Logbuch
GELASSENHEIT.
Was zeichnet eine Heldin im Alltag aus? Eine mittlere Tugend zwischen INDOLENZ und HYSTERIE. Dies ist eine Psychologie für Laien. Fachlich falsch, aber literarisch schön. Eine Lobpreisung.
Der Begriff der HYSTERIE hat eine böse Geschichte, die der Frauenfeindlichkeit. Die alten weißen Männer des Altertums brandmarkten damit Ausfallerscheinungen, die sie der Gebärmutter zurechneten. Sexistische Medizin vom übelsten. Spätestens seit Sigmund Freud deutet man seelische Erkrankungen der übertriebenen Reaktion erstens geschlechtsneutral (auch Männer können hysterisch werden) und zweitens nicht mehr pauschal (es gibt viele Krankheiten ganz unterschiedlicher Ursache). Im Literarischen meint das Wort die restlos übertriebene Reaktion auf einen eher nichtigen Reiz. Austicken.
Das gegenüberliegende Extrem ist die INDOLENZ, der Unwillen Schmerzempfinden zuzulassen. Diese Schmerzfreiheit kann Ausdruck des Tapferen sein, aber auch ein echter Defekt, ein Versagen der gesunden Alarmfunktionen des Körpers oder der Seele. Darum enden vorsätzliche Helden meist tragisch. Und Kriege finden immer unter Drogen statt („Panzerschokolade“). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Nun zur Lobpreisung der Gelassenen, die das Amerikanische „cool“ nennt, was nicht „kühl“ meint, sondern souverän. Sie reagiert auf Schicksalsschläge verhalten, eben nicht hysterisch, aber auch nicht apathisch. Sie fragt nach einem mittleren Maß der Reaktion, das hilft, ohne dass man allzu großes Aufhebens mache. Die Heldin des Alltags. Ich frage mich, ob Shakespeare ein Sonett über die GELASSENE geschrieben hat. Hätte er sollen.
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PARASITEN.
PR ist der Parasit einer freien Presse. Deshalb hat PR das allergrößte Interesse an der Gesundheit des Wirtstieres. Eine schöne Definition. Stammt von mir.
Für Werbung braucht man nur ein Scheckbuch; sie ist bei Verlagen käuflich. Für PR bedarf es eines gewissen Geschicks. Man muss einen genügend guten Nachrichtenwert anbieten können, der den Journalisten das abwägende Kalkül erlaubt, den Nebeneffekt eines gezielten Interesses zu tolerieren. Dann ist PR ein Geschäftsmodell, wenn man diesen Doppelnutzen möglich macht. Die Pressefreiheit ist durch müßige Verleger in Gefahr, nicht durch PR.
Ich lese einen klugen Aufsatz von Mathias Lindenau über die politische Figur des Parasiten, ein Vorwurf vor allem im Rechtspopulismus gegen Fremdes. Dabei wird herausgearbeitet, dass der politische Begriff dem biologischen Kern widerspricht. Der Parasit lebt nicht von andere, sondern mit ihnen. Er ist ein Symbiotiker.
Zitat: "Cymothoa exigena, die große Assel, frisst zwar die Zunge ihres Wirtsfisches von innen heraus auf, um sich an deren Stelle in dessen Mund festzusetzen und auf diese Weise ohne weitere Anstrengungen an dessen Nahrungsaufnahme teilzuhaben, tötet ihn dabei aber nicht." Der Parasit lebt auf Kosten anderer, die er deshalb zu erhalten gedenkt. Wie die PR eine freie Presse.
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SCHNAPPSCHUSS.
Deutsche Bundesminister stehen im kriegsgezeichneten Kiew mit dem VIP-Bürgermeister auf einem Balkon, halten Sektgläser und haben offensichtlich Spaß. Kriegstourismus.
Das ist ein übles Bild, dass da Frau Faeser, der Innenministerin, und Herrn Heil, dem Sozialminister, unterlaufen ist. Es zeigt Partylaune an der Front. Ich kenne Hubertus, er ist ein anständiger Kerl. Und von der Nancy höre ich das auch. Offensichtlich ein missglückter Moment. Lehrsatz: Bilder können lügen.
Das glauben wir aber nicht. Wenn der Schnappschuss trifft, ist er tödlich. Die suggestive Kraft des Fotodokuments ist zu groß. Als Beweis bei Gericht anerkannt. So sind wir erzogen: Dem gesprochenen Wort wissen wir zu misstrauen, dem fotografischen Abbild nicht, wenn es SYMBOLCHARAKTER gewinnt. Lehrsatz: Fürchte die autonome Kraft des Symbols.
Solche Symbole bestätigen nämlich VORURTEILE, die wir ohnehin haben. Das gefällt uns, wenn wir in unseren RESSENTIMENTS Recht behalten. Das ist unser Teil der Schuld, die des Publikums. Zur Schuld der Akteure gehört, dass sie MISSVERSTANDEN werden konnten; solche Risiken geht man als Profi nicht ein. So was lässt man die PR inszenieren.
„Ein Politiker ist für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich“, hat Cato, der Ältere gesagt. Der im Ahrtal lachende Laschet hat den Preis dafür gezahlt. Und deshalb wirkt der Kanzler so roboterhaft, wie ein zwangsneurotischer Apparatschik, der Scholzomat. Nur keinen Fehler machen.
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Brot und Spiele, vor allem Spiele
Das alte Rom unterhielt mit viel klugem Können ein Weltreich. In der Hauptstadt selbst aber, der politischen Zentrale, waren die Dinge einfacher gestrickt. Man gewährte seitens der politischen Klasse dem Volk Brot und Spiele. Die Raffinesse des Colosseums, in dem zu jedermanns Belustigung wilde Löwen verstörte Christen zerrissen, steht hinter der Hollywoods oder unserer Medienlandschaft nicht wirklich zurück.
Eher im Gegenteil: Wenig amüsiert ist die Wählerschaft von den schwarz-gelben Staatsakten. Die ungeliebte Regierung greift zu Notmaßnahmen aus dem Verbandskasten; jetzt werden schon die gröberen Pflaster geklebt. Man sieht in der Wochenendpresse eine Doppelseite des Bundesministeriums für Wirtschaft, dem Haus von Herrn Brüderle, in dem der wirtschaftliche Aufschwung mit Argumenten unterlegt werden soll; das Ganze ist eine sogenannte PR-Anzeige und soll, raffiniert, raffiniert, mit dem redaktionellen Teil der Zeitung verwechselbar sein.
Die doppelseitige Anzeige auf Kosten des Steuerzahlers ist aber so schlecht, so grottenschlecht gemacht, dass die vordergründige Propaganda-Absicht des als Weinköniginnenküsser legendären Herrn Brüderle dem Leser geradezu ins Gesicht springt. Ein notorisch übelriechender Verlautbarungsjournalismus will uns verkünden, dass uns Herr Brüderle und die FDP nach der Krise jetzt, hip hip hurray, den Aufschwung gebracht haben.
Man verspürt beim Betrachten dieser parteipolitischen Agitation, die wir auch noch selbst bezahlen dürfen, kein Glücksgefühl, eher schon den Wunsch nach Sagrotan. Was man in der Bundespressekonferenz oder den Hinterzimmern der Hauptstadt nicht mehr über die Bühne kriegt, wird hier als „Anzeigen-Sonderveröffentlichung“ in die Medien reingekauft.
Das ist ordnungspolitisch grenzständig, wird aber nicht zu Protesten führen, weil der Bund der Steuerzahler eine Tarnorganisation der FDP ist. Nützen wird die Jubelanzeige nichts. Man kann mit der untergehenden FDP schon Mitleid empfinden, so schlecht verkauft sie ihre Politik. Man muss fürchten, dass sie so schlecht ist, wie sie aussieht.
Sie läuft inzwischen durch die deutsche Politik wie eine Pensionsanwärterin, die man vergessen hat, nach Hause zu schicken. Sie ist ermatteter als ihr Vorgänger Schröder, der in dieser Phase seines mühsamen Rückzugs von der Politik der ruhigen Hand faseln ließ.
Brot wollen die Menschen, und Spiele, vor allem Spiele. Man schaue also auf das neue große Stück, das allen vor allem dies bietet: Spielfreude, neudeutsch: news to amuse! Erdacht hat es der gewitzte Chef der BILD-Gruppe, Kai Diekmann, der sich auch vor dem fiktionalen Strickmuster eines Groschenromans nicht fürchtet. Ein großes Stück, das im 19. Jahrhundert Hedwig Courths-Mahler gehört hätte oder heute Rosamunde Pilcher, ein Stoff für Gala und Bunte, fernsehspielfest und hollywoodnah.
Aufgesprungen ist nun auch der SPIEGEL, der sich dem Vernehmen nach seine Titel von dem genialen Ex-Stern-Boss Michael Jürgs machen lässt. Jedenfalls eine Bombenstory, KTG und Gattin: die unvergleichliche Kombination von neo-konservativer Politik und Adelscharme, von moralischer Hybris und populistischen Gesten.
Das ist der Stoff, aus dem die Obamas sind. Quatsch, was sage ich, das ist, darf man amerikanischen Tea Party Kreisen trauen, ja möglicherweise ein Muslim aus Kenia. KTG, das ist der Stoff, aus dem die Kennedys sind. Der kleinbürgerliche Öko-Hedonismus, der sich zu „Stuttgart21“ maulig ereifert, ist nicht durch die obrigkeitsstaatliche Biederkeit von Merkel-Mappus-Grube zu schlagen. Rechthaber sind langweilig. Der Unwillen ist dem Volk nicht auszureden.
Begeisterung braucht das Land. Was man in England mal „Lady Di- Faktor“ genannt hat, das fehlt. Wulffs Redenschreiber sitzt hoffentlich schon im Bundespräsidialamt („eine Denkfabrik“, so Wulff über sein Amt) über einem Manuskript mit dem Titel „Die Monarchie ist ein Teil Deutschlands!“ Aber es wird bei seiner First Lady („Lena“ titelt der Boulevard) wohl nicht zu einer Lady Di-Euphorie reichen.
Wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten. Denn noch ist der Frust der gelangweilten Republik zu krönen: durch das Königspaar aus Franken, Karl Theodor und Stephanie zu Guttenberg. Kurzum: Der unglückselige Wulff plus Gattin Lena möge das Schloss Bellevue räumen, zuvor aber noch die Monarchie ausrufen („ein Teil Deutschlands“), und KTG zieht mit Stephanie ein. Das wird fein. Wir wollen Spiele, vor allem Spiele.
Quelle: starke-meinungen.de