Logbuch
DER ERRATISCHE.
Ich verweigere mich bei ernsthaften Themen belanglosen Debatten. Ob Elon Musk sich antisemitisch geäußert hat oder nicht, ist mir egal. Ich glaube das nicht. Selbst wenn: Einer mehr, wäre natürlich wieder einer zu viel, aber der Kerl ist nur so wichtig, wie wir ihn machen.
Seine Gegner deuten an, er frühstücke durch die Nase; das mag sein. Erratisch jedenfalls ist er. Ein Verirrter. Was ich von ihm an Politischem gelesen habe, war nicht klug, aber so unvernünftig auch nicht. Er ist halt HERR IM HAUS. Ich sehe einen modernen CITIZEN CANE. Wer so bonapartistisch veranlagt ist, darf auf den Landkarten grobe Striche machen. Der Burenbengel fasziniert mich insofern. Zugleich empfinde ich ihn als unerträglich vordergründig. Ein Anwendungstechniker.
Immer ist es nur der Nachttopf mit zweiten Henkel. Ich meine diesen Erfinder des Elektroantriebs in der Raumfahrt, der mittels Batterien auf den Mars fliegt, weil wir hier auf Erden ein Volk ohne Raum sind. Wiederverwendbare Cyber-Akku-Raketen inklusive. Und damit von allen menschlichen Wesen den größten Benefit für Mutter Natur erbracht haben will. Genie, vermeintlich nah am Wahnsinn, näher am Banalen, das sich groß stellt.
Auch in Fragen der Öffentlichkeit ein Oligopolist. Auf Meinungsdruck reagiert er ruppig. Er ließe sich nicht erpressen. Mit Geld. Und die Anzeigenkunden seines Internetdienstes folgen deshalb gerade dem neuen Motto: „Go, fuck yourself!“ Mutig ist er. Was aber hält alles das zusammen?
Man muss den KAUSALNEXUS begreifen. Der Mann ist der Held einer börsengetriebenen Welt des kalifornischen Typs. Das ist der Humus, auf dem das technologisch Halbgare gedeiht, die Manie im Detail wütet, der Größenwahn weiter wächst und vielleicht auch das Frühstück erwähnter Natur. Ein Umherirrender mit Gefolgschaft.
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BOMBENSTORY.
Das amerikanische Recht lässt in manchen Gerichten wohl eine TV-Übertragung zu, was nicht unproblematisch ist, aber authentische Einblicke gewähren kann. Mich ergreift daraus die kurze Szene, in der die Richterin Mindy S. Glazer in dem Delinquenten Arthur Booth einen Klassenkameraden wiedererkennt. Und dann er sie.
Sie erinnert in einfachen Worten daran, dass man auf der Mittelschule Fußball zusammen gespielt habe. Der Straftäter sei das netteste Kind gewesen und die anderen Kids hätten zu ihm aufgeblickt. Sie habe sich immer gefragt, was aus ihm wohl geworden sei. Erst auf Erinnerung erkennt der drogensüchtige Einbrecher auf dem Richterstuhl seine alte Klassenkameradin und bricht in Tränen aus.
Eine kleine Szene, die eine ganze Tragödie in sich birgt. Zwei Biografien blättern sich auf, von der Juristin, die es geschafft hat in die Robe zu kommen, und dem schwarzen Getto-Kid, das ins Milieu abrutschte. Dann nach dreißig Jahren das unverhoffte Wiedersehen. Mitleid und Reue. Eine Gesellschaft erlaubt einen Blick in ihr Innenleben.
Friedrich Schiller hätte daraus eine Tragödie, zumindest aber eine Geschichte vom Verbrecher aus verlorener Ehre gemacht. Mich erinnert es an einen Kitschroman, die „Love Story“ des Erich Segal, über den ich vor fünfzig Jahren mal was publiziert habe. Der Roman wärmte Schillers „Kabale und Liebe“ auf. Es ging um klassenübergreifende Liebe.
Stoffe, aus denen die Träume sind. Episoden, die ganze Leben spiegeln. Ein kleiner Teil, der das Ganze zeigt. Gute Geschichten eben. Ein wenig Kitsch gehört dazu. Wir sind zur Rührung begabte Wesen.
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DER BAUM.
„Sollte ich ihm mit einem Worte treffen, so wäre er erhaben zu nennen. Gut zwei Generationen steht er da und lässt sich Zeit. Einen ganzen Jahreslauf nutzt er für neue Höhe und ein wenig mehr Umfang, Jahresring um Jahresring. Hektik ist ihm fremd.
Ein Menschenleben weiter wird sein Stamm nicht mehr mit Armen zu umfassen sein. Das ist seine Stattlichkeit. Seine Pracht aber bildet die Krone, ein Universum an Ästen und Blättern, deren Fläche in Summe den halben Garten zu bedecken wüsste. Das stünde als Wand keinem Sturm stand, darum lässt er ihn durchrauschen, den Wind. Ihm geht es nur um die Sonne, der er hundertfach einfängt.
Von seinen Früchten zu sprechen, wäre profan; das überlassen wir den Bauern. Während wir auf der Rasenbank ihm gegenüber hocken, Bein über Bein, fasziniert etwas anderes. Er ist zweiköpfig, dem Gotte Janus gleich. Dem gewaltigen Haupt, das er stolz gegen den Himmel streckt, entspricht nicht minder groß ein Wurzelwerk, das ihm Stand gibt und der Erde das Wasser raubt. Der Baum spannt seine bescheidene Pracht zwischen der dunklen Hölle unter und dem Lichte über uns.
Jetzt ruht er eine Zeit, von Schnee bedeckt, bald aber weiß er wieder Vögel auf seinen Ästen, die nach den ersten Knospen schauen.“
(Lampazzi Vagabundus, Aus dem Schatzkästlein des kunstliebenden Klosterbruders, 1748)
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Als Linker geboren, soll ich als Rechter sterben?
Eine starke Meinung hat mich aus der Bahn geworfen. Ich befinde mich mitten in einer Identitätskrise, weil ich einen Kommentar im Tagesspiegel gelesen habe, der mich umhaut. Dort hat ein Universitätsprofessor zur Gründung einer neuen Partei aufgerufen, rechts von der CDU.
Mit der Tollkühnheit eines Sarrazin fragt er, ob wir nicht neben Antifa und Angela eine neue Rechte brauchen. In Deutschland sei Platz für eine Partei auf der politischen Rechten. Da hebt sich ein bürgerliches Haupt, der Mann ist ein kluger und liberaler Kopf, und wagt es, einen konservativen, wenn nicht reaktionären, wenn nicht faschistischen Vorschlag zu machen? Warum mich das umhaut? Ich bin wirklich empört, finde aber seine Argumente schlüssig. Als Linker geboren, fürchte ich nun, als Rechter zu sterben.
Der Reihe nach. Was sagt der Philosophieprofessor Norbert Bolz, Medienwissenschaftler an der Technischen Universität zu Berlin? Hier seine Argumente. Die CDU ist unter Angela Merkel endgültig zu einer sozialdemokratischen Partei geworden. Die schwarzen Landesfürsten haben ihr den Rücken zugekehrt. Die SPD hat sich modernisiert und dabei die Ewiggestrigen in der Linkspartei zurückgelassen, die die Ressentiments der DDR-Bonzen und Zukurzgekommenen pflegen und den Sozialismus von Vorgestern für das Patentrezept halten.
Der Philosoph Bolz findet nun, rechts von der Union sei Platz geworden für eine neue Rechte. Es schwebt ihm eine parlamentarische Links-Rechts-Achse vor, die so verlaufen soll: Linke-SPD-Grüne-FDP-CDU-Rechte. Wohlgemerkt: Kein Platz für die NPD. Man täte Bolz ohnehin bitteres Unrecht, wollte man ihn als deutschtümelnden Fascho abtun.
Ich lese seine wissenschaftlichen Bücher seit Jahren, zuletzt „Die ungeliebte Freiheit“, und bin von Gedankenreichtum wie Sprachkraft des Mannes begeistert, ein Genie unter einem Geschlecht professoraler Trottel und ein durch und durch demokratischer Geist.
Heute agiert als führender Freidemokrat ein Staatsschauspieler namens Westerwelle, der über eine 15minütige Kabinettssitzung unter seiner Leitung als Vizekanzler eine einstündige Pressekonferenz gibt: der Vizekanzler als Possengeck eines Schmierentheaters.
Vielleicht ist das Ganze also nur der Versuch, der schwächelnden Guido-Partei einen neue politische Heimat schmackhaft zu machen: rechts von der CDU. Dafür spräche einiges, da es eine FDP links von der CDU ja schon sehr erfolgreich gibt, die Grünen.
Die unsägliche Gründungsmutter der Ökos, Jutta von und zu Dittfurth, nennt ihre grünen Genossen inzwischen FDPler mit Fahrrad.
Das alles verwirrt mich nicht. Mich treibt um, was Professor Bolz als Inhalte der neuen Rechten beschreibt: Die Rechte ist gegen den Paternalismus des vorsorgenden Sozialstaates, für mehr Selbstverantwortung und den unzweideutigen Schutz des Eigentums.
Die Rechte ist für einen fröhlichen Patriotismus und eine christliche Leitkultur. Die Rechte hält am Vorrang der traditionellen Familie und an einem mehrgliedrigen Bildungssystem fest. Die politische Rechte steht für Bürgerlichkeit.
Das spukt nun in meinem Kopf. Und ich variiere das Programm. Ich bin für Bürgerlichkeit, wenn wir damit auch den Citoyen, den Bürgerrechtler, und nicht nur den Bourgeois, den Besitzbürger, meinen. Ich bin Patriot, wenn wir damit die aufgeklärte europäische Identität meines Vaterlandes meinen. Ich bin für den besonderen Schutz der Familie, habe aber natürlich nichts dagegen, wenn auch gleichgeschlechtliche Beziehungen vor den Standesbeamten wollen.
Kurzum: Wenn das, was Bolz da vorträgt, rechts ist, dann bin ich rechts. Das kann nicht sein. Mein Entsetzen scheint der hinterhältige Professor geahnt zu haben. Er spricht von einem Sarrazin-Syndrom, nach dem man nicht mehr alles sagen dürfe, was man denke. Er vermutet, jeder gelte als rechts, der den Mut habe, sich seines eigenen Verstandes ohne Anleitung durch Gutmenschen zu bedienen.
Damit zitiert er Kant, den philosophischen Begründer der Aufklärung. Das ist gut so. Und er zitiert den Nazi-Propagandisten Josef Goebbels, von dem der Begriff des Gutmenschen stammt; der „Stürmer“ hat ihn populär gemacht. Eine unglückliche Wortwahl, aber das Antifaschistische Syndrom greift sofort bei mir.
Die Ablehnung einer Entmündigung durch den vorsorgenden Sozialstaat kann nicht so weit gehen, dass moralischer und sozialer Zynismus Platz greift. Die Bewunderung von „Leistungsträgern“ kann nicht so weit gehen, dass man das Solidarprinzip auflöst, das auch eine privatrechtliche Versicherung ausmacht.
Die englische Rechte Lady Thatcher ist für den so typischen Satz verantwortlich: „There is no such thing as society, all I know is families!“ Das ist vormoderne Klassenherrschaft.
Ja, es gibt keine soziale Gerechtigkeit, aber die Rechtsgleichheit darf auch nicht nur auf dem Papier stehen, sie muss die Chancen wirklich gewähren wollen, von denen sie spricht. Erleichterung ergreift mein Herz, während ich mich gedanklich Schritt für Schritt aus den Fängen des Projektes der neuen Rechten befreie.
Nein, ich werde diesen Weg der Liberalen an den rechten Rand nicht begleiten. Ich bleibe wohl ein Sozialdemokrat, allerdings ein bürgerlicher. Ein konservativer Sozi, das ist für jemanden, der sein politisches Leben im Che-Guevara-T-Shirt als Revolutionär begonnen hat, schon traurig genug.
Und damit kann ich dann eigentlich auch Merkels CDU oder die FDP sozialliberalen Zuschnitts wählen, womit mir schon wieder anders wird. Ich bin politisch ein Allerweltsmensch, ein Durchschnittstrottel, wo ich doch mit dem Konzept von Professor Bolz ein Titan der Rechten hätte werden könnte.
Aber diese Heldenhaftigkeit ist zuletzt der Generation meines Großvaters anempfohlen worden, der begeistert in den Ersten Weltkrieg zog; mein Vater hat es im Zweiten widerwillig und gerade noch davonkommend ausbaden dürfen (und nicht nur er); meinem Sohn soll eine solche Nation deutscher Helden erspart bleiben. Der kometenhaft aufscheinende Glorienschein einer neuen Rechten ist für mich erloschen. Erleichterung.
Quelle: starke-meinungen.de