Logbuch
LOB DER LINDE.
In der großen Stadt blüht vor meinem Fenster eine Linde. Sie lebt ihr Leben als STRASSENBAUM, eine Heldin. Ein Lob.
Ich entdecke zufällig, wie Bienen die Blüten der Linde umschwärmen. Auf den zweiten Blick sehe ich dann den ganzen Baum in Blüte. Ein munteres Gelb mit gelegentlichem Grün. Und gewachsen ist er auch. Vor Jahren noch kaum zu sehen, schützt er jetzt den vierten Stock. Ein herrlicher stattlicher Straßenbaum.
Aber ich mache einen Fehler; ich gendere falsch. Obwohl mir sonst die Verwechslung von grammatischem Geschlecht und biologischem, wie es die linguistischen Dille-Tanten (pun intended) vornehmen, zuwider ist, die Linde ist kein „er“. Die Linde ist ein weibliches Wesen, seit altersher. In ihr wohnt FREYA, die Mutter aller Elfen. Hier steht eine Frau auf dem Trottoir, eine Schönheit am Straßenrand.
Aber im Ernst, wir haben es ihr schwer gemacht. Sie wächst neben der mit Bitumen versiegelten Straßen und unter einem gepflasterten Gehweg. Wo ihre Wurzeln die Platten gehoben haben, wurden sie brutal überteert. Was für ein elendes Habitat. Das kleine Quadrat um den Stamm herum ist von verrosteten Fahrrädern bestanden, Hundekot verziert und Hort für Müll. Mädchen, das hast Du nicht verdient! Vom ernsten Schicksal des Berliner Straßenbaums.
Ich hab da was im Gedächtnis aus den Zeiten als mich noch mein Lateinlehrer Attila Huch (so hieß er wirklich) triezte,nach dem unter Linden Mädchen feine Fäden spinnen: „Filia sub tilia…“ Kriege ich nicht mehr zusammen. Jedenfalls werde ich sie heute begießen, die blühende Freya in Moabit. Leute, wässert Eure Bäume!
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DENKMAL.
Gestern kleines Lunch mit drei Professoren in Hannover im Leineschloss, dem Landtag. Vor dem dortigen Restaurant ein großes Denkmal zu den Göttinger Sieben. Welch eine Verpflichtung!
Anfang des 19. Jahrhunderts haben die sieben Profs ihre politische Überzeugung über die Treue zum Landesherren gestellt, der sie daraufhin entließ. Drei der sieben wurden gar verbannt. Ein Ereignis der liberalen Geistesgeschichte. Am Tisch des Restaurants namens Schorse, dessen Freundlichkeit im Service die Kantinenqualität der Küche fast überdeckt, eine Idee eines der vier Weisen. Man solle eine Initiative an der Hochschule „Wir denken nach!“ nennen. Das passte nun wirklich zum „genius loci“, dem Geist des Ortes. Vielleicht geht dieser Mittagstisch ja mal als die „Hannoveraner Vier“ in die Geschichte ein.
Wer seine Mit- und Nachwelt an ein Ereignis erinnern will und die Macht hat, der setzt ein MAHNMAL in die Landschaft. Das ist meist mehr als eine Gedächtnisstütze; das DENKMAL ist immer eine Botschaft. Hinter der historischen Unschuld („Es war einmal…“) steckt ein Statement. Hier will der Stifter eine Deutung von Geschichte festklopfen. Eine kontroverse Deutung, um die Kontroverse zu verhindern. Darum werden die Denkmäler verehrt, umgewidmet , abgerissen. Das ist gut so.
Ein MONUMENT mit dem schönen deutschen Wort des DENKMALS zu versehen, das verdanken wir, wie so vieles, Martin Luther. Ihm wird bewusst gewesen sein, dass dies ein wunderbarer Imperativ ist: „Denk mal!“ Eine Aufforderung an den eselsgleichen Zeitgenossen, sich endlich seines Verstandes zu bedienen. Man möge bitte mal, ausnahmsweise, nachdenken. Großartig.
Auf dem Land fahre ich oft an einem KRIEGERDENKMAL im Nachbardorf vorbei, das an die Opfer im Ersten und Zweiten Weltkrieg erinnert, beschönigend Gefallene genannt, für das Vaterland sind sie gefallen und werden nicht wieder aufstehen. Gleichzeitig höre ich im Radio die bellizistischen Grünen darüber klagen, dass Deutschland „kriegsmüde“ sei. Ja, darum bitte ich; mit Nachdruck.
Die Metropole ist voll von Denkmälern und Einwohnern, die diese Aufforderung zum Denken notorisch missachten. Allenfalls die Touristen, die die laxe Drogenpolitik nach Berlin lockt, haben ein Auge für die Monumente. Man lichtet sich mit dem Handy vor den Sehenswürdigkeiten ab. Was mich an den verunglückten Satz von Gerd Schröder erinnert, das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas müsse ein Ort sein, zu dem man “gerne“ gehe. Das war eine verfehlte Formulierung, aber kein gänzlich dummer Gedanke.
Mit Gerd Schröder habe ich mich dereinst im Leineschloss getroffen, da war er frisch gewählter Ministerpräsident. Mittlerweile, Jahrzehnte später, verachteter Altkanzler. Ich habe ein schlechtes Zahlengedächtnis, bin aber offensichtlich schon eine Weile dabei. Zum Denkmal wird es trotzdem nicht reichen. Schade eigentlich. Aber Gerd kriegt ja auch keins.
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GAFFER & FLANEUR.
Die Großstädte beherbergen einen stetigen Fluss von Menschen, morgens hinein, abends raus. Eine im Gleichschritt dahin eilende Horde. Viehtrieb. Zwei Typen widersetzen sich dem. Der GAFFER und der FLANEUR. Eine Beobachtung.
Wenn auf der Autobahn sich die Gegenfahrbahn staut, auf der gar niemand verunfallt ist, so liegt das an den GAFFERN. Diese Vorbeifahrenden wollen einen eigenen Augenschein vom Unglück und gewähren ihrer Neugier die nötige Zeit. Geborstenes Blech und vergossenes Blut, welch eine Attraktion. Mitleidloses Mitleiden.
Der GAFFER ist eigentlich eine Erscheinung der Großstadt des 19. Jahrhunderts. Er ist ein namenloser Passant, den eine Ungeheuerlichkeit lähmt: mit offenem Maul bleibt er stehen und glotzt: Ein Selbstmörder wird aus dem Fluss gezogen, ein Pferd wegen des Beinbruchs erschossen, eine umgestürzte Tram, ein Auflauf. Am Rande dessen die unbändige Neugier in Gestalt eines einzelnen Tropfes, der starr starrt. Der gefesselte Blick auf das Boulevard, später dann in die gedruckte Boulevardzeitung, dann ins elektronische Boulevard des Internets. Mitleidloses Mitleiden.
Das aufgerissene Maul ist allen Dummköpfen als Ausdruck der Verwunderung gegeben. Geifer trieft aus den Mundwinkeln, ein fast tierischer Zustand der Sensationslust. Medial vorgelagert ist dem GAFFER der PAPARAZZI, ein Fotograf mit einem Gafferblick, der jenen Futter liefert, die den ungeheuerlichen Moment versäumen mussten. Der GAFFER ist männlich, schlecht gekleidet und wortkarg. Sein symbolischer Ort im Leben ist eigentlich nicht das Trottoir, sondern der piefige Balkon, von dem aus man sich am Leben delektieren kann, insbesondere wenn es tragisch scheitert, ohne an ihm teilnehmen zu müssen. Oder die Fensterbank. Sagen wir es offen, der GAFFER ist das wahre Subjekt der Massenmedien. Analog wie digital.
Sein Pendant auf den Gehsteigen der großen Städte ist der FLANEUR. Nie bliebe er wegen eines äußeren Anlasses stehen, um mit aufgerissenen Mund auf ein Unglück zu starren. Nie eilt er schnellen Schrittes. Der FLANEUR geht gemächlich seiner Wege, es ist sogar fraglich, ob er ein Ziel hat. Jedenfalls macht er keine Botengänge. Ein Spaziergänger der Metropole. Der FLANEUR ist an allem interessiert, aber von nichts in Beschlag genommen. Er ist etwas zu gut gekleidet, von ungeklärtem Vermögen und riecht auch vormittags leicht nach Absinth. Da er ausschließlich gemäßigten Schrittes unterwegs ist, findet er sich nie in asiatischen Metropolen. Sein symbolischer Ort ist das linke Seine-Ufer (rice gauche) und ein Kaffeehaus von der Klasse des Deux Magots. Wien oder London oder Dublin, das geht auch.
Wenn der FLANEUR aus den Augen des Publikums schwindet, hockt er heimlich und nächtelang in Lesesesseln und liest. Der Flaneur liest viel. Er liest alles. Und ab und an notiert er etwas. Etwa: “Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“
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Gold geb´ich für Eisen: Das Staatsoberhaupt fordert höhere Tankstellenpreise
Ostern scheint die Politik zu beschwingen. Es gibt Überraschungen. In der guten alten Zeit wusste man immer vorher, wer in der Politik was sagen würde. Man kannte seine Pappenheimer.
Heute aber reden die Schwarzen grünen Unsinn. Die Roten sind vaterländisch. Und die Grünen geben sich staatstragend. Nur eines ist geblieben: Die Zeche zahlen die Bürger, und bei den Kleinen holt man am meisten. Konkret: Es geht die Parole, Kraftstoffe seien zu billig. Der Liter Benzin soll fünf Euro kosten?
Was ist das? Der Wachtraum eines Öl-Multis, dem Dollarzeichen in den Augen stehen? Oder eine Idee des amtierenden Bundespräsidenten? Eines Amtsinhabers, der allenthalben für seinen verminderten Arbeitswillen und eine solide Ideenlosigkeit kritisiert wird. Daher der spontane Einfall, die Tankstellenpreise zu treiben?
Historisch steckt hinter der Klage über zu billiges Benzin eine Forderung der Grünen. Sie ist so alt, dass zunächst noch von fünf Deutschmark die Rede war. Jetzt also fünf Euro? Jedenfalls mehr als wegen des Osterverkehrs ohnehin abgezockt wird. Bei 5 DM dachte man, so etwas fordern nur grüne Spinner am Rande der Gesellschaft. Jetzt also jene Besetzung des höchsten Amtes im Staate, die der Berliner „Bundes-Hotte“ nennt. Man will uns wieder zwingen, das Auto stehen zu lassen. Oder automobile Schluckspechte abzuschaffen und schwachsinnige Stromautos aus Japan zu kaufen. Vor allem aber wollen Köhler wie Künast uns dort treffen, wo es wirklich wehtut, nämlich am Portemonnaie.
Das Konzept verspricht Erfolg. Es macht sich den Effekt der Champagner- und der Salzsteuer zunutze. Da gibt es einen wichtigen Unterschied. Wenn Vater Staat seine Bürger bei Schampus zur Kasse bittet, dann steht das im Lichte sozialer Gerechtigkeit, bringt aber unter`m Strich nicht viel. Massengüter sind geeignetere Objekte der Steuergier. Salz muss man besteuern, besser noch Brot, oder Benzin, dann blutet die Masse, es sprudeln also die Quellen.
Wer steht nur über uns Bürgern, unserer Regierung und last, but not least über dem Staatsoberhaupt? Richtig, Mutter Natur. Hier wird jedwede Ordnungspolitik über den Haufen geworfen, weil es um die ökologische Zukunft der Menschheit geht. Es geht immer um Höheres, wenn der parteipolitische Opportunismus in den Ring steigt. Am Anfang der Preistreiberei stand tatsächlich mal ein kluger Gedanke der Ökologie: Alles hat im Kapitalismus seinen Preis, nur nicht der Naturverzehr. Für Arbeit ist zu zahlen. Das Kapital versucht auf seine Kosten zu kommen. Aber sauberes Wasser und frische Luft stehen für jeden Missbrauch offen. Eine schreiende Ungerechtigkeit. Amerikanische Spruchweisheiten machten die Runde, nach denen man ja keine zweite Welt im Kofferraum habe. Und Sitting Bull wusste hinzuzufügen, dass man am Ende Geld nicht werde essen können.
Mit der Idee, der Natur einen Preis zu geben, wollte man den Kapitalismus mit den eigenen Waffen schlagen. Das klappt natürlich, wie man seit Adam Smith wissen kann, nie. Aber die Umweltschützer hofften so, das innere Bestreben der Unternehmen, möglichst viel Profit durch möglichst geringe Kosten zu realisieren, vor den Karren der ökologischen Bewegung spannen zu können. Die so harmonisch klingende Plausibilität übermannte mittels innerer Sympathiewerte alle politischen Diskussionen. Zweifel kamen erst auf, als der zarte Gedanke in die raue Witterung des täglichen Lebens gestellt wurde. Stichwort CO2-Abgabe und Zertifikatehandel. Man wähnte ein Abfallprodukt von Verbrennung, das Kohlendioxid, als sogenanntes Klimagas, das an der sogenannten Erderwärmung Anteil habe, die des Teufels sei.
Also wurde das Recht, CO2 in die Erdatmosphäre zu entlassen, sprich ein Feuer anzustecken, in kleine Anteilsscheine gebrochen und diese einem kontrollierten Handel ausgesetzt. Das schöne Antlitz der Idee war, dass die Sauberen belohnt und die Schmutzigen bestraft werden. Wie bei allen Maßnahmen grüner Politik werden dabei willkürlich Moral und Naturwissenschaft gekoppelt, unzertrennbar aufeinander geklebt. Damit sind dann Bedenken in der Sache immer schon gleich zu Anfang moralisch erledigt. Den moralischen Olymp durfte folglich besteigen, wer kein Feuer machte, aber sein Recht auf ein Feuer teuer verkaufte.
Zu Beginn dieses grünen Kapitalismus bekamen die Unternehmen die Anteilsscheine vom Staat geschenkt, stellten aber die Wiederbeschaffungkosten sofort in die Bilanzen ein. Und damit in die Kosten, sprich am Ende in die Preise. Der Verdacht stand im Raum: Der kleine Mann zahlt die Zeche! Verbraucherschützer schrien auf. Damit ließ sich Empörung schüren: plötzlich sollte teuer Geld kosten, was doch umsonst gewesen war. Versuche, den Unterschied von buchmäßigen und kalkulatorischen Kosten zu erklären, waren zwar als betriebswirtschaftliches Einmaleins begründbar, aber natürlich nicht moralisch zu halten. Im politischen Lack der grünen Karosse zeigten sich erste Kratzer.
Und wie immer gab es Kriegsgewinnler, mit denen man im Zustand der grünen Seligkeit gar nicht gerechnet hatte: wer keinen Strom aus fossilen Energien will, fördert die Atomkraft. Das ist eine einfache und bittere Wahrheit, gegen die mit viel rhetorischem Aufwand gekämpft wird. Man kann besänftigend von Brückentechnologie faseln und alternativen Energien in der fernen Zukunft. Aber das ist nichts als semantisches Freibeutertum. Faktisch ist der Kampf gegen die Fossis nichts als Atom-Promotion. Die Nuklearfraktion reibt sich die Hände.
So rettet man Mutter Erde, indem man ihre inkontinenten Salzstöcke mit Atommüll füllt. Das alles ist frech. Im Kern geht es den Preistreibern um die Vorstellung, den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen zu können. Dieses Bubenstück beseelt jetzt wohl auch Bundespräsident Horst Köhler, wenn er die niedrigen Spritpreise beklagt. Und das ist noch nicht mal von ihm, es ist ein Plagiat. Warum versucht er die Wiederbelebung einer tot geglaubten Idee der Grünen aus radikalen Tagen? Solche schwarz-grünen Gedankenexperimente sind in diesen Tagen notorisch auf der Agenda der Konservativen. Sie erleben, dass mit Westerwelle kein Staat zu machen ist. Schwarz-grün statt schwarz-gelb.
Aber niemand, der bei Verstand ist, geht mit einem Dynamogefährt auf die Autobahn. Niemand, der mit sechs Litern Diesel dreihundert PS fahren kann, hampelt sich mit einem Batterieauto von Steckdose zu Steckdose. Die Künast-Promotion für Toyota war Kai-aus-der-Kiste, mehr nicht. Das Batterieauto wird eines fernen Tages für Nahbereichsverkehr in Ballungszentren kommen, mag sein.
Wer heute vernünftig, auch ökologisch vernünftig, Auto fahren will, braucht Benzin zu bezahlbaren Preisen. Und da ist die Gier nach Steuern zu zügeln. Heute schon sind die Tankstellen kleine Finanzämter mit Imbissbude. Wer weiter an der Preisschraube drehen will, darf mit unserem Zorn als Bürger, sprich als Wähler rechnen. Mit dem von Köhler ersehnten E-Mobil kann er gerne im Garten seines Amtssitzes spazieren fahren. Oder auf dem Golfplatz, wo die anderen Bessergestellten ihre Freizeit verbringen. Den Mineralölkonzernen das Gefühl zu geben, der Markt würde weitere Abzockereien ertragen, ist fahrlässig. Es amüsiert geradezu.
Von der Bundesregierung ist mehr, viel mehr, nämlich ein ganzheitliches Konzept ihrer Energiepolitik zu erwarten. Das ist angekündigt, man darf gespannt sein. Dort sollte auch stehen, wie das Kabinett Merkel die Öl-Multis daran hindert, das Land an den Tankstellen auszuplündern. Hier, Herr Köhler, liegen die deutschen Interessen. Nicht in Öko-Anleihen, die vom Staat gehandhabt werden wie dereinst Kriegsanleihen. Gold geb` ich für Eisen? Die Zeiten sind vorbei.
Quelle: starke-meinungen.de