Logbuch

DIE ENKELWIRTSCHAFT.

Sie werden das langweilige Kaff namens Welschneudorf nicht kennen, das irgendwo im Westerwald vor sich hindämmert. Einst nach den zugewanderten Belgiern benannt, die Montanwissen mitbrachten für den lokalen Erzbergbau. Wir sind in der Provinz der Provinz. Ausgerechnet hier passiert es mir. Ich bin, obwohl notorischer Barzahler, umgefallen und habe mir meine Fleischwurst mit einem QR-Code in einem automatisierten Mini-Laden gekauft. Ich schwöre, ich wusste nicht mal, was das ist, eine hybride METZGERIA. Das passiert mir, der ich stets mit meinem metropolen Profil prahle. Hier, am Arsch der Welt. Sorry, ist nicht so gemeint.

Es war mir schon auf Heathrow, dem supermodernen Flughafen Londons, so gegangen, dass der Laden keine Verkäuferin mehr hatte und ich mich für ein Paar Kopfschmerztabletten und ein Wasser mit einem Automaten abplagen musste. Und weil die Tabletten eine autorisierte Abgabe brauchten, tauchte dann eine pakistanische Dame aus dem Off auf und half dem doofen deutschen Touri. Im örtlichen Baumarkt habe ich die Selbstbedienungskassen immer gemieden. Jetzt aber heißt Tante Emma, kein Scheiß, Tante Ensa und überzieht Rheinland Pfalz mit automatisierten Mini-Läden, die 24/7 geöffnet haben. Immer. Eine Revolution im Einzelhandel.

Man kennt aus Paris den Entrepanneur und aus Berlin das SPÄTI, ein Erbe der DDR, die haben immer auf; es gibt Allohol und Zichten, unter‘m Ladentisch auch was zum Wachbleiben für die Nase. Keine Orte, an die man seine Kinder oder Enkel gerne schicken würde. Aber eine METZGERIA, alter Schwede, beziehungsweise Belge (weil Welschneudorf). Die Deregulierung der alten Ladenschlusszeiten wird den Gewerkschaften nicht gefallen und den Kirchen, bringt aber einen großen Vorteil für die nicht so mobile Landbevölkerung; man ist zum Einkaufen nicht mehr auf lange Autofahrten angewiesen. Kesselfrische Fleischwurst auch nachts um eins, um die Ecke.

Aber werden die Alten & Armen & Analogen wissen, wie man mit QR-Code kauft? Gut Frage. Aber mein Rat wäre: Fragt Eure Enkel. Die können es. Das ist im Übrigen überhaupt ein gutes Motto. Begrüßen wir, dass die Enkel übernehmen. Und das Land erblüht. Auch auf dem Land.

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GOTTESLÄSTERUNG.

„Witze riss das Volk schon immer, ohne Demut und Respekt. Witze sind wie selbstgebrauter süßer Apfelwein. Aber in des Zwanges sauren Apfel beißt das Volk ungern rein. Oh Gericht, vergälle nicht uns, unsere große Lust am Witzereißen.“ Aus einem Lied von Wolf Biermann, der in der DDR groß wurde, die den Flüsterwitz kannte, weil die Stasi lauerte und der Knast drohte. Irgendwann waren es die Kommunisten leid und haben ihn schlicht ausgebürgert, den Spötter.

Ich höre auf BBC, dass der amerikanische Präsident nach dem Absetzen eines Kabarettisten („stand up comedian“ genannt, weil er es im Stehen tut) eine Erwägung anstellt, nämlich dass man jenen Sendern, die gegen ihn seien und Witze reißen, vielleicht die Lizenz entziehen sollte. Nur mal so als Gedanke. Spott kommt höheren Orts besonders schlecht an. Woran mag das liegen? Selbst Albernes beleidigt; gerade das.

Ich höre aus England, dass Labour hier die Zensur von rechter Propaganda auf rassistische Witze ausgeweitet hat und einfache Bürger wegen unpassender Bemerkungen hinter Schloss und Riegel bringt. Darunter mögen rechtsradikale Hetzer sein, aber Zensur ist immer ein vermiestes Gebiet. Rowan Atkinson sagt, das Recht zu beleidigen stehe über dem Recht nicht beleidigt zu werden. Insbesondere scheint mir das erwägenswert, wenn sich nicht einfache Bürger als Opfer fühlen, sondern der Staat selbst. Der Leviathan als Seelchen? Echt jetzt?

Wir haben als Deutsche noch vor Kurzem eine sozialdemokratische Innenministerin ertragen müssen, die unter einem sozialdemokratischen Kanzler Verfassungsschutz und Justiz ins Feld schickte, wenn der Staat sich verächtlich gemacht fühlte. Der Tatbestand war erfüllt, wenn jemand einen Bildwitz im Internet teilte, der den Grünen Habeck analog zum Haarwaschmittel Schwarzkopf als „Schwachkopf“ verspottete. Morgens um sechs stand die Kripo vor der Tür und beschlagnahmte wegen exakt dieser Tat das Laptop. Ermittlung als Strafe, Praxis von Gestapo und Stasi, ein klares Unrecht.

Kodiert wird der diktatorische Akt völlig verquer, in den USA als „free speech“ oder bei uns als „Kampf gegen Rechts“. Lupenreine Übergriffe des Staats in Grundrechte der Gesellschaft. Die Verhältnismäßigkeit kann ja nicht im Substanziellen liegen; sie ergibt sich also aus der Witzigkeit. Strafwürdig, weil leider komisch. Dieser Staat erwartet nicht nur Gehorsam; nein, Demut und Respekt. Dahintersteht der tiefe Wunsch, vom Volk verehrt zu werden. Diese Macht will Hingabe; man unterbreite Devotionalien. Ich bin der Herr, Dein Gott; Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

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OPULENZ.

Der vom amerikanischen Volk in einer freien Wahl erneut zum Präsidenten der US of A gekürte Herr Trump ist zum zweiten Mal im britischen Königreich auf Staatsbesuch, jetzt unter König Charles, dem Thronfolger der unvergessen Elisabeth. Beide Herrscher, der adelige wie der bürgerliche, neigen bei solchen Anlässen zur OPULENZ. Bei Charles mag das eine Frage der Tradition sein, bei Herrn Trump sicher eine Neigung. Sonnenkönige unter sich.

Warum will Macht sich ihrer selbst so opulent rühmen, frage ich mich, während mich das sichere Gefühl beschleicht, Zeuge von Inszenierungen zu sein, die aus der Zeit gefallen sind. Zugleich ergreift mich Zweifel, ob die neue Hegemonie des Rechten wirklich nur ein Anachronismus ist. Was wenn das jetzt überall so weitergeht? In den letzten Hochburgen der dahinscheidenden Hegemonie des Liberalen herrscht prämortale Hysterie. Die Ikone der Französischen Revolution war noch eine junge Frau mit blankem Busen auf den Barrikaden; heute ist Marianne aber eine Oma gegen Rechts. Die Revolution geht an Rollator.

Die Reaktion macht dicke Backen. Und wir Deutschen haben überall die Arschkarte. Im britischen Königshaus will man nicht mehr wahrhaben, dass der Familienname Mountbatten ein Fake ist für Battenschlag. Lady Di hat ihre Schwiegerfamilie deretwegen abfällig „die Deutschen“ genannt. Und Herr Trump ist ein Migrant zweiter Generation aus der Pfalz, auch ein Deutscher. Kommen all die Prahlhänse aus meinem Vaterland? Das ist ja furchtbar. Na ja, bis auf den Prahlsüchtigen der vorigen Republik, der war, bevor Braunschweig ihn einbürgerte, Österreicher. Auch kein Trost.

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El tango militar – ein Minister auf glattem Parkett

Früher, und das ist wirklich erst ein paar Jahre her, war es gute gesellschaftliche Konvention, sich mit Eintritt in die Obertertia an einer Tanzschule anzumelden. Unter buntem Lichtgeflacker und Hammondklängen aus großen Lautsprecherboxen wurden Grundschritte gepaukt. Es gab ersten schamhaften Kontakt mit dem anderen Geschlecht und nach Stundenschluss ließen die wilderen Nachwuchstänzer Martini Bianco und Pall Mall kreisen.

Ziel aller Anstrengungen war stets der Abschlussball, die ersehnte Gelegenheit, die neu erworbene Kunstfertigkeit im raschen Hin und Her zur Schau zu stellen, Partnerin und (schulinterner) Öffentlichkeit die eigene Wendigkeit zu demonstrieren.

Ob und mit welchem Erfolg der amtierende Bundesverteidigungsminister in seiner Jugend das Tanzbein geschwungen hat, ist nicht bekannt. Die adlige Herkunft des fränkischen Freiherrn lässt indes vermuten, dass er auf dem Feld der gesellschaftlichen Konventionen recht beschlagen sein dürfte. Eines jedenfalls lässt sich auch ohne profundere Kenntnisse der tanzsportlichen Biografie Karl Theodor zu Guttenbergs mit Sicherheit feststellen: Der bekennende AC/DC-Fan, der seit dem vergangenen Oktober das Kommando auf der Hardthöhe führt, ist ein begnadeter politischer Tangotänzer.

Behände prescht er links vor, will die Wehrpflicht verkürzen oder gar aussetzen, den Staatsbürger in Uniform in einen Interimspraktikanten verwandeln. Sogleich ein langer rechter Schritt hintenan, das Oxymoron von der freiwilligen Pflicht wird zur verteidigungspolitischen Tagesparole. Zwischendrin dann die Tuchfühlung mit dem Boulevard, das eigene Gewicht dreifach zwischen den Spielbeinen auspendelnd, schmiegt er sich an die Brust der Regenbogenpresse, posiert in Maßanzug und Macher-Pose zwischen uniformierten Afghanistankämpfern, geht klientelwirksam im Rolex-Shirt zum Joggen oder besteigt mitsamt adliger Gattin keck einen Dinosaurierrücken. Nun folgt im 2/4-Takt der politische Rückwärtsschritt, und eben noch eingeräumte kriegerische Zustände existieren plötzlich nur noch in der Umgangssprache. Bleibt das abschließende seitliche Ausweichen, hier in der Gestalt der geschickten Schuldverlagerung auf altgediente Militärs, Entlassung zur eigenen Entlastung inbegriffen. Und so findet der ehemalige Gebirgsjäger wieder zurück in die Grundstellung.

Ein versierter Tänzer weiß sich stets zu bewegen, ob beim verruchten Tango Argentino in den lateinamerikanischen Favelas oder beim eleganten Tango de Salon auf dem großbürgerlichen europäischen Tanzboden. Auch Karl Theodor zu Guttenberg erscheint zur Zeit überaus parkettsicher, er kommt an und erreicht stets hohe Beliebtheitswerte (über deren alleinige Aussagekraft sich allerdings angesichts der Konkurrenz durch Akteure wie Guido Westerwelle oder Ronald Pofalla trefflich streiten ließe). Der bayrische Politiker wird zwischenzeitlich sogar als Kanzlerkandidat für eine Union nach Merkel ins Gespräch gebracht, er soll, so lassen gewöhnlich gut informierte Kreise verlautbaren, künftig gegen den weit weniger alerten Sigmar Gabriel ins Feld geschickt werden.

Quelle: starke-meinungen.de