Logbuch

POSTMODERNE.

Die Post-Moderne hat nichts mit DHL zu tun oder dem freundlichen jungen Mann in den albernen Elektrokarren aus Aachen, der die Briefe brachte, als diese noch nicht MAIL hießen. Postmodern ist der Frust, wenn man merkt, dass die Moderne nicht kommt.

Einst waren die Städte, haben wir gelernt, unwirtlich (Frau Mitscherlich sei Dank für das Wort). Das hat sich mancherorts gründlich geändert. Vielleicht nicht in Gelsenkirchen, aber in Düsseldorf. Jetzt sind sie, die großen Städte, wahrlich wirtlicher. Aber der Wirt wartet möglicherweise auf Gäste, die es nicht mehr gibt.

Pressetermin im Düsseldorfer Industrieclub, ein Haus mit Vorkriegs-Tradition (Kipling würde sagen, eine andere Geschichte), aber auch mit Nachkriegs- und Wiederaufbau-Geschichte. Geradezu historisch die Erfahrung, dass der mit dem Auto anreisende Zeitgenosse hier keinen Parkplatz kriegen wird, außer er klemmt sich in die Enge der Betonetagen der verdreckten Kaufhausparkhäuser; oft elend lange Suche. Vergangene Zeiten.

Direkt aus dem Innenstadttunnel in ein sehr komfortables Parkhaus neuester Generation. Großzügig geplant, übersichtlich gestaltet, blitzsauber. Mit dem Aufzug von "minus 2" hoch und man steht am High End der legendären Kö, der Mutter aller Prachtstraßen. Ich staune. Die 6, 50 € nach knapp zwei Stunden zahlt gern, wer so vornehm beherbergt wurde. Seine Stahlschüssel hat beherbergen lassen.

Auf der Kö Filmaufnahmen mit jungen Mode-Models, die vor einer Kamera auf und ab schlendern. Das ist das Herz des eitlen Düsseldorf, der Stadt der Mode-Messen, dass man sich wie in Paris oder New York fühlen darf. Köln ist im Vergleich dazu ein eher proletarisches Wesen; der Rheinländer auf Niveau, der haust hier. Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen ist eines der Attribute und die Sanierung der Rheinpromenade ein historisches Verdienst. Mode und Kunst und eine stark abgerockte Kneipenlandschaft in der Altstadt. Sehnsuchtsort meiner Freitagabende in früher Jugend.

Ich habe das palasthafte Parkhaus schon verlassen, als mir auffällt, dass die Stadt sehr ruhig ist. Sie wirkt leer. Es ist Mittag; vielleicht ist 12 Uhr zu früh für den Düsseldorfer. Ich fahre raus zum Flughafen und finde in der hochmodernen Bürostadt, die man auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne (der Engländer, die hier als Hoheitsmacht lagen) eine Parkplatz. Spontan. An vielen Büroetagen hängen Hinweisschilder, dass hier Büros jeder Art zu mieten seien. Makler scheinen in Sorge um künftige Kundschaft.

Angesichts der beachtlichen Modernisierungen kommt mir ein eher befremdlicher Gedanke: Sind diese Städte für eine Zeit gebaut, die gar nicht kommen wird? Stehen auf der Kö Boutiquen leer, in denen Blüschen hängen, die längst ein Heer von Paketboten in die Vorstädte schafft? Hat der Airport Büroetagen für Flugreisende, die gar nicht den Fliegern entströmen, weil sie in der Provinz in einem Home Office kauern und ihre Kollegen über "teams" kontaktieren? Fallen wir mit dieser Moderne aus der Zeit?

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LEICHTIGKEIT DES SEINS.

Europa fühlte sich ohne Krieg leichter an. Zumal im beginnenden Frühjahr. Dabei war er nur hier fern. Wir haben lange eine Idylle des Friedens genossen, stellen wir mit neuem Ernst fest.

Der fußt auf dem Ernst, eine Pest überlebt zu haben. Auch das war historisch eine Idylle. Wäre man nicht erwachsen, man würde religiös. So bleibt es bei Nachdenklichkeit. Und einer Konzentration auf die Pflichten. Preußischer Mai.

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DEZISIONISMUS.

Mangelnde Ambiguitätstoleranz: Hauptsache, eine klare Entscheidung. Lieber eine falsche, als keine! Experten mögen grübeln, Politiker müssen handeln. Ratz. Fatz.

Was die ATOMBOMBEN wirklich veränderten in der internationalen Politik war, dass das versuchsweise Anzetteln eines regionalen Konflikts plötzlich eine apokalyptische Chance enthielt. Mit den THERMONUKLEAREN WAFFEN war das Ende der Menschheit auch beiläufig möglich. Das war die STRATEGISCHE KOMPONENTE, die alle Ambiguität beendete. Das Ende des Abwägens im Militärischen. No More War. Epochal.

Bevor der so erreichte WELTFRIEDEN ernst wurde, erfanden die Atommächte die sogenannten TAKTISCHEN ATOMWAFFEN, die den spielerischen Umgang mit der Vernichtung eines Feindes wieder möglich machen sollte. Knapp unterhalb dieser militärischen Schwelle finden die territorialen Arrondierungen statt, die Russland gerade kriegerisch auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und der früheren vermeintlichen „Pufferstaaten“ durchführt, weil es sich als HEGEMONIE gegen die Souveränitäten in Osteuropa und dem Baltikum und wo sonst noch behaupten will. Imperialismus hebt sein Haupt.

Der bei uns jetzt vielfach geforderte DEZISIONISMUS will das Unrecht mit Entschiedenheit bekämpft sehen, jedenfalls will man derartige Gesten wahrnehmen können. Diese Symbolik wird im Paradigma der Propaganda entschieden. So unbestreitbar das Selbstverteidigungsrecht der Überfallenen ist, die sich nicht zum Vasallen machen lassen wollen, so mächtig ist ein Tabu, das der Denomination der Kriegsziele.

Was soll der Sieg über den Aggressor bringen? Einen Waffenstillstand und das Wiedererlangen der Souveränität oder die militärische Vernichtung des Feindes? Das Unwort des ENDSIEGES bleibt unausgesprochen. Auf beiden Seiten. Hier schweigt ein TABU von erheblichen Gewicht. Ich rate meinem Vaterland und der NATO, die AMBGUITÄT zu ertragen und nicht einer militärischen Propaganda des DEZISIONISMUS zu erliegen.

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Das Wesen des Casino-Kapitalismus am Beispiel von Lunch und Dinner

Noch eine Koch-Show. Zu berichten ist von einem Essen im Casino-Kapitalismus und der Sehnsucht nach anderen Verhältnissen. Dem Verlangen nach mediterraner Lebensart in einer Welt der Fast-Food-Verpflegung.

Aber der Reihe nach. Die amerikanische Börsenaufsicht nähert sich der Investmentbank Goldman Sachs mit dem Verdacht, dass das Haus sich zur letzten Finanzkrise betrügerisch verhalten haben könnte. Die deutsche Bundesregierung verfolgt die Vorgänge mit einigem Interesse. Der amerikanische Präsident hatte angekündigt, sich die gewaltigen Steuergelder, die er in die Banken gepumpt hat, zurückzuholen. Da will Merkel nicht zurückstehen. Während man mit müdem Grinsen und Erinnerungen an das berühmte Hornberger Schießen kämpft, springt ein Detail zur Weltwirtschaftskrise und ihren Verursachern ins Auge. Die problematischen Immobilienfonds, die die Blase platzen ließen, sind von dem US-Hedgefonds Paulson & Co. mitentwickelt worden, der sodann darauf wettete, dass sie scheitern werden.

Das erschwert die Unschuldsvermutung und ist zugleich ein besonders hübsches Exempel für das, was nicht nur Marxisten den Casino-Kapitalismus nennen. Die Logik solcher Wetten liegt in der Zeitachse: Man kann wissen, dass es sich um ein Kartenhaus handelt, auf dessen Stabilität man wettet, man kann wissen, dass ein Schneeballsystem nicht ewig hält, man muss nur rechtzeitig wieder raus aus der Abzocke.

Dafür wird an der Börse keine Glocke geläutet, aber es gab wohl einige wenige, die rechtzeitig wussten, was die Glocke geschlagen hatte: die Kriegsgewinnler der Krise. Goldman Sachs legt Wert auf die Feststellung, dazu nicht zu gehören. Man habe nur 15 Millionen Dollar mit den giftigen Papieren verdient, aber 90 Millionen Dollar eigene Verluste damit gemacht. Kann ein Gentleman mehr sagen? Nein, ein Gentleman kann nicht mehr sagen.

Bleibt aber die Frage, was Casino-Kapitalismus ist und ob es einen nachhaltigeren Weg gibt, sein Geld zu machen. Immobilienfonds scheinen nicht (mehr) dazu zu gehören. Die Preise für Gewerbeimmobilien fallen weltweit. Es kommt zu Notverkäufen. So soll das Sony-Center auf dem Potsdamer Platz in Berlin, vor zwei Jahren von der Bank Morgan Stanley für rund 600 Millionen Euro erworben, gerade an einen südkoreanischen Pensionsfonds gegangen sein, für 500 Millionen Euro. Ein Verlust von 100 Millionen Euro, das ist, wie der Berliner sagt, manch einen sein ganzet.

Serviert wird eine papierdünne Fleischscheibe in einer mit reichlich Fett kross gebratenen Panade, auf der eine Zitrone thront, die saftfrei ist. Das Schnitzel schmeckt wie in der Mikrowelle aufgewärmt, was auch die Trockenheit der Südfrucht erklären würde. Man arbeitet sich im Menu durch Tiefkühlkostartiges. Als die mit 86 Euro stattliche Rechnung zur Bezahlung ansteht und der Gast einen 100 Euroschein darbietet, lässt die Serviererin aus Friedrichshain verlauten: „Kann ick nich wexeln, Sie sind mein erster Gast!“ Ein offensichtliches Kalkül auf 14 Euro Trinkgeld.

Zeit für eine Debatte um die Abzocke bleibt nicht. Die Tür bricht auf und eine Busladung an Gästen ergießt sich in das Restaurant. Das Konzept ist klar. Der Laden kann seine sicher exorbitante Miete an die südkoreanischen Rentner nur zahlen, indem er Legionen von Einmalgästen durchschleust, denen man naturgemäß alles antun kann, weil sie nicht mehr wiederkommen. Meine Seele schmerzt, weil Lutter & Wegner, das waren dereinst die Weinlieferanten von E. T. A. Hoffmann, eine erste Adresse.

Heute finde ich ein Angebot in der qualitativen Klasse von McDoof und WürgerKing. Vor allem aber glaube ich nicht, dass die Geschäftsidee aufgehen kann. Der Blüm-Satz von der sicheren Rente dürfte auch in Südkorea falsch sein. Wie viele miese Schnitzel müssen sie verkaufen, bis 100 Millionen Verlust ausgeglichen sind? Für solche Geschäftsideen müssen jeden Morgen hunderte neuer Idioten aufstehen. Die Marketing-Kosten bezogen auf einen Stammkunden gehen gegen Null. Die Rendite von Gastronomiebetrieben in sogenannten Spitzenlagen nimmt die gleiche Richtung, sprich auf Null, oder drunter.

Szenenwechsel. Abends sind wir im Ristorante San Giorgio in Charlottenburg, Mommsenstrasse 36. Eine beschauliche Gegend mit mittelpreisigen Wohnhäusern. Man sieht die Herren Westerwelle und Pofalla dort wohnen. Kohl hat hier regelmäßig gegessen und Schröder; heute ersetzt die Granden der wortgewaltige PR-Manager Hans-Hermann Tietje. Ein Familienbetrieb, Domenico Fiorentino aus Apulien und sein Sohn Fabricio (Berliner Tonlage) führen mit ihrem Koch Tommy Hubbert ein kleines Restaurant mit recht guter Qualität, aber ohne Sternekochambitionen. Domenico ist ein Weltmann mit der ausgesuchten Unhöflichkeit eines Italieners, der nichts von Stutzern hält.

Wir essen Bodenständiges mit eigener Kreativität, Penne mit dicken Bohnen und Speck für 9 Euro 50 und hauchdünn geschnittene Leber „al burro e salvia con puré di patate“ für 17 Euro 50. Das beste Kartoffelpürree der Stadt, dazu ein erlesener, aber nicht verstiegener Wein aus Venetien. Alles in allem geben wir hier zwanzig, dreißig Euro mehr aus als im Lutter & Wegner und sind gleichwohl hochzufrieden.

Man isst bei Freunden, kommt wieder und weint seinem Geld nicht nach. Selbst wenn die Rendite die Ackermannschen 25-Prozent erreichen würde, was sie in der Realwirtschaft niemals wird schaffen können (geht nur mit Wucher). Dies ist nicht die Welt koksender Investmentbanker, die Champagner in Londoner Stripclubs fließen lassen.

Quelle: starke-meinungen.de