Logbuch
AMI GOES HOME.
Vor einem guten halben Jahrhundert war alles anders. Die USA führten einen schmutzigen Stellvertreterkrieg in Vietnam gegen kommunistische Antipoden, den sie als koloniales Unterfangen von den Franzosen geerbt hatten. Ich trug einen Sloganbutton, der zur Unterstützung des Vietcong aufrief, und ein T-Shirt mit dem Ponem des Kubaners Che. Ich hatte die FR und die Peking Rundschau abonniert und romantisierte die Vorstellung einer Kulturrevolution. Man las Herbert Marcuse aus Berkeley und hörte über ihn von Studentenprotesten in Amerika.
Vieles davon war zu einem guten Teil auch postpubertäre Spinnerei, Dinge, die vor allem wegen der damit verbundenen Provokation ihren Wert hatten. Es ging darum, Spießer zu provozieren, auch als brave Kleinbürgersöhnchen. Aus Berlin hörten wir Eleven der Provinz den Slogan „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört zum Establishment.“ Dabei waren wir noch mehr Knaben denn Männer. Aber das Fluidum der Proteste beseelte den Zeitgeist. Das geht mir wegen der Libertinage nicht aus dem Kopf, obwohl schon im Studium politisch klüger.
Zu spinnen ist der Jugend Recht, jedenfalls der Kindheit. Jetzt räsoniere ich: Vor einem guten halben Jahrhundert war eigentlich doch nicht alles anders. Es meldet sich in mir wieder eine Wahrnehmung der USA, die ich ausgewachsen glaubte. Es ist ein merkantiler Imperialismus, der sich auch seiner vordergründigsten Interessen nicht schämen will. Man muss wissen, was ein Leviathan meinte, um das epochale Bild des Thomas Hobbes zu verstehen, ein Ungeheuer. Eine Sklavenhaltergesellschaft kehrt in diesen Tagen zu ihrer alten Nonchalance zurück.
Ich war mit 17 ein politischer Spinner. Und hatte doch, denke ich jetzt für einen kleinen Moment, in vielem recht. Ami goes home. Hier aber Europa als Gegenbild zu den heutigen Weltmächten zu sehen, ist geschichtslos. Die Engländer haben vom Sklavenhandel erst abgesehen, als sich dieser nicht mehr ökonomisch lohnte. Dann aus humanitären Gründen, klar. Jetzt bauen wir Europa als bessere Welt? Da bin ich aber mal gespannt.
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AUF GEPACKTEN KOFFERN.
Bei einem Lunch im Alten Hafenamt der Freien und Hansestadt Hamburg atme ich den Geist einer vergangenen Welt, jedenfalls wenn Handel und Wandel heutzutage zu dem verkommen sind, was der Immobilienbetreiber Donald Trump einen Deal nennt. Der Hanseat stand für Treu und Glauben, der Neureiche prahlt mit Lug und Trug.
Selbst die Kriminellen ihrer Zeit, die freibeuterischen Piraten, hielten auf ihre Ehre; der Likedeeler war ein „Gleichteiler“. Mein Namensvetter Störtebeker („stürz den Becher“) wurde zwar enthauptet, aber doch nicht der Betrügerei bezichtigt. Man haute sich den Schädel ab, aber nicht über‘s Ohr. Das Wort eines Mannes (einer freien Frau allemal) galt, auch unter den Viktualienbrüdern. Pacta servanda: Verträge hält man ein.
Die Trumpschen Deals mögen Weltgeschichte schreiben, aber der Ruch der Übervorteilung, die Fama der Skrupellosigkeit, das Großmäulige und Großkotzige, all das kann kein Vertrauen bilden. Der Krebs des Bescheißens als Maxime wuchert. Kein kategorischer Imperativ. Aber braucht es so etwas überhaupt, wo schlanke Übermacht reicht? Trump fährt den Kapitalismus, wie Marx & Lenin ihn erklärt haben, wenig Raum für die Buddenbrooks und Kühnes. Elon Musk baut keine Opernhäuser auf dem Mars.
Ich bin kein Romantiker der Macht, habe aber studiert, was Rom groß gemacht oder Konstantinopel. Die Hanse, das war nicht nur Handel, sondern eben auch Aufklärung. Wenn die Welt in Reiche zerfällt, würde ich gern zu einer Kulturnation gehören. Insofern sitzt man immer, Kant im Gepäck, auf gepackten Koffern.
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PÜNKTLICH.
Die Hallenuhr im Grandhotel an Edinburghs Hauptbahnhof geht fünf Minuten vor, damit man seinen Zug nicht verpasst. Das macht mich wahnsinnig; ich vergesse zuverlässig, ob sie nun vor oder nach geht. Im übrigen aus einer Zeit, da Pünktlichkeit und Bahn etwas miteinander zu tun hatten.
Der Engländer nennt es „in time“, also rechtzeitig, wenn man sein Ziel so erreicht, wie verabredet. Nun gelten insbesondere die Deutschen als pünktlich, was auf den unangenehmen Teil ihres Nationalcharakters einzahlt; sie gelten als Pedanten, denen solche Förmlichkeiten wichtig sind. Mir selbst ist vom Herrgott ein besonders großes Stück von diesem Kuchen zugeteilt worden: Ich bin immer zu früh. Und wer zu früh ist, ist eben auch unhöflich. Ich hasse es.
An der Uni gibt es einen Zusatz zum Termin, genau gesagt zwei: s.t. & c.t. für sine tempore und cum tempore, was Kirchenlatein ist und „ohne Zeit“ wie „mit Zeit“ meint. Im „akademischen Viertel“ verfügt man über 15 Minuten, die man den angebotenen Termin überschreiten kann. Oder eben nicht. Ich habe ein festes Meinungsbild von Studenten, die 16 Minuten nach Termin grußlos ins Seminar hasten und sich umständlich am Platz aus ihren Jacken schälen. Deren Hausarbeit lese ich immer.
Es entspricht für meine Begriffe nämlich einem tadellosen Benehmen zu einem geschäftlichen Termin fünf Minuten vor Termin zu erscheinen; bei akademischen c.t. zehn Minuten nach. So bleibt immer eine kurze, aber noch angemessene Zeit für die unvermeidlichen Umständlichkeiten. Anders bei privaten Einladungen; hier ist man fünf bis zehn Minuten zu spät, weil der Gastgeber nicht zu hetzen ist.
Meine Frau Mutter, die schon beim Gerechten weilt, wie Zaimoglu sagt, war, wenn sie ihre Kinder besuchte, immer eine halbe Stunde zu früh. Man war noch nicht angezogen, geschweige denn die Kinder, wenn sie, noch in Mantel und Hut, in die Küche vordrang, um Topfdeckel zu heben und das zu erkunden, von dem man ahnen konnte, dass es an nächsten Tag zu Verträglichkeitsproblemen bei ihr geführt haben werde. Sie konnte eine echte Nervensäge sein und würde es nicht schätzen, dass ich das hier erwähne.
Ein Freund erzählt mir von indischer Pünktlichkeit, die im Rahmen einer generellen Disziplinlosigkeit aberwitzige Ausmaße annehmen könne. Wenn ich im Süden Italiens wegen solcher geringfügigen Abweichungen auf die Uhr schaue, werde ich raunend Kartoffel genannt. Wie halten wir es also? Ich könnte meine Uhr fünf Minuten zurückstellen.
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And the winner is: Jürgen Trittin – Zero points: Angela Merkel
Demütigungen in der Politik mögen platt klingen oder wie ungelenke Späße, haben aber ihre eigene Hinterhältigkeit. Am Freitag treffen im sonnigen Hannover der nominierte Bundespräsidentenkandidat Christian Wulff und die gemeuchelte Konkurrentin Ursula von der Leyen zu einer CDU-Sitzung zusammen, auf der Wulffs Nachfolger nominiert werden soll.
Es drapieren sich vor den Kameras der vor Stolz berstende Wulff, jetzt bald von hier scheidender Ministerpräsident, die von Merkel düpierte Mitbewerberin von der Leyen und ein schottischstämmiger Herr namens McAllister, der es in Hannover richten soll, wenn sich die anderen beiden in Berlin in neuem und altem Amt als Bundespräsident und Sozialministerin wiederfinden.
Da sagt Wulff zu seiner Parteifreundin von der Leyen mit Blick in die Kameras einen jener Sätze, an die sich die Republik wird gewöhnen müssen: “Was für eine tolle Woche, am Anfang mit Lena und am Ende mit Dir!“ Im Hintergrund lächelt sein Medienberater Olaf Gläsecker, ein feines Genie des Inszenierens im Körper eines Boris Karloff,sein gespenstisches Intrigenlächeln.
Da steht dann die beliebte Familien- und Sozialministerin, das Beinahe-Staatsoberhaupt, auf einer Stufe mit der Schlagersängerin von Raabs Gnaden. So behandelt man Mädchen, wenn man sturmfest ist und erdverwachsen.
Welch eine Szene, welch ein Ausblick. Die PR-Truppe der niedersächsischen Staatskanzlei hatte die Grand Prix Gewinnerin Lena nach Hannover geholt und Herrn Wulff zu einem Fototermin verholfen. Damit vergleicht der „liebe Christian“ nun prahlerisch und peinlich zugleich sein Zusammentreffen mit der Sozialministerin und das Glück eines Ministerpräsidenten in Hannover, ein Glück, das nun jedermann erstrebenswert erscheinen müsse.
Wulff spielt nun eine Hauptrolle in einem Marionettentheater, in dem nicht er die Fäden zieht und wohl auch nicht mehr seine Förderin im Kanzleramt. Auf der politischen Bühne Berlins wurde geputscht. Es wird ein neues Programm gespielt im Volkstheater, obwohl die Schauspieler des alten Stücks noch auf der Bühne stehen.
Neue Regisseure sind am Werk. Wer aber gibt nunmehr die Regieanweisungen für die Possen der politischen Republik? Von wo werden die Fäden wirklich gezogen? Wer ist der Macher der Macher?
Diese Fragen haben eine wirklich überraschende Antwort: Jürgen Trittin. Der in der zweiten Reihe erprobte Politiker der Grünen hat in wenigen Wochen Geschichte geschrieben. Eine kleine Revolution darf man das schon nennen, was die Stimmungslage der Hauptstadt gekippt hat. Trittin, der wirkliche Oppositionsführer, hat Bundespräsident Köhler gestürzt, mit Joachim Gauck einen vielbeachteten Kandidaten für das höchste Amt im Staat benannt und den wahrscheinlichen Amtsnachfolger Christian Wulff auf die Lübke-Schiene geschoben, bevor der überhaupt von Angelas Gnaden in Schloss Bellevue einziehen konnte.
In einem Wort, das Ende der Angela Merkel als Staatspolitikerin ist eingeläutet: vom Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Zusammen mit seinem Spießgesellen Sigmar Gabriel hat er einen Stimmungsumschwung bewirkt, wie wir ihn in den letzten Jahrzehnten nicht bemerken durften.
Eine Gang Rotgrüner Sozialwissenschaftler erweist sich wieder als die wahren Meister der Macht. Ihr Erfolg knüpft dort an, wo die Schrödersche Fortune abgerissen ist, im Vor-Hartz-Zeitalter der frechen Kerle aus Niedersachsen. Und all das begann damit, dass der gelernte Kommunist Trittin sich den Schnurrbart abrasiert hat. Jahrhunderte lang galt das Motto „An ihren Schnurrbärten sollt Ihr sie erkennen.“
Das Orakel gilt fort, nunmehr aber an den abgenommenen Bärten. Der Marsch durch die Institutionen der Linken geht in die zweite Runde.
Merkel gilt ihrer Partei als männermordend; es werden Merz, Oettinger, Koch aufgezählt; nun also auch noch Köhler. Sie versprach einen Kandidaten aller Deutschen, ließ von der Leyen Pirouetten drehen, um dann ihren Schoßhund aus Hannover antreten zu lassen. Damit war sie in der Falle der Strategen Gabriel und Trittin, die Gauck nominierten, einen anerkannten Konservativen mit liberalem Denken und intellektuellen Zuschnitts.
Wenn Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wird, ist er schon jetzt zweite Wahl. Und wir werden von ihm Lena-Sätze hören, die die Erinnerung an Heinrich Lübke wachrufen werden. Wulff versucht sich als Charmeur, ist aber ein schüchterner Junge mit feuchten Händen; diese Kluft von Willen und Vermögen gebiert Peinlichkeiten, das ist nur eine Frage der Zeit.
Wer mag ihm das vorwerfen; er ist kein Intellektueller mit Engelszunge wie Gauck, nur ein Ach-und-Krach-Jurist mit langem Atem und einem in der Opposition erprobten Sitzfleisch. Mir ist leid um ihn, weil er ein anständiger Kerl ist, der es weiter gebracht hat, als es seiner Begabung gut tut. Und wenn Gabriel nun höhnt, dass Gauck ein Leben mitbringe und Wulff nur eine Laufbahn, so wird man sich erinnern dürfen, dass Wulff es war, der Gabriel in einer Landtagswahl vernichtend geschlagen hat.
Der Vorschlag Gauck ist an Authentizität nicht zu schlagen. Das Genie des Trittinschen Plans besteht darin, die eigenen Ansprüche, die Ansprüche der Verfassung, den Wunsch der Wähler ernst zu nehmen. Nach allem, was die Menschen in diesem Land an Politik, sprich an Parteipolitik, erleben mussten, erzeugt das Verblüffung.
Der geborene Kommunist und gelernte Grüne spielt sein Spiel mit bürgerlichem Ernst. Die Sensation Gauck besteht in der Integrität des Kandidaten, aber auch in seiner Ablehnung durch die SED-Nachfolge-Organisation, die PDS-Linkspartei, und in der Attraktivität für Liberale wie wirklich Konservative.
Chapeau! Ich selbst habe Trittin persönlich und gesprächsweise auf der Internationalen Automobil Ausstellung 1999 erlebt, als er einen Drei-Liter-Lupo bestieg. Da saß er dann in meinem Lieblingsauto, ein revolutionärer Grüner mit frechem Schnauzbart und grinste wölfisch in die Kameras.
Das war jener Oberlippenbart, wie wir ihn im mediterranen Raum, namentlich bei Türken finden, kein Bärtchen wie bei Kaiser Wilhelm selig, bei Dali oder Clark Gable, kein Zweifingerbart wie bei Hitler, Chaplin und Robert Mugabe, kein Walross wie beim Handballer Brand, sondern die Piraten- und Schwerenöterversion. Frech und gewollt unseriös.
Dann sah ich ihn vor einem Jahr im Zug und merkte: Der Bart war ab. Das fahrig Halbseidene in seiner Erscheinung war einer salbadernden Behäbigkeit gewichen. Mein erster Gedanke war: Der Hund macht das vorsätzlich. Der wird bürgerlich auf seine reiferen Tage und will, dass wir es sehen. Der führt was im Schilde. Wie wahr.
Die niedersächsischen Revolutionäre Gabriel und Trittin beginnen den zweiten Marsch durch die Institutionen. Damit heilen sie die Seelen ihrer Parteien, etwas, das die aufgeblasenen Wiedergänger Joschka Fischer und Frank-Walter Steinmeier nie zu leisten vermocht hätte. Ihr Signal an die Wähler ist: Wir können es, die andern tun nur so. Noch hält Merkel die Tür zu. Noch.
Quelle: starke-meinungen.de