Logbuch
Heinrich Heine erzählt in seinen Artikeln für die Allgemeine Zeitung 1832 von der Pandemie in Paris, dass die Särge ausgegangen seien und die Choleratoten nur noch in Säcken beerdigt wurden. Zwei Knaben hätten neben ihm gestanden und ihn gefragt, ob er sagen könne, in welchem Sack auf dem Leichenberg wohl ihr Vater läge. Es sei „sehr störsam, wenn einem beständig das Sichelwetzen des Todes allzu vernehmbar ans Ohr klingt.“ Das ist uns ja dann doch bisher erspart geblieben.
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Vergleiche menschlichen Verhaltens mit dem von Tieren sind akademisch irgendwie aus der Mode. Zu Unrecht. Sehe diesen Film über Auerhähne. In der Biologie „der theatralische Ur-Hahn“ genannt. Sein, die Begattung einleitendes, Tanz- und Gesangsverhalten nennt sich BALZ. Diese Vögel führen es auf dem BALZPLATZ auf. Balzen auf dem Balzplatz. Alle Männchen posieren und plärren vor allen begattungswilligen Weibchen. Die besten Balzer bestimmen die Performance , dann die Kultur und am Ende qua Evolution die Art. So, genauso geht TWITTER.
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Cluster.
Sagt warnend der Chef-Virologe. Kaninchenzüchter wissen, was er meint. Wenn ich alle Hasen in einen Stall um eine Schüssel Möhren packe, ist es ansteckender als im alten Verfahren der getrennten Karnickelställe. Kiste auf Kiste. Jeder in seiner Kiste. Kohlrabi durch das Gitter. Deshalb war der „newsroom“ eine Idee zur Effizienzsteigerung in kooperationsunwilligen Schreibstuben, aber eben ein Cluster. Das Großraumbüro hatte ja schon immer den Charme der Massentierhaltung, gegen die man sich mit Aktenbergen, Stellwänden, Pflanzenkisten, Schränken usw. usf. virtuos wehrte. Keine artgerechte Haltung. Wir sind keine Hallengattung, keine Herdentiere, sondern Höhlenbewohner, Hüttenwesen.
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Von den Lustknaben
Spätrömische Dekadenz: die Badehäuser und Bordelle boten den Bürgern Roms junge Sklaven, zumeist griechische Knaben, die Gedichte rezitieren und zu körperlichen Diensten bereitstehen konnten. Vergangene Zeiten?
Allenthalben finden wir in den Nachrichten Zustände wie im alten Rom. Kindesmissbrauch ist ein Thema geworden, das die Menschen nicht loslässt, weil es die Medien nicht loslassen. Die Spirale der Empörungskommunikation wird mit Eifer gedreht, täglich neue Ungeheuerlichkeiten.
Jetzt sollen es fünfzig, nicht vierzig missbrauchte Schüler in dem sagenumwogenen Odenwald-Internat gewesen sein. An der jesuitischen Musterschule in Berlin gibt es nunmehr einen „eckigen“ Tisch, an dem sich Opfer und Tätervertreter gegenübersitzen.
Ein Politiker steht vor Gericht, weil er tausende Fotos der Kinderpornografie auf seinem Handy speicherte, angeblich um so seine parlamentarische Meinungsbildung zu befördern. Aus einer konkreten Verlegerfamilie der 68er Generation hört man Bezichtigungen, die auf eine anhaltende Geisteskrankheit aller Mitglieder schließen lassen.
Die von Empörungsgier befeuerte Ökonomie der Medien tobt sich an einem Thema aus, das das Publikum erschauern lässt. Das Publikum geifert nach Tabubrüchen, die den Blick in die Abgründe des Menschlichen ermöglichen. Täglich ein wenig Entsetzen vor der eigenen Natur, wie seinerzeit Ödipus, der den Vater erschlagen und die Mutter geehelicht hatte.
Hier liegt das wesentliche Problem: eine assoziative Klammer entsteht zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Seelsorge, Pädagogik, gleich- oder fremdgeschlechtlicher Orientierung oder Enthaltsamkeit auf der einen Seite und dem Vergehen an Kindern andererseits. Das abstruse Ressentiment wird von allen Seiten gefüttert.
Ein Alt-Bundeskanzler, der sich ansonsten prädementer Selbstüberschätzung und peinlichem Zeitungsmarketing widmet, räumt ein, dass die Quote der Homosexuellen unter Priestern höher sein mag. In den Feuilletons feiern mit dem Lolita-Syndrom notorisch überschätzte Schwulst-Romane eine Wiedergeburt für die Nachttische alter Männer.
Die süßliche inszenatorische Aura um Papst Benedikt und Herrn Gänswein nährt lutherische Distanz zum Vatikan. Und die Pädagogik, jene Hilfswissenschaft der Steißbeintrommler, schwätzt vom gleichnamigen Eros. Da hat die unerträgliche PH-Professorin Rita Süßmuth gerade noch gefehlt, denkt man, und schon melden die Ticker: sie managt das jetzt im Odenwald.
Es ist rundheraus unerträglich, was hier als Melange zusammengerührt wird. Und doch ist es typisch für Massenpsychosen, die den Pöbel erregen, aber Einsicht in das Problem verstellen. Eine solche Verbindung von Unvereinbarkeiten ist für Ressentiments keine Ausnahme, sondern die Regel.
Wer den Antisemitismus der deutschen Nationalsozialisten studiert, findet hierfür beängstigende Beispiele. Will man sich dem Sog in den irrationalen Sumpf der Vorurteile entziehen, bedarf es des Skalpells der Urteilskraft.
Man trenne, was zu trennen ist. Was ist der Kern? Ein Tabu steht zur Debatte, das Verfassungsrang hat. Es ist mit dem Euphemismus der Pädophilie, wörtlich übersetzt, der Liebe zum Kind, nur zynisch beschrieben. Es geht um die sexuelle Ausbeutung von Schutzbefohlenen im Kindesalter, um Mordversuche an Kinderseelen durch Missbrauch ihrer Körper. Aber es geht eigentlich nicht um Sex.
Die Bezüge sind nicht sexuelle Vorlieben der Menschen. Die Bezüge liegen tiefer, sie sind fundamental. Wir reden über die Basis von Staat und Gesellschaft. Wir reden über historischen Fortschritt, den auch die Geilheit alter Männer nicht zurückzudrehen hat.
Menschen sind keine Sachen, auch nicht Frauen und Kinder. Wir kennen keine Sklaven mehr. Wir haben Kinderarbeit verboten. Wir haben Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen, dazu gehört auch die Schulpflicht. Wir unterstellen die Familie, und das heißt die Kinder heranziehende Gemeinschaft, dem besonderen Schutz des Staates.
Wir haben die Würde des Menschen zum Kernbegriff unserer Wertordnung gemacht. Das alles ist so grundsätzlich, dass andere Rechte dahinter zurückzustehen haben. Das der Informationsfreiheit, auch im Internet. Das der sexuellen Freizügigkeit, wenn sie Minderjährige einbeziehen will. Damit ist nichts zum zunehmenden Selbstbestimmungswunsch Heranwachsender gesagt. Kinder und Jugendliche haben, so sie sich gegenseitig achten, ein Recht auf Liebe, Erotik, Sexualität, ohne dass die Polizei die Ausweise kontrolliert. Aber Erwachsene haben kein Recht auf Kinder.
Quelle: starke-meinungen.de