Logbuch
WEGSCHAUEN WOLLEN.
Was sich so vornehm „selektive Wahrnehmung“ nennt, ist keine Unart unserer Sinne selbst, sondern ein Schaltfehler im Hirn. Man kennt es von unnötigen Staus auf der Autobahn, wo der Verkehr auch auf der Gegenfahrbahn stockt, weil es „Gaffer“ gibt, die unbedingt ein Bild vom Horror des Unfalls mitkriegen wollen und so den nächsten Stau erzeugen. Weiterer Auffahrunfall programmiert. Warum wollen wir gaffen?
Seit wir mit dem iPhone in die Welt blicken, konzentriert sich das Gaffen auf das kleine Scheißding in unserer Hand; die jüngere Generation hat mindestens zwei Online-Instrumente simultan an. Softpornos und schale Gags, Terror des Episodischen. Die Belohnungsstruktur der endlosen Folge von Filmchen mit Pointe macht uns zu Schoßhündchen des Internets, die auf Leckerli lauern und dabei anregt mit dem Schwanz wedeln. Und Elon wirft wieder eines, wenn unsere Aufmerksamkeit abzuschweifen droht. Wir sind zu Appetenz-Sklaven des Episodischen geworden.
Mir fällt auf, wieviel ich von der amtierenden amerikanischen Klasse weiß, was ich nie zu wissen hätte hoffen wollen. Ich werde an den Stellschrauben in meinem Hirn drehen und den gelben Clown künftig vorsätzlich ignorieren. Die nächsten tausend Strafzölle darf er ohne mich verhängen, zurücknehmen oder was auch immer „Social Truth“ verkünden will. Ich schaue künftig weg. Ich sage fürderhin mit Karl Valentin: „Nicht mal ignorieren!“
Darf ich einen Gedanken des fabelhaften Immanuel Kant vortragen? Er handelt „von der Macht des Gemüts durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Wir können, weil wir wollen. Auch das Wegschauen.
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GASTFREUNDSCHAFT.
In einer verfallenden Provinzstadt namens Trier bleibt für ein Dinner nur der Chinese; eines jener Lokale, die eigentlich ganztägig aus dem Wok zaubern, was die Tiefkühltruhe so hergibt. Die Speisekarte umfasst gut einhundert Gerichte; man ist gut beraten „Acht Köstligkeiten“ zu bestellen, weil man dann von allem etwas hat. Ich nehme dazu geblatene Leisnudeln. Schließlich ist man hier nicht in der Schlemmereule oder dem Bagatelle.
Wir hatten einen Tisch um acht und waren um zehn nach zehn wieder auf der Straße. Und das ging so. Um 21.30 h fragt die freundliche junge Dame, ob wir, die wir mit dem Hauptgang gerade fertig sind, noch Heißgetränk mögen täten, weil man jetzt die Maschinen sauber machen wolle. Es wird verwundert verneint. Eine Viertelstunde später ist der Service wieder am Tisch. Ich höre die aus dem England meiner Studentenjahre bekannte Ansage der „last calls“. Kaltgetränk, eh klar.
Die letzte Runde der Getränke ist um 21.55 h am Tisch. Exakt fünf Minuten später wird an den Nachbartischen schon mal das Besteck für den Folgetag ausgelegt. Lautes Gespräch zwischen dem damit beschäftigten Personal. Um 22.00h steht die Restaurantleiterin mit einem Kreditkartenterminal am Tisch und kreischt das, was der Franzose die Addition nennt.
Zehn nach zehn auf dem Trottoir. Wir sind die letzten.
Wir hatten den zweiten „slot“; man kann auch den ersten kriegen, der ist von 18.00 bis 20.00 h. Ich kenne das aus New York, wo zwischen „first and second serving“ strikt geschieden wird und man um 19.55 h an die Bar gebeten wird, weil der Tisch frei werden muss. Na gut, the big apple. Aber in Trier? Im Great Wall?
Die Restauration verlernt Gastlichkeit. Ich bin schon genervt, wenn ich meine Buchung im Netz über ein verqueres System, das mich nach dem Grund meines Besuches fragt, einen Tag zuvor noch mal eigens bestätigen darf. Mittlerweile hat auch der Besuch selbst etwas vom Zählappell beim Barras. Essen fassen und wegtreten!
In Köln erinnere ich einen Franzosen, der mich sehenden Auges im Regen vor der Tür hat stehen lassen, weil man ja noch den Boden wischen müsse. Pudelnass durfte ich dann rein. Inzwischen hat der Bumms nur noch Mittags auf. Soll so sein. Als Mann von Welt richtet man sich gern nach dem Personal. Ich könnte nun den Unterschied von Manieren und Etikette erklären, aber warum sollte ich? Ich mach mir zuhause ein Butterbrot. Und was noch so im Kühlschrank ist. Nennt sich „girls‘ dinner“ und ist eine fabelhafte Idee.
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AUFBAU WEST.
Meine Alma Mater, Mutter der Wissenschaft, die architektonisch monströse RUB, klagt über Kindermangel. Der Ruhr Universität Bochum fehlen 5000 Studenten. Das ist für mich als Alumnus eine Sensation gänzlich unerwarteter Art. Als ich hier Anfang der siebziger Jahre aufschlug, standen alle Signale auf Wachstum. Ganze Hochhauskomplexe normaler Mietwohnungen waren im Handstreich auf Studentenbuden umgestellt. Man lebte toll in den spontanen Kommunen in der Hustadt. Und billig. Erstklassiges Lehrangebot. Fabelhafte Bibliotheken. Halbleere Seminare wirklich kluger Köpfe.
Wenn ich ergänzend zu den Genies in den Hörsälen die Studis aus dem Pott beschreiben soll, also den Geist der frühen Jahre, dann genügt der Hinweis, dass vor der riesigen Mensa eine sogenannte Bierklause eingerichtet war, in der es allerdings nur Krüge gab: „halbe-Liter-machen“ nennt das der Italiener. Abends ging man in den RUB PUB, den das Studentenwerk betrieb; einschließlich Rollgriff in der Kasse. Hier hatte noch der AStA das Sagen. Linker Sauladen, gefiel mir damals.
Aber das ist natürlich irreführend. Gut 40.000 Studenten büffelten brav und bravourös in Bochum; immerhin 10 % schloss mit Promotion ab. Man schenkte mir eine Urkunde, die meine Diss als beste des Jahrgangs qualifizierte; keine Ahnung, wieviel beste es gab, aber man freute sich natürlich über das „summa cum laude“. Der monströse Komplex in Bochum-Querenburg steht inzwischen unter Denkmalschutz. Jetzt also negatives Wachstum? Kann das?
Der Pott ist pleite. Mona Neubaur, die stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW, fordert als Grüne einen AUFBAU WEST. Das Ruhrgebiet verfällt und bildet Gettos aus, in denen Vagabunden das Sagen haben. Der Essener Norden etwa war nie chic und lange Zeit industriell geprägt. Heute ist er nicht mehr zu betreten. Bei der Verfassungsvorgabe der gleichwertigen Lebensverhältnisse sind jetzt mal die Wessis dran. Unausgesprochen: Und nicht die undankbaren Ossis. Obwohl der Vizekanzler dem Osten gerade wieder blühende Landschaften versprochen hat. Da meldet sich der Pott: „gezz ma wir!“
Wir erleben Strukturwandel. Kohle und Stahl sind gegangen (worden) und mit ihnen ein Wirtschaftswachstum in der sozialen Breite, das Arbeitskräfte aus Italien, Ostpreußen und der Türkei anzog, ernährte und bildete. Jetzt erleben wir Zuwanderung in die Sozialsysteme mit dem Effekt ihres vorsätzlichen Missbrauchs. Gettos einerseits und zum anderen Habitat der AfD.
Krupp wird es nicht richten. Und eine neue Konjunktur der Dicken Berta wohl auch nicht. Rheinmetall soll gut laufen, höre ich. Ob mir das gefällt, das weiß ich nicht so recht.
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Vorwärts und nicht vergessen: Die NRW-SPD steckt fest, und das ist gut so!
Rückblende: Wir befinden uns im Jahre 1990: Eine Kugel Speiseeis kostet an der Eisdiele um die Ecke 50 Pfennig, auf den Straßen setzen sich langsam Autos mit geregelten Katalysatoren durch und in den Wohnzimmern sind die ersten CD-Player zu bewundern.
Das Internet besteht aus einigen sündteuren und komplizierten Großrechnern in den Kellern von Informatikinstituten und Militäreinrichtungen, ‚Yahoo’ ist nur ausgemachten Kennern der irischen Literatur ein Begriff. In der Schweiz gibt auch der letzte Kanton seiner weiblichen Bevölkerung das aktive Wahlrecht und etwas weiter nordöstlich endet ein realsozialistisches Experiment, die DDR hört auf zu existieren. „Tschuldigung“, sagt Karl Marx auf einer Karikatur, „war nur so ne Idee von mir.“
20 Jahre sind eine lange Zeit, gerade auch in politischen Dimensionen. Und trotzdem, für Hannelore Kraft und die SPD ist die DDR unvergessen. Beinahe die Hälfte der Zeit, die man mit der Linkspartei am Verhandlungstisch verbrachte, um Perspektiven für das Land an Rhein und Ruhr zu erörtern, widmete man sich der Geschichte östlich der Elbe. Schließlich scheiterten die Gespräche, eine gemeinsame Vertrauensbasis ließ sich nach Aussage der sozialdemokratischen Spitzenkandidatin nicht herstellen.
In den Tagen danach tobt der geifernde Mob: In Onlineforen und den Nutzerkommentaren vermeintlich linksliberaler Zeitungen überschlagen sich die Stimmen derer, die den ‚historischen Verrat’ der SPD geißeln, von ‚neoliberaler Unterwanderung’ ist da zu lesen, von ‚beispielloser Rückgratlosigkeit’ und vom ‚Philistertum der Parteiführung’; eine historische Chance, den Populisten Rüttgers abzulösen, verspielt um historischer Petitessen willen. Auch einige journalistische Kommentatoren zeigen Unverständnis: zweieinhalb Stunden DDR-Geschichte, hätte das wirklich sein müssen?
Ja, es musste sein. Dass Hannelore Kraft die Linkspartei zu Gesprächen gebeten hat, mag mit Blick auf die Wahlergebnisse der Linken noch angehen, es ist nach den plumpen Erpressungsversuchen der in der Wählergunst abgeschlagenen Freidemokraten rund um den blässlichen Andreas Pinkwart vielleicht sogar menschlich verständlich.
Der Landesverband der Linken an Rhein und Ruhr ist selbst unter den eigenen Genossen für seinen Fundamentalismus berüchtigt, notorische Querulanten und angegraute Unbelehrbare aus diversen K-Gruppen bilden hier ein ewig-gestriges innerparteiliches Schreckgespenst. Es geht nicht um ostdeutsche Biografien, nicht um FDJ-Posten zu Schulzeiten oder die Mitgliedschaft im FDGB, es geht um weit Gegenwärtigeres: Die Spitzenkandidatin Bärbel Beuermann nennt im Gespräch mit Journalisten die DDR einen ‚legitimen Versuch’, einen Unterschied zwischen Stasi und Verfassungsschutz kann sie beim besten Willen nicht erkennen, auf kritische Nachfragen reagiert sie mit kryptischen Drohungen.
Eine Politikerin, die in Westdeutschland jede Freiheit hatte, ihre verqueren politischen Ideen zu entwickeln und fundamentalistischen Vereinigungen wie der ‚Sozialistischen Linken’ beizutreten, verklärt ein totalitäres System zur beschaulichen Alternative; das ist nicht nur den Opfern der Diktatur gegenüber zutiefst zynisch, das zeigt auch eine weite Distanz zu jedwedem demokratischen Basiskonsens. Da hilft dann auch kein Ablassbrief aus der Feder Ulrich Maurers.
Wie geht es jetzt weiter? Die Ampel scheitert am kategorischen Nein der FDP, einer zunehmend monothematischen Partei, die sich unter den Querelen ihres Spitzenpersonals langsam aber sicher ins politische Nirvana verabschiedet.
Bliebe noch die Machtoption einer großen Koalition, nicht schön, aber machbar. Sollte auch dies scheitern, dann, so hat Hannelore Kraft schon angekündigt, gibt es nach dem Willen der SPD Neuwahlen. Und wieder tobt der Online-Mob: Undemokratische Exzesse seien da zu beobachten, die Politik ignoriere klare Wählervoten, wolle gar das Volk auflösen, um sich ein neues zu wählen.
Auch wenn letzteres bloß eine dümmliche Verkürzung auf Kosten eines schönen Zitates ist, dass Neuwahlen zunächst ein komischer Geruch anhaftet, lässt sich nicht bestreiten. Und dennoch könnten sie die einzig gangbare Option sein.
Wenn es der Politik nicht gelingt, tragfähige Mehrheiten zur Regierung zu bilden, dann muss sie an den demokratischen Souverän zurückdelegieren, ihm eine erneute Entscheidung ermöglichen, egal, wie diese auch ausfallen mag; Mehrheitsbildung um der bloßen Macht willen kann demgegenüber keine Option sein.
Die Frage, wessen Morgen nun der Morgen ist, kann hingegen nur einer beantworten – der Wähler. Man darf hoffen, dass der prinzipienfeste SPD-Vorsitzende Gabriel das seiner Partei, insbesondere dem regierungsverliebten Herrn Steinmeier, zu erklären weiß. Der Vater der Agenda sitzt missmutig im Parlament, applaudiert Gabriel nicht und schielt sehnsüchtig zur Regierungsbank. Ein Untoter der Großen Koalition. Hannelore Kraft sollte seine politische Grabstätte nicht mit ihm teilen wollen.
Quelle: starke-meinungen.de