Logbuch
Wie kommen die Gebeine der HEILIGEN DREI KÖNIGE in den Kölner Dom? Ich weiß das, weil ich es in einem Buch gelesen hab. Nein, sie sind nicht mehr in Mailand, das ist ein Mythos. Wie kann man sicher aber sein, dass die Knochenreste, die da in Köln verehrt werden, auch authentisch sind? Nun, man muss sich ein wenig historisch interessieren. Dann weiß man, wer zu Zeiten von KÖNIG BARBAROSSA genau dafür gesorgt hat. Dass sie authentisch aussehen, die Reliquien. Baudolino war’s. Das geht ja nicht von selbst; das will schon sorgfältig inszeniert sein. Schließlich werden die MAGIERE als HEILIGE verehrt, die astronomisch erkannt haben, wer da in der Krippe lag. Hier kommt der Piemonteser BAUDOLINO ins Spiel. Ich habe das Buch leider verlegt, werde mir aber gleich über Amazon eine neue Ausgabe besorgen. Amazon ist ja viel weniger als 15 km weit weg und immer auf! Die Rede ist von dem bedeutendsten Roman des berühmten UMBERTO ECO. Nein, nicht diese Schnulze IM NAMEN DER ROSE. Das Buch der Bücher hört auf den Titel BAUDOLINO. Ich würde sagen, dass Baudolino zu den vier oder fünf Büchern gehört, die mich wirklich geprägt haben. Die Lektüre macht Mörderspaß und man ist auch nach mehrmaligem Lesen mit diesem Monster des Wissens nicht fertig. Leider nicht von BARBARA KLEINER übersetzt, der besten Übersetzerin aus dem Italienischen, die ich kenne. Als ich 17 war, war ich von ihr „unsterblich“ fasziniert. Da hieß sie noch Bärbel; aber das ist, wie Kipling sagen würde, eine andere Geschichte.
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MAN SPRICHT DEUTSCH.
Gestern von einem Streit zwischen drei amerikanischen Professoren gelesen, die das deutsche Wort „Beruf“ richtig verstehen wollten. Es ging um Berufspolitiker und POLITIK ALS BERUF, eine Rede von Max Weber, die auch hundert Jahre nachdem sie gehalten wurde, noch für Nachdenken sorgt. Ist „Beruf“ nun ein „job“ oder eine „work“ oder aber eine „vocation“ (Berufung). Ha! Es ging Max Weber um Profession: Wann ist man ein PROFI? Gibt es einen Meisterbrief für geistige Arbeit? Professionalismus. Das verstehen auch nicht alle Amis, da für sie ein Profi umgangssprachlich eine PROFESSIONELLE ist, sprich eine Prostituierte. Das meinte Weber nicht; obwohl... Also Übersetzungsfehler. Eigentlich müsste Jesus anders geheißen haben, da bei Jesaja steht, dass Maria schwanger wird und einen Immanuel gebiert. Im Griechischen als „Emmanuel“. Dort, im Original bei Jesaja, heißt Maria auf Hebräischen „junge Frau“ (meint Heiratswillige); daraus wird in der griechischen Übersetzung irrtümlich JUNGFRAU. Die lateinische Vulgata schreibt den Fehler dann fort. Das passiert auch den allerbesten Übersetzern. Bei Raymond Chandler heißt es in seinem Long Good Bye ( Der lange Abschied), dass das GROSSE VERBRECHEN nicht von Leuten stamme, die Schnapsläden betreiben. Ich reibe mir die Augen. Hä? Mittelstandskritik? Schaue im englischen Original nach. „People that hold up liquor stores“ steht da. Ein HOLD UP ist aber ein „rob by gunpoint“: Hoch die Hände! Es geht um Leute, die Schnapsläden überfallen, sprich Getto-Gangster. Tja. Simpler Vokabelfehler. Das mit den kriminellen Kleingewerbetreibenden und den unbefleckten Jungfrauen und der Berufung, alles Übersetzungsfehler. Woher habe ich das mit den erhobenen Händen auf SPANISCH im Ohr? Arribas los manos, oder so...Wo stand das?
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WORTLOS.
Das Radio als Medium hat eine gewisse Unsterblichkeit, weil es nicht allzu sehr vereinnahmt. Es bietet an, nimmt aber nicht in Besitz. Wie eine gute Freundschaft. Man kann andere Dinge tun, während man Radio hört; man kann es für eine Zeit regelrecht ignorieren, ohne dass es beleidigt ist. Das Radio ist treu. Und das Angebot ist riesig. Früher ging man für die weite Welt auf die Kurzwelle, heute schaltet man sich im Auto das Internetangebot frei: hunderte von Offerten, jedweder Neigung entsprechend. Radio ist wie die Hippie-Vorstellung der FREIEN LIEBE. Man erwählt mal dieses, mal jenes und schafft sich mit der Zeit Prinzipalinen. Ich lege großen Wert darauf, dass sie die Klappe halten. Geschwätz macht des beste Konzert unerträglich. Deshalb habe ich, wenn ich es KLASSISCH will, zwei Lieblinge. Nein, niemals mehr dieses aufdringliche KLASSIK-RADIO. Übermoderiert; hat etwas Kokottenhaftes, aufdringlich. Das Mittel der Wahl ist, obwohl mit leichtem Ossi-Ton, der wunderbare MDR KLASSIK; konservatives Angebot, so gut wie keine Moderation. Wunderbar! Wohlgemerkt MDR, nicht NDR, Martha, nicht Nordpol. Warum sollte ich, wenn ich Beethoven will, mir dazu noch das Gelaber von einer Henna-Rothaarigen aus Apolda anhören wollen. Oder einer Ilona aus Bergen-Belsen, die über ihre eigenen Witze lacht. Do Not Entertain! Geheimtipp: SWISS CLASSIC. Hat gar keine Moderation! Eine Dame und ein Herr sagen an, was gespielt wird, kurz, knapp, leichter Schweizer Akzent. Ende, aus: Musik. Und das Tag und Nacht. Wunderbar. Keine Nachrichten, kein Wetter, keine Verkehrsmeldungen. Nur Beethoven, Bach, Mozart. Wie in einem Raumschiff. Also: „Talk dirty to me!“, das war gestern. „Don‘t talk at all!“, das ist, was wir im neuen Jahr dann mal üben wollen, meine Damen. Ich hebe den Taktstock...
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Nelson Mandela: ein geläuterter Terrorist
„Erhängt Mandela“ steht auf den T-Shirt, das mein englischer Freund, ein ergrauter Journalist, aus einer hinteren Ecke seines Speichers hervorgekramt hat. Unser Gespräch kam auf den afrikanischen Friedensnobelpreisträger, weil der gerade seinen 92. Geburtstag feiert.
„Hang Mandela“, das war ein Mordaufruf, den in England Jugendliche in den Thatcherjahren zu tragen wagten. Fassungslos starre ich auf dieses Dokument englischer Meinungsfreude, die ihre Wurzeln noch im Selbstverständlichen der imperialen Weltmacht haben muss.
Mein Freund, ein gelernter Konservativer, den das Alter liberaler hat werden lassen, hat es zum letzten Mal vor sieben Jahre hervorgekramt, als die Londoner Stadtverwaltung ein Denkmal für Nelson Mandela errichten wollte und er strikt dagegen war. In der englischen Presse fand die Stimmung vermeintliche Argumente.
Es wurde an die sechziger Jahre erinnert, in denen Mandela den Afrikanischen Nationalkongress zu einer Terrororganisation gewandelt und in den bewaffneten Kampf gegen die das Apartheit-System geführt habe. Unglückliche Zitate zu dem libyschen Diktator Gaddafi oder Castros Kuba und einschlägigen Freiheitskämpfern, sprich Terroristen, tauchten wieder auf. Vergleiche zu Rhodesien wurden gezogen, einem im Chaos versinkenden Land, in dem Gesinnungsgenossen zum Brandschatzen gegen die Buren aufgerufen würden.
Mein Freund hat sein altes T-Shirt dann doch nicht mehr getragen, weil Lynchaufrufe einem erwachsenen Publizisten schlecht zu Gesicht stehen. Aber das Ressentiment ist geblieben, das höre ich deutlich heraus. Noch vor kurzem hat er sich königlich amüsiert, als einer seiner Kollegen von einem Ereignis anlässlich eines Mandela-Empfangs berichtete. Der Neunzigjährige hatte einen britischen Motorjournalisten in der langen Reihe seiner Gäste mit einem amerikanischen Astronauten verwechselt und ihn befragt, wie es denn so auf dem Mond sei.
Ich bin empört, weil man einem alten Herrn so etwas niemals vorhält, schon gar nicht einem Politiker mit der Lebensleistung Mandelas. Mein Freund gibt mir recht, wandert aber gedanklich immer wieder in die Vergangenheit. Der ANC habe kommunistische Wurzeln gehabt, sagt er. Und separatistische, ja auch rassistische von der Überlegenheit der „black races“.
Wir fallen zurück auf die zwanziger Jahre, in die Zeit der Gründung der Befreiungsbewegung in Südafrika, und dann noch bis ins späte siebzehnte Jahrhundert, als die holländischen Kolonialisten am Kap aufschlugen. All dem Bemühen um vermeintliche Beweise und Belege ist das Bewusstsein anzumerken, dass man eine Ungeheuerlichkeit plausibel machen will. Eigentlich weiß mein Freund, dass er irrt, jedenfalls furchtbar geirrt hat. Und über die Episoden zu Mandelas betrügerischer Ehefrau Winni und andere Intima muss er schon bitter lachen.
Das Vertrackte mit Vorurteilen und Vorurteilsinhabern ist, dass ihnen kein Weg zu weit ist, um doch noch Recht im Unrecht zu haben. Wir halten dann doch fest: Mandela hat Südafrika von einer rassistischen Gewaltherrschaft des europäischen Imperialismus befreit und Täter wie Opfer so zu versöhnen gesucht, dass ein gemeinsamer Staat und vielleicht auch eine gemeinsame Nation in die Perspektive des Machbaren gerückt sind. Er hat der Gewalt nicht nur abgeschworen, er hat „reconcilliation“, christlich gesagt Versöhnung, gelebt. Und diese Größe des Alters hat sein früheres Leben nicht nahe gelegt.
Ich kann meinem englischen Freund berichten, wie ich vor zehn Jahren nach Robin Island geflogen bin, der Internierungsinsel des Apartheit-Regimes. Und dann stand ich in der Zelle Mandelas, in der er über 25 Jahre seines Lebens zubringen musste. Seitdem beherrscht mich ein unaufhebbarer Respekt vor der seelischen Leistung, dem Charakter eines Mannes, an solchen Umständen nicht zerbrochen zu sein. Mandelas Biograf John Carlin („Wie aus Feinden Freunde wurden“) sieht die römischen Tugenden von Ehrlichkeit, Würde und Ernst bei ihm vollendet.
Das mag sein, aber das ist jener Pflichtteil der Geschichtsschreibung, die allen erfolgreichen Politkern zugeschrieben wird, wenn Pulverdampf und Schlachtgeschrei verzogen und die Niederungen des Allzumenschlichen vergessen sind. Gewundert hat mich, den kurzzeitigen Besucher in der elenden Lebens-Klausur auf Robin Island, etwas viertes, das der befreite Mandela zu verkörpern wusste: Güte, Humor, Lebensfreude. Wohl dem Terroristen, der seinen Zorn so zu wandeln wusste.
Quelle: starke-meinungen.de