Logbuch
Wichtig für die Geltung, die man in der Welt erstrebt, ist der GRÜNDUNGSMYTHOS. Da macht es schon einen Unterschied, ob man ein HURENSOHN ist, den ein Schweinehirt aufgezogen hat, oder Spross des Kriegsgottes Mars und einer frommen Königstochter. Fangen wir mit der aufgehübschten Version an. Um Nachkommen seines ermordeten Bruders zu verhindern, schickt ein etruskischer Herrscher einst, es waren raue Zeiten, dessen Tochter ins Kloster, wo diese aber trotz Keuschheitsgelübde nach einer Affäre mit dem Gott Mars Zwillinge gebiert. Dafür hat man sie in den Tiber geworfen und die Knaben im Schilfbötchen ausgesetzt. Raue Zeiten. Das Aussetzen unerwünschter Kinder hatte aber Tradition. Siehe MOSES. Weiter im stolzen Rom. Dann aber nimmt sich die KATOLINISCHE WÖLFIN der ausgesetzten Knaben Romulus und Remus an und säugt sie an ihren Brüsten. Was für Kerle! Mit Wolfsmilch gestillt... Alle Achtung. Die beiden gründen dann Rom. Der eine erschlägt dann noch den anderen aus Gründen der Ehre; aber das ist eine andere Geschichte, wie Kipling sagen würde. Der für Rom reformierte Mythos referiert eine altgriechische Vorlage und die bis heute bildgebende WÖLFIN stammt auch nicht aus dem Altertum, sondern ist jünger, aus dem Mittelalter. Wissen muss man, dass Kindesvertauschungen ein Thema waren, solange es Ammen gab, die neben ihren eigenen Kindern noch solche reicher Mütter mitstillten. Weil diese sich nicht binden wollten oder ihren Busen ruinieren. Oft waren diese Ammen Alleinerziehende, nicht selten solche, deren Lebenswandel ihnen häufig Nachwuchs bescherte. Man ahnt, welcher Mythos zum „framing“ anstand. Was man als Mythos nachbesserte, das war die Geschichte, dass die Gründungszwillinge des ehrwürdigen Rom von einer „lupa“ gestillt wurden. Eine lupa ist umgangssprachlich nämlich auch das, was im Englischen eine „bitch“ ist; da bekommt dann „son of a bitch“ eine andere Konnotation. Davon will heute im stolzen Rom aber niemand mehr etwas wissen. Überall sieht man die putzigen Knaben an den Zitzen der mächtigen Katolinischen Wölfin.
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Der ins Amerikanische exilierte Professor Gumbrecht regt in der Schweizer Zeitung NZZ, Heimat konservativen Denkens, an, dass man dem notorisch überschätzen JÜRGEN HABERMAS ein Denkmal setze, damit er nicht verblasse wie der ostwestfälische NIKLAS LUHMANN oder der Pariser JACQUES DERRIDA. Das führt bei mir zu instinkthaften Reaktionen. In meiner Jugend gehörte man SCHULEN an. Man war, wenn nicht in den vielfältigen marxistischen Welten oder den Lustgärten des französischen Strukturalismus, entweder Habermas- oder Luhmann-Schüler. Die Doofen waren in der Frankfurter Etappe, also bei Habermas. Die Schlauen hatten ihren Papst in Bielefeld, man war Luhmann-Schüler. Der galt als schwer verständlich. Habermas war VHS, Volkshochschule. Und der Gumbrecht galt an seiner Uni, die auch meine ist, als sonderbegabt. Da liegt also der Witz, dass er nun ex USA in der NZZ den Konversationswissenschaftler Habermas lobt. Kann nämlich nicht sein Ernst sein. Gott wohnte in Bielefeld; als es das noch gab. Und ihn noch. Jetzt musst Du Dir ein Schweizer Seniorenblatt leisten, weil es an deutschen Unis ödet.
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Ich werde heute nicht ans Kiosk gehen und mir die BILD am SONNTAG kaufen. Ich fürchte furchtbares. Ein notorisch flachsinniger Impressario des Springer Verlages will dort PETER SLOTERDIJK als tollsten deutschen Philosophen präsentieren. Das kann nur grausam werden. SLOTERDIJK tingelt seit einiger Zeit. Das tut seinen alten Freunden weh. Ich habe mal ein Fernsehformat mit ihm erfunden, entwickelt und lange gefördert. Das PHILOSOPHISCHE QUARTETT war eine Perle im ZDF. Ich erinnere mich gut, wie der Produzent FS es damals beim ZDF-Intendanten mit einem Lächeln durchsetzte. Vor allem aber erinnere ich ein Dinner in einem Hamburger Edelrestaurant, von dem sich ein toller Blick auf den Museumshafen bot . Sloterdijk hatte ich vorher einen Essay von mir gegeben; ja, um ein wenig anzugeben. Er fragte in leicht indigniertem Ton, wer der darin zitierte Klaus Merten sei. Das war keine Frage; es war der Hinweis, dass dies unter seiner Lektüreschwelle liege. Eine Arroganz, die man sich erlauben kann, wenn man einen Lektürevorsprung von 50.000 Seiten hat. Es kochte damals dort ein Österreicher mit Vau, war also noch vor dem Türken, der es dann hatte. Jetzt Fernsehkoch. Der tingelt heute im Boulevard. Wie Sloterdijk. So vergeht der Ruhm der Welt.
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Von den Lustknaben
Spätrömische Dekadenz: die Badehäuser und Bordelle boten den Bürgern Roms junge Sklaven, zumeist griechische Knaben, die Gedichte rezitieren und zu körperlichen Diensten bereitstehen konnten. Vergangene Zeiten?
Allenthalben finden wir in den Nachrichten Zustände wie im alten Rom. Kindesmissbrauch ist ein Thema geworden, das die Menschen nicht loslässt, weil es die Medien nicht loslassen. Die Spirale der Empörungskommunikation wird mit Eifer gedreht, täglich neue Ungeheuerlichkeiten.
Jetzt sollen es fünfzig, nicht vierzig missbrauchte Schüler in dem sagenumwogenen Odenwald-Internat gewesen sein. An der jesuitischen Musterschule in Berlin gibt es nunmehr einen „eckigen“ Tisch, an dem sich Opfer und Tätervertreter gegenübersitzen.
Ein Politiker steht vor Gericht, weil er tausende Fotos der Kinderpornografie auf seinem Handy speicherte, angeblich um so seine parlamentarische Meinungsbildung zu befördern. Aus einer konkreten Verlegerfamilie der 68er Generation hört man Bezichtigungen, die auf eine anhaltende Geisteskrankheit aller Mitglieder schließen lassen.
Die von Empörungsgier befeuerte Ökonomie der Medien tobt sich an einem Thema aus, das das Publikum erschauern lässt. Das Publikum geifert nach Tabubrüchen, die den Blick in die Abgründe des Menschlichen ermöglichen. Täglich ein wenig Entsetzen vor der eigenen Natur, wie seinerzeit Ödipus, der den Vater erschlagen und die Mutter geehelicht hatte.
Hier liegt das wesentliche Problem: eine assoziative Klammer entsteht zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Seelsorge, Pädagogik, gleich- oder fremdgeschlechtlicher Orientierung oder Enthaltsamkeit auf der einen Seite und dem Vergehen an Kindern andererseits. Das abstruse Ressentiment wird von allen Seiten gefüttert.
Ein Alt-Bundeskanzler, der sich ansonsten prädementer Selbstüberschätzung und peinlichem Zeitungsmarketing widmet, räumt ein, dass die Quote der Homosexuellen unter Priestern höher sein mag. In den Feuilletons feiern mit dem Lolita-Syndrom notorisch überschätzte Schwulst-Romane eine Wiedergeburt für die Nachttische alter Männer.
Die süßliche inszenatorische Aura um Papst Benedikt und Herrn Gänswein nährt lutherische Distanz zum Vatikan. Und die Pädagogik, jene Hilfswissenschaft der Steißbeintrommler, schwätzt vom gleichnamigen Eros. Da hat die unerträgliche PH-Professorin Rita Süßmuth gerade noch gefehlt, denkt man, und schon melden die Ticker: sie managt das jetzt im Odenwald.
Es ist rundheraus unerträglich, was hier als Melange zusammengerührt wird. Und doch ist es typisch für Massenpsychosen, die den Pöbel erregen, aber Einsicht in das Problem verstellen. Eine solche Verbindung von Unvereinbarkeiten ist für Ressentiments keine Ausnahme, sondern die Regel.
Wer den Antisemitismus der deutschen Nationalsozialisten studiert, findet hierfür beängstigende Beispiele. Will man sich dem Sog in den irrationalen Sumpf der Vorurteile entziehen, bedarf es des Skalpells der Urteilskraft.
Man trenne, was zu trennen ist. Was ist der Kern? Ein Tabu steht zur Debatte, das Verfassungsrang hat. Es ist mit dem Euphemismus der Pädophilie, wörtlich übersetzt, der Liebe zum Kind, nur zynisch beschrieben. Es geht um die sexuelle Ausbeutung von Schutzbefohlenen im Kindesalter, um Mordversuche an Kinderseelen durch Missbrauch ihrer Körper. Aber es geht eigentlich nicht um Sex.
Die Bezüge sind nicht sexuelle Vorlieben der Menschen. Die Bezüge liegen tiefer, sie sind fundamental. Wir reden über die Basis von Staat und Gesellschaft. Wir reden über historischen Fortschritt, den auch die Geilheit alter Männer nicht zurückzudrehen hat.
Menschen sind keine Sachen, auch nicht Frauen und Kinder. Wir kennen keine Sklaven mehr. Wir haben Kinderarbeit verboten. Wir haben Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen, dazu gehört auch die Schulpflicht. Wir unterstellen die Familie, und das heißt die Kinder heranziehende Gemeinschaft, dem besonderen Schutz des Staates.
Wir haben die Würde des Menschen zum Kernbegriff unserer Wertordnung gemacht. Das alles ist so grundsätzlich, dass andere Rechte dahinter zurückzustehen haben. Das der Informationsfreiheit, auch im Internet. Das der sexuellen Freizügigkeit, wenn sie Minderjährige einbeziehen will. Damit ist nichts zum zunehmenden Selbstbestimmungswunsch Heranwachsender gesagt. Kinder und Jugendliche haben, so sie sich gegenseitig achten, ein Recht auf Liebe, Erotik, Sexualität, ohne dass die Polizei die Ausweise kontrolliert. Aber Erwachsene haben kein Recht auf Kinder.
Quelle: starke-meinungen.de