Logbuch
KLASSENBEWUSSTSEIN.
Man denkt immer in Berühmtheiten, wenn es um Prominenz geht, aber die wirklichen Spitzen der Gesellschaft stehen nicht knapp bekleidet auf roten Teppichen. Oder präpotent auf dem Olymp der Politik. Sie bleiben unter sich, die wirklich das Sagen haben. Benko, das ist bloßer Boulevard.
Mit der Gesellschaft ist es wie mit der Lasagne; sie ist geschichtet. Oder dem geologischen Querschnitt durch einen Berg. Oder dem Baumkuchen. Man nennt das soziale Stratifikation. Aus dem fernen Indien hört man von festen Kasten. Die englische Oberschicht war auf bestimmten Hochschulen. Woran erkenne ich, diese Frage treibt mich um, die deutsche Oberschicht? Gibt es sie?
Man erinnert bei dem Thema einen Filmtitel, auch wenn man den Streifen nicht gesehen hat: Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Nun, am Auffälligsten ist der indiskrete Charme des Petite-Bourgeois; die Peinlichkeit des Kleinbürgers, der es zu etwas gebracht hat und nun prahlt. Man spricht auch von frischem Geld, das danach strebt, wie altes Geld auszusehen. Ich selbst bin aus kleinen Verhältnissen und rieche diese Sucht des Kleinbürgers danach, wie ein Edelmann zu wirken, sofort. Parfümierte Proleten. Peinlich.
Unter den politisch motivierten Proletariern galt Klassenbewusstsein immer als Ehrensache, weil man sich als Elite einer neuen Zeit wähnen wollte. Im wirklichen Leben ging der Traum des Karl Marx meist in den Fängen des Erich Mielke aus, sprich böse. Der Sozialismus will einen neuen Menschen, fördert aber den alten Adam; nämlich das vermeintliche Menschenrecht der vorsätzlich Faulen auf Parasitentum. Aber wir wollten ja von den besseren Kreisen reden.
Das sind die Herrschaften in der VIP-Lounge des Stadions, wo die Proleten in der Kurve zum Fusseck gröhlen. Wie kommen die da hin? Man findet sie sonst im richtigen Golf-Club, früher immer beim Tennis. Man geht zur Jagd. Und in die Oper. Kinder im Internat. Immer findet man auch etwas Philanthropisches; man widmet sich in diesen Kreisen auch mal einer schönen Idee. Zur Diskretion gehört, dass man sein Geld versteckt. Nicht nur in Liechtenstein, nein, auch im Auftritt. Pelz nach innen.
Große Karren fahren nur Zuhälter und Immobilienentwickler. Man hat einen englischen Sportwagen älteren Baujahrs in der Garage; das ja. Ich kannte eine steinreiche Unternehmerin, die sich für ihre Syltaufenthalte eigens einen abgetakelten Golf hielt, damit man vor der Sansibar nicht auffalle. Die Schüssel wurde aufwendig entfeinert: Breite Alufelgen runter, schmale Stahlräder drauf. So geht Bourgeoisie. Vielleicht ist Sansibar der typischste Ort, jedenfalls nicht die Paulskirche.
Logbuch
EINE LAUNE.
Ich lese: „Der Tag war zu Ende. Es war ein schlechter Tag gewesen.“ Das geht gar nicht; einen solchen Gebrauch des Plusquamperfektes sollte man unter Strafe stellen. Jeder Verstoß gegen die Grammatik ist ein Angriff auf die Weltordnung. Und wenn nicht scheiternd im Tempus, so doch im Stil. Hatte ich das noch nicht erwähnt gehabt? Es verdirbt mir die Laune.
Die Laune hat keinen guten Ruf. Nicht nur, dass sie, wenn schlecht gestimmt, als üble Wesensart die Lebensfreude am Ausbruch hindert. Sie gilt dem Grunde nach schon als nichtig. Die Launenhaftigkeit weist den schwachen Charakter aus, der sich zum Spielball irgendwelcher Gemütszustände macht.
Ich versuche gerade einen Gegenwartsroman zu lesen, was immer wieder erneut scheitert, weil das Ding mich in schlechte Laune versetzt. Ich lege ihn beiseite, versuche es am nächsten Tag noch mal, wieder scheitere ich. Die Belanglosigkeit der Protagonisten ist ermüdend. Das übergeordnete Thema von untergeordneter Bedeutung und auch noch schlecht zusammengeschrieben.
Aber dieser Blues soll ein Spiegel unserer Tage sein. Ich bemerke ja, dass der Dichter mir was sagen will. Warum tut er es dann nicht. Voller Magen studiert nicht gern, zumal bei schwerverdaulicher Kost. Zum Wiederkäuen fehlt mir die Lust. Soviel zu Christoph Peters „Krähen im Park“ bei Luchterhand. Auf einem Büchertisch eines unsäglichen Flohmarktes an der Heiland-Kirche entdecke ich von einem gewissen Boz die Hinterlassenen Papiere des Pickwick Clubs in einer älteren Ausgabe bei Penguin und finde mich schon nach kurzer Lektüre amüsiert.
Was mich an einen Titel beim großen Kant erinnert. Er lautet: „Von der Macht des Gemüts durch bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein.“ Hat den Aufsatz wer? Her damit!
Logbuch
ALLGEMEINBILDUNG.
Insbesondere Ammis können so strohdumm sein, dass es weh tut. Jedenfalls bemerkt man es hier als Europäer schmerzlicher, da sie ja Fleisch von unserem Fleisch sind, meist Armutsmigranten aus den Ländern historischer Kultur. Es fehlt, sagen wir es offen, Joe Six-Pack an Allgemeinbildung. Was genau ist das?
Gar nicht so einfach zu definieren! Was ist eine passable Allgemeinbildung? Historisches Wissen gehört dazu, Grundkenntnisse der Naturwissenschaften; ein Instrument sollte man spielen können und zwei oder drei Sprachen sprechen. Seine Werte erklären können, zumindest ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn man wirklich fehlt. Lebensklugheit.
Teil des Rufes nach einer guten Allgemeinbildung ist auch eine gewisse Skepsis gegenüber Expertenwissen, das sich seiner selbst allzu sicher ist. Ein Beispiel: Ich bin kein Virologe, habe aber während der COVID-Epidemie nie geglaubt, dass der Virus von Fledermäusen aus chinesischen Wildtiermärkten stammt. Die Allgemeinbildung hört auch auf das Bauchgefühl und den Hinterkopf.
Jetzt sagte der amerikanische Vizepräsident, alle großen Kriege der Weltgeschichte seien durch Friedensverhandlungen beendet worden. Nun, einer meiner Ahnen hat als Bürgermeister in Oberhausen Sterkrade nach dem Ersten Weltkrieg zehn junge Männer stellen müssen, die von den Franzosen an der Ruhr aus Sühne standrechtlich erschossen wurden, weil es mit den Reparationen nicht so lief, wie die Sieger von WW I sich das dachten.
Darf ich mal fragen, welche Friedensverhandlungen nach dem Ersten und welche nach dem Zweiten stattfanden? Der Hinterwäldler in der amerikanischen Regierung ist einer. Und meinem Großvater ist das damals wahrlich nicht leicht gefallen. Die Nazis haben ihn später als „Politischer“ ins KZ gesteckt. Er hat in meiner Familie einen guten Ruf. Wir erinnern uns stolz an den Ruhrkampf von 1923. Jedenfalls wurden die beiden Weltkriege, die mein Vaterland vom Zaun gebrochen hat, nicht am Verhandlungstisch beigelegt.
Ich sage das ohne jede Botschaft und ohne jeden Rat im Zeitgenössischen. Ich sage es, weil es so war. Eine Frage der Allgemeinbildung. Als nächstes bitte ich darum, dass der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik erklärt wird. Auch das gehört zum Mindesten. Jedenfalls wenn man die Welt regieren will.
Logbuch
Atom-Poker im Casino-Kapitalismus: Die schwarz-gelbe Bundesregierung spielt mit den Ängsten der Menschen Roulette
Umweltminister Röttgen ist schlau, vielleicht sogar oberschlau, aber er ist nicht klug. Eine Verlängerung der Laufzeit von Kernkraftwerken soll, so die jüngste Idee von Weisen und Bundesregierung, versteigert werden.
Da können dann die Betreiber der Atomkraftwerke zocken: Wer die meiste Kohle auf den Tisch legt, darf seine profitträchtige Nuklearanlage weiterlaufen lassen. Nach einem solchen staatlichen Ebay- Verfahren winkt dem Zahlungskräftigsten der vier Nukleargiganten eine neue Zukunft für Anlagen, die er längst abgeschrieben hatte, in mehr als einem Sinne. Den Kampf-Begriff „Schrottreaktor“ wollen wir nicht wiederholen, sprechen wir von der Lizenz, Geld zu drucken und die Wettbewerbslandschaft für das Strom-Oligopol zu sichern: Billiger gibt’s Strom nimmer!
Die politische Phrase von der Brückentechnologie ist so land wie die Nase des Pinocchio. Solche Versteigerungen sind ein inzwischen erprobtes Verfahren, ob es nun um Mobilfunklizenzen oder Gasspeicherkapazitäten geht. Die Bundesnetzagentur kommt zum Zuge oder ein privates Verfahren innerhalb der Wirtschaft. So soll gesichert sein, dass der Anbieter das Maximum für seine Offerte erhält.
Handelt es sich bei dem Begünstigten um die Öffentliche Hand, haben alle Bürger ein Interesse daran, dass Geld in die Kasse kommt, weil es um ihre Steuern geht. Was der staatliche Moloch nicht auf diesem Weg Geld aus den Konzernkassen bekommt, da sind sich die kleinen Leute und die mittleren Unternehmen sicher, das holt er sich ansonsten über Steuern und Abgaben bei ihnen; der Erfindungsreichtum ist ja grenzenlos.
Warum ist die Versteigerung von Reststrommengen bei AKWs schlau, aber nicht klug? Das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung ist bei Fragen der Kernenergie seit Hiroshima groß, seit Tschernobyl noch größer und seit dem Vattenfall- Management in Krümme unzweifelhaft eine politische Größe. Vom Betreiber einer Nuklearanlage wird zu Recht eine besondere Zuverlässigkeit verlangt. Dazu gehören technische Kompetenz, politische Seriosität und eine überzeugende Lösung der Entsorgungsfrage.
Man mag die Deutschen für hysterisch halten, aber sie reagieren sensibel, wenn sie erfahren, dass ein Ministerpräsident, der angesichts einer Notabschaltung eines Atomkraftwerkes den Vorstandsvorsitzenden des Betreibers anruft und wissen will, was da los ist, auf ein sonnenbeschienenes finnisches Gemüt trifft, das keinen blassen Schimmer hat. Der Pressesprecher von Vattenfall weiß bis heute nicht, worüber die Presse sich aufregt.
Bei einem anderen Betreiber tritt ein Technikvorstand zurück, der in Russland undurchsichtige Geschäfte mit nuklearen Brennelementen aus dem militärischen Komplex gemacht hat und schon mal einen dreistelligen Millionenbetrag abschreibt. Hier ist zumindest die Kommunikation solide. Gleichwohl, das alles sieht für die Menschen im Lande nicht nach Zuverlässigkeit aus.
Vom Endlager in Gorleben erfahren wir, dass es eine politische Entscheidung war, an die damalige Zonengrenze und ins Reich eines schwarzen MP zu gehen, aber keine sachliche. Von der Unternehmung in einem anderen Salzbergwerk, der Asse, hören wir von unvorstellbaren Schlampereien. Nach den Vorstellungen des bürgerlichen Lebens sind das keine sauberen Geschäfte; es tut mir wirklich leid!
Auch wenn dies anders klingt, ich bin kein Gegner der Kernenergie, soweit es technische Fragen angeht; ich stelle die Frage nach der politischen Zuverlässigkeit, und die betrifft die Regierung wie das Management der Unternehmen.
Die Tiefseebohrungen von BP haben uns gezeigt, Störfälle kann niemand ausschließen. Wer den Tankrüssel ins Auto oder den Stecker in die Dose steckt, erklärt sich damit einverstanden, ob er das nun zugibt oder nicht. Mit Störfallrisiken werden wir einfach leben lernen müssen, die Alternative ist Verzicht; alles andere ist blauäugig.
Ich habe keine Angst vor Apokalypsen aller Arten, die die Empörungs-Heinis aus dem grünen Wohlfühlmilieu uns einreden wollen. Aber mein Gefühl beim Atom-Poker ist, dass diese Industrie und diese Politik ihr eigenes Moratorium vorantreibt. Jetzt taucht man die – vielleicht hysterische- Frage nach der Zukunft der Menschheit in das kalte Wasser des Casino-Kapitalismus.
Die Wähler lernen: Nach Las Vegas-Manier wird nun auch hier gezockt. Wie bei den Börsen und Banken nun auch bei den AKWs. Nicht nur unser Geld, jetzt auch unser Leben auf der schiefe Ebene der Verramscher; das ist der Eindruck, der Fluch der oberschlauen Tat. Diese Politik schürt durch ihre Missverstehbarkeit den Volkszorn.
Die Anti-AKW-Bewegung wird dadurch befeuert wie der Schnelle Brüter: Jenes Wunderwerk der Plutoniumwirtschaft erzeugt mehr Zündstoff , als es verbraucht. Man arbeitet am Perpetuum Mobile der Industriefeindlichkeit. Was sage ich als halbherziger Dulder der Kernenergie: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde!
Quelle: starke-meinungen.de