Logbuch
LIKÖR.
Wer Kummer hat, der hat Likör. Bei Christine Lambrecht war es LIMONCELLO, berichtet die Boulevardpresse. Das ist widerlich, gleich mehrfach.
Ein Reporter ist am Abschiedsabend der scheidenden Verteidigungsministerin ihr nachgestiegen und berichtet Privates aus dem Hinterzimmer des Italienischen Lokals, einschließlich Details zur Person des Sohnes. Nicht in Ordnung! Und zur Sicherheitslage, also zu dem begleitenden Kommando. Das geht gleich mehrfach gar nicht. Presserechtlich bedenklich. Charakterlos.
Teil dessen ist die Benennung des Aperitifs auf‘s Haus, den der aus dem Neapolitanischen stammende Gastwirt am Prenzelberg spendierte. Es soll sich um den LIMONCELLO genannten Zitronenlikör gehandelt haben. Der ist ein weiteres Vergehen. Denn das ist kein Brand, sondern Zuckerwasser mit Alkohol. Likör geht nach dem Essen gar nicht. Er gärt im Leib nach und produziert als Fusel die übelsten Kopfschmerzen.
Schwarzbrenner wissen: Ein guter Geist (pun intended) wandelt die Stärke und den Zucker des Ausgangsstoffes, also der Himbeere oder des Korns, vollständig in Alkohol, möglichst in mehreren Gängen der Destille. Alle Fuselöle sind getilgt. Ein guter Doppelkorn ist rein und hat Vanille im Abgang (pun not intended). Im Asbach, wir erinnern uns, war der Geist des Weines.
Wie geht LIMONCELLO? Man löst die äußere Schale der Zitrone und lässt sie in medizinischem Alkohol zwei Wochen ziehen und filtert ab. Das ätherische Gebräu wird dann mit warmen Zuckerwasser auf Trinkstärke verdünnt und mäßig gekühlt. Zitronenschalen, Alkohol aus der Apotheke und Zucker von Aldi, und das in Prosecco-Temperatur. Nicht mein Ding.
Ich achte die italienische KULINARISTIK, aber das Zitronenschalengebräu gehört nicht zu meinen Lieblingsgetränken. Sizilianische Weine haben zudem eine Größe, die Liköre gänzlich überflüssig macht. Auch wenn man als gescheiterte Ministerin in den Schoß der Fraktion zurückkehrt. Aber wer Kummer hat…
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KILLED BY INSTA.
In den Sozialen Medien des Internets bietet Instagram die Möglichkeit, mit privaten Fotos für Ruhm zu sorgen. Das kann tödlich sein. Siehe Christine Lambrecht.
Rudolf Scharping hat für seinen politischen Selbstmord noch die klassische Illustrierte BUNTE benötigt, die ihn als Verteidigungsminister im Pool auf Malle mit einer Scheidungsanwältin planschend zeigte, als seine Soldaten in den Krieg zogen. Mama Lambrecht hat dafür einen Sohnemann und Instagram.
Jetzt hat die Bundesregierung, worunter auch das englische Königshaus leidet: einen HARRY, der auf Rache sinnt. Mama Lambrecht ist als IBuK (Kriegsherrin) zurückgetreten worden. Ihre Nachfolgerin, Eva Högl, ist ein ähnliches Winkelement wie sie und Armin Laschet, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Was ist die Insta-Strecke? Erst Verdacht auf Spesenbetrug mit Sohnemann durch Dienstflug in den Sylturlaub. Dann Geburtstagsparty für den Spund im Privatclub der Berliner Bourgeoisie. Dann angeblich von dem jungen Mann aufgezeichnete Böllerrede zu Silvester. Immer privat, immer peinlich. Schuld war wohl stets der Sohn der Alleinerziehenden, getadelt hat sie aber die Medien, die sich auf sie fokussiert hätten.
Erfahrene Politiker weilen im langweiligen Langeoog, gehen im biederen Borkum in die Bar oder in Swinemünde in den polnischen Puff, und zwar immer und vor allem heimlich. Aber sie suhlen sich nicht vor Paparazzi in der Sansibar des sündigen Sylt, wo sie ostentativ mit der Bundeswehr oder dem eigenen Propeller eingeflogen sind.
Vor allem aber verbieten sie ihren vorlauten Infanten von dem prahlerischen Luxusleben Fotos auf Instagram zu posten. Sonst tritt schon mal der Verteidigungsfall ein.
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KEIN SCHÖNER LAND.
Warum findet das KONSERVATIVE keinen Kanzler? Friedrich Merz bleibt ein leerer Anzug. Warum wächst dem BÜRGERLICHEN kein Kopf? An der Stärke der Gegner kann es nicht liegen.
Unterbrechen wir für einen Moment den Spott über die AMPEL, der es die Geschichte wahrlich nicht leicht macht, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Vernachlässigen wir für eine Sekunde die Warnungen vor dem Rechtspopulismus der AfD. Was ist mit dem gutbürgerlichen, liberal gesinnten KONSERVATIVISMUS? Dem „Normalen“ in der Mitte; von mir aus auch rechts der Mitte? Wenn sie hier ein personelles Angebot hätte, könnte die Union wieder die Regierung bilden; sollte man meinen.
Was fehlt Friedrich Merz dazu? Noch immer ist Helmut Kohl ohne Nachfolge. Das Interregnum unter der Dame aus dem Osten hat die Union IDEOLOGISCH nie mit Glück erfüllt. Frau Merkel war eine ungewollte Gelegenheit des Machterhalts, aber keine LEITFIGUR konservativer Werte. Ist es die Konkurrenz an reaktionären Parolen durch die AfD, die Merz so hohl klingen lässt? Rechts blinken und geradeaus fahren, das gelingt ihm nicht so richtig. Empty suit.
In der CDU weiß man, dass der bayerische Ton der CSU national nicht hilft, zumal diese mit dem opportunistischen Franken Söder auch keinen echten Strauß-Ersatz gefunden hat. In NRW befördert man mit einem neuen Schönschwätzer als schwarzem Ministerpräsidenten das Konzept, konservativ zu sein, aber auf keinen Fall so zu erscheinen. Immer gut gekämmt, der Westentaschen-Kennedy. Ein schwarz-grüner Versuch, dessen Selbstverleugnungen epochal sind.
Das KONSERVATIVE findet keinen authentischen Ausdruck. Armin Laschet hätte es sein sollen, wurde aber sein Alter Ego, den Bruder Leichtfuß, nicht los. Es herrscht stattdessen ein Sog von rechts, der dadurch entsteht, dass die AfD zwar zu verdammen ist, aber trotzdem die Themen ansaugt, mit denen man rechts der Mitte Stimmung machen könnte.
Mich erinnert diese Bredouille an die USA, wo die Demokraten unbeliebt sind und die Republikaner unwählbar. Diese Schwäche des bürgerlichen Lagers kann der Demokratie gefährlich werden. Sie hinterlässt uns als Wähler zwischenzeitlich vor dem Dilemma, den wohlgenährten Zeitgeist der grünen Bellizisten zu ertragen, weil wir uns trösten, dass da noch eine FDP ist, die aber auch kein Kapital schlagen kann, und eine SPD, die sich im Attentismus übt.
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Merkels Wendemanöver – griechische Tragödien in der Vorwahlzeit
Leise und verlässlich sein, den eigenen Vorteil häufiger mal zu Gunsten des großen Ganzen opfern und das eigene Gewicht stets nicht vollends in die Wagschale werfen – die deutsche Europapolitik stand viele Jahre unter der Maxime der Bescheidenheit.
Helmut Kohl hat diese Leitlinien in den 1980er Jahren entscheidend geprägt, wollte so den Nachbarstaaten die Angst vor der deutschen Wiedervereinigung, vor einem neuen wilhelminischen Großreich zwischen Rhein und Oder nehmen. Er hatte Erfolg: Mitterand und Thatcher gaben schließlich, wenn auch mit Bauchschmerzen, dem neuen deutschen Staat ihren Segen. Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen, die vereinigte Bundesrepublik ist fest in europäische Strukturen integriert, germanisches Weltmachtstreben ist wohl auch bei kritischster Betrachtung der deutschen Außenpolitik nicht zu konstatieren. Dennoch hat die Kohlsche Leitlinie lange überlebt.
Der größte Nettozahler der EU schwieg stets vornehm. Ob es um fragwürdige britische Beitragsrabatte oder um polternd-dilettierende Regierungsmitglieder frisch integrierter östlicher Nachbarstaaten ging, von deutscher Seite ging stets nur vornehmste Zurückhaltung aus. Anfang dieses Jahres schien sich dies zum ersten Mal grundlegend zu ändern, Merkels ‚Nein’ zum Bail-Out für die Griechen war ein echtes Novum, die ehemalige politische Ziehtochter Kohls gab europapolitisch plötzlich die Eiserne Lady.
Die Folgen jahrelanger eklatanter Misswirtschaft und abenteuerlicher Bilanzierungstricks auf Kosten des deutschen Steuerzahlers sozialisieren, ein korruptes System mit Finanzhilfen künstlich am Leben zu erhalten – all dies sollte es mit Merkel nicht geben.
Dafür gab es Beifall, von vielen Seiten. Hart erwirtschaftetes Geld in einen Abgrund aus Günstlingswirtschaft zu schütten statt es in Bildung und Infrastruktur zu investieren, dies war und ist der Öffentlichkeit nicht begreifbar zu machen. Formaljuristisch befand sich die Kanzlerin ohnehin im einzig möglichen Fahrwasser, Hilfszahlungen für die Griechen wären schlicht ein eklatanter Bruch des einschlägigen Maastrichter Vertragswerks.
Eine neue deutsche Europapolitik schien geboren, selbstbewusst und doch fernab jedweden großspurigen Nationalismus. Doch es kam wie in der klassischen griechischen Tragödie. Deren Determinanten sind Widersprüche, Wendungen und Paradoxien, der einst glückliche Held muss in einem Abgrund aus Konflikten bestehen, doch egal was er unternimmt, in tragischer Ironie naht die Katastrophe.
Merkels Wendung begann Mitte April, das einstmals felsenfeste ‚Nein’ fing an zu bröckeln. Flankiert von ein wenig Geschrei des kleinen Koalitionspartners wurden erste Konzessionen gemacht, kategorische Entscheidungen entpuppten sich plötzlich als bloß taktische Manöver, gefahren allein um einem populistischen Provinzfürsten den Machterhalt zu sichern. Im Widerspruch zu allen früheren Entscheidungen wollte man der griechischen Günstlingswirtschaft nun doch wieder auf die Füße helfen, ein wenig Balsam für das ökonomische Schmuddelkind des Euroraumes.
Damit war das Konfliktfeld eröffnet. Juristisch ist die Entscheidung zumindest fragwürdig, kommunikativ ist sie ein Desaster: Die eiserne Kanzlerin steht plötzlich als eine Wahlkampfhelferin von Jürgen Rüttgers Gnaden da, die es mit der Wahrheit und Standhaftigkeit nicht allzu genau nimmt, wenn es darum geht einem Parteifreund die Pfründe zu sichern.
Merkels Ansehen ist beschädigt. Weit schlimmer nimmt sich aber noch aus, dass ausgerechnet sie als Vorsitzende einer konservativ-wirtschaftsliberalen Regierung dazu beigetragen hat, die ökonomische Büchse der Pandora zu öffnen. Wir erinnern uns, einst schuf Göttervater Zeus eine junge Frau und gab sie Epimetheus, dem Bruder des Aufklärers Prometheus zur Gefährtin. Rachsüchtig wie er war, gab er der Dame ein Gefäß zur Hand, in welches er alle Übel dieser Welt hineingab; einmal entwichen war ihrem Spuk nicht mehr beizukommen.
Ganz Ähnliches droht nun auch gegenwärtig. Um im literarischen Bild zu bleiben: die Katastrophe naht mit tragischer Ironie heran. Was als Hilfe und Stabilisierung gedacht ist, wird zum fatalen Signal: Misswirtschaft und kreative Buchführung bleiben folgenlos, es findet sich immer ein netter Nachbar der die Scherben nächtlicher Orgien auf seine Kosten beseitigt.
Die einstige Heldin Angela Merkel ist gefallen, ihre politische Glaubwürdigkeit und Autorität sind beschädigt, der Zweifel an ihrer ökonomischen Vernunft ist gesät. Der Streit um europapolitische Leitlinien und finanzielle Hilfen für verschuldete Euroländer gerät für die Kanzlerin zu ihrer ganz persönlichen griechischen Tragödie.
Quelle: starke-meinungen.de