Logbuch
HOW MUCH, SCHATZI ?
Ich bin auf Rat des Steuerberaters zur DOLLEN BANK gegangen, weil die ganz doll sind. Zudem ist Hilmar Kopper mein Nachbar. Nun muss ich für vier Tage nach London und schätze es, wenn ich Trinkgeld bar geben kann oder in einem Taxi nicht mit Kreditkarten rumfummeln muss. Also steckt man sich ein paar Pfund Sterling ein.
In meiner Nachbarschaft gibt es keine Filiale der DOLLEN BANK mehr. Also Anfahrt mit dem PKW. Der junge Mann in der DOLLEN BANK, die ich dann erreiche, obwohl man nicht parken kann, teilt mir mit, dass man keine Devisen habe, da man auch keine Kasse mehr unterhalte. Ich stehe irritiert auf der Straße, finde aber die richtige Filiale im Internet: Unter den Linden. Man kann auch dort nicht parken.
Die Filiale bietet Automaten, ist aber ansonsten verrammelt, laut Zettel vorübergehend geschlossen. Noch mal ins Internet. Otto-Suhr-Allee ist geöffnet. Ob man da parken kann, dazu sage ich mal nix. Der freundliche Herr kann mir gerne 200 Pfund bestellen, aber in dieser Woche würde das nichts mehr. Ich deute an, dass ich das nicht so doll finde von der DOLLEN BANK. Er wünscht mir einen guten Tag. Dann zögert er doch.
Die offensichtlich nicht so dolle Bank fragt, wo ich denn hinwolle. Oh ha. Ich flüstere: London. Ja, da brauche man kein Bargeld, werde ich belehrt. Da ginge alles mit Karte. Auch Tipp. So in den Senkel gestellt, werde ich an die Reisebank im Hauptbahnhof verwiesen. Während ich dort einen Parkplatz suche, überlege ich, was die DOLLE BANK eigentlich angeht, wohin ich zu reisen gedenke. Die Reisebank im Bahnhof ist laut Zettel vorübergehend geschlossen.
Wohlgemerkt wir reden von 200 Quid, nicht von 1000-Frankenscheiben oder Geldwäsche. Ich will keinen Sack mit Krügerrand. Pocket money. Für London, nicht Hanoi. Wir reden von mir als langjährigen Kunden der DOLLEN BANK. Mir schwelt was, ich fürchte, ein Verschwörungsverdacht. Selbst das mit den fehlenden Parkplätzen ist kein Zufall. Die wollen keinen Publikumsverkehr mehr.
Man will mich umerziehen. Es geht um die vorsätzliche Verknappung von Bargeld. Das Cash muss weg. Dass ich das noch erleben darf, dass das „allgemeine Äquivalent“ (Marx) zu einem Anarchismus wird, den es auszurotten gilt. Und allen voran die Banken, deren Geschäft das mal war. Doll.
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BLAU ALSO.
Bildungserlebnis. Gestern fuhr ich mal wieder durch Thüringen, auf meinem notorischen Weg vom Westerwald nach Berlin, und höre am Bratwurstgrill bei den DREI GLEICHEN, dass das Land zwischen Hessen und Sachsen gerade wählt. Hier steht zur Wurst an, was man früher Subproletariat genannt hätte, bärtige Männer, die an der Freien Tanke ihre Motorräder betankt haben und nun noch für 3 Euro 50 eine Thüringer schnappen. Beim Bewehren des schlappen Brätgedärms mit dem ärgerlichen dünnen Sempf (sic) kommt man ins Gespräch. Man durchschaut mich: Anzug plus WOB-Kennzeichen, und Du bist als „Piss-Wessi“ enttarnt.
Ich lerne, dass die Braunen am Ort die Blauen heißen. Nicht dass die Jackenjungs zimperlich wären, aber das war ihnen dann doch wichtig, dass ich die Blauen nicht braun nenne. An der Fahrerseite eines Begleitfahrzeuges, sprich eines Pkws mit Bierkästen, lese ich an dem Fenster, an dem die Polizei üblicherweise die Papiere kontrolliert, im Schrifttyp Fraktur einen selbstgefertigten Spruch. Er lautet: „Der Fahrzeugführer spricht Deutsch.“ Das stand da. Allerdings ohne Fahrzeug. In Fraktur. Alles klar? Alter Schwede.
Blau also. Deutschland im 75. Jahr des Grundgesetzes. Im Netz die stolz selbstgeposteten Partygesänge aus der Pony Bar auf Sylt, einer der Teilnehmer mit durchgestrecktem Arm. Wenn die Jackenjungs Subproletarier sind, dann ist das hier die Bourgeoise, genauer das Kleinbürgertum. Blau an der Tanke, blau in der Pony Bar. Als Soziologe schreckt mich das. Genau diese Kombination von Petite Bourgeoisie und Plebs hat den Ösi aus Braunau an die Macht gebracht. Oder heißt das jetzt auch (pun intended) Blauau?
Eigentlich kein Thema für Wortwitze. Die blauen Braunen, die stolz sind, in Fraktur Deutsch zu sprechen, sagen mir, dem Wessi-Schnösel, bei gemeinsamer Wurst, was ihnen so Spaß macht, dass die Grünen und die Roten so über sie so entsetzt sind. Darüber kann man reden, weil eine Provokation vielleicht das Genie der Geistlosen ist. Aber das greift zu kurz. Gleichzeitig der blaue Peter auf Sylt und das blaue Bio-Deutschtum auf den biergetränkten Schützenfesten?
Man gerät an einen Verdacht: Die Blauen sind schlicht Braune.
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ABLEDERN.
Ich trage keine Sandalen mit Strümpfen, auch nicht, wenn die selbstgestrickt wären. Oder weiße Sneaker. Das Hemd stecke ich in die Hose und meine Räder, obwohl von Riese&Müller, sind für Lasten gänzlich ungeeignet. Ich habe gelernt, dass ich dieserhalben ein „Boomer“ bin.
Auf dem Land fahre ich einen wirklichen Pick-up, keines der albernen Ami-Ungetüme, die so unpraktisch wie gigantoman sind, sondern die Ur-Idee eines Nutzfahrzeuges, einen Transporter. Historisch übrigens von einem holländischen VW-Inporteur auf Käferbasis entwickelt.
Für die Fachleute unter uns, ich spreche von einem T6 Doka Pritsche Plane. Großer Diesel, Allrad, Automatik, Klima. Bauen sie heute nicht mehr, deshalb werde ich ihn nicht abgeben. Auf die Anhängerkupplung habe ich einen Fahrradträger für zwei Bikes montiert, damit war endgültig klar: Mit dem Ding komme ich in keine Waschstraße.
Das Gefährt war aber aus gärtnerischem Gebrauch so lehmverschmiert, dass es mich dann doch an einen dieser Waschplätze mit Hochdruckreiniger getrieben hat. Da waschen eigentlich nur Spinner. Erkenntnis: Du kriegst die Karre damit nicht wirklich sauber. Der edle Lack bleibt stumpf, die Scheiben mit Insekten gespickt und überall trotzen Baumharzspuren den kärchernden Bemühungen.
Wie oft erinnere ich mich in misslichen Lagen an meinen Herrn Vater und wie ich als kleiner Junge die Dinge registriert habe, die ihm wichtig waren. Samstags wurde der Käfer mittels Schwamm und weißschäumenden Waschzusatz gewaschen (zwei Eimer warmes Wasser aus Mutters Waschküche) und dann mit drei Eimern kaltem Wassers übergossen. Genau fünf Eimer Wasser. Schließlich, jetzt kommt es, wurde mit einem dünnen Kalbsleder getrocknet, abledern genannt. Das Leder selbst war sein ganzer Stolz; er hatte es sich eigens auf dem Essener Großschlachthof besorgt.
Ich mach es kurz. Nach einer Exkursion in vier Läden aller einschlägigen Drogerieketten kann ich berichten: es gibt keine Schwämme mehr. Und schon gar nicht Tierhäute. Du fragst nach Leder zum Abledern und löst Unverständnis aus. Die Verkäuferinnen starren dich an, als sei ihnen der Leibhaftige erschienen.
Sie schreiben heute auch nicht mehr auf den rahmengenähten Schuh, woraus er besteht, nämlich Pferdeleder. Das assoziiert „fury in the slaughterhouse“, das will niemand mehr. An die Füße gehört Plastik aus Asien. Irre. Ich habe mir übrigens Gummistiefel bestellt aus Naturkautschuk mit textilem Schaft. Man kann ja die Uhr danach stellen, wann die Generation Birkenstock auch die diskriminiert. Man sollte sich bevorraten. Mein Gott, ich rede schon wie ein Prepper.
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Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint
So, so, lieber Helmut Kohl, die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands haben die Menschen im Osten gewollt. Der alte deutschnationale Traum fand durch Sie, Gorbatschow und Bush sen. seine Erfüllung? Das ist eine billige Geschichtsklitterung. Die Wahrheit ist: Die maroden postkommunistischen Diktaturen sind in ganz Mittel- und Osteuropa aus Altersschwäche in sich selbst zusammengefallen. Und die Deutschen waren nicht vorne weg. Zentralverwaltungswirtschaften funktionieren einfach nicht. Regime, die die Menschen vor sich selbst beschützen wollen, halten nicht. Mit Deutschnationalem hat das alles rein gar nichts zu tun. Zwanzig Jahre Mauerfall, allgemeine deutsche Volksbetörung und Neuauflage der alten Lebenslügen: Man kann es langsam nicht mehr hören.
Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Gedenktagen: Wir begehen in wenigen Tagen den vierzigsten Jahrestag von Altamont. Wir erinnern uns an den Tod von Meredith Hunter. Sein gewaltsames Ende markiert den Tod eines Traumes vom besseren Menschen. Das ist für meine Generation so bedeutungsvoll wie die Attentate auf Rudi Dutschke, Robert F. Kennedy oder Martin Luther King, die zuvor geschahen. Wir sahen vor vierzig Jahren hier eine historische Serie; was eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber nicht ohne Berechtigung. Unser Glaube an das Gute in allseitiger Liebe und jedermanns Friedfertigkeit ging zu Bruch. Der unselige Rocker der Hell’s Angels, der damals Meredith Hunter abstach, hat Geschichte geschrieben. Wer war Hunter, was war Altamont? Wo war die historische Lektion?
Altamont war, obwohl fast vergessen, die bedeutendere Schwester des weltbekannten Woodstock. Die Hippie-Kultur feierte Urstände auf dem „Woodstock Music and Art Festival“ im August des Jahres 1969. Blumen im Haar statt Napalm auf Vietnam. Von freier Liebe und ewigem Frieden träumte eine Generation, die der Vietnam-Krieg wachgerüttelt hatte; so hieß damals das Afghanistan der USA. Die Lieder und Bilder aus Woodstock wurden zu den Leitmotiven einer Generation, die ihre Lebensweise als Kulturrevolution begriff. Zwischen haschischgeräucherten Zelten und buntbemalten VW-Käfern griffen Sex, Drugs and Rock `n Roll platz: give peace a chance. Wer das singen konnte, war ein besserer Mensch. Der Hippie-Traum währte kein halbes Jahr.
Die Rolling Stones wollten hinter dem Woodstock-Paradies im Staate New York nicht zurückstehen und planten ein Gratis-Konzert in Altamont, Kalifornien. Auf einem kahlen Hügel an einer Rennbahn sollten 300.000 Fans den Rausch der „counterculture“ erleben dürfen. Die Ordnungsdienste hatte man den örtlichen Rockern, den Oakland Hells Angels, übertragen, gegen eine früh ausgezahlte Gage in Form von Freibier im Wert von 500 Dollar. Die Jackenjungs sollten die Generatoren für die Verstärker beschützen, mehr nicht. Man war alternativ und spontan in diesen Tagen: Ohne Sanitäranlage, ohne Lebensmittelversorgung, auf einer niedrigen publikumsnahen Bühne erlebten die Bands den sich aufbauenden Furor einer bösen Menge. Der Mob wollte Blood, Sweat & Tears. Die Idylle von Woodstock roch hier in Altamont nach Progrom. Mick Jagger hat seine seither notorische Angst in einem Satz zusammengefasst: „Wäre Jesus da gewesen, sie hätten ihn gekreuzigt.“
Die Rolling Stones verlassen mit diesem Tag die Gegenkultur und beschließen, ins professsionelle Show Business zu gehen. Aus der sozialen Bewegung wird ein Geschäft, eine Industrie. Dort sind sie, als ältere Herren, noch heute. Altamont vor vierzig Jahren, das war der heilsame Schock unserer Jugendkultur. Wer ihn verarbeitet hatte, war später auch im linken Lager davor gefeit, Freibeuterträumen nachzugehen. Wer vor vierzig Jahren Altamont verstanden hatte, wusste plötzlich um die Vorzüge des Gewaltmonopols in einem Rechtsstaat. Das klingt jetzt schon wieder wie auf einer der vermaledeiten Zwanzigjahrfeier zur deutschen Einheit; also lassen wir es dabei.
Quelle: starke-meinungen.de