Logbuch

HONG KONG. ADE.

Man verliert seine Heimat nie, weil sie in der Seele steckt, jedenfalls in den Knochen. Deshalb sehe ich das Romantisieren der Heimatlosen mit großer Nachsicht. In aller Regel hat sie nichts getaugt, deshalb ist man ja gegangen. Aber man vermisst sie wie eine verlorene Geliebte.

Man berichtet mir in der Museums Tavern am Britischen Museum, dass sehr viele chinesische Bewohner Hongkongs in diesen Wochen ihre englischen Pässe bemühen, um sich in dem Vereinigten Königreich eine Existenz aufzubauen. Es gebe eine Sonderkonjunktur in den touristischen Pensionen ("B&B" für "bed&breakfast") mit vermeintlichen Touristen, die wohl in Wirklichkeit Zuwanderer sind. Man sucht eine neue Existenz. Da passt der Brexit wie die Faust auf's Auge.

Ich selbst habe mich 1997 beim sogenannten Hand Over in Hongkong im Foreigner's Press Club (oder so) gründlich blamiert, weil ich die Gefühlslage der Briten und der britisch Gesinnten völlig verkannt habe. Wie die Engländer im 19. Jahrhundert an diese Provinz gekommen sind, ist eine Frage, die zu diskutieren, damals unzeitgemäß war. Vielleicht auch heute noch unzeitgemäß ist. Die Befürchtung der britisch Gesinnten in Hong Kong? Es drohe ein Inkorporation durch den chinesischen Staat. Man sitzt auf gepackten Koffern.

Migration, da zumeist unfreiwillig, ist kein Abenteuer, das mit touristischen Kategorien gemessen werden kann. Sie ist, aus welchen Gründen auch immer, Verlust der Heimat und eine ungewisse Zukunft. Der leichtfertige Spruch "Home is where I hang my hat" zeugt von der Melancholie der Landstreicher. Boxcar Willi. Aber da ist prinzipiell etwas dran: Migration begleitet immer Melancholie.

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SATIRE. BROTLOS.

Satire darf die Mächtigen nicht loben. Das macht nur ihre korrupte Schwester, die Propaganda. Aber es gibt ja nix zu meckern.

Der Bundespräsident hält eine gute Rede. Kompliment an die Redenschreiber. Und Kompliment an den Kerl aus dem Lippischen, der das Amt bekleidet. Den kenn ich 30 Jahre oder länger und hab mir schon oft den Mund verbrannt. Frank-Walter, ich bitte um Nachsicht. Du kannst das. Punkt.

Die Außenministerin macht auf internationalem Parkett eine gute Figur. Kompliment an die Reiseplanung im AA. Und Kompliment an die Dame aus dem Völkerrecht; sie macht das echt nicht schlecht. Oder hatte das nicht schlecht gemacht gehabt, wie sie selbst formuliert. Frau Bärbock, ich bitte um Nachsicht. Über das Plusquamperfekt allerdings sollten wir vielleicht noch mal reden.

Der Bundeskanzler übt sich in Diplomatie. Kompliment an die Auster; das knappe Reden scheint ganz gut geraten. Gute Führung aus dem Bundeskanzleramt, muss man sagen. Merkelsche Kontinuität. Mutti schaut wohlgefällig auf den grinsenden Schwiegersohn, genannt der Schlumpf. Aber die Ampel funktioniert. Läuft bei Euch.

Nur ich, ich geh am Stock. Diese Lobhudelei geht mir nicht von der Feder. Der Geist, der stets verneint, jetzt als jasagende Hofschranze. Bitter. Schlimmer: banal.

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REISEZEIT.

Vor fünfhundert Jahren zu reisen, das muss beschwerlich gewesen sein. Aber auch die Pest konnte den Franken AD nicht schrecken. Er wollte Exotisches sehen. In Venedig wie Antwerpen. Kein Lockdown.

Dürer reist 1520 aus Nürnberg in die Metropole seiner Zeit, nach Antwerpen. Wir wissen vom seinen Gesprächen mit zwei Portugiesen keine Inhalte, aber die Gastgeschenke, vor und nach den gemeinsamen Essen, sind dokumentiert. Seide, Silber, Süßes aus aller Herrenländer, Exotisches, nicht zu letzt ein Paar Papageien aus Madeira. In einer belgischen Hafenstadt.
Das gehört zusammen: Kostbarkeiten aus Übersee und kühne Gedanken der Aufklärung, Medizinisches etwa aus der Leichenschau, Geometrie, ferne Geografie, Kokonialwaren. Welthandel und Wissenschaft sind die Begleiter der Renaissance. Weltgeist und Welthandel sind Geschwister.

Da mussten die Katholiken weichen. Dürer schenkt seinen portugiesischen Freunden ein Porträt in Öl des Hieronymus, dem Schutzheiligen der Übersetzer. Er verehrt den Heiligen Jérôme, der die griechische Bibel ins Lateinische übertragen hatte; vom wo Luther die ins Deutsche hebt. Womit der Papst entmachtet war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Was war die Grundlage der global beschafften Pracht? Zunächst in Brügge, dann Antwerpen, dann Amsterdam? Marzipan, chinesische Nüsse. Wo kam der Zucker für die exotischen Süßigkeiten her? Die Gewürze für die kulinarische Vielfalt? Die Knochen eines Wals als Studienobjekt? Am Ende und im Kern? Aus der Sklavenhaltung und dem Sklavenhandel. Bitter, aber wahr.

Und damit wird dann das noch zu Boden liegende England des 16. Jahrhunderts schließlich im 17. zur Weltmacht. Die dunkle Seite des Monds namens Aufklärung.

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Bundeswehr: lieber eine Söldner AG als diese Trachtengruppe mit Kurzzeitrekruten

Alarmrufe im Berliner Blätterwald. Die Bundeswehr wird zur Berufsarmee. Die Wehrpflicht wird abgeschafft. Die Weimarer Reichswehr kommt wieder.

Dem umtriebigen CSU-Politiker und Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagt man Ambitionen nach, den Reformdrang der Liberalen noch zu überbieten. Die FDP hat ja durchgesetzt, dass der Wehrdienst verkürzt wird und auf ein sechsmonatiges Praktikum schrumpft. Nun soll im Zeichen knapper Kassen aus der rekrutierten Trachtengruppe von „Bürgern in Uniform“ ein professionelles Korps gebildet werden.

Die Sozialromantik einer Parlamentsarmee wird aufgekündigt, und die Organisationsform der Reichswehr kehrt zurück. Kein Staat im Staat, aber Profis an die Front. Der nächste Schritt schwarz-gelben Gestaltens könnte dann die Privatisierung sein, neudeutsch eine Public-Private-Partnership in Fragen der Landesverteidigung. Das gilt ja nicht mehr im Sinne stehender Heere an Oder und Neiße, sondern als Tankwagenbetreuung am Hindukusch und wo sonst, neudeutsch „in- and out-of-area“.

Wie in vielen anderen Bereichen der Security-Unternehmungen auch, übernähme dann ein privates Unternehmen den bedingt abwehrbereiten Verein und machte eine hochmoderne Söldnertruppe draus. Krieg ist viel zu wichtig, als dass man ihn den Zivilisten überlassen könnte. Kampfjets sind zu kompliziert, um sie Führerscheinanfängern zu übergeben. Die US-amerikanische Berufsarmee hat hier sehr gute Erfahrungen mit einer Firma Halliburten oder so gemacht, die zum Beispiel im Irak Schmutzarbeiten macht als „private contractor“.

Ein Modell mit Zukunft. Wir kaufen dann nationale Sicherheit, so wie wir private bei einer Großveranstaltung anheuern oder unsere Büros von einem Reinigungs-Konzern putzen lassen. Schwarze Sheriffs stehen heute schon bei jedem Popkonzert oder Fußballspiel und bieten den Schriftzug „Security“ feil. Deutschlands Bürgersöhne müssten sich nicht mehr die Hände schmutzig machen.

Eine private Armee von Profi-Söldnern, das ist nicht so ungewöhnlich wie es klingt. Schon bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, dem „levée en masse“, im 19. Jahrhundert gab es das Recht für betuchte Söhne des Landes, sich den edleren Dingen des Lebens zu widmen und einen sogenannten Einstandsmann oder Einsteher zu entsenden. Und zwar von Staats wegen und mit dessen Treuhänderschaft. Mit dreihundert bis sechshundert Gulden war man dabei, beziehungsweise eben nicht dabei. So kamen die Söhne armer Bauern aus Appenzell oder dem Hunsrück als reislaufende Einsteher zu einer kleinen Rente oder eben ihre Witwen, und das Bürgertum schonte die Familienstände.

Das historische Argument hat größeres Gewicht, weil Tiefgang bis in die Antike. Immer waren es seit dem alten Rom Söldnerheere, die sich verkämpften. Die letzte Truppe dieser Edlen ist die französische Légion d’Étrangère, die für die Verzweifelten und Vertriebenen dieser Erde eine Heimat bietet. Ihr Vaterland, bekennen die Weißkäppis bis heute, sei die Legion. Legio Patria Nostra, das nennt man Corporate Identity in der Unternehmenswelt.

Was gut für General Motors ist, ist gut für das Land, heißt das umgekehrt und andernorts. Was sich über Jahrhunderte bei Zehntausenden von Einstehern bewährt hat, kann jetzt ohne weiteres auch Prinzip für die Hunderttausend der Bundeswehr sein. Man hebt von Staats wegen die Wehrpflicht auf und engagiert eine Einsteher AG und deren Profis.

Dieser Weg hat sich über eine längere Strecke der Menschheitsgeschichte bewährt als der „Innere-Führungs“-Quatsch der Wehrpflicht und das Weimarer Angstsyndrom vor einem Staat im Staate. Kurzum: eine Berufsarmee, die sich als Dienstleister in Sachen Sicherheit als AG privatisieren ließe, wäre keine Grille, sondern der historische Normalfall.

Auch der internationale. Es gibt mit Ausnahme Israels kaum noch Wehrpflicht als Rekrutierungsprinzip auf der Welt. Eine weitere Ungerechtigkeit ließe sich mit der neuen Sicherheits-AG beseitigen. Denn die „allgemeine Wehrpflicht“, die unsere Verfassung erlaubt, ist keine. Sie gilt für Männer und nicht für Frauen. Wäre die Ungleichbehandlung umgekehrt gestrickt, hätten wir schon lange ein schrilles Gleichstellungsgeschrei. Aber wir wollen keine Frauen an den Waffen sehen.

Warum die Wehrpflicht auch Theologiestudenten erlassen wird oder Alimentezahlern und andere Ungereimtheiten mehr, muss nicht erörtert werden, wenn man den gordischen Knoten ohnehin zerschlagen will.

Wer Milliarden in ein Flugzeug steckt, sollte sich den Piloten gleich mitliefern lassen. Wer Milliarden für ein U-Boot ausgibt, sollte die Mannschaft gleich mitleasen. Die Lufthansa übergibt die Cockpits ihrer Flieger doch auch nicht den Praktikantinnen der Flugbegleiter, die dann statt Saft schubsen die Airbusse landen.

Mit der Verkürzung der Wehrpflicht ist der erste Schritt zu ihrer Aussetzung getan, mit der Berufsarmee der zweite zu einer Privatisierung des ganzen Vereins. Man muss dem Wort Söldner nur seinen unangenehmen Klang nehmen. Lassen wir die Rüstungsindustrie mit den Maschinen der Verteidigung auch gleich die Maschinisten liefern! Schlüge Karl-Theodor zu Guttenberg eine privatisierte Berufsarmee als Sicherheits-AG vor, man könnte nur dafür sein und sich mit Aktien eindecken. Und die Rheinmetalls dieser Welt wohl auch.

Unsere hochgezüchtete Wehrtechnik ist viel zu gut, um sie von einer Trachtengruppe der Kurzzeitpraktikanten bedienen zu lassen. Bundeswehr an die Börse! Schwarze Sheriffs an die Front!

Quelle: starke-meinungen.de