Logbuch
KEIN THEMA.
Gestern saß ich in der Kantine neben dem Knäckebrot und bekam so mit, worauf seine Tischgesellschaft abfuhr. Nein, es gibt keine Fotos, weil man in der Kantine nicht fotografiert. Ja, es handelt sich bei der Kurzbezeichnung um ein Restaurant am Gendarmenmarkt. Ja, mit dem schwedischen Spitznamen ist der Chef eines Automobilbauers gemeint. Nein, ich habe hier kein Insiderwissen zu verbreiten.
Ich saß dort mit einem Chefredakteur; das allein verpflichtet schon zur Diskretion. Wir teilten die „Plat de Jour“, er hat gezahlt. Was soll all die Geheimnistuerei in einem Milieu, in dem Indiskretion eigentlich Ehrensache ist? Nun, ich will ein Lob wiederholen, dass eben jener Journalist mir gestern machte. Er hob hervor, dass im LOGBUCH niemals von meinen Geschäften die Rede sei. Wie wahr. Ich bin kein INFLUENZER, der Werbung treibt. Unter Publizisten gilt Werbung als Schmuddelkram. Das überlassen wir den Marketing-Möpsen. Oder der Generation Z, den Business-Talahoons.
Gestern höre ich, dass ein Berufskollege seine Memoiren verfasst haben soll und dann, so das Gerücht, seinem alten Laden fünfhundert Seiten zur Freigabe vorgelegt; nichts Aufrührerisches, nur eine brave Erlebniserzählung. Wenn man so was eine bestimmte Art von Juristen fragt, weiß ich vorher, was diese Paragrafenknechte antworten. Das ist wie Tausend-und-eine-Nacht: Niemand von den Turbanträgern möchte etwas lesen, dass ihn als Haremswächter vor dem Sultan in Nöte bringen könnte. Deshalb unterlasse man es von vorneherein; es schweige des Sängers Höflichkeit. Es gilt für uns alle das Motto „Ana thema est!“ Zu deutsch: „Ist kein Thema.“ Wir meiden Fakten wie Motten das Licht.
Tagebücher berichten daher nie die ganze Wahrheit, wenn dann nur die Hälfte, man weiß aber nicht, welche; wenn die Autobiografien überhaupt einen Anspruch erheben, so ist Erfreulicheres gemeint. Man will durch Dichtung erfreuen und belehren. Fest dem Fiktionalen verpflichtet: „Delectare et prodesse!“ Das erlaubt Aristoteles. So heißt der weißbeschürzte Kellner in der Kantine, ein Grieche aus Griechenland, wo es gestern Bratfisch mit Kartoffelsalat und kleinem Salat gab. Ein Glas Riesling von Dr. Wolff & Bürklin. Das muss jetzt aber für den Faktencheck zum Geheimtreffen reichen.
Logbuch
STROHWITWER.
Einen vorübergehend auf sich selbst gestellten Mann mit Ehering nannte der Volksmund dereinst Strohwitwer. Eigenartiges Wort. Wer nach dem Ursprung der Wörter forschen will, bedient sich der ETYMOLOGIE; oft ist das aber nur eine Etymogelei. Zu verlässlicheren Erkenntnissen kommt, wer nach den Sitten und Gebräuchen fragt, SOZIOLOGIE des Alltags genannt.
Wir sind in einer Zeit, die ziemlich genau hundert Jahre vergangen ist; und wir sind in der großen Stadt, die unter stickiger Luft leidet. Schließlich sind wir jahreszeitlich im Sommer, der beim urbanen Bürgertum die Sehnsucht nach SOMMERFRISCHE weckt. Der Adel hatte das ja schon und das Proletariat konnte es sich nicht leisten. Der Urlaub auf dem Lande wird erfunden. Von den verschiedenen Kopfbahnhöfen strebt man ans Meer oder den idyllischen See. Dorten trug der gesittete Bürger gegen die sengende Hitze zum Schutze seines Hauptes, Achtung jetzt kommt es, einen Sonnenhut aus Stroh.
Leicht sollte er sein, luftig, und durfte der guten Ferienlaune wegen, auch mal ein buntes Band tragen. Während Gattin mit Kind und Kegel im Seebad blieb, reiste das Familienoberhaupt, der Geschäfte wegen, zum Wochenbeginn zurück in die Metropole. Dort kam er nun, den Strohhut noch auf dem Haupt, gänzlich unbewacht, aber doch vergnügungsbereit an. Um die entsprechenden Bahnhöfe hatten sich regelrechte Vergnügungsviertel gebildet, die in Erwartung der Strohwitwer Tröstungen bereithielten. Berühmt war dieserhalben der Nordbahnhof in Berlin, der die Zeiten nicht überdauert hat.
Wir schreiben das Jahr 1925, der Erste Weltkrieg hängt nach, neue Krisen zeichnen sich ab, die Gattin weilt in Bad Saarow am Scharmützelsee und der wohlgenährte Fabrikant schiebt sich den Strohhut in den Nacken und lässt es mal mit Molle und Molly krachen. Wir haben die „roaring twenties“. Bis heute sind dazu eindrucksvolle Bilder erhalten. Darauf ab und zu auch ein Strohwitwer. Schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.
Logbuch
GELD REGIERT DIE WELT.
Man erkennt einen Charakter am ehesten an seinem Humor; oder dessen Fehlen. Man beachte, wie gelacht wird und worüber. Den Zwangsneurotikern ist kein offenes Lachen gegeben. Das Böse lächelt nicht, schon gar lacht es nicht herzhaft. Es grinst dämonisch oder wiehert hinter einer Maske. Gier verzerrt die Züge.
Da die USA ein Einwanderungsland sind, der amtierende Präsident ist aus der Pfalz, also deutschstämmig, muss man sich gelegentlich auch exotische Namen merken. Vivek Ganapathy Ramaswamy zum Beispiel ist ein zugewanderter Hindu aus Indien, der sich in Ohio niedergelassen hat. Er leitet die neue Behörde für Regierungseffizienz zusammen mit dem Migranten Elon Musk, einem weißen Südafrikaner, der Wert darauf legt, kein Bure zu sein, sondern britischer Abstammung. Aus der Tiefe des sozialen Raums stammt der Hilly Billy JD Vance, der den Vice President gibt, ein gelernter Repräsentant des „poor white trash“; aufgestiegen und jetzt mit einer Inderin verheiratet. Diese vier Figuren gehören zur Neuen Rechten der Republikaner, was ideologisch nicht so ganz konsistent ist, aber doch als unverhohlen merkantil begriffen werden kann. So geht jetzt BOURGEOISE in der neuen Welt.
Was zeichnet die Neue Rechte aus? Ich übergehe mal den NATIONALISMUS zugunsten eines Großen Amerika, weil es nicht ganz einfach zu erklären ist, was ausgerechnet diese zusammengewürfelte Bande so am Ethnozentrismus begeistert. Siehe oben. Ein anderes Merkmal ist die Freude am Rigorosen. Man ist RIGOROS. Da gibt es einen ganz eigenen Humor. Vivek ist für folgenden Vorschlag zuständig: Wie man das Sozialbudget des Staates halbieren könne? Nun, man sage den Amerikanern, deren Sozialnummer auf einer geraden Zahl ende, dass sie raus sind. Bei ungerader Endziffer sei man noch drin. Ergebnis: Budget halbiert. Job erledigt.
Darüber können die Herrschaften sich kringeln; man studiere das Lachen des Tesla-Chefs. Weiterer Scherz. Als der Botschafter Dänemarks vorträgt, dass Grönland nicht zum Verkauf stünde, erhält er die Erwiderung: „Bullshit. Everything is for sale.“ Wie auf diesen Exzess des Merkantilen obendrauf das Evangelikale passt und die populistische Zuwendung an die Arbeiterschaft, das mag zusammendenken, wer will. Ich fürchte, dass zum neuen Humor auch der Mut zum Widerspruch gehört. Die Charaktermasken des Kapitals feiern ihr Kalkül unverhohlen.
Des Kaisers neue Kleider bestehen mittlerweile darin, dass auch er selbst, der Hegemon, weiß, dass er nichts mehr zu verbergen hat. Das Kapital promeniert unbekleidet. Profan oder paradox zu sein, das stört doch den Oligarchen nicht.
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Wenn die Amtsstube zum Sterbezimmer wird … Plädoyer für die Abschaffung des Beamtentums
Wer leidet in unserer Gesellschaft wirkliche Not? Glaubt man den Gewerkschaften, so sind es die Menschen, die in eine Armutsfalle geraten sind. Das droht Alleinerziehenden oder alten Menschen zunehmend.
Wenn das Elend auch noch unverschuldet ist, nach einem Leben voller Arbeit oder unter einer mehrfachen Verantwortung als Ernährer und Erzieher, werden nur Zyniker den nötigen Respekt verweigern. Aber es fühlen sich nicht nur jene unwohl, die Hunger leiden oder an der Überforderung zu zerbrechen drohen.
Es gibt nicht nur den „burn-out“, das Ausbrennen von Arbeitsmotivation und Leistungswillen. Die Bühne der sozial-politischen Debatte betritt der „bore-out“, das Leiden all jener, die sich zu Tode langweilen („to bore“), weil sie chronisch unterfordert sind. Wird einem Arbeitnehmer zwar eine Anstellung geboten, aber das Recht auf Arbeit, auf eine sinnvolle Beschäftigung vorenthalten, droht er an der Unterforderung zu zerbrechen.
Eine neue Volkskrankheit bahnt sich ihren Weg in unser Mitleid: die Unzufriedenheit der Faulen, am Ende die Erkrankung jener, die zwar eine Tätigkeit ihr eigen nennen, aber nichts Gescheites zu tun kriegen. Der sozialpolitische Reflex darauf ist der übliche: Das Elend ist nicht den Elenden zuzuschreiben, sondern, wie könnte es anders sein, den vermaledeiten Verhältnissen.
Die Verhältnisse, sie sind nicht so. Der Unternehmensberater Philippe Rothlin („Diagnose Boreout“) mahnt: „Wer Boreout hat, ist nicht faul, sondern wird faul gemacht.“ Man zitiert Stimmen von Landesbediensteten, die das eigene Büro als Sterbezimmer empfinden. Der einzige Lichtblick scheint diesen gequälten Verwaltungsangestellten ein Inter-netzugang zu Ebay und der baldige Feierabend.
Nicht nur der Reichtum ist unterschiedlich verteilt in dieser Republik, auch die Arbeit, unter Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen und unter Fleißigen und Faulen. Ein verlässliches Maß zur Beurteilung der Frage, ob der „bore-out“ eine Modegrille oder Volkskrankheit ist, wäre die Freizeitorientierung der Menschen und natürlich die Rate der Frühverrentungen, der Berufsunfähigkeit aus langeweilegestützter Krankheit.
Erzeugen berufliche Unterforderungen die eingebildeten Kranken im Massenmaßstab? Wie oft schlägt Unterforderung in Larmoyance und dann in Hypochondrie um? Und bei wem besonders? Siehe da, das Problem betrifft Bürotätigkeit und dann vor allem Mitarbeiter im öffentlichen Sektor.
Wir reden über ein Behördensyndrom. Nur jeder dritte Beamte erlebt die Altersgrenze von 65 Jahren überhaupt noch im Job. 64 Prozent der deutschen Beamten erreichen gar nicht ihr Ruhestandsalter. Nun kann man verstehen, dass ein Jetpilot bei der Bundeswehr mit 41 Jahren aus dem fliegenden Staatsdienst ausscheidet. Aber ein Lehrer für Sport und Erdkunde? Ein Polizist, der auf der Straße vor der Ministerwohnung steht, Tag wie Nacht? Nicht so recht kann man nachvollziehen, dass 18 Prozent aller Beamten sich wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig verabschieden.
Aus der Struktur der Beamtenschaft folgt, dass dies vor allem in den Ländern geschieht, namentlich bei Lehrern und Polizisten. Was ist am Steißtrommeln ohne Leistungsdruck oder Grünen-Tuch-Tragen auf Lebenszeit so mannmordend, dass es jeden Fünften dienstunfähig macht?
Hier in die Idiotie des Gerhard Schröder zu verfallen, nach der alle Lehrer faule Säcke sind, ist unter aller Würde. Die Behörde erzeugt den Frust, nicht die Beamten, jedenfalls nicht die jungen. Anzuwenden wäre der Lehrsatz, dass Beamte nicht als Faulenzer geboren werden, sondern zu Faulenzern gemacht.
Man wird den Blick auf das System der Lebenszeitbeamtung lenken müssen, auf die Organisation des Lebens durch Behörden, will man nicht in schlanker Menschenverachtung enden. Das Problem ist, sprichwörtlich gesagt, nicht die Made, sondern der Speck. Im historischen Konzept des preußischen Beamten war von Speck ohnehin keine Rede.
Beamte konnten jederzeit überall hin versetzt werden, sie hatten Residenzpflicht. Sie waren nicht arm, nicht reich, aber stolz, eine sichere Partie. Mein Großvater, ein Bergmann, pflegte über die Bahnbeamten zu spotten, die keinen Speck zur Suppe hatten, aber die Kinder auf der Höheren Schule. Den Industriearbeiter rupfte die Weltwirtschaftskrise, den Beamten war die Fürsorge des Staates gewiss.
So die guten alten Zeiten. Wer den letzten Lokführerstreik miterlebt hat und die Pose, in der dabei ein unerträglicher Beamtenlobbyist die Fahrgäste als Geiseln nahm, weiß: Aus dem Dienen ist Selbstbedienung geworden. Heute sind die Privilegien der Beamten geblieben, aber die Lasten aufgekündigt.
Inzwischen hat die Made Speck. Eine Gruppe dieser Gesellschaft hat sich durch eine verdeckte Patronage der Politik und konsequentes Rosinenpicken in eine Sonderrolle gebracht, die sozial obszön ist. Eine durchschnittliche Rente liegt bei 1200 €, eine durchschnittliche Pension bei 2300 €. Das Doppelte, darunter tun sie es nicht, die Damen und Herren Staatsdiener. Seit Mitte der neunziger Jahre sind die Renten für Normalsterbliche um 12 Prozent gestiegen, die Pensionen der Staatsdiener um 33 Prozent. Beamte erhalten etwa 70 Prozent ihres aktiven Verdienstes im Alter, Angestellte und Arbeiter per Gesetz immer unter 50 Prozent.
Altersarmut mag stattfinden, wo sie will, aber nicht bei den Beamten, die trotz des Lebenszeitprivilegs so überdurchschnittlich gut versorgt sind, dass man die Gerechtigkeitsfrage stellen muss. Schließlich begünstigt sie staatliches Handeln aus unseren Steuergeldern. Da hört man manche Stimmen, die aus dem industriellen Arbeitgeberlager kommen und jene Propaganda machen, für die die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft berüchtigt geworden ist.
Nicht jeder Gutachtername hat da einen jungfräulichen Klang. Also höre man auch andere Seiten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Boeckler-Stiftung das Vermögen deutscher Haushalte untersucht und dabei auch die Anwartschaften auf Altersversorgung aus unterschiedlichen Quellen addiert. Gefragt wurde also nach vorhandenem und zu erwartendem Vermögen.
Danach warten auf Arbeiter und Angestellte 40.000 €, auf höher Qualifizierte 80.000 € , auf aktive Beamte des gehobenen und höheren Dienstes 130.000 € und auf die „fat cats“, sprich die Pensionäre, 300.000 €. Hier hat sich eine Kaste im Stillen die Speisekammer gefüllt. Dabei geht es nicht um Kleingedrucktes.
Festzuhalten ist, in den letzten 15 Jahren haben sich die Renten um 11 Prozent verbessert, die Pensionen um 30 Prozent. Die Beamtenlobby hat den Ihren einen so kräftigen Schluck aus der Pulle erlaubt, dass heute die durchschnittliche Pension mehr als doppelt so hoch ist wie eine Rente. Wobei Beamte während ihres gesamten Dienstes nicht einen Cent an Renten- oder Arbeitslosenversicherung gezahlt haben. Ein vorzeitiges Ausscheiden unterliegt zudem nicht den dramatischen Abschlägen, die Normalsterbliche hinnehmen müssen.
Das aktive Beamtenleben mag karg sein, wie die Lobby der Staatsdiener notorisch beteuert und den vielzitierten kleinen Polizisten zu Ehren kommen lässt, die pensionierte Made lebt im Speck, im Speck auf Pump. Die Ausgaben des Staates dafür werden in den nächsten Jahren explodieren.
Allein bei den Bundesländern, die dann die Armada der Lehrer und Polizisten bezahlen müssen, steigen die Altersversorgungsausgaben bis 2050 von heute 18 Milliarden € auf 110 Milliarden €. Das sind zugesagte Pensionen, auf die die Menschen einen Anspruch haben. Daran kann man anständigerweise nicht rühren, pacta servanda, das werden wir an Steuern aufbringen müssen.
Gönnen wir den alten „fat cats“ ihren Speck, aber hören wir mit der Zucht auf. Schluss mit dem Beamtentum, Feierabend mit der Lebenszeitanstellung, außer dort, wo es die Hoheitspflicht zwingend macht. Richter sollten Beamte sein. Staatsanwälte können beamtet werden, aber auch da habe ich Zweifel, eigentlich kann man sie stellen wie angestellte Rechtsanwälte. Lehrer und Polizisten gehören aber ohne jeden Zweifel nur noch in jederzeit kündbare Arbeitsverträge.
Wenn der frische Wind der Globalisierung endlich durch die miefigen Amtsstuben weht, dann nimmt auch die Langeweile ab. Dann wird die Behörde sich wie ein verantwortlicher Unternehmer verhalten müssen, statt nur halbherzig und übellaunig Verwaltungsvollzug zu organisieren.
Quelle: starke-meinungen.de