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HOHE KÜCHE.

Dem Franzosen verdanken wir die HAUTE CUISINE, wie man dort das bessere Kochen nennt. Für den Alltagsverstand des germanischen Kartoffelfreundes ist die Gastronomie des Franzmanns mit Froschschenkeln verbunden. Oder mit dem Bressehuhn in der Kalbsblase. Uns, den Teutonen, wird dabei eher das sogenannte Eisbein zugerechnet, ein gekochter Oberschenkel der krummbeinigen Sau mit Erbsenstampf.

Gestern hatten wir, ganz erlesen, Tintenfisch und Krustentiere in der Paprikapfanne als Vorspeise, dann einen ganzen Wolfsbarsch vom Grill, schließlich ein feines Nudelgebäck in Honig. Wenn da die Produkte stimmen, kann eigentlich nichts schief gehen. Der weißbeschürzte Kellner herzlicher Freundlichkeit präsentierte auf einem Tablett vorher noch zur Auswahl Thunfisch, Seezunge und so einen kleinen Kollegen, dessen Name ich vergessen habe. Wir wählten den Loup de Mer, der gut die Größe eines Unterarms hatte, prächtiger Fang.

Daran allein unterscheidet man aber nicht die niedrige von der hohen Küche. Die Details sind aufschlussreich. Man achte etwa auf das gereichte Brot. Ein lieblos zerschnittenes Weißbrot? Oder aufgebackene Minibrötchen? Dröges Pizzabrot? Gar harte Brotstücke ungewisser Provenience? Tiefe Küche. Hier gab es einen mittelgroßen Fladen frisch gebackenen Weißbrotes mit einem süßen Möhrenjoghurt und Oliven. Sehr lecker.

Auch die Etikette des Kellners. Auf die Ansage „trockener Weißwein“ holt er Weinkarte und deutet auf seine Wahl, um dem Gast ein Blick auf den Preis der von ihm gewählten Flasche zu gewähren. Er lag zielsicher im mittleren Segment, aber man weiß ja nie. Kurzum, wir waren beim Türken, der mit seinem Fischrestaurant am Ort die Spitze des FINE DINING belegt. Wir hätten auch zum Italiener gehen können, nur nicht zum Chinamann, der ziemlich sicher Tiefkühlkost mit Glutamat verfüttert. Womit wir bei dem sind, was man die Pseudoethnisierung der Restaurantkultur nennt.

Ich lobe die mediterrane Gastfreundschaft und den Fisch als Nahrung. Vielleicht sollte man öfter kulinarisch an den Bosporus reisen und am Ende Karthago doch nicht zerstört werden.

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KIRMES.

Auf dem Land, da ist ein einziges Mal im Jahr Kirmes; meist sehr nett, die Kinder freuen sich. In der großen Stadt nutzen sie jedes zweite Wochenende; jüngst für etwas, das Rave hieß. Dazu werden die Hauptverkehrsstraßen gesperrt und den Feierwütigen übereignet. Anwohner leben auf einem Kirmesplatz; nicht ständig, aber doch sehr oft.

Ich höre freitags die Provinz aus Tuttlingen anrücken und sonntags wieder heim ziehen, zwischenzeitlich bevölkern sie die AirBnBs. Man hört sie, die feiergeilen Schwaben, weil sie Rollkoffer hinter sich herziehen. Man fragt sich, wie man die billigen Kleidercontainer mit so nervigen Plastikrädern ausstatten kann. Und warum es die Gundula und den Sören aus Tuttlingen nicht selbst nervt.

Eigentlich ist Kirmes ja die Kirchweih, aber das wissen die schwäbischen Protestanten nicht, denen anders als den Juden oder den Moslems kein Tempel gegeben ist. Sie folgen dem Hinweis des Paulus, nach dem ihr Körper der Tempel des Herrn sei, in dem Gott wohne. Nun gut, warum statten wir diesen Heiligen Raum dann mit Amphetaminen aus vietnamesischen Laboren in Tschechischer Provinz aus?

Und hinterlassen nächtens den Inhalt von Magen und Blase in meinem Vorgarten? Ich frage für einen Freund.

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DER TIEFE TELLER.

Wenn es eine Suppe auszulöffeln gilt, dann nehmen wir den tiefen Teller. Die Suppenschüssel ist natürlich nur ein Code für etwas anderes, das anzudeuten schon des übermenschlichen Mutes bedarf. Wenn nämlich jene, die heimlich die Macht im Staate haben, bemerken, dass sie verraten werden könnten, verabreichen sie Gift. So gibt man dann den Löffel ab. Deshalb sagen wir tiefer Teller, wenn wir das „imperium in imperio“ meinen. Muss aber unter uns, sprich geheim, bleiben.

Was soll der Quatsch? Nun, ich raune vom TIEFEN STAAT, möchte dabei aber nicht von ihm erwischt werden; also tarne ich mich vor der Weltverschwörung, indem ich über Porzellan rede, aber die Weltherrschaft meine. Grandioser Trick. Wer das jetzt krude findet, der ist noch nicht in die Welt der Verschwörungstheoretiker eingetaucht; er ist halt nur ein flacher Teller, eine Untertasse.

Ob ich was geraucht habe? Nicht am frühen Morgen. Anlass der Albernheit des tiefen Tellers ist eine Leserreaktion auf meine Bemerkung, dass ich ein gelernter Linker sei, der sich im zunehmenden Erkenntnisekel befinde. Man sagt mir noch weitere Desillusionierungen mit dem tiefen Staat voraus. Da ist er wieder der Topos der okkulten Verschwörung. Man wird gewarnt, wie einst die Katholische Kirche ihre Delinquenten vor dem Teufel.

Neu ist der Zauber nicht. Man sah die Illuminaten herrschen, sprich Freimaurer. Die sollen ihre Enttarner vergiftet haben. Oder Opus Dei. Das Judentum allzumal. Oder den militärisch-industriellen Komplex. Oder die Päderasten. Oder die Jungtürken. You name it. Die Angst vor dem tiefen Teller (zwinker, zwinker) ist eine Riesendummheit, die auf eine veritable Erkenntnis folgt. Beginnen wir mit dieser.

Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Eine bittere, aber sehr wesentliche Erkenntnis. Die Menschen sind zu ganz kolossalem Irrglauben in der Lage. Die Dinge können komplexer sein, als der Alltagsverstand vermutet, aber eben auch schlicht zufälliger Natur; kontingent. Deshalb ist die Fragestellung Kants so lehrreich, der fragt: „Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen?“

Wer mit der Kontingenz nicht leben kann oder will, weil er was vorhat, der lege den Propagandaklassiker der Verschwörung auf und male die Verschwörer so, dass man sie am liebsten gleich lynchen möchte. Um das Irre dieses gewollten Irrsinns vor Zweifel zu schützen, gebe man Realitätsmarker hinzu. Oder Histörchen, Kunde aus den guten alten Zeiten.

So ich gehe jetzt frühstücken. Porridge, sprich Haferschleim und zwar aus tiefen Tellern (zwinker, zwinker).

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Merkel ernennt Gabriel zum Kanzlerkandidaten

Welcher Kampf tobt in Berlin? Vermeintlich geht es darum, wer der nächste Bundespräsident wird. Das ist Quatsch, Wulff wird es. Ab jetzt darf mit diesem Staatsoberhaupt gelächelt und gegähnt werden.

Eigentlich geht es um die wirkliche Macht, also um die Frage, wer der nächste Kanzler wird. Seit gestern weiß ich, wer im nächsten Bundestagswahlkampf gegen Merkel antritt, wenn es nach ihr geht: Gabriel. Die Nominierung Gaucks zum überparteilichen und deshalb verhinderten Bundespräsidenten durch das neue Gespann Gabriel/Trittin hat im Kanzleramt eingeschlagen wie eine Bombe. Es gibt Rauchzeichen. Aber der Reihe nach.

Bei meinem Sonntagspaziergang durch das sonnige Bad Ems an der Lahn lese ich einen Gedenkstein zur Emser Depeche.

Depechen schickten sich die Menschen, als es noch keine Handys gab. Depechen waren die SMS des 19. Jahrhunderts.

Die SMS aus Bad Ems wurde dort genau vor einhundertvierzig Jahren abgeschickt und war ein regierungsinternes Telegramm zu einem unbedeutenden Vorfall auf der Promenade zwischen König Wilhelm I von Preußen und dem französischen Botschafter, mit dem Otto von Bismarck in Berlin aber den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 anzettelte. Bismarck kürzte das Telegramm geschickt und gab es in Berlin an die Presse.

Zeitenwechsel. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hatte die Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer SMS unterrichtet, dass Rot-Grün den Kandidaten Gauck als überparteiliches Angebot aufstellen wollte. Darauf hat die Kanzlerin gewohnt lakonisch reagiert. Beide SMS, die höfliche von Gabriel und die schnippische von Merkel, wurden an die Presse gespielt.

Das geschieht in einer Zeit, da auch depressive Bundespräsidenten nur noch Handykontakt zur Kanzlerin haben und sich die Pfarrerstochter schweigend zur Sphinx stilisieren will. Das Kalkül der Indiskretion liegt durchschaubar in einer Sozi-List: Das Publikum sollte denken, Merkel will den zahnlosen Wulff aus bloßem parteitaktischen Kalkül, auch gegen ihre eigene Seele: eine Kanzlerschaft uninspirierten Machterhalts.

Gauck schlägt sich mittlerweile gut, und Wulff wirkt wie unter Valium. Unterwürfige Fragen helfen ihm, sich in die Unverbindlichkeit kleinbürgerlicher Manieren und glatten Lächelns zu retten. Seine Siegesgewissheit lautet: Beim dritten Mal wird es schon klappen. So habe er schon sein Juristisches Staatsexamen geschafft, sagen die Kommilitonen, im dritten Anlauf mit Ministerschwanz.

Wulff ist kein Einser-Jurist; er ist in nichts „sehr gut“, das ist sein Alleinstellungsmerkmal, medioker zu sein, aber nicht dumm. Charisma freilich ist aus anderem Stoff. Wulff ist schon zweite Wahl, bevor die Wahl überhaupt begonnen hat; und er weiß, dass dies das letzte ist, was Merkel stört. Passt scho!

Aber was den Glanz ihrer Herrschaft angeht, hat Merkel in diesen Tagen nicht nur Pech, sondern auch noch kein Glück. Schwarz-gelb dreht angesichts dieses Vakuums an Fortunas Gunst die betriebseigene Hysterie noch eine Stufe höher.

Das Kanzleramt lässt nun verlauten, dass Gabriel damit auf der shit-list von Frau Merkel stünde. Nie mehr würde die Kanzlerin ihm jetzt noch mal was simsen. Das ist das Genie von Herrn Pofalla, der in seinem niederrheinischen Ton vielen als dümmlich erscheint, was man nicht am Dialekt fest machen darf. Der studierte Sozialarbeiter aus Kleve am Niederrhein ist von keinem Genie geplagt; wer das bisher nur mutmaßte, weiß es jetzt.

Und das will Merkel mit Gabriel nicht mehr tun? Der Mann ist geadelt! Der erste Kerl, den Angela nicht stillschweigend entsorgt wie Merz, Oettinger, Koch, Rüttgers, Kohl: der erste, dem sie den Kampf ansagen lässt. Und Steinmeier muss auch noch den Spott ertragen, dass er von der Eisernen Lady weiterhin als seriös angesehen wird; das meint: als Träger eines Nasenrings, an dessen Ende sie als Bärenführerin steht.

Spricht aber nicht gegen Gabriel, dass er die beiden SMS an den SPIEGEL gegeben hat? Vorsicht! Erstens weiß ich nicht, ob es nicht zuerst die BILD und dann der SPIEGEL war. Zweitens weiß man nicht, wer das war. Ich habe enge Freunde, die vermuten, dass ein Dritter der Informant der Blätter gewesen sein könnte.

Sigmar Gabriel ist kein Windhund, er macht nicht den Lafontaine, aber er ist auch keine politische Beamtenseele wie der tapsige Steinmeier. Eine vasallenhafte, um nicht zu sagen hündische Solidarität mit der Kanzlerin ist nicht Aufgabe der Opposition. Das wäre Verrat, nicht die Kante, in die Merkel jetzt zu beißen hat.

Für Indiskretionen gibt es Motive auf allen Seiten, wie immer. Aber würden wir auch eine Schlitzohrigkeit begehen wie seinerzeit Otto von Bismarck? Klar würden wir. Wenn wir dadurch einen Krieg verhindern könnten, wie den von 70/71: immer!

Erneuter Szenenwechsel. Der amerikanische Präsident hat einen General entlassen, weil Mitglieder seines Stabs anlässlich von zwei privaten Besäufnissen Witze gerissen haben, die man nüchtern nicht reißen würde, jedenfalls nicht wenn ein Reporter des Magazins Rolling Stone (Auflage 1,4 Millionen) dabei ist.

Was der Journalist da gemacht hat, war ein Vertrauensbruch. Darf er das? Ja, das darf er. Angesichts von Krieg und Frieden gibt es keine Geheimabsprachen der Mächtigen, die uns Bürger nichts anzugehen haben.

Nun scheinen die historischen Vergleiche aber ganz aus der Proportion: Ob Merkel noch mal Kanzlerin wird oder es Gabriel versuchen darf, ist keine Frage von Krieg und Frieden. Aber das Kanzleramt unter der Leuchte Pofalla reagiert so. Die Nominierung von Gauck hat wie eine Bombe eingeschlagen und im Kanzleramt eine Bunkermentalität erzeugt.

Schluss mit dem verdeckten Schmusekurs und den albernen Schaukämpfen. Die Verfassung gibt uns Bürgern ein Recht, nicht von heimlichen SMS-Kumpeln verarscht zu werden. Wir wollen wirklich Kämpfe sehen. Das eingefordert zu haben, bleibt das Verdienst von Gabriel und Trittin. Und das als ernsthafte Herausforderung kapiert zu haben, zeigt die Machtwitterung von Merkel. Auf in den Kampf, Herrschaften!

Quelle: starke-meinungen.de