Logbuch

SÜNDHAFT TEUER.

Erfahrung in München, Bayern. Großes Brotzeitbrett, eine reichliche Vesper, für 12,30€. Mit einem halben Liter Bier und zwei Obstlern zusammen für einen Zwanni. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Ordentliches Zimmer im Motel One am Sendlinger Tor für unter 70€. Bett der Extraklasse. Bar hat 24/7 geöffnet. Sauvignon blanc für unter 7€ das Glas. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

Absacker in HARRYˋS BAR links vom Platzl. Ein brauner Schnaps aus dem Hochland einer Inselgruppe in der Nordsee mit starker Note von Braunkohle, sprich Torf, und geeignet, Möbel abzubeizen: einhundertvierundzwanzig Euronen, das Barmass. Ich hatte bisher drei. Und die Tagesschau ist nicht mal um. Es geht auch anders, aber so geht es auch.

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SPIELVERDERBER.

FairPlay heißt, eine Niederlage einräumen, dem Sieger gratulieren. Auch, wenn es knapp war. Das haben Armin Laschet und Donald Trump versäumt. Es droht der Verlust der WÜRDE.

In meiner Erziehung hat das eine Rolle gespielt, dass man nicht den SPIELVERDERBER gibt. Ein SPIEL lebt aus dem Respekt vor seinen REGELN. Wer gewonnen hat, hat gewonnen. Hip hurray! Und wer verloren hat, schluckt die bittere Wahrheit runter. Neues Spiel, neues Glück. So lebt es sich ehrlich und gelassen.

Dieses jesuitisch katholische „So-tun-als-ob“ eines verdrucksten Karnevalisten aus dem Aachener Revier, das verstehen die Preußen nicht. Die Sachsen schon gar nicht. Hierzu ist die Unterschiedlichkeit der MENTALITÄTEN seit Jahrhunderten geprägt. Den Ernsten ist das Wendige der Albernen ein Ausdruck von Verlogenheit. Der RESPEKT schwindet; ein flüchtiges Gut.

Wie kommt es zum ungebrochenen Erfolg der Landesväter und Landesmütter oder, darunter, zum Erfolg der Direktkandidaten? Offenkundig ist das ja keine Frage der politischen Partei, sondern der POPULARITÄT. Man kann in einen Ruhm wachsen, der die Herzen der Wähler geradezu abonniert. Solches CHARISMA braucht aber Geschick und Geduld. Beides.

Man muss schon sehr lange an keiner Kamera vorbeigegangen sein, um bekannt zu werden. Und man muss einprägsam immer die gleiche GESCHICHTE erzählt haben. Das ist es, was der Wähler am Ende für CHARAKTER hält: Rekurrenz. Do it again, Sam.

Dazu können auch Heldensagen gehören. Mythen von einem langen Weg oder überstandener schwerer Krankheit oder festem Glauben. Aber ein Scharlatan zu sein oder gar ein Spielverderber, das gehört dazu eher nicht.

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KINDER AN DIE MACHT.

Die grünen und gelben Gören dürfen sich jetzt einen Papa suchen. Armin oder Olaf. Mutti ist ja weg. Es stehen Elternhäuser bei den Schwarzen und den Roten zum patchwork bereit.

So geht FAMILIE heute. Die Kids suchen sich passende Eltern. Eindeutig waren für Erstwähler die FDP oder die GRÜNEN die Präferenz. Die Zukunft ist grün oder gelb oder beides; der neue MAINSTREAM. Mich freut das eine, weil ich das andere nicht verhindern kann. Ein guter Gegensatz, dieses GELB-GRÜN. Kann der INFANTILISIERUNG Grenzen setzen.

Selbstbewusst verabreden sich schon jetzt Sohn und Tochter zur Vaterwahl. Lindner will zunächst mit Baerbock reden. Bevor sie sich für Armin oder Olaf als Familienoberhaupt entscheiden. Das ist frech und gefällt mir sehr.

Eh klar, dass das Amt für Äußeres an Baerbock geht (sie kommt ja aus dem Völkerrecht) und die Finanzen an Lindner. Kanzler kann Armin so gut oder so schlecht wie Olaf; beide begeistern mich als Persönlichkeiten noch immer nicht. Aber AMPEL wäre mir lieber.

Was wirklich passiert ist? Der Zusammenbruch der Union als Volkspartei: IMPLOSION. Die Union war nie eine klassische Partei, sondern ein Kanzlerwahlverein; diesmal ohne Kanzler. Die SPD ist eine (wiedererwachte) Partei, aber als solche für die Opposition geboren; diesmal zum Regieren gezwungen. So einfach. Olaf Scholz hat die SPD am Selbstmord gehindert, weil die CDU ihn gerade schon vollführte. Das war sein Kalkül. Alle SPD-Erfolge im Land sind CDU-Niederlagen.

Nun also sind die Kids die Spielmacher. Hoffentlich verdaddeln sie es nicht. Mangelnde Ernsthaftigkeit ist beiden gegeben. Keine reifen Charaktere, der Christian und die Annalena. Postpubertär, beide.

PS: Ich mag den Grönemeyer, diesen Sänger aus Bochum, von wo ich ihn kenne, nicht. Und KINDER AN DIE MACHT ist natürlich blanker Unsinn. Eine triviale Version des ROMANTISIERENS von Kindheit, unter der wir seit der Romantik des 19. Jahrhundert leiden. Ein verlogener Kitsch…Wie die HARIBO-Werbung, wo Erwachsene albern Kinder geben. Peinlich.

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Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint

So, so, lieber Helmut Kohl, die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands haben die Menschen im Osten gewollt. Der alte deutschnationale Traum fand durch Sie, Gorbatschow und Bush sen. seine Erfüllung?  Das ist eine billige Geschichtsklitterung. Die Wahrheit ist: Die maroden postkommunistischen Diktaturen sind in ganz Mittel- und Osteuropa aus Altersschwäche in sich selbst zusammengefallen. Und die Deutschen waren nicht vorne weg. Zentralverwaltungswirtschaften funktionieren einfach nicht. Regime, die die Menschen vor sich selbst beschützen wollen, halten nicht. Mit Deutschnationalem hat das alles rein gar nichts zu tun. Zwanzig Jahre Mauerfall, allgemeine deutsche Volksbetörung und Neuauflage der alten Lebenslügen: Man kann es langsam nicht mehr hören.

Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Gedenktagen: Wir begehen in wenigen Tagen den vierzigsten Jahrestag von Altamont. Wir erinnern uns an den Tod von Meredith Hunter. Sein gewaltsames Ende markiert den Tod eines Traumes vom besseren Menschen. Das ist für meine Generation so bedeutungsvoll wie die Attentate auf Rudi Dutschke, Robert F. Kennedy oder Martin Luther King, die zuvor geschahen. Wir sahen vor vierzig Jahren hier eine historische Serie; was eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber nicht ohne Berechtigung. Unser Glaube an das Gute in allseitiger Liebe und jedermanns Friedfertigkeit ging zu Bruch. Der unselige Rocker der Hell’s Angels, der damals Meredith Hunter abstach, hat Geschichte geschrieben. Wer war Hunter, was war Altamont? Wo war die historische Lektion?

Altamont war, obwohl fast vergessen, die bedeutendere Schwester des weltbekannten Woodstock. Die Hippie-Kultur feierte Urstände auf dem „Woodstock Music and Art Festival“ im August des Jahres 1969. Blumen im Haar statt Napalm auf Vietnam. Von freier Liebe und ewigem Frieden träumte eine Generation, die der Vietnam-Krieg wachgerüttelt hatte; so hieß damals das Afghanistan der USA. Die Lieder und Bilder aus Woodstock wurden zu den Leitmotiven einer Generation, die ihre Lebensweise als Kulturrevolution begriff. Zwischen haschischgeräucherten Zelten und buntbemalten VW-Käfern griffen Sex, Drugs and Rock `n Roll platz: give peace a chance. Wer das singen konnte, war ein besserer Mensch. Der Hippie-Traum währte kein halbes Jahr.

Die Rolling Stones wollten hinter dem Woodstock-Paradies im Staate New York nicht zurückstehen und planten ein Gratis-Konzert in Altamont,  Kalifornien. Auf einem kahlen Hügel an einer Rennbahn sollten 300.000 Fans den Rausch der „counterculture“ erleben dürfen. Die Ordnungsdienste hatte man den örtlichen Rockern, den Oakland Hells Angels, übertragen, gegen eine früh ausgezahlte Gage in Form von Freibier im Wert von 500 Dollar. Die Jackenjungs sollten die Generatoren für die Verstärker beschützen, mehr nicht. Man war alternativ und spontan in diesen Tagen: Ohne Sanitäranlage, ohne Lebensmittelversorgung, auf einer niedrigen publikumsnahen Bühne erlebten die Bands den sich aufbauenden Furor einer bösen Menge. Der Mob wollte Blood, Sweat & Tears. Die Idylle von Woodstock roch hier in Altamont nach Progrom. Mick Jagger hat seine seither notorische Angst in einem Satz zusammengefasst: „Wäre Jesus da gewesen, sie hätten ihn gekreuzigt.“

Die Rolling Stones verlassen mit diesem Tag die Gegenkultur und beschließen, ins professsionelle Show Business zu gehen. Aus der sozialen Bewegung wird ein Geschäft, eine Industrie. Dort sind sie, als ältere Herren, noch heute. Altamont vor vierzig Jahren, das war der heilsame Schock unserer Jugendkultur. Wer ihn verarbeitet hatte, war später auch im linken Lager davor gefeit, Freibeuterträumen nachzugehen. Wer vor vierzig Jahren Altamont verstanden hatte, wusste plötzlich um die Vorzüge des Gewaltmonopols in einem Rechtsstaat. Das klingt jetzt schon wieder wie auf einer der vermaledeiten Zwanzigjahrfeier zur deutschen Einheit; also lassen wir es dabei.

Quelle: starke-meinungen.de