Logbuch
EDELFEDERN.
In der Nacht von Montag auf Dienstag fand in Berlin eine Preisverleihung statt, die in dreizehn Kategorien die vorzüglichsten Journalisten ausgezeichnet hat. Ich sehe mittags im Borchardt die letzten Reste davon an Nachbartischen. So den hochwohlgelobten Verlagsleiter eines Hamburger Wochenblattes, das man mit einigem Recht als das Zentrum der klebrigen Doppelmoral bezeichnen kann.
Moment mal! Es ist Differenzierung angebracht. Differenzierungen. Erstens ist ein Verlagsmops kein Journalist. Er ist ein Vertriebsonkel, der Leserreisen und Kaffeemaschinen für Abos vertickt. Journalisten hassen ihre Verlage („Stalin kann kein ganz schlechter Mensch gewesen sein; er hat in seiner Jugend einen Verleger ermordet.“)
Zweitens zeichnen die Journalisten sich bei diesen Preisverleihungen selbst aus. Das Ganze hat eine Selbstbezüglichkeit, die eigentlich gegen das professionelle Onanieverbot verstößt. Drittens gehören die Branchenblätter, die die Selbstbeweihräucherungen vornehmen, inzwischen zum aller größten Teil einem PR-Verleger. Public Relations Manager sind aber die sozialen Gegenspieler der Journalisten. Es loben also die Gegenspieler ihre Gegner. Wie eitel kann man sein?
Viertens ist das Ganze pure Nostalgie. Es gibt die hier gefeierten Zeiten nicht mehr (wenn es sie je gab). Die moderierende Winzertochter ist eine Pensionistin in den Gnaden eines österreichischen PR-Verlegers, aber keine Heroine freier Presse. Ach, Annette. Fünftens ist die gefeierte Profession im überwiegenden Teil der Medien kein Beruf mehr, sondern ein exzessives Laienhobby. Die Türhüter („gatekeeper“) von gestern sind längst das Tor los; jeder Pubertant hat heute ein Blog. Oder eben jeder zweite Rentner. De te fabula narratur.
Sechstens sind Verleger keine Bonvivants und Pfeffersäcke mehr, die ihren Geschäften, Geliebten und Gesinnungen nachgehen („Ich bin meinem Geld nicht böse“, sagte man bei der WAZ), sondern smarte Knechte der Börse, die danach streben, endlich KI schreiben zu lassen. Siebtens war auch der noch immer amtierende Chefredakteur der SZ da.
Zur Süddeutschen Zeitung wüsste ich einiges zu sagen, zu früheren Führungen und der Rund-um-Dilletanz der aktiven. Fortgesetzte Verletzung der Fürsorgepflicht. Nein, das Problem ist nicht der Plagiatsjäger, über dessen Motivation er selbst ja keinen Zweifel lässt, sondern die Führungskultur. Aber das betrifft mich nicht als Informanten, mehr bin ich dort nicht. Ich sage es aus alter Empathie.
Jetzt, achtens, zu den professionellen Raritäten. Es gibt sie noch, die großen Edelfedern. Oder TV-Heldinnen. Nicht mehr viele, aber einige wenige. Und darunter auch solche, die von ihren eigenen Häusern geächtet wurden. Der NDR ist ein solcher Sauladen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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BIERERNST.
Nichts ist schlechter zu ertragen als ernster Ernst. Der Engländer nennt es abwertend PATHOS: „Don‘t be pathetic!“ Dem Deutschen wird diese Ironiefreiheit als Nationalcharakter nachgesagt und mit der urdeutschen Droge verknüpft, dem Bier. Der angetrunkene Spießer sucht Streit und ist zum Zorn begabt. Wie unangenehm.
Ich lese, dass der Wahlerfolg der AfD auch auf einen erfolgreichen Wahlkampf auf TikTok zurückzuführen sei. Ich kannte das bis vor kurzem gar nicht. Jetzt habe ich mich mal in dieses Universum der Albernheit begeben. Nun, ein gewisser Zwang zum Witzereißen ist unverkennbar, die Manie zur Pointe. Es hat ein wenig etwas von einem auf Dauer gestellten Karneval. Banales. Zumindest nicht bierernst.
Alle großen Menschen, die ich habe kennenlernen dürfen, hatten HUMOR. Sie konnten beherzt und unverstellt lachen. Ein Gottesgeschenk, die fette Lache. Böse Menschen, sagt das Dichterwort, haben keine Lieder. Vor allem aber sind sie frei von IRONIE. Dem Zyniker ist sie nur gegeben, wenn er lästert; der frohe Mensch hat sie auch, wenn es ihn selbst betrifft. Man nimmt sich nicht allzu ernst.
Nun mag der Zeitgenosse der allfälligen Anekdote anstrengend sein, aber nicht so unangenehm bedrängend wie der Uneigentliche. Die Authentischen sind unerträglich. Deshalb mit allem Nachdruck: Lieber einen guten Freund verloren, als ein Wortspiel ausgelassen.
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HASELNUSS.
Die Hymne Europas summt keine „Ode an die Freude“ mehr. Schiller und Beethoven sind out. Es wird Heino aufgelegt: Schwarz-braun ist die Haselnuss. Auch im erweiterten Germanien (Austria wieder angeschlossen) steht als feste Struktur, was man schon in Osteuropa sah, das zum klassisch konservativen Lager eine neue Rechte kommt. Die Hälfte der Wähler sind klar rechts der alten Mitte.
Die Mitte hat sich damit verschoben. Die Ampel ist aus. Rot und grün und gelb, die deutsche Koalition der Hoffnung, bringt es noch auf ein Drittel. Die Haselnüsse auf die Hälfte. In vielen Regionen sind die Braunen als stärkste Partei vorn. Das also hat der „Kampf gegen Rechts“ im Ergebnis gebracht. Die Grünen abgestraft, sie büßen gut 8 Prozentpunkte ein; die Jungwähler sind für sie ganz verloren.
In Italien wird die Regierung bereits von einer gelernten Faschistin geführt, in Frankreich droht das. Ein einheitliches Bild in Mitteleuropa. Und es geht im Stimmungsbarometer allerorten um die Integration der Migration, in diesem doppelten Sinn. Der hier notorisch fehlende politische Gestaltungswille wird abgestraft. Heino singt also nicht nur auf Sylt. Ein Trauerspiel.
Für die FDP hat sich das sprichwörtliche Flintenweib-Syndrom nicht gelohnt, für die Abspaltung der Linken unter der Lafontaine-Gattin Wagenknecht mit gegenteiliger Kampfrichtung sehr wohl. Ich hätte mir im Europäischen Parlament eine klare Mehrheit für ein liberales Europa gewünscht, damit diese Idee nicht verfällt. Jetzt droht mir das Trienen-Triumvirat von Meloni, Le Penn und von der Leyen. Mutti mal drei.
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Vaterlandslose Gesellen bilden die Spitze der Wirtschaft: Das hat Merkel von Kohl gelernt
Ich bin der kleine Mann in Merkels Ohr. Ich durfte ihr zuhören, als sie die Börsenzeitung las. Und ich bin nicht der große Mann an der Spitze des Stromkonzerns RWE. Der hatte die Nachrichtenlage erzeugt, von der Merkel gestern beim Frühstück las.
Also, wir sind bei Merkel&Sauer zu Hause; der Joachim frühstückt still und so hat die Angela Zeit, die vielen Clippings zu lesen, die ihr vom Bundespresseamt zusammengestellt werden. Darin soll sich der Erfolg ihrer Politik spiegeln. Stressige Wochen liegen hinter der Kanzlerin. Sie hat Dinge tun müssen, die sie selbst für sachlich richtig hält, die aber beim Wähler keine Punkte bringen. Das sind die schweren Stunden der Pflicht, zu Zeiten, in denen sich die Opposition in Populismus suhlt.
Aber die Merkels&Sauers sind Naturwissenschaftler und keine Berufspolitiker ohne jede Bildung, von denen es freilich Heerscharen im sogenannten Westerwelle-Format gibt. Merkel hat die Laufzeit der Kernkraftwerke verlängert, weil sie das von der Sache her für geboten hielt.
Sie hat den schwarz-grünen Opportunisten Röttgen zurückgestutzt, und dem liberalen Wirtschaftsminister seinen Willen gelassen. Sie hat sich bemüht, die „windfallprofits“ der Industrie soweit steuerlich abzuschöpfen, dass das Ganze nicht wie eine Begünstigung der Abzocker aussah. Und danach hat sie sich weiß Gott eine Schrippe mit Rübenkraut aus der Uckermark, ihre Leibspeise, verdient.
Das Marmeladenbrötchen fiel der Guten aber aus dem Mund, ich schwöre, schließlich bin ich der kleine Mann in ihrem Ohr. Dann las sie dem Ehegatten Joachim vor, was da in der Börsenzeitung, unzweifelhaft die seriöseste Zeitung über den Kapitalmarkt, stand. Das ging so: „Es waren gute Nachrichten für die Stromversorger in Deutschland, die aus Berlin kamen: Die Laufzeiten der Atomkraftwerke wurden verlängert, die finanziellen Belastungen fallen hingegen geringer aus, als von den Unternehmen befürchtet. Die Börsen reagierten prompt, und die Versorgeraktien zogen teils kräftig an. Jetzt da die Sektlaune verflogen ist, fällt auch die Betrachtung etwas differenzierter aus. Die großen Versorger dürfen tatsächlich von der Laufzeitverlängerung profitieren, doch echte Planungssicherheit besteht trotzdem nicht.“
Merkels Mundwinkel nahmen die harte Kerbung an, die man von der Hohensteiner Puppenkiste kennt. Das habe der Alte, sie meint Kohl, immer gesagt, dass man sich auf diese Herren nicht verlassen könne. Er habe dann immer etwas von Wackersdorf erzählt, einer Wiederaufarbeitungsanlage für Uran, die er habe mit dem Bundesgrenzschutz verteidigen müssen, bis die Herren der Versorger ihn auf dem Ticket hätten hängen lassen.
Kohl habe sie für vaterlandslose Gesellen gehalten, die Herren der Vorstandsetagen. Joachim will seinen Schatz trösten und sagt: „Dafür hast Du einen Jahrtausendvertrag geschlossen. Eine Revolution, das hast Du doch selbst gesagt. Guck nicht so grimmig, Du siehst schon wieder aus wie eine Marionette!“ Das scheint sie nicht gerne zu hören. „Wie eine Marionette sah ich aus, als die Herren mir kurz vor der Entscheidung in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige noch mal den Stinkefinger zeigen mussten“, grollte sie.
Wer all das, was ich hier erzähle, für frei erfunden hält, den muss ich noch mal erinnern: Ich bin der kleine Mann in Angelas Ohr. Und nach der Droh-Anzeige, da kann man den großen Mann beim RWE fragen, der das über seine Entourage beim BDI inszeniert hat.
Eine ordnungspolitische Idiotie von Weimarer Ausmaß. Kaum zu glauben, aber wahr. Nachdem so die Sozis und die Grünen ein Megathema auf dem Tablett serviert bekamen, wird der Jahrtausendvertrag nicht mal ein Jahrhundertvertrag, sondern das Erste, was nach der nächsten Wahl fällt.
Und dann hat die Angela was dazu gesagt, wer Schwarz-Grün die nächste Wahl versaut habe: Das will ich hier nicht wiederholen, weil auch ein kleiner Mann im Ohr so seine Regeln der Diskretion hat. Auch das unterscheidet den kleinen Mann von den großen Männern, die nach Terminen im Kanzleramt von Geheimverhandlungen faseln und die Bundesregierung durch solche Plaudereien nachhaltig diskreditieren.
Solche Großmänner erinnern mich immer an eine Figur bei John Steinbeck, Von Menschen und Mäusen, die Kätzchen streicheln will und dabei dem Tier das Genick bricht; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Das fand der Jockel wiederum klasse, weil das habe Angie doch immer schon gesagt. „Eine gute Startbasis für Deine Zeit als Oppositionsführerin unter der neuen rotgrünen Regierung von Gabriel und Trittin“ waren seine Worte. Gut, dass sie ihre Schrippe schon aufhatte, sonst wäre auch der Rest noch im Tee versunken: storm in a teacup. Joachim ging ins Institut, Angela ins Amt und der große Mann in sein Dreisterne-Restaurant: Deutschland im Herbst.
Quelle: starke-meinungen.de