Logbuch
BILDUNGSDÜNKEL.
Für das Fachgebiet „Investor Relations“ habe ich mal eine brillante Engländerin eingestellt, die einen Abschluss in „literature“ hatte. Sie wurde von einem BWLer gefragt, ob das reiche. Typisch deutsch.
Nicht mehr. An englischen Universitäten werden jetzt auch die GEISTESWISSENSCHAFTEN abgewertet, weil ein Abschluss in „humanities“ nicht direkt zu einem aussichtsreichen BERUF führe. Darin liegt der Glaube, dass BILDUNG nichts tauge. Man will an Universitäten eine AUSBILDUNG liefern. Ein Irrweg.
Es ist nicht zufällig, dass ich diesen Unsinn von einer Hochschule in Sheffield lese, die mal ein Polytechnikum war. Man hat dort einst Schrauber (vulgo Ingenieure) ausgebildet; da will man frühzeitig wissen, für welches Fach. Fächer sind diesen Flachköpfen zum Beispiel „Elektro“ oder „Gas, Wasser, Scheiße“. In der Tat unterschiedliche Welten. Für diese Horizonte gibt es bei uns aber eine MEISTER-Prüfung im Handwerk (aller Ehren wert) oder FACHHOCHSCHULEN, sogenannte „universities of applied scienties“: eine Ausbildung zum Anwendungstechniker (auch aller Ehren wert).
Ein akademisches Studium fragt nicht nach Berufsmöglichkeiten, weil das den wissenschaftlichen Blick verstellt. Man kann Humanmedizin studieren, aber nicht auf Kassenarzt für Fußpilz. Ich bin zudem großer Anhänger der zweigliedrigen Ausbildung für Staatsämter, wo nach dem ersten Staatsexamen ein Referendariat abzulegen ist, das mit einem zweiten Staatsexamen abschließt. Im Ernst: Der Mensch beginnt eigentlich erst beim Assessor.
Das gilt für den Volljuristen (wie bei den netten Notar, der mein Nachbar ist) oder der Archivarin (die in einem Unternehmensarchiv mal meine Mitarbeiterin war) oder dem Studiendirektor (dessen germanistischer Ruf von der Ruhr bis nach Reval reicht). Was dem Staatsdiener der Assessor, das ist dem Akademiker die Promotion, jedenfalls akademisch (!) das FACH. Dazu bilden die geschmähten GEISTESWISSENSCHAFTEN nun mal die Grundlage. Ja, man muss HOMER und die BIBEL gelesen haben; übrigens auch das KAPITAL.
Allgemeinbildung schützt vor Fachidiotentum. Jetzt die Rehabilitation der Ingenieure. Noch mehr, die der Physiker. Ich rede nicht mit Leuten, die nicht den „Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik“ erläutern können. Und die Mathematik ist eine Geisteswissenschaft (die ich leider nicht beherrsche, ein klarer Charaktermangel). Das alles klingt reichlich arrogant. Ist es nicht. Ich selbst habe nur „humanities“ studiert und lehre an einer Hochschule, die mal Fachhochschule war. Und lobpreise den geachteten Meister des Handwerks; wenn er denn mal kommt.
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SPUKSCHLOSS ELMAU.
Die Welt ist zu Gast in Bayern, in dem alpinen SCHLOSS ELMAU. Wegen seiner Naturschönheit gelobt. Für mich ein Ort der Verlogenheit, eher beängstigend. Es spukt. Angela Merkel erlag dem Charme.
Ich war über all die Jahre nur drei oder vier Mal in dem entlegenen Hotel und bin noch immer irritiert. Die Schönheit der Natur ist so ausgeprägt, dass man von gigantischem Kitsch sprechen könnte, ließe sie den Menschen nicht verstummen. Das war das Kalkül der Gründer. URLAUB VOM ICH sollte hier möglich sein. Eine sehr frugale Restauration unterstützte das.
Ein Wallfahrtsort des Protestantismus. Ich war mit JOHANNES RAU hier, dem späteren Bundespräsidenten, der schätzte, dass die Gäste reinen Herzens beim gemeinschaftlichen Frühstück an Holzbänken von den Töchtern in adretten Dirndl bedient wurden. Bircher Müsli und ein Hauch von König Ödipus. Das war sehr befremdlich. Fast wie in diesem Film mit Jack Nicholsen in dem eingeschneiten Berghotel namens SHINING. Nachts raunte es „Redrum“ auch auf den Gänge von Elmau.
Der Gründer von Elmau war ein protestantischer SEKTENFÜHRER namens Müller, der Erfinder des URLAUB VOM ICH, ein Freund auch jüdischer Kultur wie auch (Achtung!) Verehrer Adolf Hitlers. Ja, das ging. Der Evangele verehrte dessen Ideologie der Volksgemeinschaft. Weil eben auch Hitler einen Urlaub vom Ich vorschwebte. Gruselig, da hilft dann auch die ganze Kulturbeflissenheit nicht. Redrum von hinten lesen! Murder! Der Herrgott war öfters entsetzt und hat die Bude deshalb auch mehrmals abbrennen lassen.
Dann war ich dort als PETER SLOTERDIJK seine legendäre Rede unter dem Titel „Regeln im Menschenpark“ hielt, die eine regelrechte VENDETTA gegen ihn auslöste. Nicht von Dummen, nein, von den Intellektuellen seiner Zeit, die ihn hätten verstehen können, aber es nicht wollten. Eine Schande des Wissenschaftsbetriebes bis heute. Aber er hat Elmau überstanden und lebt nun weltberühmt in Berlin-Zehlendorf oder Klein-Manchow. REDRUM als Rufmord verhindert.
Dann war ich dort auf einem Treffen von Berufskollegen, das ein einschlägiger Verleger als GEHEIMSITZUNG geplant hatte. Es herrschte ein Geist der Verdeckung, den sonst nur Freimaurer kennen. Aber der komplette Abend fand sich in einer Gazette nacherzählt. Bei den Freimaurern wäre das mit dem symbolischen Tod bedroht, hier wähnte man verschwörungsbereit Stasi-Mikros unterm Tisch. Banaler! Da ich die Bewirtungskosten für das Event übernommen hatte, bekam ich bei Abreise alle Belege, auch die zu den Telefonaten vom Zimmer. Mit Zeiten und Nummern. Der Journalist der Gazette war noch nächstens von einem der Teilnehmer angerufen worden. Seitdem nehme ich an Geheimtreffen nicht mehr teil.
Ich geh auch nicht mehr nach Elmau. Und Urlaub hätte ich gern im ICH (nicht von ihm) und schon gar nicht in einem von Evangelen begafften Alpenkitsch. Das mag die Pfarrerstochter aus Meck-Pomm fasziniert haben, mir schmeckt das Müsli der VOLKSGEMEINSCHAFT nicht. Im Übrigen ist eben das kein netter Gedanke für die Sommerfrische, sondern die Zentralkategorie des Faschismus.
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RADIKALE PURITANER
Was uns amerikanisch scheint, das kann die Freiheitserklärung von 1776 sein, also sehr fortschrittliches Denken. Oder ein reaktionärer
Paternalismus christlicher Prägung, der dort schon 1620 an Land ging. Oder Katholisches von Iren und viele andere kulturelle Einflüsse aus den Migrationsmilieus. Wer gewinnt die Oberhand?
Ein großes Land. Mein amerikanischer Freund sagt zur Besiedelung seines Vaterlandes im heutigen Massachusetts durch englische Extremisten: "Im Jahre 1620 landeten die Pilgrim Fathers auf dem Plymouth Rock. Es wäre besser gewesen, der Plymouth Rock wäre auf den Pilgrim Fathers gelandet." Das ist schwarzer Humor, der der Erläuterung bedarf.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bildete sich in England eine Sektenbewegung, die sich selbst "Heilige" (saints) nannte (die Bezeichnung als Pilger erfolgte erst später und gehört zum historischen Kitsch der US-Geschichte) und einen radikalen Protestantismus verfolgten. Geistesgeschichtlich sprechen wir von CALVINISMUS oder PURITANISMUS. Dabei kommen zwei Komponenten zusammen, die bis heute nachwirken. Man war separatistisch und erkannte keine Autorität an, keinen Papst, keinen Bischof. Und man vertrat die Laien-Exegese der Bibel; das Buch galt als Gottes Wort, und zwar ohne weiteres verständlich für den naiven Leser. Man begründete die eigene Bigotterie mit Bibelzitaten, vornehmlich des Alten Testaments, jedwede Verdrehung war dabei recht. Bis heute.
Eigensinnig fanatische Frömmler mit einem Widerwille gegen externe Herrschaft, auch die des Staates oder auch nur der Vernunft. Schon ihre Glaubensbrüder waren ihnen "Fremde" (strangers). Sie wären 1620 in der neuen Welt ohne die Unterstützung durch die INDIANER (meint Ureinwohner Amerikas) glatt verhungert, was man am THANKSGIVING erinnert; das hat sie aber nicht gehindert, die Wilden anschließend auszurotten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die USA sind heute eine multikulturelle Gesellschaft, wie jedes Einwanderungsland seine zuwandernden Kulturen unter Leitkulturen integrierend, dabei kommt es zu interessanten Mischformen. Aber es gibt eben schon hegemoniale Strömungen, solche der Vorherrschaft. Die Macht lebt ja nie nach der Moral, sondern immer von ihr. Entsetzt registriert das westliche Europa wie Tonlagen der WEISSEN ÜBERLEGENHEIT, die man unter Trump täglich auf Twitter hörte, nicht marginal sind ("eine kleine radikale Minderheit"), sondern Milieus ansprechen, die größer zu sein scheinen.
Für RASSISMUS will niemand die Pilgrim Fathers ansprechen oder heutige Christen (obwohl das Thema des Anti-Judaismus einer sorgfältigen historischen Würdigung bedarf), aber die Stimmungslage zur Frage des Abtreibungsrechtes, die jetzt in den USA auch juristisch Oberhand gewinnt, die geht auf ein Denken zurück, das 1620 auf dem Plymouth Rock (MA) gelandet ist. Und da findet mein amerikanischer Freund, aber das hatten wir ja schon.
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Vom Lackmustest zur Leitkultur: Wünschen wir uns noch mehr, noch viel mehr Skandale!
Erinnern wir uns an den Chemieunterricht, jene seltenen, weil aufregenden Schulstunden, in denen ein weißbekittelter Pauker seine ihm eigene Ungeschicklichkeit zeigen konnte und die Schülerschar johlte, wenn es knallte. Es gab jene Papierstreifen, mit denen man den Lackmustest vollführen durfte. Eingetaucht in die suspekte Flüssigkeit, zeigte er durch Veränderung der Farbe an, ob es sich um Essig oder Natron, um Salpeter oder Ammoniak, sprich um eine Säure oder eine Base handelte.
An diese Schülerfreuden werde ich erinnert, während die Skandalpresse an mir vorbeizieht. Beginnen wir mit dem Buch des moslemscheuen Thilo Sarrazin, nach dem sich Deutschland abschafft durch eine überproportionale Fruchtbarkeit bildungsferner islamischer Einwanderermilieus. Auch ich habe die 22,99 € nicht ausgegeben und bin so der Anschaffung des Werks ausgewichen. Obwohl noch gestern ein arabischstämmiger Taxifahrer aus einem einschlägigen Berliner Bezirk wirklich unverschämt zu mir war, werde ich mich nicht in rassenbiologische Spekulationen flüchten, um zu verstehen, was fehlende Schulpflicht und eine Wattebäuschchenjustiz anrichten. Dazu ist alles gesagt. In eine andere Sauce möchte ich mein Lackmuspapier tauchen.
Und damit auch alle meinem Experiment folgen, kündige ich es mit einem unangemessenen historischen Vergleich an: Bücherverbrennung vor Kanzleramt und Schloss Bellevue. Die Bundeskanzlerin hat das Buch von Sarazin nicht gelesen und auch nicht vor, es zu lesen, fordert aber zu dessen Boykott auf, weil es „nicht hilfreich“ sei. Der Bundespräsident folgt der Ansage des Zensors und veranlasst die Entlassung des Autors aus der Bundesbank mittels „Mediation“.
Darf man nun in der Bundespressekonferenz regelmäßig die Empfehlung „hilfreicher“ Literatur erwarten? Ich lese und höre vom Aufschrei gegen diese „bildungsfernen Schichten“ in Bundeskanzler- und Bundespräsidialamt bei Frau Illner (Henryk M. Broder), in der Frankfurter Allgemeinen (Frank Schirrmacher) und im Tagesspiegel (Denis Scheck) und tauche mein Lackmuspapier in diesen Protest: einwandfrei die Säure der Demokratie.
Die Basen der Reaktion heißen Merkel und Wulff. Zum nächsten Skandal. Ein bekannter Schweizer Wetterfrosch soll unappetitliche Verhältnisse zu „stop-over-girls“ unterhalten haben. Das ist der Jargon von Piloten und Handlungsreisenden, die die Kosten für Hotelübernachtungen sparen, indem sie eine Kette von Ersatz-Kohabitationen unterhalten, vulgo Bratkartoffelverhältnisse. Eine von diesen Gelegenheitsbeglückten wirft dem Wetterfrosch nun per Justiz eine Vergewaltigung vor. Uns bleiben Details über die mutmaßliche Ekelhaftigkeit des TV-Stars nicht erspart.
Dieses Verfahren ist Alice Schwarzer („Emma“) zu mühsam; sie urteilt erkennbar aus Vorsatz und als Partei, nämlich für das Opfer, vorausgesetzt, das Opfer ist weiblich. Schwarzer hat den Furor der bösen alten Frau, die sich vor die junge weibliche Unschuld stellt. Das höhere Interesse ersetzt die Niederung konkreter Kenntnisse allzu oft. Bei „Anne Will“ räumt sie freimütig ein, dass sie ihr Hauptargument zugunsten des mutmaßlichen Opfers der Presse entnommen habe, aber dann weder das Opfer noch deren Anwalt dazu habe befragen können. Eine nicht verifizierte Mutmaßung als argumentative Keule; man glaubt seinen Augen und Ohren nicht zu trauen. Die Frankfurter Allgemeine (Harald Staun) registriert, dass sie bei den Verhandlungen, über die sie urteilt, nicht mehr gesehen werde. Gleichwohl fällt sie ihr Urteil, nachzulesen in BILD. Beseelt von der gerechten Sache, bedarf es nicht mehr der Recherche.
Hier handelt eine Hexe in der vermaledeiten Logik der Hexenverbrenner. Wäre es in der überheblichen Attitüde nicht so ekelhaft, könnte man es tragisch nennen. Halte ich in diese Brühe mein Lackmuspapier, sehe ich die Base Schwarzer. Und freue mich auf die ätzende Vernunft der Friedrichsen.
Nächster Skandal. Boni für Banker, satte Sonderzahlungen für das Management der verstaatlichen HRE, ehemals Deutsche Pfandbriefanstalt, jetzt Hypo Real Estate. Der Immobilienfinanzierer nimmt nicht nur Milliarden an Staatsgarantien in Anspruch, er muss auch versuchen, ein qualifiziertes Management im Haus zu halten, das nicht nur die Geschäfte ordnet, um die Krise zu überwinden, sondern um auch noch die politische Aufsicht durch eine entscheidungsarme Bundesregierung zu überleben.
Die Offenlegungsvorschriften für Gehälter der Banker und die Flatrate für Vorstände hat den Charakter der Bezüge als Statussymbole immens verstärkt; eine kontraproduktive Wirkung, ganz typisch für politische Überregulierung, die niemanden zur Vernunft bringt, aber Umgehungskriminalität erzeugt. Über Monate hat der Vorstand sich bemüht, die Zustimmung in Berlin für Sonderzahlungen zu bekommen, mit denen man die Abwanderung qualifizierten Personals verhindern wollte. Schließlich stimmte Berlin dem Betrag von 25 Millionen € zu; jedenfalls bis zu der Sekunde, in der der Betrag in den Medien auftauchte.
Da brach ein Sturm der Entrüstung los, durch alle Parteien. Den Vogel schoss der Opel-Betriebsratsboss Klaus Franz ab, der den Lohnverzicht der IG Metall bei der GM-Tochter mit den Boni verglichen. Man reibt sich die Augen: Die braven Seelen in Detroit und Rüsselsheim sind nicht mal in der Lage, einen wettbewerbsfähigen Mittelklassewagen zusammenzuschustern, jetzt haben sie schon ein Mandat zur Bankensanierung? Wenn irgend jemand in dieser Republik zu ordnungspolitischen Fragen schweigen sollte, dann ist es Opel, deren windiger Versuch, an Staatsknete zu kommen, noch im allgemeinen Bewusstsein ist. Lackmustest: Über Bankergagen palavern nur die Basen.Die einzige Bank, die dem Säuretest bestanden hat, war die Deutsche unter Joe Ackermann, der nicht nach Vater Staat rufen musste.
Alles in allem: Hat man den Lackmustest oft genug durchgeführt, klärt sich der Kopf für die schwierige Frage, in welcher Republik wir denn leben wollen. Das ist die große Chance der Empörung über Skandale, sie können als reinigende Gewitter ideologische Nebelschwaden zerreißen. Man verschafft sich Klarheit über die Leitkultur. Wir kennen die großen Leitsätze: Vorrang der Vernunft vor ideologischen Fundamentalismen und religiösen Offenbarungen und eine Demokratie, in der nicht nur die Gewalten getrennt sind, sondern auch Religion und Staat.
Quelle: starke-meinungen.de