Logbuch

ANSTRENGEND.

Welch ein Lob! Welch ein wunderbares Attribut für eine Nachrede. Es ist verstorben die Tochter von Gustav Heinemann. Uta Ranke-Heinemann, das hellgrüne Lederkostüm! Ach, Uta! Sie wollte der moralisierenden Enge des väterlichen Protestantismus entfliehen und wurde katholisch. „Vom Regen in die Traufe“, das waren ihre Worte dazu. Sie war dann als Akademikerin und Kirchenkritikerin eine echte NERVENSÄGE. Ihre Stimme war oft eine halbe Oktave zu hoch. Selbst die ihr Zugeneigten fanden sie „anstrengend.“ Das ehrt sie. Salut! So möchte man posthum gelobt werden. Wer möchte schon als leichte Beute gegolten haben? Und dann auch noch in den Augen solcher dunklen Gestalten wie die Inquisition sie anzubieten hatte. Ihr Kampfruf war: Es geht um Inhalte! Es ging natürlich eigentlich um Macht. Wie immer. Das wusste sie. Möge die Erde ihr nicht zu schwer werden.

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EINFACH GUT.

Man fragt nach dem Besten oder nach dem Anständigsten. Nehmen wir das Elsass. Schon immer wurden die restlichen Weine kleiner Lagen verschnitten, assembliert, wie der Eingeborene sagt. Wenn das die besseren Reste waren, dann hieß der Zwicker (die Cuvée) halt EDELZWICKER. Danach fragt man, wenn im Elsass, wo denn zur Zeit der EDELZWICKER gerade gut ist. „When in Rome, do as the Romans do!“ Dann nimmt man 12 Flaschen in den Kofferraum. Das ist die anständige Lösung. Na, gut, drei Kisten, 18. Oder man weiß vom Besten. Das ist der Riesling Clos Ste. Hune von Trimbach aus Hunawihr. Es gibt keinen besseren Wein. Punkt. Da nimmt man zum Abendessen ein Fläschchen; kostet so viel wie die 18 zusammen. Oder mehr. Aber der Clos Ste. Hune ist der beste, in allen Jahrgängen. Ich habe das schon erprobt, als ich es mir eindeutig noch nicht leisten konnte. Eine Charakterfrage: einmal im Jahr, zu Kaisers Geburtstag. Ansonsten tut es auch der Edelzwicker. In den Supermarktregalen bei uns ist er selten geworden. Da tummeln sich heute preiswerte Tropfen aus Australien oder Neuseeland, die in den sauschweren Glasflaschen um die Welt geflogen sind. Welch ein Irrsinn.

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NARRATIVE.

Karfreitag ist, so höre ich, gestrichen, Ostern untersagt. Corona und Christus, das geht halt nicht. Anlass genug von Weihnachten zu reden. Dass das neugeborene Jesuskind der verheißene Messias sei, will das Neue Testament auch durch drei Heiden belegen, die einem Stern gefolgt seien, der die Ankunft des Königs der Juden bezeuge. So übersetzt Luther. Mit der Legendenbildung geht es noch nicht im Matthäus-Evangelium, sondern erst im 6. und dann im 12. Jahrhundert nach Christi Geburt so richtig los. Die HEILIGEN DREI KÖNIGE waren dann nämlich angeblich der Grund, den Kölner Dom zu bauen, genauer gesagt, ihre Reliquien. Die hatte der kriegswütige Friedrich Barbarossa zuvor bei der Zerstörung Mailands entwendet, zu seiner Kriegsbeute gemacht und dem neuen Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, zum Geschenk. BAUDOLINO erzählt, dass er die gut erhaltenen Leichname der Sternendeuter aus dem Morgenland aus der Mailänder Krypta klaubte, wie frisch verstorben seien ihre Antlitze gewesen, zwei von weißer Haut und einer ebenholzfarben. Da im Neuen Testament nur Matthäus die Magiere überhaupt erwähnt habe und dann noch Anzahl (drei oder zwölf ?) wie die Namen vergessen, habe er sie kurzerhand Caspar, Melchior und Balthasar genannt. Damit nicht genug: Er habe die Leichen zudem umziehen müssen, weil ihre Kleidung nicht authentisch gewesen sei; er beschwert sich über orientalisch anmutende Pumphosen der Herren und alberne Kopfbedeckungen. Man habe mit viel Mühe im brennenden Mailand bischöfliche Kleidung für die drei zusammensuchen müssen. Wenn der neue Erzbischof von Köln sie zu seiner Weihe mit in die Stadt am Rhein nähme, dürften sie nicht aussehen wie irgendwelche dahergelaufenen Magiere, selbst wenn der Schrein ja nicht offen stünde. Die Debatte um das AUTHENTISCHE ist bis heute nicht abgerissen. Man stößt sich nun an Balthasar; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wesentlich erscheint mir, dass das AUTHENTISCHE eine Frage der Erwartungshaltung ist. Als authentisch gilt, was die Erwartung von dem Wesen einer Sache besonders gut erfüllt. Diese Vorurteile, Ressentiments, legen fest, was als echt gilt und was als gefälscht. Das Authentische ist eine Inszenierung, die sich selbst als Inszenierung leugnet. Ohne geeignete Inszenierung ist das Authentische halt weniger authentisch. Oder, wie BAUDOLINO sagt: „Nicht die Reliquie macht den Glauben, sondern der Glauben die Reliquie.“

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UMSTEIGEN IN KÖLN.

Köln hat schon etwas Erhabenes. Was Rom den Italienern, das ist Köln dem Rheinland, die Ewige Stadt. Man atmet EWIGKEIT. Ich komme mit dem Zug aus Düsseldorf, was hier als namenlose Stadt gilt. Aufzüge und Rolltreppen defekt, Gelegenheit zu einem Spaziergang.

Ein Meer von Vorhängeschlössern ziert die Gitter auf der Brücke rüber nach Deutz , unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof. Ich sehe mir das näher an. Unterschiedlichste Gravierungen deuten auf Pärchen, die ihre Beziehung mittels Herzchen und anderen Emotionalia Ausdruck geben. Die Liebenden gestalten hier offensichtlich mittels Gravur ein Schloss als Symbol ihrer Verbindung, bringen es an der Hohenzollernbrücke über dem großen Strom an und werfen den Schlüssel in den Rhein. Auf immer! Das ist kitschig, aber, aller Ehre wert, Ausdruck des Wunsches nach EWIGER LIEBE.

Am Beginn der Brücke, auf der Stadtseite, die die Römer Kolonie oder Colonia nannten, das beträchtlich größere Symbol des gleichen Wunsches, der KÖLNER DOM. Im 13. Jahrhundert begonnen, allerdings auf Fundamenten religiöser Art aus dem 5. Jahrhundert oder Älterem, Heimstätte der Gebeine der Heiligen Drei Könige, gilt er baulich als perfekte Kathedrale. Selbst den Zweiten Weltkrieg hat er unbeschadet überstanden. Der Wunsch nach einem EWIGEN DENKMAL der Religion vom EWIGEN LEBEN. In den Worten des Ketzers Luther der Glaube an die NÄCHSTEN LIEBE (oder schreibt man das in einem Wort?).

Hier residiert ein Kardinal als Würdenträger, der angeblich damit hadert, dass sein Verein das Naturrecht auf Kindesmissbrauch zu verlieren scheint. So sagen seine Kritiker, die sich auf Opfer berufen. Knabenliebe vermeintlich als Teil der NÄCHSTEN LIEBE. An der Brücke montiert ein Bautrupp ganze Geländer ab; sie werden, sagt mir der Bauarbeiter, zu schwer für das alte Stahlungetüm. Und die jungen Lieben von der Brücke haben bestimmt nicht alle gehalten. Mancher wird da schon bald bei der nächsten Liebe gelandet sein. Und mein Zug bleibt auf der anderen Rheinseite nach zehn Minuten Fahrt schon im Bahnhof Deutz stecken, weil die Bahn es wieder nicht geregelt kriegt. Ich nehme mir notgedrungen für die nächsten hundert Kilometer ein Taxi. Der türkischstämmige Fahrer freut sich über die 200€-Fahrt und erzählt mir, weil wir ins Plaudern über das Leben und die Liebe kommen, in freundlichem Kölsch, er sei früh verwaist, sein Vater, früher bei Ford in Köln, sei mit 43 beim privaten Autohandel nach Rumänien dort tödlich verunglückt. Ich denke: Zahn der Zeit.