Logbuch

DAS SOZIALE MENU.

Wie zu Studentenzeiten an der wilden Ruhr Universität lauschte ich gestern einer Vorlesung von HANS ULRICH GUMBRECHT, diesmal als Aufzeichnung am iPad. Er ist nur unwesentlich älter als ich und war damals einer der jüngsten Professoren in Bochum und ist nun an der Stanford University emeritiert. Hierzulande gilt er als Exot, da er die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Er spielt den Bildungseuropäer mit US-Faible. Sein Vortrag war in Luzern, wo sie ihn als einen der letzten Universalgelehrten preisen.

Gemach. Es geht um eine angeblich fixe Idee, die der GLEICHHEIT (im Französischen der BRÜDERLICHKEIT), die dem Schweizer Publikum als „Sozialdemokratismus“ erscheinen und nach „Unverteilung“ riechen. Das widerspricht dem bürgerlichen Liberalismus am Ort. Daran kann man sich also getrost abarbeiten. Der Professor sprich Deutsch, nennt aber einen einzelnen Begriff immer wieder nur auf Englisch: „affirmative action“. So werde in den US-Unis Gleichheit garantiert. Entgegen dem üblichen Schlendrian gucke ich das mir unbekannte Wort nach. Das wurde spannend.

Der Begriff stammt aus der Bürgerrechtsbewegung, also der Emanzipation der afrikanischen Amerikaner gegen weiße Vorherrschaft. Er stammt angeblich von John F. Kennedy und meint „positive Diskriminierung“; welch ein Wort. Gemeint ist vorsätzliche Vorteilsgewährung bei solchen sozialen Gruppen, die ansonsten Nachteile zu erwarten hätten. Die Leitvorstellung ist zum Beispiel eine möglichst vielfältige Population an Unis, die man eben durch eine solche positive Diskriminierung erreichen könne. So wie man ein Menu zusammenstellt.

Wohlgemerkt, es geht nicht um Chancengleichheit im allgemeinen Sinne, so wie wir das aus dem Hinweis kennen, dass bei gleichen fachlichen Voraussetzungen eine bestimmte Gruppe bevorzugt werde, etwa Menschen mit einer körperlichen Einschränkung. Es geht um die Verhinderung des Zufalls durch gestaltenden Eingriff in die soziale Selektion. Oder die Verhinderung des Vorurteils; das muss man schon einräumen. Aber wer gestaltet mit welchem Mandat nach wessen Maßgabe? Die Elite macht sich eine Elite.

Dagegen kann nur die Vorstellung der MERITOKRATIE stehen, nach der wirkliche individuelle Verdienste steuern sollen, wer vorne liegt und wer weiter hinten. Fairer Wettkampf der Leistungen. Darauf geht der grauhaarige Prof aus Kalifornien nicht weiter ein. So leicht hätten wir ihn damals nicht vom Pult gelassen. Alta, affirmative action, ich glaube es nicht.

Logbuch

DIE LUST ZU FABULIEREN.

Der hier geschätzte Brecht hat den Rat zu verantworten, dass man sich in großen Geschäften und wichtiger Politik „immer streng an die Unwahrheit zu halten“ habe. Eine Kettenreaktion erreicht man nicht mit lauen Notlügen.

Sollten Sie sich in Kreisen bolivianischer Dragqueens, sprich Fummeltunten, bewegen, die als Söhne portugiesisch sprechender Putzfrauen nachts die billigeren Clubs in New Yorker Stadtteil Queens bevölkern, nachdem sie tagsüber in Call Center als Drücker die Schmutzarbeit der Wall Street erledigt haben, dann könnten Sie den talentierten George Anthony Devolder Santos kennengelernt haben.

Gegen den Mann läuft schon einige Monate eine Hexenjagd, eine „witch hunt“, wie sie auch der Hausherr von Mar-a-Lago beklagt. Dabei ist Congressman Santos ein Grundguter, wie sein republikanisches Vorbild. Man leidet halt an „pseudologia fantastica“, dem Zwang, den Banalitäten des Lebens eine literarische Krone aufzusetzen: „living a fictionalized life“.

Santos erfand sich eine anständige Schule, eine gute Uni, einen bedeutenden Arbeitgeber. Das nennt man „Pimp up your CV“, wenn das Aufgehübschte noch halbwegs stimmt. Congressman Santos macht sich aber nicht die Mühe einer halben Lüge. Keine der vorgenannten Autoritären hatte je von ihm auch nur gehört. Aufgeklärt haben das Lügenjäger, sprich Journalisten der alten Schule, wie wir sie hierzulande nicht mehr so gern haben; aber das ist, wie Kipling sagt eine andere Geschichte.

Santos, der einer Familie von belgischen Brasilienmigranten entstammt, machte sich dann auch noch zum amerikanischen Juden mit Holocaustvergangenheit und ließ seine Mutter bei 9/11 in einem der Twin Towers sterben, die ihn einst nach einer 24wöchigen Schwangerschaft zur Welt gebracht hatte. Lug und Trug. Alles Geschichten, die seiner Fabalierlust geschuldet sind. Erkennbar gelogen, aber mit eitler Inbrunst erzählt.

Ich entnehme das dem neuen Buch von Mark Chuisano über Santos und teile sein Urteil. Das ist sehr amerikanisch. Das ist sehr aktuell. Das wird auf immer mit dem Namen Donald Trump verbunden bleiben. Dessen Staatsstreich vom 6. Januar des Vorjahres, sagt mir mein amerikanischer Freund, noch nicht gescheitert ist. Dabei ist jede Lüge recht, wenn sie nur monströs genug ist.

Logbuch

NOTAUSGABE.

Es gibt Premium-Hotels mit allem Drum und Dran. Und es gibt die Budget-Versionen, die mit dem Nötigsten auskommen. Notausgaben des Luxus.

Hamburg hat ein neues Flagschiff der „motel one“ genannten Kette, die zu vernünftigen Preisen einen sehr selektiven Luxus bieten. Ein wirklich großartiges Bett und eine Bar, die schlicht immer geöffnet ist; alles andere fällt aus oder ist auf ein Minimum reduziert. Kostet 100€ die Nacht; man zahlt sonst leicht das Vier- oder Fünffache. Wenn man das Konzept versteht, kommt man zurecht.

Das neue  „clouds one“ gefällt mir insoweit. Ich blicke über die Straße auf ein Hochhaus, das vergleichsweise in die Jahre gekommen ist. Scheint jetzt eine „law firm“ zu beherbergen. Irgendetwas rumort in meinem Hinterkopf. Dann klingelt es: Mensch, das alte SPIEGEL-Hochhaus. Sitz einer Redaktion, vor der wir PR-Leute wirklich Respekt hatten. Ich habe hier matte Chefredakteure erlebt und lebendige, eine wache Redaktion und auch mehrere eher selbstbezügliche. Aber man gibt als PR-Mann Journalisten keine Noten, jedenfalls keine guten.

Für alle Informanten, das sind die wahren Lieferanten von „content“, gilt,  dass sie ein drittes Motiv haben, jenseits der Wahrheitsliebe. Immer ist der Informant auch Verräter, der Revanche übt. Das weiß man. Der erfahrene Journalist pflegt ihn gleichwohl. Niemals geht er ihm im Blatt persönlich an. Oder er will ihn bewusst verlieren oder gar Seinesgleichen rächen; aber das ist dann eine andere Geschichte, wie Kipling sagt.

So war das jedenfalls früher. Man hat keine „insultatio ad hominem“ ins Blatt gehoben. Solche Niedertracht war dem Selbstverständnis des SPIEGEL nach bei Springers zuhause, aber nicht bei Augsteins. Das hat sich geändert. Ich könnte das am frischen Blatt konkretisieren, will es aber nicht.

Ein paar Blöcke weiter die Straße runter ist das neue SPIEGEL-Gebäude. Schmale Aussengebäude um einen gigantischen Innenhof. Ein Bau von deutlich größerem Volumen. Und innen eben leider leer.

Logbuch

Als Linker geboren, soll ich als Rechter sterben?

Eine starke Meinung hat mich aus der Bahn geworfen. Ich befinde mich mitten in einer Identitätskrise, weil ich einen Kommentar im Tagesspiegel gelesen habe, der mich umhaut. Dort hat ein Universitätsprofessor zur Gründung einer neuen Partei aufgerufen, rechts von der CDU.

Mit der Tollkühnheit eines Sarrazin fragt er, ob wir nicht neben Antifa und Angela eine neue Rechte brauchen. In Deutschland sei Platz für eine Partei auf der politischen Rechten. Da hebt sich ein bürgerliches Haupt, der Mann ist ein kluger und liberaler Kopf, und wagt es, einen konservativen, wenn nicht reaktionären, wenn nicht faschistischen Vorschlag zu machen? Warum mich das umhaut? Ich bin wirklich empört, finde aber seine Argumente schlüssig. Als Linker geboren, fürchte ich nun, als Rechter zu sterben.

Der Reihe nach. Was sagt der Philosophieprofessor Norbert Bolz, Medienwissenschaftler an der Technischen Universität zu Berlin? Hier seine Argumente.  Die CDU ist unter Angela Merkel endgültig zu einer sozialdemokratischen Partei geworden. Die schwarzen Landesfürsten haben ihr den Rücken zugekehrt. Die SPD hat sich modernisiert und dabei die Ewiggestrigen in  der Linkspartei zurückgelassen, die die Ressentiments der DDR-Bonzen und Zukurzgekommenen pflegen und den Sozialismus von Vorgestern für das Patentrezept halten.

Der Philosoph Bolz findet nun, rechts von der Union sei Platz geworden für eine neue Rechte. Es schwebt ihm eine parlamentarische Links-Rechts-Achse vor, die so verlaufen soll: Linke-SPD-Grüne-FDP-CDU-Rechte. Wohlgemerkt: Kein Platz für die NPD. Man täte Bolz ohnehin bitteres Unrecht, wollte man ihn als deutschtümelnden Fascho abtun.

Ich lese seine wissenschaftlichen Bücher seit Jahren, zuletzt „Die ungeliebte Freiheit“, und bin von Gedankenreichtum wie Sprachkraft des Mannes begeistert, ein Genie unter einem Geschlecht professoraler Trottel und ein durch und durch demokratischer Geist.

Heute agiert als führender Freidemokrat ein Staatsschauspieler namens Westerwelle, der über eine 15minütige Kabinettssitzung unter seiner Leitung als Vizekanzler eine einstündige Pressekonferenz gibt: der Vizekanzler als Possengeck eines Schmierentheaters.

Vielleicht ist das Ganze also nur der Versuch, der schwächelnden Guido-Partei einen neue politische Heimat schmackhaft zu machen: rechts von der CDU. Dafür spräche  einiges, da es eine FDP links von der CDU ja schon sehr erfolgreich gibt, die Grünen.

Die unsägliche Gründungsmutter der Ökos, Jutta von und zu Dittfurth, nennt ihre grünen Genossen inzwischen FDPler mit Fahrrad.

Das alles verwirrt mich nicht. Mich treibt um, was Professor Bolz als Inhalte der neuen Rechten beschreibt: Die Rechte ist gegen den Paternalismus des vorsorgenden Sozialstaates, für mehr Selbstverantwortung und den unzweideutigen Schutz des Eigentums.

Die Rechte ist für einen fröhlichen Patriotismus und eine christliche Leitkultur. Die Rechte hält am Vorrang der traditionellen Familie und an einem mehrgliedrigen Bildungssystem fest. Die politische Rechte steht für Bürgerlichkeit.

Das spukt nun in meinem Kopf. Und ich variiere das Programm. Ich bin für Bürgerlichkeit, wenn wir damit auch den Citoyen, den Bürgerrechtler, und nicht nur den Bourgeois, den Besitzbürger, meinen. Ich bin Patriot, wenn wir damit die aufgeklärte europäische Identität meines Vaterlandes meinen. Ich bin für den besonderen Schutz der Familie, habe aber natürlich nichts dagegen, wenn auch gleichgeschlechtliche Beziehungen vor den Standesbeamten wollen.

Kurzum: Wenn das, was Bolz da vorträgt, rechts ist, dann bin ich rechts. Das kann nicht sein. Mein Entsetzen scheint der hinterhältige Professor geahnt zu haben. Er spricht von einem Sarrazin-Syndrom, nach dem man nicht mehr alles sagen dürfe, was man denke. Er vermutet, jeder gelte als rechts, der den Mut habe, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung durch Gutmenschen zu bedienen.

Damit zitiert er Kant, den philosophischen Begründer der Aufklärung. Das ist gut so. Und er zitiert den Nazi-Propagandisten Josef Goebbels, von dem der Begriff des Gutmenschen stammt; der „Stürmer“ hat ihn populär gemacht. Eine unglückliche Wortwahl, aber das Antifaschistische Syndrom greift sofort bei mir.

Die Ablehnung einer Entmündigung durch den vorsorgenden Sozialstaat kann nicht so weit gehen, dass moralischer und sozialer Zynismus Platz greift. Die Bewunderung von „Leistungsträgern“ kann nicht so weit gehen, dass man das Solidarprinzip auflöst, das auch eine privatrechtliche Versicherung ausmacht.

Die englische Rechte Lady Thatcher ist für den so typischen Satz verantwortlich: „There is no such thing as society, all I know is families!“ Das ist vormoderne Klassenherrschaft.

Ja, es gibt keine soziale Gerechtigkeit, aber die Rechtsgleichheit darf auch nicht nur auf dem Papier stehen, sie muss die Chancen wirklich gewähren wollen, von denen sie spricht. Erleichterung ergreift mein Herz, während ich mich gedanklich Schritt für Schritt aus den Fängen des Projektes der neuen Rechten befreie.

Nein, ich werde diesen Weg der Liberalen an den rechten Rand nicht begleiten. Ich bleibe wohl ein Sozialdemokrat, allerdings ein bürgerlicher. Ein konservativer Sozi, das ist für jemanden, der sein politisches Leben im Che-Guevara-T-Shirt als Revolutionär begonnen hat, schon traurig genug.

Und damit kann ich dann eigentlich auch Merkels CDU oder die FDP sozialliberalen Zuschnitts wählen, womit mir schon wieder anders wird. Ich bin politisch ein Allerweltsmensch, ein Durchschnittstrottel, wo ich doch mit dem Konzept von Professor Bolz ein Titan der Rechten hätte werden könnte.

Aber diese Heldenhaftigkeit ist zuletzt der Generation meines Großvaters anempfohlen worden, der begeistert in den Ersten Weltkrieg zog; mein Vater hat es im Zweiten widerwillig und gerade noch davonkommend ausbaden dürfen (und nicht nur er); meinem Sohn soll eine solche Nation deutscher Helden erspart bleiben. Der kometenhaft aufscheinende Glorienschein einer neuen Rechten ist für mich erloschen. Erleichterung.

Quelle: starke-meinungen.de