Logbuch

MIT MUNDGERUCH.

Weit unterhalb der großen Geschichte, die die Schicksale der Völker bestimmt, muss es viele Ebenen der Alltagsgeschichte geben, die das Leben der Menschen tatsächlich ausmachte. Das geht mir durch den Kopf als ich ein Rollbild unter meinen Büchern finde, das weniger als eine Elle breit, aber stattliche fünf Meter lang. Ich habe es aufgehängt. Der LORSCHER ROTULUS, eine beinahe endlose Litanei, kann in keiner Hütte gehangen haben; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

In dem Begleitbuch geht es um Ludwig den Deutschen und damit natürlich um Karl den Großen und es herrscht Klage darüber, dass man über ihn so wenig wisse, jedenfalls aus seinem Alltag. Die Geschichte schweigt, obwohl Historiker von Hause aus doch geschwätzig, weil kränkend Kränkungen erlegen. Dazu ganz am Schluss ein episodischer Beweis. Zunächst etwas Gegenteiliges, ein konträrer Befund. Wo man nix genaues mehr weiß. Wir gehen tausend Jahre zurück und reden mit Otto dem Großen.

Das ist kein Vergnügen. Der Mann stinkt elendlich aus dem Mund und verlispelt fürchterlich. Kaum zu verstehen. Woher weiß man das? Nun, man hat vor zwei Jahren im Magdeburger Dom seine Gebeine gefunden und eine Meute von Medizinern der Magdeburger Uni dran gelassen. Noch heute anhand massiver Zerstörungen der Gesichtsknochen nachweisbar, hat bei Otto eine schwere Parodontitis gewütet, die unter regelrechtem Zahnsteinpanzer den Kiefer bis weit hinter die Zahnwurzeln zerfressen hat. Er muss im Alter wirklich gelitten haben, so am lebendigen Leib verfaulend.

Die Schneidezähne habe er allerdings im Kampf verloren, trösten uns die Geschichtsschreiber. Auf deren Tatsachenschilderungen ist aber kein Verlass. Jetzt von Otto zu Karl. Seine Taten hat ein Mönch aus dem Kloster St. Gallen überliefert. Die Gesta Karli Magni prägen unser Bild vom Karolingischen. Aber seine Kollegen mochten ihn nicht, den Mönch mit der Zahnfehlstellung. Sie nannten ihn Notker der Stotterer. So ging er in die die Geschichte ein, als Notker Balbulus, was Stammeln oder Stottern heißt und nunmehr tausend Jahr gar nicht mehr zu hören ist. Otto ist auch nicht mehr zu sehen. Sie haben ihn vorgestern wieder zu Grabe getragen. War da die persönliche Indiskretion, die Verletzung seiner Privatsphäre, vorher unvermeidlich? Wäre er Zeitgenosse, hätten das die Prommi-Anwälte Schertz&Bergmann zu verhindern gewusst.

Logbuch

GENOSSENSCHAFT.

Die innere Ordnung einer Ansiedlung wie Berlin bemerkt man selten gut an der Art der Anrede. Jenseits einer unsichtbaren, aber doch bestimmten Linie am Rande meines Kiezes reden sich Jugendliche mit „Bro“ an, was wohl kurz für „brother“. Überrascht stelle ich fest, dass die jungen Frauen dort genau dieses Präfix untereinander auch nutzen; erwarten können hätte man ein „Sis“ oder ähnliche Bildungen. Ich kenne das Brüderliche aus meiner Jugend als christlicher Pfadfinder, die die Würdenträger der Kirche mit „Bruder“ plus Nachnamen zu adressieren hatten; es wurde gesiezt. Weniger förmlich ist der Rotarier oder Lion; er duzt, setzt aber ein „Freund“ vor den Vornamen. Was die Freimaurer anredetechnisch so treiben, weiß man nicht, weil, wie alles dort, streng geheim.

Womit wir uns in unserer kleinen Stilkunde der Anredekunst an den Genossen herangerobbt hätten. Die Anrede als Genosse ist, als sie im 19. Jahrhundert aufkommt, die Versicherung einer gemeinsamen Überzeugung. Eigentlich einer Haltung. Ruiniert wurde dieser wunderbare Brauch der Sozialdemokraten, wie so vieles, durch Nachäffen der Kommunisten und Faschisten. Die letzteren führten ihre Mitglieder als „PG“ oder „Parteigenossen“, was dieses Wort auf alle Zeiten diskreditiert. Und die ersten sogen die Vertrauensformel in den Staatsapparat ihrer Diktatur; es gab nunmehr einen „Genossen Generalsekretär“. Damit ist der Nimbus natürlich auch im Arsch.

Eigentlich ist der Genosse seit alters her der kluge Mitbesitzer, mit dem ich eine gute Sache teile, um sie gemeinschaftlich in gegenseitigem Nutzen zu verwalten, sprich zu verantworten. Genossen, das müssen nicht nur Soldaten sein, die eine Kammer teilen, sprich Kameraden. Oder Freunde. Die Welt des Korporatismus ist größer. Man kann sich auch als Aktionär diesem Prinzip zuwenden und eine Firma per Anteilsschein teilen und dann zusammenführen. Shareholder Value. Der börsennotierte Kapitalismus ist nichts als eine Genossenschaft, respektive viele derer. Ob die Herrschaften in der Volksbank bei mir an der Ecke das ahnen? Ich spaziere da mal rein und rufe freundlich in den Saal: „Guten Morgen, Genossen! Weitermachen. Keine Meldung!“ Nun, zumindest die gelernten Ossis werden zusammenzucken.

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FAIRPLAY.

Wenn in London, nutze ich ein altes Privileg; ich speise im Club. Das ist in meinem Fall das Garrick in Covent Garden, eines der bunteren Häuser, in der historisch vor allem Freunde des Theaterlebens verkehrten. Ich nehme dann den High Tea, was nichts anderes ist als ein ordentliches Essen am Nachmittag, angeblich eine schottische Tradition, andere sagen, eine der Arbeitenden Klasse. Den Spott halten aus, die da in ihrem Tee rühren und Sandwiches verzehren. Ich treffe dort meist ein pensioniertes Militär, das alle im Club den Brigadier nennen; er ist ein Regulärer, wie man hier sagt, weil immer da um halb nach vier.

Der Brigadier erklärt mir die Welt des Militärischen, was bitter nötig, da ich nicht gedient habe und gar nichts weiß von den Gentlemen in Khaki. Die Kameradschaft gehört im Soldatischen zur Pflicht. Das hätte ich nicht gedacht. Man weiß auch als Zivilist um die Befehlskette und den angeblichen Kadavergehorsam, der die militärische Disziplin bestimmt. Aber dass dem Soldaten die Kameradschaft befohlen, das hatte ich so noch nicht gehört. Es gibt in dieser Welt des Gegeneinanders, der Feind ist ja zu besiegen, natürlich ein Unter- und Übereinander, aber eben auch ein Füreinander. Ein feiner Gedanke. Bei solchen Hinweisen wird in mir der Soziologe wach. Und der Hobby-Historiker.

Man kann dem englischen Motto „mates and mission first, later me“ als Ausdruck der Inneren Loyalität des Regiments als Deutscher nicht folgen, ohne an die unwürdige Tradition der Wehrmacht zu denken, die die Komplizenschaft bei Verbrechen zum Gebot der Kameradschaft gemacht hat. Verbrechen in Uniform bleiben Verbrechen; sagen wir heute. Das kann auch eine falsch empfundene Kollegialität nicht auslöschen.

Als ich dem Brigadier im Garrick sage, da fände ich die deutsche Bundeswehr geläuterter als seine Regimentswelt, wirft er seine Stirn in Falten und sagt mit einem wunderbaren Englisch Akzent: „Aus gegebenem Anlass, junger Mann!“ Das ist wahr. Deshalb schmerzt mich auch so, wenn in meinem Vaterland heutzutage wieder von Volksgemeinschaft gefaselt wird, der angeblichen Kameraderie der vermeintlich reinen Rasse. Ein Verbrechen schon im Begriff. Reden wir also von Solidarität und Loyalität, der besseren Seite unseres Charakters.

Die Tommies haben da ein Wort, das mich fasziniert, weil so klar und einfach. Ihm liegt eine Vorstellung zugrunde, was sportlich sei. Es lautet: „fair play“. Welch eine wunderbare Gesellschaftsidee. Let‘s play it fair. Das ist mal eine politische Idee!

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Bomben-Boni und Mindestlohn – zwei Seiten einer Medaille

Man kann dem deutschen Volk einiges zumuten, auch wenn es um Geld geht. Eine saftige Mehrwertsteuererhöhung, das winkt der Wahlbürger durch. Ein gebrochenes Wahlversprechen zu Steuersenkungen, was soll’s ?

Wenn aber der Sozialneid angestachelt wird, dann ist Schluss mit lustig. Die Gerechtigkeitsdebatte wird grimmig, wenn es um die Boni der Banker geht. Im Englischen nennt man sie „fat cats“, die überfütterten Katzen, die sich selbst üppig bedienen. Der britische Finanzminister versucht sich gerade in einem Taschenspielertrick, mit dem er die Boni wegzusteuern glaubt. Dem Volkszorn soll in allen europäischen Ländern Tribut gezollt werden.

Dabei feiert ein kommunistisches Argument Urstände: das Gehalt der Spitzenmanager dürfe nur mit einem bestimmten Faktor dem der einfachen Arbeiter und Angestellten entsprechen.

Der Umverteilungswahn wird ökonomisch nicht sinnvoller, wenn er sich als Herz-Jesu-Marxismus verbrämt oder im Gewerkschaftsjargon daherkommt. Er ist im Kern Unsinn.

Da wir aber eine Gerechtigkeitsfrage behandeln, beginnen wir am anderen Ende der Einkommensskala. Gerade in einer Marktwirtschaft, die einen freien Arbeitsmarkt bemüht, muss der Staat darauf achten, dass die Ware Arbeit nicht so billig wird, dass die Menschenwürde berührt ist.

Man muss von seiner Hände Arbeit anständig leben können. Zu den Rahmenbedingungen, die der Staat dem Markt setzen darf, gehört, dass wir keinen Pauperismus institutionalisieren wollen. Von einem Vollzeitjob muss man zur Not bescheiden, aber immer anständig leben können und nicht von dreien, die alle obszön niedrig honoriert werden.

Man liest von Ländern, in denen den Arbeitskräften in der Gastronomie Duschräume angeboten werden, die sie vor Arbeitsbeginn nutzen können, weil sie unter Brücken schlafen.

Es gibt ganz klare Grenzen: Wenn eine Arbeit nicht mehr Sesshaftigkeit finanziert, ist dieser Hungerlohn nicht hinzunehmen. Das Gebot der Menschenwürde verlangt einen Mindestlohn. Eine soziale Marktwirtschaft begrenzt sich nach unten.

Das hat nichts mit dem Arbeitgeberspruch von der Hängematte zu tun, der zynisch ist. Wenn es denn einen niedrigen Mindestlohn braucht, gut, aber der muss gesetzlich festgeschrieben und zur Not polizeilich kontrolliert sein. Dann darf sich eine Marktwirtschaft zu Recht sozial nennen.

Was nach unten gilt, gilt nicht nach oben. Es ist unsinnig zu fragen, um welchen Faktor die Einkünfte eines Fußballstars höher sind als die einer Kassiererin. Weil es nicht so ist, dass auch die nette Kollegin aus dem Aldi die Tore schießt, mit denen der junge Schnösel auf dem Platz das Spiel gewinnt und seinem Verein Millioneneinnahmen beschert.

Recht so, aber dann darf der Bankbesitzer auch freihändig entscheiden, was er seinem Spitzenmann zahlt. Bei Aktiengesellschaften ist das die Gemeinschaft der Anteilseigner, sprich die Hauptversammlung. Eigentümer können in diesem Land mit ihrem Geld machen, was sie wollen; es auf dem Balkon verbrennen oder einem Topmanager hinterherwerfen.

Anders stehen die Dinge bei öffentlichen Banken, da sind für die Allgemeinheit Politiker in der Verantwortung, eben diesen Eigentümer, den Steuerzahler, angemessen zu vertreten.

Aber auch da gilt das Gesetz des relativen Arbeitsmarktes. Niemandem ist gedient, wenn man für kleines Geld große Pfeifen einstellt. Dass in unseren öffentlichen Banken aufgeblasene Versager für sattes Geld gewirkt haben, ist eine andere Geschichte.

Das Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit mag fallen, wenn es um eklatante Mängel in der sozialen Sicherung geht. Ein Bürger ohne bezahlbare Krankenversicherung etwa, das ist ein Skandal. Aber es ist immer in sich falsch, weil es soziale Gerechtigkeit nicht gibt.

Der Staat hat Rechtsgleichheit zu garantieren, vor allem Chancengleichheit. Aber er hat kein Mandat, die Tüchtigen im Namen der Faulen zu bestrafen oder auch nur den Glücklichen etwas von der Gunst Gottes zu nehmen und es den Unglückseligen zu schenken.

Die Natur wie das Leben und die Gesellschaft sind nicht gerecht und gleich, im Gegenteil; erst der moderne Staat schafft einen egalitären Boden durch Rechtsgleichheit. Die christliche Identität meint: Wir wollen niemanden verkommen lassen, schon gar nicht, wenn er unverschuldet in Not ist. Aber einen politisch legitimen Auftrag zu einer Diktatur des Mittelmaßes, den gibt es nicht. Nicht mal gegenüber Topmanagern, die unser Mitgefühl wahrlich nicht brauchen, zumal wenn die Boni stimmen.

Was heißt das alles ethisch? Bomben-Boni und Mindestlohn sind zwei Seiten einer Medaille. Für die Arbeitnehmer mögen starke Gewerkschaften kämpfen, gut so. Den Managern sollen Wirtschaftsprüfer, Steuer und Bankenaufsicht auf die Finger schauen, recht so.

Aber einen sozialverträglichen Bonus, den die verschnurgelten Kleinbürger Seehofer, Westerwelle und Merkel festlegen und dabei opportunistisch in die BILD schielen, was die Stimme des Volkes sagt, das ist Murks nach Marx.

Man kann den Kapitalismus nicht dadurch bändigen, dass man ihn Beamten übereignet. Banken funktionieren nicht als Behörde, weil auf den Kapitalmärkten Raubtiere und Schlitzohren agieren, jedenfalls keine Amtsschimmel und Sesselpupser.

Quelle: starke-meinungen.de