Logbuch
WAS MAN NICHT WEISS.
Selbstzweifel können ein Zeichen von Intelligenz sein. Hoffe ich. Sonst bliebe mir nur das Eingeständnis, dass ich keine Ahnung habe. Zum Beispiel WAGNER.
Ich habe keine Ahnung, was in Russland passiert ist, was den Putschversuch der Söldnertruppe WAGNER betrifft. Keine. Und die Medien machen mich nicht schlauer. Von den abgeschmackten Talkshowrunden erwartet das ja auch niemand mehr. Nicht mal Professoren der Bundeswehrhochschulen wissen mich noch zu erleuchten.
Nun lese ich, dass amerikanische Geheimdienstkreise den Putsch schon lange erwartet hätten. Das steigert meine Skepsis weiter. Sind das die gleichen Kreise, die die Sabotage der Unterwasserpipeline, angeblich durch ukrainische Kräfte, schon lange erwartet haben? Ich weigere mich, den Verschwörungstheorien im Netz auch nur zu lauschen. Stichwort: PC von Joe Bidens Sohn. Schluss damit. Stand: Ich weiß nicht, was da los ist.
Man könnte eine Professorin der Bundeswehrhochschule fragen. Ich sehe da eine auf Twitter, die den sozialen Mut hat, in der Öffentlichkeit Zigaretten zu rauchen. Wir reden von Tabak, Ihr Kiffer! Mahlborro. Man findet die Held:innen:Tat in den Feuilletons gepriesen, dass sie sich eine angesteckt habe; und zwar von ihr selbst. Sie sagt auch wo und bei wem; und es fallen für den Insider seriöse Namen. Aber, Himmel hilf, welch eine Pose.
Einen, den ich ernsthaft hätte fragen wollen, was da los ist, im Kreml, den hat der Herrgott schon abtreten lassen; meinen alten Chef bei der Ruhrgas AG; und von denen, die noch da sind, trau ich keinem. Also lerne ich damit umzugehen, dass ich nicht wissen kann, ob der Putsch ein vorgetäuschter war und wenn warum. Mir ist eine Formulierung des großen IMMANUEL KANT geläufig: „Was kann ich wissen?“ Das kann ich nicht wissen.
Was ich aber weiß, ist, dass eine Hochschule der Bundeswehr keine Universität ist. Das sind zwei oder drei Anstalten zur Ausbildung von Offiziersanwärtern. Wenn Schütze Arsch ins Casino will. Zutritt zur Hochschule erhält, wer körperlich und charakterlich geeignet ist (da wär ich schon ausgemustert) und Fachhochschulreife hat (das würde ich schaffen). Lehrkörper:innen müssen auf Lunge rauchen können.
Darf ich als „anerkannter KDV“ (und Ersatzreserve II) erwähnen, dass ich auch aus Kreisen der Militärs keine Erleuchtung erfahren habe, was in Russland los ist. Nicht mal von Merkels Brigadegeneral. Ich werde mal Doris in Hannover fragen, ob sie von Boris näheres weiß. Was? Die sind nicht mehr zusammen? Ich bin echt aufgeschmissen.
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GEKAUFTE PRESSE.
Die Spitzengastronomie ist ein Geschäft, das vom guten Ruf abhängt. Daran beteiligen sich Restaurantführer, indem sie Sterne, Punkte oder Hauben verleihen. Wo Reputation Geld wert ist, fließen Gelder. Ich weiß, wovon ich rede.
Gastrokritiker sind Journalisten, die ihren Geist oder auch nur den Gaumen zur Bewertung nutzen, ob etwas den Koch zum Künstler macht und dann dem Wirt Wohlstand bringt. Hier geht es um Geschmack. Feinste Verästelungen des Vermögens an Speis und Trank. Die jeweiligen Urteile zum Gericht sind dabei nicht durch Gerichtsurteile zu korrigieren. Das öffnet der Korruption Tür und Tor.
So wurde mir von einem Kritiker berichtet, der immer im eigenen PKW kam, den Schlüssel beim Einchecken in die „Tote Taube am Bach“ abgab, und nach dem Dinner am nächsten Morgen bei der Abreise seinen Kofferraum wohl befüllt vorfand. Mein Informant war damals da Jungkoch dort, ist Jahrzehnte her. Ich weiß gar nicht, ob es das Restaurant noch gibt; ohnehin komischer Name. In Koblenz heißt der neue heiße Scheiß schlicht: „schlicht“.
Von einem anderen Restaurantkritiker wird erzählt, dass er gerne mit dem Restaurantleiter Aufzug fuhr. In der Kabine wechselten Umschläge die Westentasche. Aber auch der müsste, so er noch lebt, lange raus sein. Heute geht das nach „compliance“: das ist, wenn man es nur noch legal macht. Amerikanischer Calvinismus: Compliance verhindert die kleinen Schweinereien, damit sie die großen nicht stören.
Ich zähle hier keine aktuellen Fälle der gekauften Gastro-Presse auf, weil ich bei den von mir geschätzten Wirtshäusern nicht schuld sein will, wenn der Resto-Führer sie künftig abstraft. Ich will zudem aber auch keine unnötige Werbung machen, weil es dann dort noch voller und am Ende teurer wird.
Aber das sei doch erzählt: Ich hole mir in einem Berliner Edelbumms eine Vergiftung durch schlechte Austern. Und als der Notarzt nachts um drei die Wohnung betrat, sagt er: „Na, waren wir im XYZ und haben ein halbes Dutzend Austern genommen?“ Mit gebrochener Stimme antworte ich: „Ein Dutzend.“ Dann kam ich an den Tropf.
Was sich hinter XYZ verbirgt? Keine Chance. Aber eher kein schlichtes Wirtshaus. Eher sowas wie Tote Taube am Bach.
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EPITAPH.
Springer ist schlau. Bald schreibt ein Computer namens KI die BILD. Es ist wohl billiger, wenn Maschinen lügen, als wenn man dazu eigens gescheiterte Existenzen mit Schreibtischen und Koks versorgt. Der Fortschritt der Fake News.
Aus Hannover weht ein Streit in die Sozialen Medien, in dem sich längst pensionierte Journalisten gegenseitig die Ehre abschneiden. Ausgelöst durch einen Nachruf auf einen jüngst dort Verstorbenen. Zugegeben, der Epilog auf den Dahingeschiedenen schilderte ihn von seinen guten Seiten her. Er hatte auch andere. Aber das ist doch nicht Gegenstand von Gefallenenreden.
Es zeigt mir aber wieder, dass Eifersucht die Triebfeder der Journaille ist. Sie schreiben, weil sie was gelten wollen. Ohne diese Eitelkeit fehlte es ihnen am Elan. Im konkreten Fall geht es um die Binnenkonkurrenz zwischen einem Boulevardblatt und einer Tageszeitung der regionalen Abonnementpresse innerhalb eines Hannoveraner Verlages, nämlich Madsack. Bei Springer war das früher der Wettbewerb von rot und blau.
Ich will den geneigten Nachruf auf den Gefallenen mit einer weiteren Episode stützen. Axel hatte als Sitzredakteur eine Episode zu schreiben für die elende Kolumne „Heute vor 25 Jahren“, aber keine Lust eigens in den Keller zu kriechen, in dem damals noch die Archive schlummerten. Faul, aber frech, wie Axel war, dachte er sich eine Geschichte aus, wie sie vor einem Vierteljahrhundert im Blatt hätte stehen können. Mehr an profaner Wirklichkeit braucht ein guter Mann nicht.
Es ging dann in der Kolumne um einen kleinen Jungen, der das Leben eines Igels rettet, indem er ihn bei plötzlichem Wintereinbruch über die Straße trägt. Konnte eh keiner kontrollieren, es gab noch kein Internet. Die Ente erscheint und gegen Mittag klingelt es an der Redaktionstür. Ein Herr steht dort und bekennt: „Ich bin der kleine Junge, ich hab damals den Igel gerettet!“ Axel erzählte die Geschichte gern. Und schloss sie mit seiner Lebensweisheit: „Irgendwann wird alles wahr.“
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Vaterlandslose Gesellen bilden die Spitze der Wirtschaft: Das hat Merkel von Kohl gelernt
Ich bin der kleine Mann in Merkels Ohr. Ich durfte ihr zuhören, als sie die Börsenzeitung las. Und ich bin nicht der große Mann an der Spitze des Stromkonzerns RWE. Der hatte die Nachrichtenlage erzeugt, von der Merkel gestern beim Frühstück las.
Also, wir sind bei Merkel&Sauer zu Hause; der Joachim frühstückt still und so hat die Angela Zeit, die vielen Clippings zu lesen, die ihr vom Bundespresseamt zusammengestellt werden. Darin soll sich der Erfolg ihrer Politik spiegeln. Stressige Wochen liegen hinter der Kanzlerin. Sie hat Dinge tun müssen, die sie selbst für sachlich richtig hält, die aber beim Wähler keine Punkte bringen. Das sind die schweren Stunden der Pflicht, zu Zeiten, in denen sich die Opposition in Populismus suhlt.
Aber die Merkels&Sauers sind Naturwissenschaftler und keine Berufspolitiker ohne jede Bildung, von denen es freilich Heerscharen im sogenannten Westerwelle-Format gibt. Merkel hat die Laufzeit der Kernkraftwerke verlängert, weil sie das von der Sache her für geboten hielt.
Sie hat den schwarz-grünen Opportunisten Röttgen zurückgestutzt, und dem liberalen Wirtschaftsminister seinen Willen gelassen. Sie hat sich bemüht, die „windfallprofits“ der Industrie soweit steuerlich abzuschöpfen, dass das Ganze nicht wie eine Begünstigung der Abzocker aussah. Und danach hat sie sich weiß Gott eine Schrippe mit Rübenkraut aus der Uckermark, ihre Leibspeise, verdient.
Das Marmeladenbrötchen fiel der Guten aber aus dem Mund, ich schwöre, schließlich bin ich der kleine Mann in ihrem Ohr. Dann las sie dem Ehegatten Joachim vor, was da in der Börsenzeitung, unzweifelhaft die seriöseste Zeitung über den Kapitalmarkt, stand. Das ging so: „Es waren gute Nachrichten für die Stromversorger in Deutschland, die aus Berlin kamen: Die Laufzeiten der Atomkraftwerke wurden verlängert, die finanziellen Belastungen fallen hingegen geringer aus, als von den Unternehmen befürchtet. Die Börsen reagierten prompt, und die Versorgeraktien zogen teils kräftig an. Jetzt da die Sektlaune verflogen ist, fällt auch die Betrachtung etwas differenzierter aus. Die großen Versorger dürfen tatsächlich von der Laufzeitverlängerung profitieren, doch echte Planungssicherheit besteht trotzdem nicht.“
Merkels Mundwinkel nahmen die harte Kerbung an, die man von der Hohensteiner Puppenkiste kennt. Das habe der Alte, sie meint Kohl, immer gesagt, dass man sich auf diese Herren nicht verlassen könne. Er habe dann immer etwas von Wackersdorf erzählt, einer Wiederaufarbeitungsanlage für Uran, die er habe mit dem Bundesgrenzschutz verteidigen müssen, bis die Herren der Versorger ihn auf dem Ticket hätten hängen lassen.
Kohl habe sie für vaterlandslose Gesellen gehalten, die Herren der Vorstandsetagen. Joachim will seinen Schatz trösten und sagt: „Dafür hast Du einen Jahrtausendvertrag geschlossen. Eine Revolution, das hast Du doch selbst gesagt. Guck nicht so grimmig, Du siehst schon wieder aus wie eine Marionette!“ Das scheint sie nicht gerne zu hören. „Wie eine Marionette sah ich aus, als die Herren mir kurz vor der Entscheidung in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige noch mal den Stinkefinger zeigen mussten“, grollte sie.
Wer all das, was ich hier erzähle, für frei erfunden hält, den muss ich noch mal erinnern: Ich bin der kleine Mann in Angelas Ohr. Und nach der Droh-Anzeige, da kann man den großen Mann beim RWE fragen, der das über seine Entourage beim BDI inszeniert hat.
Eine ordnungspolitische Idiotie von Weimarer Ausmaß. Kaum zu glauben, aber wahr. Nachdem so die Sozis und die Grünen ein Megathema auf dem Tablett serviert bekamen, wird der Jahrtausendvertrag nicht mal ein Jahrhundertvertrag, sondern das Erste, was nach der nächsten Wahl fällt.
Und dann hat die Angela was dazu gesagt, wer Schwarz-Grün die nächste Wahl versaut habe: Das will ich hier nicht wiederholen, weil auch ein kleiner Mann im Ohr so seine Regeln der Diskretion hat. Auch das unterscheidet den kleinen Mann von den großen Männern, die nach Terminen im Kanzleramt von Geheimverhandlungen faseln und die Bundesregierung durch solche Plaudereien nachhaltig diskreditieren.
Solche Großmänner erinnern mich immer an eine Figur bei John Steinbeck, Von Menschen und Mäusen, die Kätzchen streicheln will und dabei dem Tier das Genick bricht; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Das fand der Jockel wiederum klasse, weil das habe Angie doch immer schon gesagt. „Eine gute Startbasis für Deine Zeit als Oppositionsführerin unter der neuen rotgrünen Regierung von Gabriel und Trittin“ waren seine Worte. Gut, dass sie ihre Schrippe schon aufhatte, sonst wäre auch der Rest noch im Tee versunken: storm in a teacup. Joachim ging ins Institut, Angela ins Amt und der große Mann in sein Dreisterne-Restaurant: Deutschland im Herbst.
Quelle: starke-meinungen.de