Logbuch
KLAPPERSTORCH.
Es meldet sich Matt Lodder mit der berechtigten Kritik am Sachlichen. Ich hatte gestern Ötzi für einen Dreitausender gehalten; er ist aber so um 3250 vor Christi verstorben, somit gute fünftausend Jahre vor unserer Zeit. Damit war er in den kalten Alpen Norditaliens exakt zur gleichen Zeit unterwegs, in denen im heißen Deir el-Bahari nahe Luxor in Ägypten jene Tempelhuren wirkten, deren Bäuche kunstvolle Tattoos zeigten. Auch da könnte ich daneben gelegen haben, da es nämlich nach jüngster Forschung ganz nach religiösen Figuren aussieht, die die Frucht des Leibes schützen sollten. Es waren Göttinnen, wie kann man das verwechseln? Aber global simultan. Es gibt Phänomene der Gleichzeitigkeit, die nachdenklich stimmen.
Nicht erwähnt wurde gestern zudem, dass Tätowierten der Zutritt in den Badehäusern Japans verwehrt ist, weil das Tintenstigma als Ausweis krimineller Banden gilt. Ungeachtet dessen ist der japanische Körperkunst eine lange Tradition des Bilderstechens gewiss. Ich las kürzlich im V&A-Museum, dass 1881 Prinz George, der spätere King George V, sich dort in Japan einen Drachen stechen ließ und der ihn begleitende Albert Victor, der Gatte von Victoria, einen Storch. Einen Klapperstorch, der schon mal die Mama ins Bein beißt? Der aus Coburg stammende Albert galt bei Hofe als herzensgut, aber leider lendenschwach, was die Entscheidung für den Adebar erklärt. Der Storch stand sinnbildlich für stark und steif. Man sprach im Fränkischen gar von des Mannes Storch. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wovon ich nicht abschweifen sollte: Das Logbuch nähert sich summa summarum der zweitausendsten Glosse. Es ist wie beim Frühsport: Nicht jede Übung ist eine Zierde des Turnens, aber der Arsch war stets aus dem Bett. Im hinteren Winkel meines Herzens gefallen mir geneigte Anerkennungsgesten von Lesern besonders, wenn sie von Profis stammen, die mal meine Chefs waren. Ich hatte in drei Blättern Kolumnen. Habe also, wenn vom alten Chef gelobt, meinem Blatt keine Schande gemacht. So ticken Publizisten insgeheim. Sie sagen, dass sie für Leser schreiben, aber eigentlich sind es nur die Kollegen, die sie meinen. Journaille eben.
Logbuch
QUASI IM HOME OFFICE.
Wer sich in Fragen des SPA (Lateinische Abkürzung für „gesund durch Wasser“) auskennt, weiß darum, dass es neben der finnischen Sauna und der Bio-Variante für empfindsame Seelen wie dem türkischen Dampfbad jenen Bereich gibt, der Ruheraum heißt. Warum wissen die Götter, weil der Pinsel am anderen Ende des Raums lauthals telefoniert. Handyterror. Dabei fällt der Satz der Sätze: „Du, ich bin quasi im Home Office!“ Damit ist vollständig gesagt, warum dieses Land den Bach runter geht.
Im Nirvana von nichtigen Erreichbarkeitsposen lümmelt sich lasziv auf der Liege, was eigentlich ins Kontor gehörte. Die Faulenzer müssen nicht mal schwänzen, weil mittels Home Office ja „quasi am Arbeiten“. Ganze Belegschaften vereinzeln sich in die Simulation von Beruf, die nichts anderes als erschlichene Freizeit ist. Der nackte Arsch im Schwitzbad stört da nicht, zumal die häusliche Jogginghose auch nicht viel näher an dem ist, was mal Kleidung war. Wenn Industrie von dem Wort „Eifer“ kommt, so darf konstatiert werden, dass dieser gewichen und der Schweiß eindeutig nicht Folge von Anstrengung, sondern wg. Aufguss.
Das ist das eine, was aus den Saunen der Republik zu berichten. Das andere betrifft malerische Selbstverzierungen, sprich den Körper als Leinwand. Wenn ich mich umsehe, wird gewiss, was ich schon ahnte. Ich bin hier der einzige Homo Sapiens, dessen Haut nicht wie die Innentür einer Schultoilette aussieht. Man ist heutzutage tätowiert. Nun weiß man von dieser Kunst schon aus dem alten Ägypten; in Luxor fanden sich einbalsamierte Tempelhuren mit lockender Symbolik auf der Haut. Schon vor 3000 Jahren war das Tattoo des Jägers Sitte; bei Ötzi finden sich 61 solcher Verzierungen.
Der wirkliche Wandel liegt in der sogenannten Freizügigkeit. Früher als Code heimlich schwuler Männer sorgsam verborgen, prangt der Bebilderungszwang heute auf jeder Bäckereifachangestellten, und zwar im unbekleideten Teil. Das ist primitiver Stammeskult, ein manischer Ritus. Arschgeweih. Mehr kann ich im Moment an Nennenswertem nicht berichten; ich bin ja quasi im Home Office.
Logbuch
DER PÄDAGISCHE EROS.
Oft belächelt, weil Jedermann Ressentiments zum Oberlehrerhaften hat, ungern belehrt wird, zumal wenn er irrt, oft belächelt ist die innere Begeisterung des Lehrers für seine Schüler. Es gibt keine größere Freude als die daran, eine geistige Selbstständigkeit wachsen zu sehen. Liebe zum wachsenden Wissen. Dem Altertum galt der Lehrer, der eine Schule zu begründen wusste, als wirklich Weiser.
Im Grunde ist so unser Religionsstifter beschrieben. Ein Wanderlehrer. Luther hat seine Schüler als Jünger bezeichnet; im Englischen „disciple“, was uns das Lateinische „discipulus“ wiederbringt, den Schüler. Mein Pauker für die Antike betrat die Klasse mit einem „salve discipuli“ und war mit „salve magister“ zu begrüßen. Wen Schule animierte, der vergisst seine Lehrer nicht.
Besonders schmerzt den geborenen Pädagogen das Bildungsverbot für junge Frauen in vormodernen Kulturen, Männergesellschaften, die wissen, was ihre patriarchalische Vormacht noch hält, der verwehrte Blick in die Bücher. Pädagogischer Eifer mag, wenn mit erhobenem Finger vollführt, penetrant sein, das genannte Oberlehrersyndrom, aber er gilt nie sich selbst, sondern eigentlich anderen einer anderen Generation. Das ist in sich erhaben.
Deshalb ehre man mir die Pauker; ich jedenfalls meine. Es war mir intellektuell nicht an der Wiege gesungen, dem umerzogenen Linkshänder, aber mit der Ambition des Maulfechtens kam die Rechthaberei, die zu überleben, in die Bücher zwang, deren Lektüre Folgen hatte. Wenn Frechheit siegen soll, bedarf sie des Fleißigen. An die Bücher! Solches hörte ich gern von meinem Vers.
Logbuch
Von den Lustknaben
Spätrömische Dekadenz: die Badehäuser und Bordelle boten den Bürgern Roms junge Sklaven, zumeist griechische Knaben, die Gedichte rezitieren und zu körperlichen Diensten bereitstehen konnten. Vergangene Zeiten?
Allenthalben finden wir in den Nachrichten Zustände wie im alten Rom. Kindesmissbrauch ist ein Thema geworden, das die Menschen nicht loslässt, weil es die Medien nicht loslassen. Die Spirale der Empörungskommunikation wird mit Eifer gedreht, täglich neue Ungeheuerlichkeiten.
Jetzt sollen es fünfzig, nicht vierzig missbrauchte Schüler in dem sagenumwogenen Odenwald-Internat gewesen sein. An der jesuitischen Musterschule in Berlin gibt es nunmehr einen „eckigen“ Tisch, an dem sich Opfer und Tätervertreter gegenübersitzen.
Ein Politiker steht vor Gericht, weil er tausende Fotos der Kinderpornografie auf seinem Handy speicherte, angeblich um so seine parlamentarische Meinungsbildung zu befördern. Aus einer konkreten Verlegerfamilie der 68er Generation hört man Bezichtigungen, die auf eine anhaltende Geisteskrankheit aller Mitglieder schließen lassen.
Die von Empörungsgier befeuerte Ökonomie der Medien tobt sich an einem Thema aus, das das Publikum erschauern lässt. Das Publikum geifert nach Tabubrüchen, die den Blick in die Abgründe des Menschlichen ermöglichen. Täglich ein wenig Entsetzen vor der eigenen Natur, wie seinerzeit Ödipus, der den Vater erschlagen und die Mutter geehelicht hatte.
Hier liegt das wesentliche Problem: eine assoziative Klammer entsteht zwischen so unterschiedlichen Dingen wie Seelsorge, Pädagogik, gleich- oder fremdgeschlechtlicher Orientierung oder Enthaltsamkeit auf der einen Seite und dem Vergehen an Kindern andererseits. Das abstruse Ressentiment wird von allen Seiten gefüttert.
Ein Alt-Bundeskanzler, der sich ansonsten prädementer Selbstüberschätzung und peinlichem Zeitungsmarketing widmet, räumt ein, dass die Quote der Homosexuellen unter Priestern höher sein mag. In den Feuilletons feiern mit dem Lolita-Syndrom notorisch überschätzte Schwulst-Romane eine Wiedergeburt für die Nachttische alter Männer.
Die süßliche inszenatorische Aura um Papst Benedikt und Herrn Gänswein nährt lutherische Distanz zum Vatikan. Und die Pädagogik, jene Hilfswissenschaft der Steißbeintrommler, schwätzt vom gleichnamigen Eros. Da hat die unerträgliche PH-Professorin Rita Süßmuth gerade noch gefehlt, denkt man, und schon melden die Ticker: sie managt das jetzt im Odenwald.
Es ist rundheraus unerträglich, was hier als Melange zusammengerührt wird. Und doch ist es typisch für Massenpsychosen, die den Pöbel erregen, aber Einsicht in das Problem verstellen. Eine solche Verbindung von Unvereinbarkeiten ist für Ressentiments keine Ausnahme, sondern die Regel.
Wer den Antisemitismus der deutschen Nationalsozialisten studiert, findet hierfür beängstigende Beispiele. Will man sich dem Sog in den irrationalen Sumpf der Vorurteile entziehen, bedarf es des Skalpells der Urteilskraft.
Man trenne, was zu trennen ist. Was ist der Kern? Ein Tabu steht zur Debatte, das Verfassungsrang hat. Es ist mit dem Euphemismus der Pädophilie, wörtlich übersetzt, der Liebe zum Kind, nur zynisch beschrieben. Es geht um die sexuelle Ausbeutung von Schutzbefohlenen im Kindesalter, um Mordversuche an Kinderseelen durch Missbrauch ihrer Körper. Aber es geht eigentlich nicht um Sex.
Die Bezüge sind nicht sexuelle Vorlieben der Menschen. Die Bezüge liegen tiefer, sie sind fundamental. Wir reden über die Basis von Staat und Gesellschaft. Wir reden über historischen Fortschritt, den auch die Geilheit alter Männer nicht zurückzudrehen hat.
Menschen sind keine Sachen, auch nicht Frauen und Kinder. Wir kennen keine Sklaven mehr. Wir haben Kinderarbeit verboten. Wir haben Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen, dazu gehört auch die Schulpflicht. Wir unterstellen die Familie, und das heißt die Kinder heranziehende Gemeinschaft, dem besonderen Schutz des Staates.
Wir haben die Würde des Menschen zum Kernbegriff unserer Wertordnung gemacht. Das alles ist so grundsätzlich, dass andere Rechte dahinter zurückzustehen haben. Das der Informationsfreiheit, auch im Internet. Das der sexuellen Freizügigkeit, wenn sie Minderjährige einbeziehen will. Damit ist nichts zum zunehmenden Selbstbestimmungswunsch Heranwachsender gesagt. Kinder und Jugendliche haben, so sie sich gegenseitig achten, ein Recht auf Liebe, Erotik, Sexualität, ohne dass die Polizei die Ausweise kontrolliert. Aber Erwachsene haben kein Recht auf Kinder.
Quelle: starke-meinungen.de