Logbuch
VENEDIG.
Venedig sei, schreibt eine deutsche Journalistin, die wunderbare Petra R., die dort lebt, eine METAPHER für die Welt. Das ist, typisch für das ITALIENISCHE in unseren Seelen, ein wenig übertrieben. Die Lagunenstadt ist ein SYMBOL für die STADT. In der Tat ist die fundamentalste Erfindung der MODERNE die Stadt. Wie alle guten Dinge in ihrer Enge aus der Not geboren, erwies sie sich als INKUBATOR, als Brutschrank des Fortschritts. Die Stadt entsteht durch die Stadtmauer, das Einschließende, das ein Ausschließendes ist. Wehrhaft gegen der Rest der Welt. Wär mir gerade sehr recht.
Ich bin kein Historiker; würde ich es noch, würde ich über die MITTELALTERLICHE STADT forschen. Die Herren Venedigs haben aus dem von der Natur geschützten Hafen die Welt beherrscht, ihre damalige Welt. Ein idyllischer Rückzugsort, dessen Idylle Schutz war, vor den Piraten oder anderen ehrbaren Kaufleuten. Was die BURGEN dem Adel, waren die bewährten Städte den Bürgern. Keine Renaissance ohne Städte, keine Bank.
Die Dogen Venedigs erzwangen zudem, dass Schiffe aus China vorsorglich 40 Tage auf Reede mussten, bevor man die Weitgereisten hinein lies. QUARANTÄNE genannt. Gute Idee. Kommt mir modern vor.
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BIRD WATCHER.
Während ich in den verregneten Garten starre, amüsieren mich Piepmätze. Es gibt da ein Futterhäuschen, zugegeben im Stil eher kitschig, aber mit den so beliebten Fettknödeln, in die Sonnenblumenkerne gearbeitet sind. Ein BIRD WATCHER zu sein, das ist im Englischen durchaus ehrenwert. Herrlich, diese zarten Gesellen, anmutig zu betrachten, mit wieviel Grazie sie um die Ecken gleiten. Und ab zu eine Elster. Eine Erholung für die Seele. Natur ist so schön, wo unberührt. Immaculata.
Das Futter hat nachts Mäuse auf den Plan gerufen, die es verschleppen. Obwohl, so kleine Mäuschen und so große Knödel? Könnte auch die Elster gewesen sein, ein Nesträuber, der sich von den Eiern der Singvögel ernährt. Oder, sagt der Nachbar, der Steinmarder, der Sauhund, der ansonsten die Kabel im Motorraum meines Autos verbeißt. Soll sich lieber die Elster holen, der Marder. Nun, das Futter lockte den Waschbär, der nun unterm Dach wohnt. Von wegen unberührt. Tauben vergiften im Park.
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DEM AFFEN KEIN ZUCKER.
Die Menschen sind so lange eingesperrt, dass FERNWEH und Reisesehnsucht mit bloßen Händen zu greifen ist. Urlaub machen dürfen. Das Freiheitsbedürfnis ist eine Frage der Freizügigkeit und hat nichts mit FLUGPREISEN zu tun. Und dieses Freiheitsrecht steht nicht im Belieben einer parteipolitischen Sache; auch nicht einer umweltpolitischen. Eigentlich ist das alles klar. Nicht so den GRÜNEN. Die Kurzstreckenflüge sollen politisch verteuert werden, wenn nicht verboten. VEGGIE-DAY, die zweite.
Ich mag RYAN AIR nicht und bin mit dem dortigen Boss, einem irischen Investmentbanker namens Michael Kevin O’Leary mal richtig aneinandergeraten. Ich halte ihn für einen ungehobelten Idioten. Aber anzunehmen, dass es seine Tiefpreispolitik ist, die die Sehnsucht nach Urlaub überhaupt erst erzeugt hat, das ist abstrus. Wer also Flüge künstlich verteuern will, der führt PÖNALEN, sprich Strafzölle ein; es geht ihm eigentlich darum, ein Massenverkehrsmittel der Elite zurückzugeben, die es früher exklusiv nutzte. Die SOZIALE FRAGE wird gestellt, mit einiger Schärfe.
Eigentlich besteht WAHLKAMPF darin, dem Affen Zucker zu geben, also das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen, um Stimmen einzusammeln. Was Frau Baerbock, die Völkerrechtlerin, da gerade macht, ist ungewöhnlich, wenn sie wirklich an die Macht will. Kann man so viel sagen, ohne allzu politisch zu werden?
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Burj Dubai, der höchste Turm der Welt: ein gigantisches Menetekel
Heute wird er offiziell eröffnet, der allerneueste Superlativ des Wolkenkratzens. In Dubai wird der Hochhausgigant 800 Meter in den Himmel ragen, ein bisher für unmöglich gehaltenes Wagnis der Stahlbeton-Architektur.
Fast 190 Etagen hat das Monster mit einer Nutzfläche von 300.000 Quadratmetern. 50 Aufzüge bringen täglich 35.000 Menschen mit Spitzengeschwindigkeit in Büros und Luxuswohnungen, die für 30.000 € pro Quadratmeter zu haben sind.
Zwei Milliarden Euro hat der Turmbau gekostet; als die königlichen Bauherren etwas klamm wurden, haben die Vettern aus dem benachbarten Emirat ausgeholfen. Taipeh 101, einem Monster in Taiwan, wollte man den Titel des höchsten Gebäudes abringen. Nur bis knapp 600 Meter Bauhöhe herrscht im Burj Dubai Bewohnbarkeit. Die oben darauf gesetzten 200 Meter beherbergen Technik und geben dem Willen Ausdruck, jetzt dort zu sein, wo Gott wohnt.
Das Werk soll den Meister loben, und alle Rechtschaffenden wünschen ihm Segen. Wie bei jeder Einweihung wird es gehaltvolle Festreden geben, über die wir noch keine gesicherte Nachrichtenlage haben. Ein Text wird aber wohl nicht zitiert werden. Er handelt von einem Bauwerk mit nur knapp 100 Metern Höhe, das allerdings noch nicht mit Stahlbeton gebaut wurde.
Beim Turmbau zu Babylon verstand Gott dieses Projekt des Hochmutes sehr wohl. Wir lesen im Ersten Buch Mose: „Er sprach: Seht nur, das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich vornehmen.“ Der Herr reagiert nachhaltig, er lässt zwar die Hardware stehen, geht seinem Volk aber an die Software.
Die Sprachen wurden verwirrt und die Menschen wegen des „communications break down“ über die ganze Erde verstreut. Die Vorgabe „bis in den Himmel“ für die Bauhöhe hat dem alttestamentarischen Gott nicht gefallen, weil er wusste, welchen Anspruch sie stellt: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, sprich die Maßlosigkeit. Neudeutsch: Gier ist geil.
Was aber ist das Maß aller Dinge? Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. Für mich war es als kleiner Junge neben den Malakofftürmen der Zeche Neue Hoffnung (30 Meter) der Oberhausener Gasometer, der es auf über 100 Meter bringt. Im Freibad an seiner Seite habe ich gelegen und mich an seiner Größe berauscht. Er war Teil einer epochemachenden industriellen Struktur rund um die Stahlerzeugung der „Gute Hoffnungs Hütte“, welch ein Name, welch ein Programm. 350.000 Kubikmeter Kokereigas fanden hier Platz, als wir noch nicht am Tropf des Erdgases der Russen und Norweger hingen.
Bis heute ist der Gasometer für mich ein Triumph der Technik, Sinnbild des protestantischen Traums der Glückseligkeit durch Arbeit.
Katholischen Seelen ist natürlich der Kölner Dom das Maß aller Dinge, mit 150 Metern überragt er den profanen Gasspeicher; seine kulturgeschichtliche Bedeutung dahingestellt. Damit erreicht er aber auch keine schwindelerregendere Höhe als die Cheops-Pyramide, die dreitausend Jahre vorher zu vergleichbaren Zwecken entstand.
Nicht der Religion, sondern dem Geschäft dienten die jeweils über 400 Meter hohen Twin Towers in New York, aufeinandergestellt könnten sie also dem Dubai-Riesen die Stirn geboten haben, rein rechnerisch. Nirgendwo findet man in diesen Tagen einen Höhenvergleich des Burj Dubai mit dem New Yorker World Trade Center, das ja bekanntermaßen nicht mehr steht. Und das ist natürlich kein Zufall. Der Schrecken vor dem Menetekel sitzt tief.
Der architektonische Gigant in der Wüste, der gerade bezogen wird, ist komplett verglast, so als wolle man dem Treibhauseffekt ein Denkmal setzen. Bei der allfälligen Sonneneinstrahlung ist der Energiebedarf zur Kühlung des gläsernen Menetekel aberwitzig. Der Natur wird die Stirn geboten. Der Wasserverbrauch jedes Nutzers wird summa summarum bei fast 600 Liter täglich liegen, in der Wüste.
Der vermeintliche Triumph der Technik ist in sich absurd. Als sei er von ökologischer Gesinnung, bricht gleichzeitig der Immobilienmarkt in Dubai zusammen. Analysten sehen Wertberichtigungen um 50 oder 75 Prozent, nach unten, versteht sich. Die Blase ist geplatzt.
Man darf moralisieren: Neben den Gott der Stärke und der Tatkraft, den allgewaltigen Fortitudo, haben die alten Griechen die Göttin des Maßes und des Ausgleichs, Temperantia, gestellt und die schwertbewaffnete Justitia. Mit diesen beiden Anmutigen soll sich die Schaffenskraft verbinden. Das schien der Antike klug. Und ich will gar nicht wiederholen, was der Römer Cato über die Turmbauprojekte in Carthago dachte.
Quelle: starke-meinungen.de