Logbuch
GESUNDHEIT, EIN IMPERATIV UNGEWISSEN INHALTS.
Ich sitze in einen kleinen Café gegenüber dem Moabiter Knast und Gericht, das Schließer wie Richter in den Pausen mit Nahrhaftem versorgt. Jemand nießt in dieser Schnupfenzeit und die kreuznette Berliner Inhaberin mit türkischer Prägung wünscht: „Gesundheit, mein Lieber!“ Mein Lieber? Das ist eine ortsübliche Anrede, die Kosewort ist und Distanzierung zugleich. Aber darum geht es mir nicht. Ich räsoniere über dem Wunsch nach Gesundheit.
Es gibt hier jedwede Kuchen zu essen, manche gar vegan, aber auch Fleischsalatschrippen, die den Handwerkermagen mit viel Majo und Fleischwurstresten zu Gurkenschnibbeln versorgen. Und Hackepeter. Das ist rohes Schweinefleisch, fein gewiegt mit Zwiebelringen und Pfeffer. Weder koscher noch halal, aber „lecka“, wie der Baliner sagt. Es betritt eine Richterin mittleren Alters das Café und verlangt, ich zitiere wörtlich, einen „Kaffee Latte mit wenig Hafermilch für zum Mitnehmen“; alter Schwede. Die Dame leitet mit diesem Sprachvermögen einen Senat.
Den Becher schließlich in der Hand haltend bittet sie dem Gebräu noch ein Schuss Sirup aus den bereitstehenden Flaschen hinzufügen zu dürfen. Dieser modisch aromatisierte Dicksaft dürfte sicher Zucker sein, so wie die sogenannte Hafermilch nichts ist als zum Malzzucker gewandelte Stärke. Warum hätte ein Tropfen Kuhmilch zum Verhängnis geführt und der Zuckerschock dient dem Wohlsein? Ich verstehe es nicht; trinke ohnehin meinen Kaffee schwarz; frisch gemahlene Bohnen und kochendes Wasser, mehr braucht es nicht.
Was also ist der Inhalt des allseitigen Imperativs der Gesundheit? Das ist angesichts der vielfältigen Kulthandlungen wg. Health keine ganz triviale Frage. Früher war eine erste Antwort darauf, dass man Übergewicht zu vermeiden habe. Das Thema ist durch, seitdem man fixt. Morgens eine Abnehmspritze und alles ist gut. Lasst die Gertenschlanken um mich sein. Hilfsweise war mal eine Zuckersteuer verlangt worden, weil „die Industrie“ uns damit umbringe, da als Rohstoff zu billig. Das wiederum verstehe ich. Nicht weil mir das Konzept medizinisch einleuchten würde; aber es ist der Impuls, dass man mit Strafsteuern das Böse aus der Welt kriege. Politik per Pönale. Also, da erwäge ich beinahe die Nadel. Oder bleibe beim Kaffee Krem ohne alles für zum hier Trinken, wie die Frau Vorsitzende das formulieren würde.
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DA WO‘S NERVT.
Früher begann mein berufliches Jahr mit der Detroit Motor Show und dem WEF in Davos; war immer die Rache für ruhige Weihnachtstage, diese Betriebsamkeit im Januar. Es wird ruhiger im Alter. Ich lese stattdessen in den Biografien von Essay-Autoren des 16. Jahrhunderts, insbesondere über den Erfinder dieser Art von versuchsweiser (frz.: essayer) Dichtung oder der gehobenen Tagebuchschreiberei. Ein gewisser Michael Montanus. Dazu mehr im März.
Was dem sentimentalen Geschichtsforscher auffällt, wenn er Familiengeschichten folgt, ist die hohe Zahl der Kindersterblichkeit. Selbst in gesetzten Verhältnissen blieben den Familien immer nur einige wenige ihrer Kinder. Wie furchtbar muss das sein, wenn einem die Kleinen unter den Händen wegsterben. Man kennt das heute noch aus Afrika, aber eben auch Europa wusste nicht so recht mit Kinderglück umzugehen. Im frühen 19. Jahrhundert lag die Kindersterblichkeiten noch immer bei 50%; jedes zweite Kind wurde nicht erwachsen.
Eigentlich, so zynisch es klingt, ist das doch ein klares Kriterium für die Qualität eines Gesundheitswesens, die Frühsterblichkeit. Sprich deren Vermeiden. Ich erinnere mich an schräge Debatten um die Impfpflicht, in denen der Begriff der Frühsterblichkeit auftauchte, und will gar nicht mehr rein in die Corona-Debatte. Und natürlich muss ein langes Leben nicht allein dadurch ein gutes sein. Aber es gilt der Umkehrschluss: Vor der Zeit gehen zu müssen, das ist kein Ziel.
Der alte Montanus saß als recht wohlbestallter Adeliger in der Bibliothek seines Schlösschens und trank Bordeaux, was seine Essays beflügelte. Keine Termine und leicht einen sitzen; von wem ist das noch? Bei mir ist es jetzt zunächst Kaffee. Aber ansonsten alles in Butter. Ich muss ja nicht nach Davos.
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DER NANNY-STAAT.
Gelegentlich wage ich einen anderen Blick auf mein Vaterland und lasse mich durch die Eidgenossen belehren. Das Organ des Stakkato von Rechts heißt NZZ, steht für Neue Zürcher Zeitung. Niemand kann so charmant reaktionär sein wie die Reisläufer aus dem Alpenstaat. Heute werde ich belehrt, dass die Deutschen einen NANNY-STAAT pflegen; der englische Ausdruck für ein Kindermädchen meint eine sehr fürsorgliche Betreuung, eigentlich kritisiert er Entmündigung. Ich gehe also, lerne ich, in Watte gepackt.
Während ich das schreibe, schmerzt mein Knie, der Po hat einen respektablen Bluterguss und der Ellenbogen will nicht so recht. Ich habe mich, wie es am Ort heißt, gestern auf die Fresse gepackt. Ich bin bös gestürzt. Unter dem Matsch eines regulären Straßenübergangs lauerte solides Eis und es haute mich um. In Berlin wird kein Salz gestreut, man verziert das Packeis nur mit etwas Granit. Die Amme namens Staat oder Senat vernachlässigt ihre Infanten gründlich. Kein Salz!
Der Grund ist grün. Wir schützen die Tiefsee, den Uterus der Welt. Das Streusalz könnte nämlich über Spree und Havel in die Nordsee geraten und so das Meer versalzen. Alter, Salzwasser im BIG BLUE; das geht ja gar nicht. Die Fürsorge besteht nie konkret, sondern immer nur abstrakt. Man schützt hier DIE Umwelt, aber nicht den Bürger. Weil die Amme ja von Mutter Natur beschäftigt wird (wg. Verhindern der Apokalypse) und dieser oder jener gestrauchelte Vater in dem Familienbild nur stört.
So geht der IDEOLIGISCHE STAAT, dessen Fürsorge nur prinzipiell ist und im konkreten vor allem sich selbst gilt. Er hat ein Samariter-Syndrom, aber keine reale Solidarität. Der konkrete Mensch stört in dem Bild nur. Soll er doch auf der Fresse im Split liegen. Warum gehe ich auch im Januar meinen Geschäften nach? Statt mit meiner Nanny in einer diskreten Halle Tennis zu spielen. Gruß an den Regierenden!
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NEUES VOM BUNTSTIFT.
Als ich noch den Spitznamen DER BUNDSTIFT trug, weil ich für einen CEO namens Karlheinz Bund die Reden schrieb, durfte ich ihn auf eine Tagung der Wirtschaftsvereinigung Bergbau nach Bad Reichenhall begleiten, die dort in Damenbegleitung gleichzeitig zu den Salzburger Festspielen stattfand, also in unmittelbarer Nachbarschaft.
Damenbegleitung war ein spesentechnischer Terminus, eine protokollarische Anordnung, die eigenen Ehefrauen ins Gepäck zunehmen, damit man so aus dienstlichen Gründen als Paar die Festspiele besuchen konnte. Ich habe heute, durch die Salzmetropole Reichhall schlendernd, den Verdacht, dass der dienstliche Grund damals insgesamt vorgetäuscht war. Ein Alibi vor den Toren der Festspiele der Ösis.
Jedenfalls habe ich damals zum ersten Mal eine Weinkarte gesehen, die Flaschenpreise von 600 DM auswies; ich war erschüttert, beziehungsweise in der Bourgeoisie angekommen. Selbst wenn man für Restaurantweine einen Faktor von drei annimmt, ein Mörderpreis für jemanden aus kleinen Verhältnissen.
Was damals DM war, ist heute Euro. Das Restaurant bayrischen Zuschnitts in Bad Reichenhall bietet mir, da ich erwähne das Elsass zu lieben, eine Flasche Clos St. Hune für 600 € an. Ich habe dann ein Helles und einen Obstler genommen. Plane aber nun einen Aufsatz über Wertdifferenz bei Weinen. Selbst ein kleiner Laden wie ALBERT MANN in Wettolsheim hat einen Abgabepreis ex Winzer von 25 bis 50 € je Flasche, beim Pinot Noir auch gern mal 100. Im Aldi gelingt es Dir nicht, mehr als 5 € pro Pulle auszugeben.
Und wir reden bisher nur über Arbeit im Weinberg, seit biblischen Zeiten das Paradigma für ehrliche Arbeit. Bei Börsengeschäften dürfte ein Faktor hundert in der Wertsteigerung nicht mal ungewöhnlich sein. Wahrlich, ich entrinne ihnen nicht, den kleinen Verhältnissen.