Logbuch

STOFFHUNGER.

Wer einen DICHTER unter seinem Umgang weiß, läuft große Gefahr, in dessen Ergüssen vorzukommen. Als HELD der Ballade oder TROTTEL der Komödie. Indiskretionen sind notorisch.

JOURNALISTEN sind Dichter des Alltags, Trivialpoeten eben, und in dieser Frage nicht besser. Auch bei ihnen herrscht ständig Stoffhunger. Auf einer Glatze lassen sich halt schlecht Locken drehen. Und davon lebt der Frisör, respektive der Dichter, respektive die Journaille.

Die Blonde erinnert solche Vorwürfe gegen meinen Dichterfreund Feridun Zaimoglu; ich habe so was zu dem zu Unrecht berühmten Max Frisch im Kopf. Neuester Fall der in England bekannte deutsche Literat W. G. Sebald; angeblich ein Geschichtenerzähler, der es mit der Wahrheit nicht so genau nahm.

Private Dinge wurden auch bei ihm zweckentfremdet und tauchen, nur schlecht getarnt, als Zuschreibungen an irgendwelche Romanhelden wieder auf; nicht mal der Holocaust war ihm dazu zu heikel. Ein Völkermord als willfähriger Stoff für Schilderungen der eigenen Melancholie. Paaah.

Dazu passt, was mir T. W. ADORNO über dieses Dichterchen erzählte; er, Adorno, sei bei ihm mit zwei Briefen sogar namentlich zitiert, habe dem Kerl aber überhaupt nur ein einziges Mal geschrieben (selbst das sei ein Fehler, den er bereue). Glatte Quellenfälschung.

Man muss vor den „hommes de lettre“ warnen. Sie verwursten alles für ihre niederen Triebe und schrecken dabei nicht mal vor veritablen Lügen zurück.

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HERBST.

Nie war mehr Laub! Wir haben es mit Harken versucht, mit Rechen, nicht mehr mit dem LAUBBLÄSER. Unglaubliche Mengen. Wo kommen all diese Blätter her?

Warum wir den verbrennergetriebenen Laubbläser nicht mehr nutzen, auch nicht den moralisch guten, weil mit Akku, sondern eben die ganz alten Geräte wie Harke und Schüppe nutzen, das ist, wie Kipling sagen würde, eine andere Geschichte. Es geht mir um mehr.

Der Herbst gilt vielen wunden Seelen als Zeit der MELANCHOLIE. Das ist ein Grundgefühl der Faulen. Mir gibt ist er Anlass zu Wut: Wo kommen all diese verdammten Blätter her? Ich musste ja schon einräumen, wir benutzen nicht mehr diesen LAUBBLÄSER, mit dem man den Biomüll unter die Sträucher bläst oder zum Nachbarn rüber.

Zusammengekehrt nehmen diese Blätter aber kein Ende. Zunächst habe ich daran gedacht, dass es diese Chemikalien sind, die die Flugzeuge hinten rausblasen. CHEMTRAIL ist der Code. Das könnten also die Folge von Entlaubungsmitteln sein. Das Thema kenne ich aus dem Vietnamkrieg: „Agent Orange“.

Es könnte auch an einem Unfall in einem Labor in Wuhan, China, liegen; aber das ist mir zu querdenkerisch. Ich halte es für eine Folge von ALUMINIUM-SALZ, das jetzt überall in den Deos ist. Dafür braucht man Bauxit, das unterm Regenwald liegt. Aber ich habe gesehen, dass auch bei dem ungepflegten Nachbarn, der wie ein Muli stinkt, die Blätter auf dem Boden liegen. Der nimmt garantiert kein Deo.

Meine Frau sagt, die Bäume hätten OSMOSE. Das kriegt man, sagt mein Hautarzt, von ungeschütztem Verkehr. Warum aber machen die Laubbäume ohne Gummi rum, die Nadelbäume aber nicht? Schon klar, wegen Weihnachten brauchen die die Nadeln noch; das sind ja deren Blätter.

To cut a long story short: Ich glaube, es sind die ILLUMINATEN. Die wollen damit die heimlichen Gräber der TROLLE überdecken, wo nachts rauskommen, wenn der Boden zu kalt wird. Ich hab mal „Troll“ bei Guggel eingegeben und bin jetzt in einer Schättgruppe mit einem AfD-Mann, einem Richter, aus Weimar, Thüringen. Der sagt auch: Das sind die Illuminaten. Früher war eindeutig weniger Laub.

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KONSTRUKTIV.

Der Unternehmer sei idealerweise ein „konstruktiver Zerstörer“, hat sich Schumpeter vor 100 Jahren gewünscht. Heutzutage meint dies das Modewort des DISRUPTIVEN. Etwas RADIKALES wird ersehnt.

Fortschritt ist manchmal eher schwierig. Eine Evolution pflegen zu müssen, das klingt mühsam. Man muss Übergänge gestalten. Böse Brüche verhindern. Die MENSCHEN mitnehmen. Revolution ist als Idee geiler. Wenn das Neue einfach RATZ FATZ käme, das wäre weniger anstrengend. In der Französischen Revolution hat hier das Fallbeil des Doktor Guillotine hilfreiche Dienste geleistet.

Wie geht die Technikgeschichte? In der berühmten Theorie der LANGEN WELLEN kommt auf die Dampfmaschine für Spinnereien die Dampfmaschine für die Eisenbahn; das war KOHLE. Und STAHL. Dann kam ÖL, sprich die Verbrenner. Dann die INFORMATION, sprich STROM. Ratzfatz unterbrach jede neue Technik jeweils die alte. Diese etwas zu glatte Theorie stammt von einem Russen namens Kontratjew oder so. Darauf hat dann der Österreicher Schumpeter gesattelt. Darauf wiederum der Südafrikaner Elon Musk.

Innovative Sprünge hat meine Generation mit dem Computer erlebt. Der Vorsprung der Amis aus dem Silicon Valley, die als INNOVATOREN in den Garagen ihrer Eltern begannen, ist fast nicht mehr aufzuholen. Das DIGITALE unterbrach unzweifelhaft das ANALOGE, eben eine „disruptive Innovation“. Ich habe meine Doktorarbeit noch auf Karteikarten getippt, erst auf „Erica“, einer Reiseschreibmaschine, dann mit einer elektrischen Tipp-Apparatur von IBM (Kugelkopf), ein Gerät am Übergang der Zeiten, noch ganz ohne KÜNSTLICHE INTELLIGENZ: Das war in der Tat der letzte doofe Apparat.

Also, die PARADIGMEN wechseln. Die Natur macht keine Sprünge, die Technik schon. Die POLITISCHE Aufgabe lautet: den Paradigmenwechsel sozial gestalten können. Klingt betulich, ist aber bei Leibe kein Kinderspiel. Außer man bemüht wieder die glorreiche Erfindung des Doktor Guillotine.

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Unser Staatsoberhaupt – ein kleiner Spießer?

Christian Wulff ist Amtsträger. Die Bundesversammlung hat ihn zum Ersten Mann im Staate gewählt, ein Amt, von dem wir Würde erwarten und sehr Grundsätzliches, etwa die Wahrung der Grundfesten der Demokratie.

Sein Amt hat er angetreten mit einer Fete und einem Urlaub. Man darf sich die Augen reiben. Wer in der Wirtschaft eine neue Aufgabe übernehmen soll und erst mal nach Malle fährt, überlebt in aller Regel nicht die Probezeit. Aber die Patchwork-Familie des Herrn Wulff hatte den Urlaub schon gebucht, lesen wir. Wenn die Mama schon die Koffer gepackt hat, kann der Papa nicht einfach ins Büro, nur weil er in einer neuen Firma ist. Urlaub geht vor.

Das ist voll normal und uns schwant langsam, wie so die Prioritäten sind. Die politische Klasse nimmt das Leben weniger ernst, als es die Menschen tun, die für ihre Einkünfte arbeiten müssen.

Eine neue Leichtigkeit des politischen Seins zieht ein in die Republik, bei den fröhlichen Aussteigern à la Koch und von Beust wie bei den freizeitorientierten Einsteigern à la Wulff. Das Paradigma vom Planschen in Malle hat ja schon Rudolf Scharping, Verteidigungsminister selig, gesetzt, der den Auslandseinsatz deutscher Soldaten durch Prahlerei mit neckischen Pool-Spielen an einer Scheidungsanwältin umkränzte.

Nun also Wulff, der eine Präsidentschaft mit Malle-Urlaub beginnt, die sich, wenn das so weitergeht, in der Lübke- Galaxie wiederfinden und unter allgemeinem Spott enden wird.

Zunächst zur Party. Für das Gartenfest des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue war noch sein Amtsvorgänger zuständig, der sich zu einem spontanen „Ich- bin-dann-jetzt-mal-weg“ entschlossen hatte. Die Bürger des Landes durften ihren Wortschatz erweitern und wissen nun davon zu reden, was es heißt, „den Köhler“ zu machen.

Warmduscher, Drückeberger, Fahnenflüchtige.

Einladungen zur Gartenparty haben alle Bundespräsidenten in Berlin ausgesprochen, aber sich nie leisten können. Für Speis und Trank mussten Sponsoren einspringen. Schon hier beginnt die Peinlichkeit. Ich will in keinem Staat leben, in dem das Staatsoberhaupt nicht in der Lage ist, ein Gartenfest zu finanzieren, und sich aushalten lassen muss. „Hasse ma nen Euro?“ höre ich in Berlin schon genug; mir imponiert dieses Schnorrertum nicht.

Ich lade privat niemanden ein, wenn ich es mir nicht leisten kann. Warum ist das dann vorbildlich, wenn es der Erste Mann im Staat tut? Das ist die Tradition des österreichischen Gardeleutnants, der Schampus säuft, aber nicht seine Alimente zahlt. Weitere Peinlichkeit: Einen der Sponsoren drängte man hinaus, weil der gerade einen Umweltskandal am Hals hatte und sein Boss sich in der Berliner Presse zu brüsten wusste, dass er höchstselbst in Berlin aufschlagen werde. Und wer will in diesen Tagen schon dem BP/ARAL-Chef die Hand schütteln? Erst war BP gut genug, die Party zu bezahlen, dann reichte es noch für die klammheimliche Flucht der persona non grata vom Rasen des Bellevue. Der Günstling war nicht mehr gewünscht bei Hofe und doppelt blamiert.

Wenn das alles in privaten Bezügen geschähe,würde ich mich als Gastgeber schlicht schämen! Ein gute Gelegenheit für den bodenständigen Christian Wulff aus Hannover zu zeigen, was sich gehört und was nicht. Aber dazu fehlte ihm bei der Gartenparty direkt nach seiner Wahl die Zeit.

Seit seine Urlaubsgestaltung bekannt ist, wissen wir, dass es obendrauf eben auch an Charakter fehlt. Familie Wulff hatte sich in Malle nämlich ins Luxusdomizil eines Unternehmers aus Hannover eingeladen. Wer der Potentat ist, spielt hier keine Rolle; man darf ihn im Boulevard ohnehin schon zu oft bewundern. Jedenfalls kein altes Geld, wie man in England sagt, wenn man mit besonders peinlichen Parvenüs konfrontiert ist. Deren Nähe suchte Wulff schon als Ministerpräsident.

Das, verehrter Herr Bundespräsident, dürfte sich bitte ändern. Will ich in einem Staat leben, dessen Oberhaupt sich in den Geruch bringt, sich bei Millionären liebzudienen, damit man mal in deren Pool kann? Nein, ich will das nicht.

Ich bitte hiermit förmlich darum, den Spitzensteuersatz anzuheben. Ich will mehr Geld ausgeben für mein Staatsoberhaupt. Damit er seine Gäste bewirten und Urlaub machen kann, ohne dass dabei die Würde des Amtes unter die Räder gerät.

Der Hinweis darauf, dass auch ehemalige Bundeskanzler, deren Wahlkämpfe der nämliche Millionär mitfinanzierte, sich zu solchen Halbweltpraktiken geneigt fühlten, hilft gar nichts. Die Schuld liegt bei dem, was man so political correctness nennt. Es ist grotesk, dass wir Bundeskanzler zwingen, für die Fahrten in die Privatwohnung ein Fahrtenbuch zu führen oder ihre Frauen in Charterfliegern nachzukarren.

Wir, die Wähler, sollten uns von unserer Kleingeisterei verabschieden, zu der uns der Presse immer wieder anstachelt. Wir wollen anständig regiert werden und sind dafür auch bereit, anständig zu zahlen. Und hier werden keine moralischen Vorbehalte vorgetragen.

Wir, die Bürger dieses Landes, sollten dieser Demi-Monde ein Ende machen, indem wir mehr Steuern zahlen, die es zumindest Bundespräsident und Bundesregierung ermöglichen, sich nicht einladen lassen zu müssen. Wir sollten Amtsträger so bestallen wie Richter.

Und wenn wir das dann getan haben, dann können wir über die wirkliche Korruption reden, mit Wucht und Nachdruck. Daran hindern wir uns selbst, indem wir auf die Spesenmauscheleien schielen. Füllen wir die Taschen der Politik, damit wir sie besser an den Ohren ziehen können.

Ich bin Preuße und will in einem Preußischen Staat leben. Italienische Verhältnisse? Ja, in der Küche, in der Lebensart und der Oper, wo auch immer, aber nicht im Amt. Hier, lieber Herr Wulff, wäre Ihre Mission. Sie wollten aus Ihrem Amt eine Denkfabrik machen, haben Sie angekündigt. Na gut, aber die Solidität einer Manufaktur würde uns schon reichen. Wie wäre es denn in der ersten Runde mit Fleiß und Anstand?

Quelle: starke-meinungen.de