Logbuch

DIE MAGDEBURGER HOCHZEIT.

Seit der Dreißigjährige Krieg Sachsen-Anhalt geschleift hat, sprechen wir von der Magdeburger Hochzeit; freilich mit Sarkasmus, weil die Braut sich damals in die Arme eines wirklichen Unholds geworfen hatte. Gemach. Was allen Hagestolzen der Altparteien als Mesalliance erscheint, war diesmal eine Liebesheirat. Die entscheidende Zahl liegt nicht in den 40 Prozent der rechten AfD, sondern in der 80 der Wahlbeteiligung; selten hoch. Signifikant.

Der Wähler hatte wirklich das Wort. Und der Wahlkampf war fair. Wenn also Magdeburg als Braut sich ins Bett der Neuen Rechten legt, vor wem ist die Magd gewichen? Das lässt sich klar sagen. Der Verlierer ist die CDU; sie hat sich halbiert. Klarster Ausdruck des Erdrutsches: Die Schwarzen holen kein einziges Direktmandat mehr; ihr Spitzenkandidat, dessen Namen niemand weiß, nicht mal seinen eigenen Wahlkreis. Der CDU-Kanzler, dessen Namen man weiß, war im Wahlkampf in Hinterzimmern zu verstecken, damit er nicht bespuckt werden konnte. Fritze Merz, das wird schwer. Mönchlein, Mönchlein, Du gehst im Bund nun einen schweren Gang.

Die SPD hat sich bei ihrer Stammwählerschaft hier in der Fläche so gerade mal gehalten. Das macht mich nicht froh, aber ist auch kein Anlass zu Spott. Gilt auch für die Grünen, die Gelben und die Linken. Nur ist jetzt klar, dass die Magd sie nicht mehr heiß und innig mag. Die Brandmauer hat sich nicht als Hindernis erwiesen, wie in allen Klostergärten mit devianten Diven. Die Magd erweist sich als Schlampe und will partout in die blauen Linnen. Aber ist das ein gerechtes Urteil über die Magdeburger Hochzeit? Ich glaube nicht. Die Gattenwahl ist erkennbar nicht dem Rat der Omas gegen Rechts, diesem Tantenverein von Klageweibern, gefolgt. Aber es war doch recht eindeutig, wem die Gunst der Stunde gilt.

Verdutzt steht der politische Publizist da, wie schon im Englischen beim Brexit oder der Wiederwahl des rechten Poplisten in den USA. Das Volk hat leider falsch gewählt. Der türkische Bub in Baden-Württemberg mahnt den Souverän, einen solchen Blödsinn nicht noch mal zu machen. Der grüne Humor der Realitätsverleugnung. Ja, das wird helfen.

Wir werden mit einem Drittel rechter Wähler im Westen leben lernen müssen, wenn es nicht die Hälfte werden soll. Dass ist die Realität, deren Leugnung schlicht albern ist. Ja, wir werden mit diesem Teil der Wählerschaft reden müssen. Immer. Überall. Und selbstverständlich in den Parlamenten gegebenenfalls koalieren. Es gibt in der Demokratie keine Voten vermeintlicher Relevanz. Alles Volksentscheide. Macht was draus. Das ist die historische Ansage aus dem Magdeburger Dom.

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BENZOL IM BLUT.

Die Nachrichten sind voller Autothemen; das lässt den nicht kalt, der Benzol im Blut hat. Man will im Schwäbischen eine Bude schließen, die da aus Zwickau hinkam. Horch. Autoexperten vom Schlage der Dudenhöfers predigen. Mein Problem ist, ich habe den Überblick verloren; ich kann all die Karren nicht mehr auseinanderhalten. Was bitte ist ein byd? Build Your Dreams. Und warum soll ich diesen Götzen anbeten? Ein Goldenes Kalb aus dem Reich der Mitte.

BYD? Wem ein feines Sprachgefühl gegeben, der findet reichlich Gelegenheit, sich über den schlechten Stil seiner Zeitgenossen zu mokieren. So fällt mir in den Sozialen eine Journalistin auf, die in ihren Beiträgen häufig Abkürzungen nutzt und dabei auch dem Jargon einer Jugendsprache verfällt. Ich nehme hin, dass „asap“ meint, dass etwas sobald wie möglich zu geschehen habe, wundere mich aber über ein „lol“, das lautes Gelächter bekundet. Noch übler sind Zahlencodes. 67. Echt? Ja. 67.

Alles beginnt mit dem französischen Kaffeehausphilosophen Roland Barthes, der 1957 über ein Modell des Herstellers Zitrön ausflippt und hinter dem Produktnamen DS das französische Wort für Göttin entdeckt: déesse. Er vergöttert das Auto und nimmt die einer fetten Flunder nachgebildete Karosse als Mythos des Femininen wahr. Einen ähnlichen Kult gab es gegenüber italienischem Design, wenn die Blechbieger Spaghettis waren. Deutsche Wägen waren schon immer geformt wie Kartoffeln und hießen nach Ungeziefer. Sage ich als Sarkast.

Wenn schon Bildungshuberei mit Autonamen, dann richtig. DS ist natürlich Latein, ein „nomen sacrum“, sprich eine heilige Abkürzung für „deus“. Das ist der Gottesname und keine Bordsteinschwalbe aus dem Quartier Latin. Sollte man auseinanderhalten können. Aber wir leben ja in Zeiten, in denen Linguisten nichts mehr gelten. So nennen die Japaner und andere Reisschüsseln ihre Konstrukte Nova, Laputa oder Fikka. Den Vogel schiesst die NSU-Tochter Audi ab mit „etron“, was in Paris die Ärgerlichkeit meint, die der Straßenköter hinterlassen hat. Weiter Weg vom Mythos der Göttin bis zum Hundehaufen.

Ambitioniert wie immer und katholisch der Landmaschinenhersteller BMW, der für seine SUV-Dosen gleich Jesus selbst bemüht. Das griechische Chi mit dem folgenden P steht unter den heiligen Namen für Christus. XPI ist dann der Genitiv, ein grammatisch gebeugtes XPS (Christus). Das geht mir beim ersten Kaffee durch den Kopf; ich blättere dabei noch in dem Buch zur Lorcher Litanei, von der wir gestern gehandelt haben. Da wir von Audi (Ingolstadt) und NSU (Neckarsulm) sprachen, ich lese hier in der mittelalterlichen Quelle: „dne audi nos“. Ha! Domine (dne), das ist der Vokativ zu Dominus. Das heißt nichts anderes als: „Herr, erhöre uns!“ Herr, erhöre uns.

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MIT MUNDGERUCH.

Weit unterhalb der großen Geschichte, die die Schicksale der Völker bestimmt, muss es viele Ebenen der Alltagsgeschichte geben, die das Leben der Menschen tatsächlich ausmachte. Das geht mir durch den Kopf als ich ein Rollbild unter meinen Büchern finde, das weniger als eine Elle breit, aber stattliche fünf Meter lang. Ich habe es aufgehängt. Der LORSCHER ROTULUS, eine beinahe endlose Litanei, kann in keiner Hütte gehangen haben; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

In dem Begleitbuch geht es um Ludwig den Deutschen und damit natürlich um Karl den Großen und es herrscht Klage darüber, dass man über ihn so wenig wisse, jedenfalls aus seinem Alltag. Die Geschichte schweigt, obwohl Historiker von Hause aus doch geschwätzig, weil kränkend Kränkungen erlegen. Dazu ganz am Schluss ein episodischer Beweis. Zunächst etwas Gegenteiliges, ein konträrer Befund. Wo man nix genaues mehr weiß. Wir gehen tausend Jahre zurück und reden mit Otto dem Großen.

Das ist kein Vergnügen. Der Mann stinkt elendlich aus dem Mund und verlispelt fürchterlich. Kaum zu verstehen. Woher weiß man das? Nun, man hat vor zwei Jahren im Magdeburger Dom seine Gebeine gefunden und eine Meute von Medizinern der Magdeburger Uni dran gelassen. Noch heute anhand massiver Zerstörungen der Gesichtsknochen nachweisbar, hat bei Otto eine schwere Parodontitis gewütet, die unter regelrechtem Zahnsteinpanzer den Kiefer bis weit hinter die Zahnwurzeln zerfressen hat. Er muss im Alter wirklich gelitten haben, so am lebendigen Leib verfaulend.

Die Schneidezähne habe er allerdings im Kampf verloren, trösten uns die Geschichtsschreiber. Auf deren Tatsachenschilderungen ist aber kein Verlass. Jetzt von Otto zu Karl. Seine Taten hat ein Mönch aus dem Kloster St. Gallen überliefert. Die Gesta Karli Magni prägen unser Bild vom Karolingischen. Aber seine Kollegen mochten ihn nicht, den Mönch mit der Zahnfehlstellung. Sie nannten ihn Notker der Stotterer. So ging er in die die Geschichte ein, als Notker Balbulus, was Stammeln oder Stottern heißt und nunmehr tausend Jahr gar nicht mehr zu hören ist. Otto ist auch nicht mehr zu sehen. Sie haben ihn vorgestern wieder zu Grabe getragen. War da die persönliche Indiskretion, die Verletzung seiner Privatsphäre, vorher unvermeidlich? Wäre er Zeitgenosse, hätten das die Prommi-Anwälte Schertz&Bergmann zu verhindern gewusst.

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Die Dinner Party von abgehalfterten Politikern beim ZDF

Das ZDF ist ein Kombinat. Und Wandlitz will das Sagen haben. Das wissen wir jetzt, Roland Koch sei dank.

Um das Zweite Deutsche Fernsehen tobt eine öffentliche Debatte, die die Gemüter erhitzt. Auslöser ist nicht das TV-Programm, dessen Kernzielgruppe (Durchschnittsalter 70) ohnehin bereits aus dem Altersheim zuschaut.

Hier erregt nichts, weil es nichts Erregendes gibt. Wer jemals den Geist des Ortes am Sitz der Anstalt in Mainz-Lerchenberg geatmet hat, weiß, warum der Vergleich mit einem Kombinat polemisch angemessen ist: Ein Staat im Staate hat sich hier etabliert, dessen Beamte aus gutgepolsterten Sesseln auf die Holzbänke der freien Medienrepublik herabblicken. Darum gebaut ist eine Landschaft von festen Freien für die wirkliche Arbeit.

Wer den ausgeschiedenen und den amtierenden ZDF-Intendanten jemals mit Wagnerschem Mantel hat durch die Menge schweben sehen, weiß, was Mediokratie ist. Jetzt geht es um den Einfluss der Politik auf das Haus, das Konrad Adenauer einst als Alternative zu dem linken Sumpf namens ARD gegründet hat.

Eine von dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch organisierte Mehrheit von Unionspolitikern will den Chefredakteur Nikolaus Brender abgelöst wissen, früher oder später. Man bezichtigt ihn aus der Union der Zivilcourage und professionellen Arbeitens ohne Ansehen der Person. Das führt reflexartig zum Aufheulen des Intendanten-Hofstaats und aller Kombinatsmitarbeiter und mühsam organisierter Hilfstruppen, weil damit die „Staatsferne“ des Rundfunks gefährdet sei. Dies ist eine hohe Zeit der Krokodilstränen und der Pharisäersprüche. Man wird einiges unterscheiden müssen, will man den Kopf aus dem liberal gestimmten Empörungssumpf stecken.

Man muss nicht Hegel gelesen haben oder Preuße sein, um zu ahnen, dass das Geplärre der kleinen Seelen in den immer kleineren Parteien alles sein mag, aber nicht der Staat. Das ZDF wird, sagen auch unverdächtige Insider wie Claus Kleber, von „parteipolitischen Seilschaften“ bedroht, aber nicht von staatlichem Handeln. Die Legitimation der Heckenschützen des Roland Koch ist weit geringer, als angenommen wird.

Zweitens: Das ZDF finanziert sich aus Zwangsgebühren, die es über die GEZ in rüder und obrigkeitsstaatlicher Manier bei uns einzieht, ob wir uns das Langweilerprogramm aus Mainz ansehen oder nicht. Derart durch quasi-staatliche Macht privilegiert, soll es durch einen Verwaltungsrat beaufsichtigt werden, der diese institutionelle Macht legitimieren soll.

Das ist nach meinem staatsrechtlichen Verständnis nicht eine Dinner Party abgehalfterter Politiker, sondern eine hoheitliche Behörde, sagen wir, besetzt mit Richtern oder Philosophen, jedenfalls Beamten. Wer aber sitzt dort? Franz Maget, Christine Bergmann, Edmund Stoiber, Dietmar Bartsch, David McAllister, Laurenz Meyer…eine bunte Schar zweit- und drittrangiger Parteisoldaten, deren staatliche Qualität nicht erkennbar ist, weil sie gar keine Ämter innehaben, die sie als Staatsdiener ausweisen können. Erneut weht der Ludergeruch parteipolitischer Geschaftlhuberei.

Drittens: Ein stattliches Quorum von 35 deutschen Staatsrechtlern bemängelt folgerichtig den Fall Brender als den Versuch, „den Einfluss der Parteipolitik zu stärken“. Dabei weiß man, dass die bunte Mischung ohnehin nicht verfassungsgemäß ist; was Roland Koch dreist öffentlich eingesteht. Aber man will dem ZDF-Intendanten Markus Schächter, eigentlich ein Parvenu mit erstaunlicher diplomatischer Gelenkigkeit, der hier unerwartet Versteifungen bis an den Rand eines eigenen Willens erkennen ließ, den Rücken stärken. Denn er hat in der Vergangenheit dafür Sorge getragen, dass Einflussnahmen nicht öffentlich wurden, vulgo: die Unabhängigkeit des Senders gewahrt. Demokratietheoretisch ist aber der offene Eklat der verdeckten Einflussnahme vorzuziehen.

Viertens: Wenn der Rundfunk staatsfern sein soll, dann gilt dieser Abstand allemal für die Parteien. Sie schicken sich immer öfter und immer dreister an, den Staat zu ihrer Beute zu machen. Das ist das generelle Problem, das hier aufscheint. Liberales Denken handelt aber von den Grenzen des Staates, nicht von einer freiheitlich gestimmten Allgegenwart.

Fünftens: Die ARD-Anstalten sind nicht besser. Auch ein Überflug von Hamburg Lokstedt zeigt ein Kombinat, den NDR. Die Existenzberechtigung des öffentlich rechtlichen Rundfunks liegt in den besonderen Möglichkeiten eines Qualitätsjournalismus jenseits der Quote, der Parteipolitik und der Werbewirtschaft. Ich kenne niemanden, der diesen Gedanken in den Anstalten wirklich wirken sieht. Wäre man radikal, würde man die Zwangsbewirtschaftung an diese publizistische Qualität binden. Für ein RTL III ,und sei es von Herrn Schächter und seinem Major Domus Kurt Beck, gebe ich die Gebühren nicht her.

Siebtens: All diese Fragen stellen sich nicht mehr im Internet, in dem niemand mehr Herr und niemand mehr Knecht ist. Sagen dessen euphorische Freunde,  die allzeit grundnaiven Blogger. Worüber sich Google totlacht. Für die dezentral privaten Nutzer des Webs gilt, dass nicht alle frei sind, die ihrer Ketten spotten.

Achtens: Die Meinungsfreiheit hängt an der relativen Freiheit von Redaktionen, nicht prinzipiell an dieser oder jener ökonomischen oder politischen Verfassung von Medien, solange diese in einem Wettbewerb auch um Reputation, sprich vertrauenswürdige Inhalte, stehen. Das Wesen von Presse in einer aufgeklärten Gesellschaft ist einerseits Verlegermacht, private oder staatliche, andererseits aber Redaktionsfreiheit.

Um diese relative Freiheit des Journalisten gegenüber seinem Verleger geht die Auseinandersetzung. Da gibt es Freunde großer Freiheiten und Gegner, weil es unterschiedliche Entwürfe von Freiheit gibt. Koch sei dank kann das jetzt jeder wissen.

Quelle: starke-meinungen.de