Logbuch
GESTAPO.
Die Geheime Staatspolizei, kurz GESTAPO, gehört zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte. Hier wurde staatliche Gewalt direkt in die Hände der marodierenden Faschisten gegeben, die sie zum Terror und Völkermord missbrauchten. Es schmerzt mich, wenn rechtspopulistische Propaganda aus den USA nunmehr behauptet, solche Zustände gäbe es wieder in meinem Vaterland.
Denn das stimmt nicht; ist aber als polemischer Vorwurf offenkundig trotzdem möglich. Genannt wird dabei immer wieder ein Fall, in dem eine Weitergabe der Karikatur des grünen Wirtschaftsministers nach einer Werbung für Frisörbedarf zu einer Hausdurchsuchung bei dem spottenden Bürger führte und der Beschlagnahmung seines PC. Der betroffene grüne Politiker soll hunderte von derartigen Anzeigen gestellt haben. Wir haben inzwischen eine internationale Propaganda gegen deutsche Innenpolitik als polizeistaatlich.
Ich würde das gerne entschiedener zurückweisen, weil ich kein Parteigänger der Neuen Rechten bin, auch nicht, wenn sie in den USA Regierungsämter besetzt, in die sie mittlerweile legitim gewählt worden ist. Erneut sage ich dem amerikanischen Freund: „Ich bin nicht überzeugt!“ Und es gilt das Brecht-Wort: Jeder möge sich um seine Schande kümmern; ich kümmere mich um meine.
Ich verstehe im Grünen Universum einen Grundwiderspruch nicht. Zum einen ist man DIVERS und dem Leben in all seinen Ausprägungen positiv zugewandt. Ich teile eine offene Haltung zu kultureller Vielfalt. Zum anderen ist man ideologisch RIGOROS. Bei den grünen Tabu-Themen wird keine abweichende Meinung toleriert; man ist bei Kritik sofort tief beleidigt und wird sehr fanatisch. Weltoffen und engherzig, wie passt das zusammen? Freizügig und illiberal, das geht? Wer die falschen Witze macht, den besucht die Polizei. Ernsthaft?
Wenn doch nur Preußen wieder ein Vorbild wäre, weil jeder nach seiner Façon selig werden kann. Ein Vorbild für die freien Völker. Das ist so? Echt? Dann ist alles gut und ich schalte die Propaganda ab. Oder ich gucke einfach einen anderen Weg. Das erlauben sie ja noch, die neuen Rechten.
Logbuch
GIERAFFEN.
Von der Giraffe waren schon die Alten fasziniert; man hielt sie für eine anmutige Kreuzung aus Kamel und Leopard und rühmte ihre Weitsichtigkeit. Letzteres kein Wunder bei diesem Hals. Er bot ihnen auf der kargen Steppe zudem Zugang zu den Kronen der Bäume, sprich saftiges Futter, das allen anderen Paarhufern verwehrt war. Einen langen Hals machen. Hat das längste Tier auf Gottes Erdboden diesen Vorteil durch besonders eifriges Recken erlangt?
Diese Frage interessiert die Biologie, namentlich die Lehre von der Evolution. Das ist die Disziplin von Charles Darwin, der die Welt bereisend und eifrig Logbücher über Transformation führend, zu den wichtigsten Denkern der Menschheit wurde. Er kam darauf, dass die Natur außer in sich selbst keinen Sinn, keinen Zweck und kein Ziel hat; das ist bis heute nicht so recht verstanden. Es fällt vielen schwer, die Menschwerdung des Affen nicht als göttlichen Plan zu denken. Natur ist aber nur der sich zufällig bewährende Zufall.
Die Giraffe hat sich das mit dem langen Hals nicht überlegt und dann durch ehrgeiziges Recken gelernt. So wie Geige spielen oder in der Bibel lesen. Erlerntes geht ohnehin nicht in die Gene, wird also auch nicht vererbt. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Zufällige Modifikationen bei dem leopardenhaften Kamel haben nach unzähligen Generationen dazu geführt, dass die mit den längeren Hälsen mehr Nachwuchs hatten und gesünderen: survival of the fittest. Jeder in seiner Nische. Die Natur ist profan; die Steppe gebiert die Giraffe.
Das versteht das auf Idylle ausgelegte Weltbild der grünen Ersatzreligion nicht. Mit der Erkenntnis muss die selbsternannte Krone der Schöpfung erstmal zurechtkommen. Wir sind das Ergebnis von jenen Mutationen, die überlebten. Das idyllische Paradies ist ein Gegenentwurf. Wir sind aber eigentlich nur zufällig bewährte Zufälle. Na ja, vielleicht nicht ganz so zufällig, wie man meinen könnte. Arbeit war es schon. Und es brauchte Ehrgeiz. Gier-Affen halt.
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KEIN KÄFER.
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum.
Ich habe in Oxbridge über Franz Kafka zu sprechen, auf Englisch. Verzweifelt um eine gute Übersetzung bemüht, lese ich von einem „gigantic insect“. Das trifft leider so gar nicht, was „Ungeziefer“ meint. Auch die geschwätzige Übertragung als „some sort of monstrous insect“ trifft es nicht. Eher schon „monstrous cockroach“ oder „monstrous vermin“. Die fabelhafte Deborah Eisenberg zählt all diese Versuche verschiedener Übersetzer auf, bleibt aber auch unzufrieden.
Beginnen wir mit dem Attribut; es bezeichnet die ungeheuerliche Größe des Wesens, ein Ausmaß, vormals in Menschengestalt wie zugleich den Ursprung im Sagenhaften, der mythischen Welt. Ein Ungeheuer. Dann schlägt im Nomen die volle Brutalität der Kultur zu; das Wesen gilt es zu vernichten: schlimmer als Unkraut gilt das Ungeziefer als Bedrohung, dessen Duldung Unheil aufkommen lässt. Und das wie ein monströses Balg mitten in die Idylle der Familie. Es geht hier nicht um einen Käfer. Bei Kafka fällt niemals das Wort Käfer. Ich werde auf keinen Fall von „beetle“ reden.
Dass Kafka entgegen landläufiger Auffassung ein Mensch tiefen Humors war, zeigt die Beschreibung des aus der Metamorphose hervorgegangen Wesens, seine zu dünnen Beinchen im Widerspruch zum gepanzerten Körper, der aus dem Bett zu rutschen droht. Welche eine groteske Skurrilität aus der Feder eines Juristen im Versicherungswesen. Was zum Teufel ist im Englischen ein Beinchen? Das Ungeziefer kann für meine Begriffe jedenfalls nur als „enormous pest“ übersetzt werden; vielleicht als „monstrous pest“. Nur so bleibt ja auch die Reaktion der Untermieter verständlich, die im Angesicht des Ungeziefers sofort kündigen, für das englische Ohr verständlich.
Man kann Zeilen nur übertragen, wenn man zwischen ihnen lesen kann. Und man muss sich Kafka als glücklichen Menschen vorstellen. Er zeigt, was Entfremdung („alienation“) als tragisches Glück bedeutet. Erzähl ich so den Tommies.
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Atom-Poker im Casino-Kapitalismus: Die schwarz-gelbe Bundesregierung spielt mit den Ängsten der Menschen Roulette
Umweltminister Röttgen ist schlau, vielleicht sogar oberschlau, aber er ist nicht klug. Eine Verlängerung der Laufzeit von Kernkraftwerken soll, so die jüngste Idee von Weisen und Bundesregierung, versteigert werden.
Da können dann die Betreiber der Atomkraftwerke zocken: Wer die meiste Kohle auf den Tisch legt, darf seine profitträchtige Nuklearanlage weiterlaufen lassen. Nach einem solchen staatlichen Ebay- Verfahren winkt dem Zahlungskräftigsten der vier Nukleargiganten eine neue Zukunft für Anlagen, die er längst abgeschrieben hatte, in mehr als einem Sinne. Den Kampf-Begriff „Schrottreaktor“ wollen wir nicht wiederholen, sprechen wir von der Lizenz, Geld zu drucken und die Wettbewerbslandschaft für das Strom-Oligopol zu sichern: Billiger gibt’s Strom nimmer!
Die politische Phrase von der Brückentechnologie ist so land wie die Nase des Pinocchio. Solche Versteigerungen sind ein inzwischen erprobtes Verfahren, ob es nun um Mobilfunklizenzen oder Gasspeicherkapazitäten geht. Die Bundesnetzagentur kommt zum Zuge oder ein privates Verfahren innerhalb der Wirtschaft. So soll gesichert sein, dass der Anbieter das Maximum für seine Offerte erhält.
Handelt es sich bei dem Begünstigten um die Öffentliche Hand, haben alle Bürger ein Interesse daran, dass Geld in die Kasse kommt, weil es um ihre Steuern geht. Was der staatliche Moloch nicht auf diesem Weg Geld aus den Konzernkassen bekommt, da sind sich die kleinen Leute und die mittleren Unternehmen sicher, das holt er sich ansonsten über Steuern und Abgaben bei ihnen; der Erfindungsreichtum ist ja grenzenlos.
Warum ist die Versteigerung von Reststrommengen bei AKWs schlau, aber nicht klug? Das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung ist bei Fragen der Kernenergie seit Hiroshima groß, seit Tschernobyl noch größer und seit dem Vattenfall- Management in Krümme unzweifelhaft eine politische Größe. Vom Betreiber einer Nuklearanlage wird zu Recht eine besondere Zuverlässigkeit verlangt. Dazu gehören technische Kompetenz, politische Seriosität und eine überzeugende Lösung der Entsorgungsfrage.
Man mag die Deutschen für hysterisch halten, aber sie reagieren sensibel, wenn sie erfahren, dass ein Ministerpräsident, der angesichts einer Notabschaltung eines Atomkraftwerkes den Vorstandsvorsitzenden des Betreibers anruft und wissen will, was da los ist, auf ein sonnenbeschienenes finnisches Gemüt trifft, das keinen blassen Schimmer hat. Der Pressesprecher von Vattenfall weiß bis heute nicht, worüber die Presse sich aufregt.
Bei einem anderen Betreiber tritt ein Technikvorstand zurück, der in Russland undurchsichtige Geschäfte mit nuklearen Brennelementen aus dem militärischen Komplex gemacht hat und schon mal einen dreistelligen Millionenbetrag abschreibt. Hier ist zumindest die Kommunikation solide. Gleichwohl, das alles sieht für die Menschen im Lande nicht nach Zuverlässigkeit aus.
Vom Endlager in Gorleben erfahren wir, dass es eine politische Entscheidung war, an die damalige Zonengrenze und ins Reich eines schwarzen MP zu gehen, aber keine sachliche. Von der Unternehmung in einem anderen Salzbergwerk, der Asse, hören wir von unvorstellbaren Schlampereien. Nach den Vorstellungen des bürgerlichen Lebens sind das keine sauberen Geschäfte; es tut mir wirklich leid!
Auch wenn dies anders klingt, ich bin kein Gegner der Kernenergie, soweit es technische Fragen angeht; ich stelle die Frage nach der politischen Zuverlässigkeit, und die betrifft die Regierung wie das Management der Unternehmen.
Die Tiefseebohrungen von BP haben uns gezeigt, Störfälle kann niemand ausschließen. Wer den Tankrüssel ins Auto oder den Stecker in die Dose steckt, erklärt sich damit einverstanden, ob er das nun zugibt oder nicht. Mit Störfallrisiken werden wir einfach leben lernen müssen, die Alternative ist Verzicht; alles andere ist blauäugig.
Ich habe keine Angst vor Apokalypsen aller Arten, die die Empörungs-Heinis aus dem grünen Wohlfühlmilieu uns einreden wollen. Aber mein Gefühl beim Atom-Poker ist, dass diese Industrie und diese Politik ihr eigenes Moratorium vorantreibt. Jetzt taucht man die – vielleicht hysterische- Frage nach der Zukunft der Menschheit in das kalte Wasser des Casino-Kapitalismus.
Die Wähler lernen: Nach Las Vegas-Manier wird nun auch hier gezockt. Wie bei den Börsen und Banken nun auch bei den AKWs. Nicht nur unser Geld, jetzt auch unser Leben auf der schiefe Ebene der Verramscher; das ist der Eindruck, der Fluch der oberschlauen Tat. Diese Politik schürt durch ihre Missverstehbarkeit den Volkszorn.
Die Anti-AKW-Bewegung wird dadurch befeuert wie der Schnelle Brüter: Jenes Wunderwerk der Plutoniumwirtschaft erzeugt mehr Zündstoff , als es verbraucht. Man arbeitet am Perpetuum Mobile der Industriefeindlichkeit. Was sage ich als halbherziger Dulder der Kernenergie: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde!
Quelle: starke-meinungen.de