, sich eigenartig zu bevölkern. Unter den verschiedensten Pseudonymen, von ‚Ordensschwester’ bis hin zu ‚Schwarzwälder Kirsch’, werden die wildesten Anschuldigungen und Verschwörungstheorien gepostet, von der geplanten Zerstörung der Frankfurter Rundschau durch die FAZ ist da die Rede und es wird immer wieder auf die weitsichtigen Beiträge eines Verlegersohnes verwiesen.
Nachtigall, ick hör Dir trapsen, sagt da der Berliner. Dem erfahrenen Medienjournalisten kommt dies komisch vor, er stellt Nachforschungen an und landet immer wieder bei derselben Quelle: dem Computer von Konstantin Neven DuMont, so heißt unser Verlegersöhnchen. Der streitet zunächst alles ab, verweist dann auf zwei klandestine Benutzer seines Computers, gibt dem Konkurrenzblatt BILD schwachsinnige Interviews und zieht sich schließlich aus dem operativen Verlagsgeschäft zurück. Brancheninsider schütteln fassungslos den Kopf.
Die Geschichte wäre schon tragisch genug, würde es sich dabei um einen Einzelfall handeln, doch leider hat dieser Wahnsinn Methode. Der Reiz der Anonymität (nickname im Blog) und die intime Kommunikationssituation am heimischen Rechner, der sich, anders als das geliebte Tagebuch pubertierender Mädchen, eben historisch und global öffnet, zerreißen bei vielen aktiven Kommunikatoren jegliche zivilisatorische Decke. Ein Festival der Heckenschützen, eine Orgie der Denunzianten, die sich in Selbstbespiegelungen und Fremdbezichtigungen suhlen. Rasende Rechthaber, üble Hetzer und schwachsinnige Querulanten: Sie alle haben im Schutz der Anonymität das Wort.
Ein halbstündiges Stöbern in den einschlägigen Onlineforen und Kommentarbereichen großer Zeitungen (insbesondere bei Triggerthemen wie Managergehältern, Rauchverboten, Sportwagen und dem Nahostkonflikt) ist geeignet, auch den braven Mann zum Gegner des allgemeinen Wahlrechts mutieren zu lassen. Der Brechreiz bleibt. Unter munterem Identitätswechsel werden da Lynchaufrufe herausposaunt und Pranger gefordert, jeder geht mit seiner vermeintlichen Bildung und Lebenserfahrung hausieren und spätestens auf der vierten Seite kommt der erste NS-Vergleich – es ist schauderhaft.
Die Verantwortlichen in den Onlineredaktionen, die passim keine Horte journalistischer Exzellenz sind, schauen dem munteren Treiben zumeist tatenlos zu. Die hier versammelten Redakteure begreifen das muntere Treiben der geifernden Anonymen als Ausdruck äußerster Responsivität und moderner Debattierkultur, dabei lassen sie das Umfeld, in dem die Beiträge ihrer Kollegen elektronisch publiziert werden, immer weiter verludern. Beim Anblick der Kommentarbereiche von Tageszeitungen aus dem Imperium des inkriminierten Verlegers mit Söhnchen wähnt man sich in einer geschlossenen Anstalt für Politspinner – es ist ein Trauerspiel.
Der Autor dieser Zeilen war einst Kolumnist bei der Frankfurter Rundschau, bis man ihn dort online-seitig als unpassend empfand. Ich habe damals ein Experiment gemacht und unter nickname meine Online-Redaktion bloggend kritisiert, weil sie einen Mordaufruf gegen den Chef der Deutschen Bank im Netz stehen ließ. Meine Kritik wurde gelöscht und der Mordaufruf blieb stehen. Tiefer kann man publizistisch nicht fallen als diese Internetler in einem Frankfurter Straßenbahndepot.
Was ist zu tun? So sehr der Datenschutz im Internet in den Zeiten von Facebook in aller Munde ist, hier hat Anonymität nichts verloren. Konstitutiver Bestandteil der demokratischen Funktion einer Zeitung ist ihr Impressum. Der Leser erfährt, wer ihm berichtet, wer für ihn kommentiert. Es geht eben nicht um den elektronischen Seelenstriptease, sondern um die in einer Demokratie gefahrlose Übernahme von Verantwortung für die eigene Position in einer Debatte, um das Kämpfen mit offenem Visier. Das persönliche Einstehen für Überzeugungen zeugt von Courage, anonyme Schmierereien sind feige und infantil.
Schon in der Schule gab es Menschen, die den Lehrkörper offen kritisierten und herausforderten – und überangepasste Schleimer, die heimlich eine Bemerkung zum Hinterteil der Biologielehrerin auf die Klotür schmierten. Das Schicksal hat mich damals zum Redakteur der Schülerzeitung gemacht. Und der Spruch an der Toilettentür stammte nicht von mir. Zuzulassen, dass die Denunzianten die unangefochtenen Protagonisten der Onlinedebatten werden, wäre schändlich; es verschenkt die Chancen, die ein neues Medium an sich bieten würde. Die Blogosphäre bedarf der Selbstregulierung. Solange sich die denunziatorischen Zustände aber nicht ändern, solange gilt der Erste Hauptsatz der Blogosphäre, nach dem alle Blöden boggen: Nicht jeder im Internet ist ein Idiot, aber alle infantilen Idioten sind im Internet.
Quelle: starke-meinungen.de