Logbuch
KIRMES.
Auf dem Land, da ist ein einziges Mal im Jahr Kirmes; meist sehr nett, die Kinder freuen sich. In der großen Stadt nutzen sie jedes zweite Wochenende; jüngst für etwas, das Rave hieß. Dazu werden die Hauptverkehrsstraßen gesperrt und den Feierwütigen übereignet. Anwohner leben auf einem Kirmesplatz; nicht ständig, aber doch sehr oft.
Ich höre freitags die Provinz aus Tuttlingen anrücken und sonntags wieder heim ziehen, zwischenzeitlich bevölkern sie die AirBnBs. Man hört sie, die feiergeilen Schwaben, weil sie Rollkoffer hinter sich herziehen. Man fragt sich, wie man die billigen Kleidercontainer mit so nervigen Plastikrädern ausstatten kann. Und warum es die Gundula und den Sören aus Tuttlingen nicht selbst nervt.
Eigentlich ist Kirmes ja die Kirchweih, aber das wissen die schwäbischen Protestanten nicht, denen anders als den Juden oder den Moslems kein Tempel gegeben ist. Sie folgen dem Hinweis des Paulus, nach dem ihr Körper der Tempel des Herrn sei, in dem Gott wohne. Nun gut, warum statten wir diesen Heiligen Raum dann mit Amphetaminen aus vietnamesischen Laboren in Tschechischer Provinz aus?
Und hinterlassen nächtens den Inhalt von Magen und Blase in meinem Vorgarten? Ich frage für einen Freund.
Logbuch
DER TIEFE TELLER.
Wenn es eine Suppe auszulöffeln gilt, dann nehmen wir den tiefen Teller. Die Suppenschüssel ist natürlich nur ein Code für etwas anderes, das anzudeuten schon des übermenschlichen Mutes bedarf. Wenn nämlich jene, die heimlich die Macht im Staate haben, bemerken, dass sie verraten werden könnten, verabreichen sie Gift. So gibt man dann den Löffel ab. Deshalb sagen wir tiefer Teller, wenn wir das „imperium in imperio“ meinen. Muss aber unter uns, sprich geheim, bleiben.
Was soll der Quatsch? Nun, ich raune vom TIEFEN STAAT, möchte dabei aber nicht von ihm erwischt werden; also tarne ich mich vor der Weltverschwörung, indem ich über Porzellan rede, aber die Weltherrschaft meine. Grandioser Trick. Wer das jetzt krude findet, der ist noch nicht in die Welt der Verschwörungstheoretiker eingetaucht; er ist halt nur ein flacher Teller, eine Untertasse.
Ob ich was geraucht habe? Nicht am frühen Morgen. Anlass der Albernheit des tiefen Tellers ist eine Leserreaktion auf meine Bemerkung, dass ich ein gelernter Linker sei, der sich im zunehmenden Erkenntnisekel befinde. Man sagt mir noch weitere Desillusionierungen mit dem tiefen Staat voraus. Da ist er wieder der Topos der okkulten Verschwörung. Man wird gewarnt, wie einst die Katholische Kirche ihre Delinquenten vor dem Teufel.
Neu ist der Zauber nicht. Man sah die Illuminaten herrschen, sprich Freimaurer. Die sollen ihre Enttarner vergiftet haben. Oder Opus Dei. Das Judentum allzumal. Oder den militärisch-industriellen Komplex. Oder die Päderasten. Oder die Jungtürken. You name it. Die Angst vor dem tiefen Teller (zwinker, zwinker) ist eine Riesendummheit, die auf eine veritable Erkenntnis folgt. Beginnen wir mit dieser.
Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Eine bittere, aber sehr wesentliche Erkenntnis. Die Menschen sind zu ganz kolossalem Irrglauben in der Lage. Die Dinge können komplexer sein, als der Alltagsverstand vermutet, aber eben auch schlicht zufälliger Natur; kontingent. Deshalb ist die Fragestellung Kants so lehrreich, der fragt: „Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen?“
Wer mit der Kontingenz nicht leben kann oder will, weil er was vorhat, der lege den Propagandaklassiker der Verschwörung auf und male die Verschwörer so, dass man sie am liebsten gleich lynchen möchte. Um das Irre dieses gewollten Irrsinns vor Zweifel zu schützen, gebe man Realitätsmarker hinzu. Oder Histörchen, Kunde aus den guten alten Zeiten.
So ich gehe jetzt frühstücken. Porridge, sprich Haferschleim und zwar aus tiefen Tellern (zwinker, zwinker).
Logbuch
THURINGIA PERDITA.
Man rät mir, heute einen männlichen Politiker zu beleidigen, nachdem dies gestern mit einer Frau passiert ist. Das würde aber das falsche Prinzip feiern, indem es einen hohlen Proporz wahrt. Deshalb ohne Pejoration: Was haben wir falsch gemacht bei dieser Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands?
Lassen wir die unregierbaren Sachsen und Sorben mal außen vor. Oder die USA (unser Sachsen-Anhalt). Aber das Land Schillers und Goethes, Kerngebiet des besseren Deutschen? Da scheitert die altehrwürdige SPD an einer Drei-Prozent-Hürde? Die CDU abgeschlagen auf ein Fünftel? Der westliche Mainstream hat sich insgesamt marginalisiert. Eine neue Weimarer Republik erhebt ihr Haupt.
In Thüringen kommen die „Altparteien“ Westdeutschen Zuschnitts noch auf ein Drittel der Wählerstimmen. CDU, SPD, FDP, Grüne, alle zusammen. Die AfD wird stärkste Kraft werden, mit satten 30 Prozent. Und das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ bringt es aus dem Stand auf 20 Prozent. Zusammen die Hälfte aller Stimmen.
Im Klartext: Der fabelhafte Herr Höcke und die fabelhafte Frau Wagenknecht, eine gelernte Kommunistin und ein gelernter Faschist, könnten miteinander dieses Land regieren. Ein neuer Mainstream thüringischer Art. Alter Schwede. Hegels Jena und Goethes Weimar in den Händen dieser Gestalten. Da wird der Kandidat Bodo R. von der LINKS-Partei zur staatsbürgerlichen Hoffnung, voraussichtlich einer vergeblichen.
Ich habe den Wähler nicht zu schelten, aber Thüringen ist im Westen nicht angekommen. Unregierbar nach westlichen Standards. Man hat da was vergessen. Das müssen wir bei der nächsten Annexion eines Territoriums berücksichtigen.
Logbuch
Schwarz und Gelb: Knapp und schlapp an der Macht
Diese Wahl hat ein Ergebnis. Die großen Volksparteien laufen aus. Gestärkt sind die jeweils nächsten Partner. Alle kleinen Parteien können nun vor Kraft kaum gehen. Das hat mehr Sprengkraft als am Sonntagabend bemerkt wurde. Merkel freute sich über die „stabile Mehrheit“, die sie geschaffen habe, aber doch wohl mit einer dezimierten Union. Jetzt gibt es viele Zwerge, die den gleichnamigen Aufstand proben können. Eine siegreiche FDP macht nun Merkel zur Kanzlerin; die Union muss sich also die Macht beim Juniorpartner leihen. Schwarz-Gelb wird es werden, so sagt mit fester Stimme die politische Klasse in Berlin, wenn in den nächsten Tagen aus den Zahlen Politik gegossen wird.
Der Wähler hat gesprochen, und das politische System muss mit dem Ergebnis zurechtkommen. Es verbietet sich Wahlschelte, weil mit dem Konvolut von Wahlzetteln der Souverän dieses Staates seinen Willen bekundet hat. Selbst Adenauer hat mit einer Stimme Mehrheit regiert. Die SPD ist seinerzeit über die FDP an die Macht gekommen. Aber Deutschland erfährt nur einen halbherzigen Machtwechsel. Man kann den Gedanken nicht so recht an die Seite schieben, dass das Wahlergebnis nichts taugt. Der Wahlkampf war wahrlich kein rauschendes Fest, und trotzdem sitzen wir jetzt mit einem Kater da.
Das „gefühlte“ Ergebnis lautet, obwohl es nun noch reicht für eine bürgerliche Regierung, unentschieden; so war auch der Wähler, an die Ränder zerstoben, weil unentschieden. Der Wähler hat CDU wie SPD abgestraft, vor allem die jüngeren Generationen. Das ist eine Folge des Wahlkampfes, der vorsätzlich keiner war: im Schlafwagen an die Macht hat nicht funktioniert. Gelangweilt verliert sich die Republik an in das Bunte der Ränder.
Im Boxsport würden solche Kämpfe vom Ringrichter abgebrochen. Im Fußball gäbe es jetzt vielleicht ein Elfmeterschießen. Leider kennt unsere Verfassung so etwas nicht. Vielleicht sollten wir jetzt ein Urteil der Götter bemühen und Hühnerknochen werfen. Oder eine Münze drehen? Wer hat Schuld an dieser elenden Unentschiedenheit? Der liebe Gott, genauer gesagt der Altweibersommer, weil gutes Wetter die Wahlbeteiligung senkt? Die politische Klasse, weil sie durch das Vage an die Macht wollte? Die Steinmeier-SPD, weil sie mit einer bräsigen Sowohl-als-auch-Politik antrat und sich damit als Volkspartei endgültig verabschiedet hat? Der Wähler, weil ihm auch in der Krise jedwede wirkliche Kontroverse zuwider war? Ist dieses Land selbst schuld, weil hier immer noch Gemütlichkeit vor Geist und auch vor Geld geht?
Die Verliererin Merkel ist gesetzt, mag da kommen, was will. Und das ist, obwohl allgemein erwartet, eigentlich schon erstaunlich genug. Die nicht sonderlich attraktive Pfarrerstochter aus dem Osten, Kohls Mädchen, die Fürstin des Ungefähren, hat das politische Gesicht des Bürgertums und damit das Antlitz dieses Landes verändert. Nach den politischen Inhalten ist sie eine Kanzlerin der Sozialdemokratie, zumal wenn ihr die „stones“ Steinbrück und Steinmeier unter die Arme greifen. Und mit den „stones“ sah man sie im Wahlkampf, nur mit diesen. Eine Sehnsucht nach dem neoliberalen Ehrgeiz des gefallsüchtigen Westerwelle war nie bei ihr zu erkennen. Zu ihm floh trotzdem ein Teil des irritierten bürgerlichen Lagers, das nun die ungeliebte Parteivorsitzende Merkel wieder an der Macht sehen wird.
Was hat die Unionswähler an der CDU gestört, wo hadern diese Menschen mit Merkel? Wenn sie von sozialer Marktwirtschaft schwärmt, ist bei Merkel noch immer die Verwunderung der Ostdeutschen über das Erfolgsrezept der Wessis herauszuhören. Sie weiß gar nicht, dass Ludwig Erhard in der Bundesrepublik eine ungeliebte Figur war. Man versteht, warum für die Ostdeutschen der Begriff des Sozialismus diskreditiert ist, aber eben nur das Wort, nicht die Vorstellungswelt. Aber Merkel hat nicht nur die Union nach links verrückt, sie hat einen präsidialen Herrschaftsstil aus einem „girls’ camp“ geprägt, vor dem bisher jede Männerwut gescheitert ist.
Als Machthabende ist Merkel eine Schülerin Machiavellis, eine Physikerin der Herrschaft, und genau so prinzipien- und skrupellos, wie man das von jenen erwartet, die „gestalten“ wollen. Fluch oder Segen, diese Frau werden wir so schnell nicht los. Merkel wird dabei die Union spalten. Ob die Partei dann auseinanderbricht wie die SPD, wird man sehen. Aber die Sollbruchstelle ist erkennbar. Der konservative Teil ihrer Partei, insbesondere das katholische Lager, findet sich in dieser Führung nicht mehr wieder. Und der ordnungspolitisch bewusste Teil traditioneller Bürgerlichkeit, für den liberales Denken nicht nur ein Wohlfühl-Zeitgeist ist. Eine ähnliche Sollbruchstelle findet sich in der FDP, in der das sozialliberale Lager zurzeit zwar nicht das Sagen hat, aber vorhanden ist. Das Projekt Schwarz-Gelb ist erfolgreich, wenn Merkel Westerwelle erträgt, und die konservativen Wähler den Liberalen als Ko-Kanzler. Ausgemacht ist das nicht.
Innere Widersprüche dieser Art haben auch die anderen. Die erstarkten Grünen waren schon immer rot-grün, sofern sie aus der westdeutschen Linken hervorgegangen sind, und schwarz-grün, wenn es um ostdeutsche oder ökologische Wurzeln ging. Und gelb-grün sind sie auch, wenn es Dienstwagen bringt. Die Linkspartei verliert ihre SED-Historie und wird immer mehr sozialistisch und sozialdemokratisch und dann staatstragend; in Brandenburg liegt sie gleichauf mit der SPD. Da stehen weiterhin zwei heiratswillige Zwerge, allein zu nichts fähig, aber in wilder Ehe zu allem bereit.
Ob wir eine schwarz-gelbe Epoche erleben, darf bezweifelt werden. Aus der disparaten Struktur aller Parteien besteht thematisch eine Anschlussfähigkeit aller mit allen. Dem stehen die lauthalsen Erklärungen dazu entgegen, wer mit wem wolle oder nicht wolle. Es täte der Demokratie gut, solche Koalitionsabsichten würden vor der Wahl erst gar nicht ausposaunt. Und es tut der Demokratie jetzt gut, wenn die Vorfestlegungen niemand mehr ernst nimmt. Allerdings leben wir im Zeitalter nach Ypsilanti und Wortbruch wie Wahlbetrug stehen nicht hoch im Kurs. Machiavelli hatte für solche Befindlichkeiten kein Verständnis; er hat den Fürsten empfohlen, ihr Wort zu brechen, wenn es denn sein muss. Wenn CDU oder FDP an der Macht sind und doch an sich selbst scheitern, werden die Karten neu gemischt.
Wenn wir den Wähler in seinem Votum ernst nehmen, akzeptieren wir die neue Stärke der Kleinen als Auftrag, dass keine halbherzige Koalition lange halte und sich die Politik nach Inhalten neu sortiere. Das Land braucht einen erneuten demokratischen Aufbruch; das Land braucht Richtungsentscheidungen.
Quelle: starke-meinungen.de