Logbuch
EIFERSUCHT.
Der Gott der Juden ist eifersüchtig. Er lässt gleich im ERSTEN GEBOT feststellen: „Ich bin der Herr, Dein Gott; Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ So was betont man ja nicht ohne Grund. Die Religionswissenschaften sprechen von „Monolatrie“, wenn man zwar einen Hauptgott hat, aber nebenher noch so ein bissl was geht.
Das Christentum macht gleich eine ganze Familie auf, Vater, Sohn, Heiliger Geist, Maria, die Gottes Mutter (gemeint ist der Sohn), und Maria Magdalena, sein Spusi. Eigentlich geht es um die Festlegung, wer der Messias sei; da sind die Christen für die Juden etwas voreilig.
Den Monotheismus auf die Spitze treibt der Islam, der, wenn ich das richtig verstehe, die einzige und endgültige Gottesverehrung sein will; er gründet zwanzig Generationen später, also sechshundert Jahre nach Christi Geburt. Über die Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen gibt es einen Versuch des Braunschweiger Freimaurers G. E. Lessing, den ich nicht für überzeugend halte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
„Eifersucht ist, was mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ So lautet der Lehrsatz. Ein verrücktes Unterfangen. Auch im Privaten. Das kommt in den Geboten des Juden Moses dann ja auch gleich an sechster Stelle: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Als Konfirmanden haben wir dann stets angefügt, halb laut versteht sich: „bis der Eimer am Bett steht.“ Aber das war natürlich albern; ein Knabenwitz.
Konfirmand war ich als Schüler; als Student galt dann ein expliziterer normativer Anspruch: „Wer zweimal mit der gleichen pennt, der gehört zum Establishment.“ Das wollten die Kulturrevolutionären nicht, zum Establishment gehören. Mit dem Erreichen des Examens erübrigte sich diese Ambition zumeist. Es wurde brav geheiratet. Babyboomer traten an.
Eifersucht ist ein Konstruktionsfehler in der Gottesliebe wie der zwischen Mann und Frau (ja: auch der zwischen Gleichgeschlechtlichen): Warum schon im Kern das Verbot? „Du sollst nicht!“ Die alten Griechen hatten ein entspannteres Verhältnis zu ihren Göttern. Da hat der verklemmte Junggeselle Hölderlin einfach recht, wenn er von den losen Sitten der vielgestaltigen Götter Griechenlands schwärmt. Ich lobe die Melancholie des edlen Simulanten.
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STELLUNG NEHMEN.
Meinungsjournalisten sind eine kleine Gruppe von Gebrauchsschriftstellern, die unter einer doppelten Last leiden. Beginnen wir mit dem Vordergründigen; sie leiden unter Originalitätszwang. Man muss nicht nur regelmäßig eine Meinung haben, sie soll auch noch unterhaltend sein. Niemand würde mit einer Kolumne berühmt, in der bloß Selbstverständliches steht. Der Ball ist rund. Nachts ist dunkel. Gähn. Der Käse ist lecker, der Wein gut.
Der Originalitätszwang kann zu unangenehmen Macken führen. Die berühmten drei Motorjournalisten der BBC sind dafür ein Beispiel, vieles ist der Albernheit ergeben. Jüngst gar ein Genre-Wechsel: Man spielt Bauer (country living). Manches, was Jeremy Clarkson gemacht hat, war „over the top“; aber ich lese alles, was ich von ihm zu packen kriege. Er hat mich übrigens mal „Nazi prat“ genannt. Und dafür um Vergebung gebeten. Vorsichtig, Junge!
Die Routine des Abseitigen kann zu einer „deformation professionelle“ führen. Satire wirkt nämlich nur in kleinen Dosen. Man kann sich um der Pointe willen verlaufen. Das zweite Handicap ist die politische Selbstüberschätzung. Man fühlt die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern und will zu allem Unrecht etwas gesagt haben. Da lastet das Brecht-Wort auf der Seele, nach dem ein Schweigen zu den Untaten ein Verbrechen sein kann.
Aus diesem doppelten Dilemma suchen Meinungsjournalisten zu fliehen, indem sie relativieren. Ich nenne das das Syndrom Jakob Apfelböck. Wo Kriegspropaganda uns in eine binäre Entscheidungssituation drängen will, hält der Kolumnist das Werturteil offen: statt „schwarz gegen weiß“ besteht er auf Grautönen, beidseitig. Relativismus kann freilich auch Feigheit sein.
Und so beschäftigt sich der Kolumnist mit der Frage, wie der Käse sei und der Wein. Läppisches. Oder was der Slogan bedeutet, dass man den Nahen Osten von der deutschen Schuld befreien solle. Nicht läppisch. Wer die Parole ruft „Vom Fluss in die See“ (nicht: „an die See“), der spielt mit der Idee eines Völkermords. Nicht hier: mein Land, meine Regeln.
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TATORTE.
Der eigenartigste Laienirrtum über das Reisen in Privatjets besteht darin, dass die noblen Passagiere spektakulär auf großen Flughäfen ankämen und shoppend durch die Parfumläden zum Ausgang schlenderten. Man landet am GAT (general aviation terminal), in der Regel eine Bruchbude ganz am Rand des Flughafens; wenn nicht auf einem bloßen Flugplatz ehedem militärischer Nutzung.
Auf einen Mandanten wartend sitze ich an einer improvisierten Bar in Biggin Hills, einem RAF-Platz eine Stunde außerhalb Londons. Zwei angetrunkene Herren debattieren den Ankauf einer Bunkeranlage an der Mosel, die die Wehrmacht heil hinterlassen habe. In der Dimension einer ganzen Fabrik. Nicht nur das konstante Klima untertage sei ideal, sondern die Höhe des Deckgebirges. Was die Truppen Hitlers und deren Rüstungsindustrie vor den englischen Fliegerbomben geschützt habe, würde nun verlässlich Aufklärung verhindern. Auch aus dem All.
Man arbeitet offensichtlich für einen Betreiber von erdumkreisenden Satelliten. Von schwarzen Netzen ist die Rede. Der erwartete Pax landet und die drei entschwinden nach einigem Hin und Her in einem herbeigerufenen Cab, dem landestypischen Taxi; ich lese die Registrierung auf der Rückscheibe. Die Piloten des Jets erzählen derweil, sie seien aus Manching gekommen. Das ist in Bayern; ich weiß, wer da eine Jagd hat. Von dem Herausgeber des Londoner Taxi-Blättchens erfahre ich am Telefon, wo die 7812 hingefahren ist. Ins Lancaster, nobler Laden. Ich kenne einen der Bartender seit Jahren, ein Waliser.
Bunker in den Weinbergen? Ich rufe einen Markscheider an und frage nach historischen Bergwerken an der oberen Mosel, die der Rüstungschef des Führers gekannt haben könnte. Er will sich schlau machen. Wartend fällt mir dann noch ein, woher ich die schäbige Kantine auf dem RAF-Fliegerhorst kenne. Sie war Kulisse im DA VINCI CODE von Dan Brown. Der Wecker klingelt, ich wache auf. Aus der Traum.
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Bei Westerwelle ist Politik kein schmutziges Geschäft, nur ein schmuddeliges
Montagmorgen, Flug nach Berlin, Business Class. Hier sitzen die, die es sich leisten können, und die Begünstigten, vulgo Schmarotzer. „Was möchten Sie lesen?“, fragt die freundliche Stewardess. Die kostenlos transportierten Bundestagsabgeordneten greifen nach den kostenlos angebotenen Magazinen.
Sie entfliehen Wahlkreis und Ehefrau und nähern sich der Metropole, ihrer Karriere und der Freundin (nicht immer, aber immer öfter). Mit seltsamer Ungeduld durchblättern sie SPIEGEL und FOCUS. Geschäftsleute in der Business Class erkennt man daran, dass sie die Tagespresse im Wirtschaftsteil beginnen oder beim Sport, Politiker am gierigen Griff nach den Magazinen. Die politische Klasse interessiert, welches Schwein in der nächsten Woche durch’s Dorf getrieben werden soll. Die Ansage lautet heute: „ Es geht um die Glaubwürdigkeit der politischen Klasse!“ Der Blick wird gelenkt auf Amts- und Lebensführung des neuen Außenministers der Bundesrepublik Deutschland und Vizekanzlers im Kabinett Merkel, Dr. Guido Westerwelle, Vorsitzender der FDP. Es geht um einen Mann, der der Klientel in der Business Class eigentlich nahestehen sollte. Die aber rümpft seit Tagen die Nase.
Der Bundesverband der deutschen Industrie bescheinigt ihm einen „Mangel an Ernsthaftigkeit“, der Außenhandelsverband spricht von „Kindereien“ und die Familienunternehmer vermissen die Vermittlung von „Verlässlichkeit.“ Man reibt sich die Augen, der Mann kommt doch nicht von der postkommunistischen Linken oder ist ein kapitalismusfeindlicher Sozi, sondern das Wunschkind der Wirtschaftselite gewesen.
Schwarz-gelb sollte die Wende ins Bürgerliche, ins Anständige, ins staatsbürgerlich Untadelige bringen. Genscher wollten seine Wähler, Graf Lambsdorff, stattdessen möllemannt und haidert es all überall, darf man den Blättern trauen. Plötzlich weht ein berlusconischer Ludergeruch durch das preußische Berlin.
Wieder wird uns nahegebracht, dass Politik hier vielleicht kein schmutziges Geschäft sei, aber ganz sicher ein schmuddeliges. Das schadet der Demokratie, schon das Gerücht reicht. Grund genug also, nach den Monita der Presse an der politischen Klasse, namentlich des Vizekanzlers, zu fragen. Das neue Skandalon aus „Guidos Welt“ betrifft angebliche Vermischungen von persönlichen Neigungen, privaten Geschäften und den Interessen des hohen Amtes.
Weitere Gestalten aus dem gesellschaftlichen Halbschatten treten auf: Der autodidaktische Telekommunikationsunternehmer Ralph Dommermuth aus Montabaur (1&1) nimmt an Reisen des Außenministeriums teil. Mit den gigantischen Werbemaßnahmen von Dommermuths Firma United Internet ist auch Micky Mronz betraut, der vorgenannte Lebenspartner von Westerwelle. Man trifft sich gegenseitig auf privaten Feten. Sonstige Geschäftspartner des benannten Micky finden sich ebenfalls im Regierungsflieger als Staatsgäste.
Bei Empfängen im Gästehaus des Außenministeriums soll sich zur Abendgesellschaft auch Rene Obermann, Vorstandsvorsitzender der Telekom, beehrt haben, ein zweiter Grande aus der Telekommunikationsbranche, dem aus staatspolitischem Interesse und auf Kosten unserer Steuergelder Thomas Gottschalk an die Seite gestellt wurde. Zählt da jemand, schlecht getarnt, in der Telekommunikation 1 und 1 zusammen? Weitere Namen in der Schar der Begleiter und Bewirteten: Dr. jur. (Hagen) Christoph Walther von der berühmten Unternehmensberatung CNC und die Willy-Brandt-Confidentin und Waffenlobbyistin Mathiopoulos, geschiedene Frau Pflüger, Friedbert. Kurzum: eine Melange aus FDP-Freunden, Geschaftlhubern, Akquiseopfern und Parteispendern. Und im Berliner Milieu blüht die Micky-Melange zu noch seltsameren Blüten.
Ein Kneipier eines Speak-Easy (Raucherkneipe) in der Charlottenburg weiß zu berichten, wann immer das kleine Auto mit dem Kennzeichen BN-MI (Bonn und Micky) vor der Tür der Privatwohnung des Außenministers stehe, dann sei Micky nächtens da. Am Tresen im Speak-Easy glaubt man, dass das Paar sich seines Beisammenseins immer schon rühmen wollte. Kokettes Spurenlegen für die Yellow Press. Man fragt sich ansonsten, warum der Mann sein Auto nicht ummeldet.
Das ist endgültig jene Nachrichtenlage, an der die neuerdings investigative Journalistin Patricia Riekel von der BUNTEN Interesse habe sollte. Privates als Politik, Politik als Privates, Privates und Politik als Geschäft: ein widerwärtige Mischung. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass Frau Genscher auf Auslandsflügen an Bord noch nebenbei Tupper Ware zu verkaufen suchte oder die Gräfin Lambsdorff Telefonverträge mit 1&1.
Als Staatsbürger schlägt man sich vor die Stirn: Wo sind wir eigentlich? Wir sind in dem Land, in dem ein Gespräch mit MP Rüttgers 6000 Euro kostet und mit MP Tillich 8000 Euro. Wir sind in einem Land, in dem es eine Mövenpick-Partei gibt und Steuergeschenke für Hoteliers sowie den Vizekanzler als Einweihungsgehilfen.
Wenn dieses Polit-Marketing erst nach einem Aufschrei der Presse peinlich ist, lässt der ganze Hautgout nur eine Schlussfolgerung zu: Unsere politische Klasse kokettiert mit ihrer Käuflichkeit. Es ist zum Kotzen. Ordnungspolitik ist nur durch Ordnungspolitik zu ersetzen. Ein Amt ist ein Amt. Ein Parteivorsitz ist ein Parteivorsitz. Erwerbstätigkeit ist Erwerbstätigkeit. Und eine schwule Lebensgemeinschaft ist eine ausschließlich private Angelegenheit.
Quelle: starke-meinungen.de