Logbuch
DER ÄLTESTE BAUM.
Den Untergang der Dinosaurier hat er überlebt, der Ginkgo Biloba. Ein einzelnes Exemplar gar die Hölle von Hiroshima. Weil er VORSICHTIG ist und sehr BEDÄCHTIGT. Heute erst, zu Sommerbeginn, schlägt er voll aus, als letzter aller Gartenbäume. Er ist immer der letzte.
Und als erster wird er, mit dem initialen Frost, Anfang Dezember, alle Blätter abwerfen. Für 25 Jahre tarnt er sich als schlanker Pfahlwurzler, um erst dann sein Wesen zu zeigen, indem Wurzeln und Krone breit in die Horizontale gehen.
Ein weiteres Jahrzehnt tarnt er sein Geschlecht, um erst dann Mitte Dreißig, die weiblichen Wesen der Gattung zu offenbaren, die nun Früchte trage, Mirabellen ähnlich. Damit diese Samen nicht dem Verzehr anheimfallen, sind die Schalen extrem übelriechend. Im Hof der Humboldt-Uni in Berlin steht einer; am Gestank leicht zu finden.
Goethe empfand die Blätter als Liebessymbol, dem Philosophen zeigen sie Yin & Yang, die asiatische Kulinaristik fühlt sich an Entenfüße erinnert. Die Alzheimer-Gemeinde isst die Blätter, hat aber vergessen, warum. Aber all das ist oberflächlich. Trifft nicht sein Wesen.
Er hat nicht nur die Ruhe weg, er ist misstrauisch, der Ginko. Er hat schon zu viel gesehen. Ich habe knapp zehn, unterschiedlichen Alters, und schaue ihnen zu, wie sie bedächtig grün, dann gelb, dann kahl werden. Sie haben eine innere Uhr, die nicht von unserer Zeit ist.
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HALBSEIDEN.
Franziska Giffey wird Regierende in Berlin, mit Bravour, da bin ich sicher. Meine Frau Mutter hätte sie HALBSEIDEN genannt und damit den Grund ihres politischen Erfolges erfasst. Die Dame ist BERÜHMT-BERÜCHTIGT, das ist es, was es in dieser Stadt braucht. „A walking contradiction“, da passt der Charakter zur Stadt. Ihre immer zu hohe und leicht gebrochene Stimme und der Jargon des Ostens verstärken diese Inszenierung zum Authentischen.
Ich hab den Ausdruck mit dem Halbseidenen nachschauen müssen. Halbseiden wurden Stoffe aus zwei verschiedenen Fäden genannt, die nach außen vornehm wie Seide glänzten, aber auf billiger Baumwolle gewirkt waren. So wie die DOKTORARBEIT der Dame, die ihr ein zugeneigter Lehrstuhl der Freien Universität möglich gemacht hat. Außen hui, innen pfui.
Oder der Gatte der Giffey, der als Beamter wegen Betrug aus dem Dienst geworfen wurde. Kein großes Ding. Er hatte in fünfzig Fällen bei der Arbeitszeit geschummelt, und ab und an bei den Spesen. Also ehrlich, sagt da die Berliner Volksseele: Wer macht das nicht?
Das Genie Berlins liegt in der Nonchalance, mit der aus Mittelmaß und Schlitzohrigkeit ein regelrechter Kult, die durchgängige Subkultur des Halbseidenen, gemacht wird. Das Dummdreiste weiß sich hier als Witz zu tarnen. Am Ort nennt sich dieses Prinzip AUS KACKE KUCHEN. Das ist mir als Wertung zu grob. Und es stimmt auch so nicht. Es ist eben von beidem etwas. Nennen wir es treffender ein politisches OXYMORON.
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MIT WÜRDE UND IN RUHE.
Mir fällt ein Buch einer befreundeten Historikerin aus 1966 in die Hand, ein geschichtswissenschaftlicher Band der berühmten WISSENSCHAFTLICHEN BUCHGESELLSCHAFT zu DARMSTADT. Edles Leinen. Ein Sammelband zum Thema „Das Staatsdenken der Römer“. Darin zu einem interessanten Thema zwei Aufsätze aus 1941 und 1956, und zwar zu einem Motto Ciceros, mit dem er die politische Maxime einer sozialen Klasse im Alten Rom beschreibt, die sich so nennt: die OPTIMATEN.
Das hat ja fast was Lustiges. Im Mittelbau die POPULAREN und oben, an der Spitze des Gemeinwesens, die OPTIMATEN. Sich selbst als Optimum sehen. So viel Selbstbewusstsein muss man erst einmal haben. Jetzt aber zur Maxime, zu dem Motto. Es lautet: „Cum dignitate otium“, was eine ganze Reihe von Übersetzungen zulässt. Otium, das ist Arbeitslosigkeit, nicht im prekären Sinne, sondern als Zustand des Wohllebens. Keine falsche Geschäftigkeit. Schon mal ein Wort.
Diesen Zustand der Ruhe will man ausdrücklich „cum dignitate“, sprich „mit Würde“, erfüllen oder erfüllt wissen. Der alte weiße Mann im Alten Rom. Eine Definition des Alten Mannes (Senator von „senex“, sprich „alt“), die einem gefallen könnte: MIT WÜRDE leben und IN RUHE. Ach, wie schön. Wenn da nicht die Gewissheit wäre, dass sie ruppige Diktatoren waren, die Senatoren, die sich als OPTIMATEN empfanden.
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Eine Kopfsteuer kostet den Kopf – die FDP riskiert sich zu enthaupten
Cambridge, ein beschauliches Städtchen im Norden Londons. Die hiesige Hochschule verkündet mit Stolz, dass sie die meisten Nobelpreisträger hervorgebracht haben. Was vor 800 Jahren mit dem Auszug einiger Forscher aus Oxford begann, entwickelte sich zu einem Ort der Gelehrsamkeit.
Manchmal ist es noch zu spüren, das alte Klassendenken, das Betreten des Rasens ist nur den Fellows erlaubt, gewöhnliche Studenten haben auf den Wegen zu bleiben. An anderer Stelle hat man sich geöffnet, mit dem Wegfall der Latinum- und Graecum-Obligation strömten nicht mehr nur Absolventen elitärer Privatschulen hierher, die Stadt ist heute bevölkert von einem bunten Studentenvolk. Am besten lässt sich das Sonntags bewundern, auf dem Flohmarkt an der Bricklane.
Im Vorbeischlendern an den Ständen bemerke ich, dass ein T-Shirt besonders reißenden Absatz findet. Es zeigt das Bild einer älteren Dame, der ehemaligen Premierministerin. Über ihr, in großen Neonbuchstaben: „I still hate Maggie Thatcher!“
Ich schmunzle, gehe weiter. Später im Pub beginne ich nachzudenken. Die meisten der Studenten, die heute die Hörsäle hier bevölkern, dürften Mitte Zwanzig sein. Diese Generation hat ihre politische Sozialisation unter Tony Blair und seinem New Labour erlebt, selbst John Major ist für sie nur eine blasse Erinnerung aus fernen Kindertagen.
Wo hat die ererbte Antipathie gegen die Iron-Lady ihren Ursprung? Das patriotisch begründete Falkland-Abenteuer scheidet wohl aus, auch der erkämpfte Britenrabatt bei der EU dürfte hier niemanden ernstlich tangieren. In ihrer gescholtenen Gewerkschaftspolitik hat die Dame nur durchgesetzt, was im Rest Europas längst selbstverständlich war, den Wegfall der Zwangsmit-gliedschaft. Ein Fellow am Nebentisch sorgt schließlich für Klarheit: Das, was man der Dame noch immer nachtrage, sei das, worüber ihre Regierung schließlich auch gestürzt sei, der Versuch, eine Kopfsteuer zu etablieren, die vielgeschmähte Community Charge. Der Bevölkerung einkommensunabhängige Abgaben zu vermitteln und dabei den Eindruck der sozialen Grausamkeit abzuwehren, das sei ein kommunikativer Hürdenlauf, an dem die Konservativen damals spektakulär gescheitert seien.
Im Kern geht es um eine grundlegende Änderung der Art und Weise, wie Ge-sundheit in Deutschland versichert wird. Es handelt sich, wenn man einigen Experten glauben darf, um die größte Veränderung der vergangenen 120 Jahre. Das riecht nach dem Opfern heiliger Kühe, das riecht nach Ärger. Soziale Absicherung ist hierzulande ein lang erkämpftes Gut, erst sozialdemokratischer Druck presste der Obrigkeit im Kaiserreich um die Jahrhundertwende Zugeständnisse ab, die Krankheit und Siechtum vom finanziellen Ruin entkoppelten. Die Sicherstellung adäquater Heilfürsorge minimiert das Risiko unverschuldeten Elends. Es handelt sich bei den Plänen Röslers nicht um politische Nebensächlichkeiten.
Auf der anderen Seite scheint auch klar zu sein, dass das bisherige Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt, die demografische Entwicklung tut dazu ihr übriges. Reformen scheinen also unumgänglich. Das Modell, das sich Union und Liberale vorstellen, ist, obwohl wahrscheinlich nicht alternativlos, nicht undurchdacht. Es weist dennoch ein entscheidendes Manko auf, seine problematische Vermittelbarkeit.
Die Begründung einkommensunabhängiger Abgaben ist, der freundliche Fellow im Pub hatte ganz recht, ein kommu-nikativer Hürdenlauf. Merkel und die CDU ziehen sich hierbei elegant aus der Affäre, im Aussitzen lassen sie die anderen voransprinten. Horst Seehofers CSU gibt die bürgerlich-bayrische Version der Sozialdemokratie, schiebt von ihr mitgetragene Maßnahmen kommunikativ weit von sich.
Bleiben die Liberalen, die das Modell seit längerem wollen und seine Einführung vorantreiben. Wie nehmen sie Hürden wie die vom politischen Gegner beförderte Angst vor einer Zwei-Klassen-Medizin? Wie genau man auch hinhört, man vernimmt nichts als ein Rauschen im Äther. Über Rösler liest man, dass er ein liebevoller Arzt sein soll, kleine Patienten mit einer Clownpuppe unterhält, um ihnen die Befürchtungen vor schwierigen Eingriffen zu nehmen. Allein über seine Bemühungen, der Bevölkerung ihre Befürchtungen vor einschneidenden Reformen zu nehmen, liest man nichts.
Auch der gleichermaßen gefallsüchtige Guido Westerwelle tut sich nicht als konfliktfähiger Kämpfer für eine breite Akzeptanz liberaler Gesundheitspolitik hervor. Er stolpert übers internationale Parkett, kämpft mit der gekünstelten und zwanghaften Präsentation seines Lebenspartners einen Kampf, der vor zehn Jahren bei Klaus Wowereit und Ole von Beust ausgesprochen mutig und bewundernswert war, heute aber nur noch grotesk und albern wirkt. Bliebe noch Dirk Niebel, der ehemalige Fallschirmjäger, der sich aus bescheidenen Verhältnissen zur Macht emporgearbeitet hat. Gelingt es ihm, die Ängste vor einer neuerlichen Gleichsetzung von bescheidenem Einkommen und fehlender Heilfürsorge zu verjagen? Fehlanzeige, der neu bestellte Entwicklungshilfeminister gefällt sich in einem Amt, das er noch vor kurzem abzuschaffen gedachte. Zur liberalen Tagespolitik hört man auch von ihm wenig.
Die FDP hat von den Unionsparteien den schwarzen Peter zugespielt bekommen, jetzt unternimmt sie nichts um ihn wieder loszuwerden. Derweil überbieten sich in den Medien die Kommentatoren mit ihren Bildern von unsozialer Zwei-Klassen-Medizin, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war jüngst sogar die Rede von einer zukünftigen ‚Rumpf-Absicherung für arme Schlucker’. Die Liberalen, so wird dem Bürger vermittelt, zerstören gerade mutwillig ein bewährtes Solidarsystem, effizient und einmalig in der Welt.
Margaret Thatcher ist am Ende über ihre Kopfsteuer gestolpert, weniger über die Maßnahme an sich, als viel mehr über ihre grauenvolle Vermittlung. Der FDP droht ähnliches, wenn es ihr nicht gelingt, ein Bild gerade zu rücken, indem die privat versicherten Fellows auf weichem Rasen gebettet werden während die Kassenpatienten auf steinernem Untergrund dahinsie-chen müssen. Ihre Vermittlungsleistung ist alles andere als nobel-preisverdächtig, sie zeugt nicht von Gelehrsamkeit.
Quelle: starke-meinungen.de