Logbuch

DAS FACH.

Seit der Debatte um die letzte Seuche höre ich immer wieder den Ruf nach Experten. Dem Akademiker zaubert das ein ungläubiges Lächeln ins Gesicht. Über Wissenschaftsgläubigkeit.

Gestern habe ich mit einem Kollegen und alten Freund alle Professoren unseres gemeinsamen Fachs erörtert, also jene, die wir kennen und erinnern, also alle. Das Urteil fiel nicht gnädig aus. Genau genommen eine Bande von Idioten. Und wir haben es schon immer gewusst.

Natürlich kann das bei Licht betrachtet so nicht stimmen. Aber wir haben bei jenen, deren akademische Leistungen unbestritten sind, dann doch Makel im Persönlichen gefunden: „Kluger Mann, aber menschlich ein Arsch!“ Oder umgekehrt: „Ein ganz Netter, wissenschaftlich aber ein Wicht!“ Wenn es aus dem einen Blick nichts Vernichtendes gab, dann aus dem anderen. Vor unserem Urteil hatte keine Größe Bestand.

Eifersucht und Neid sind die wesentlichen Triebfedern der Wissenschaft. Jede Krähe hackt hier jeder anderen die Augen aus. Es herrscht Missgunst und der unbedingte Wille zum Rufmord. Dieser Humus ist es, der zu Fleiß und neuem Wissen antreibt. Nur der Zorn hält den Akademiker nächtens wach und lässt die Tasten klappern. Man verachte mir die niederen Motive nicht; sie schaffen oft Gutes.

Gleichzeitig ist man in dieser rigorosen Konkurrenz natürlich eine selbstverliebte Gemeinschaft. Wir sind alle Töchter und Söhne jener weisen Mutter namens ALMA MATER, was zu deutsch stillende Mutter heißt und den universitären Busen meint, an dem man großgezogen wurde. Deren Kinder loben sich als ALUMNI, zu deutsch Zöglinge. Berufsständische Idylle.

Kinder der Weisheit, aber schlecht erzogene. Hinter jedem Lob lauert eine Gemeinheit. Eigentlich eine Schlangenbrut.

Logbuch

DER LANGE MARSCH.

Die Grünen sind an der Spitze der Macht angekommen und man sieht, wie das Haar unter der Verantwortung grau wird. Darunter gute Leute und wirkliche Talente.

In meiner Jugend ging von den rebellischen Studenten, die sich rot, sprich als Sozialisten und Außerparlamentarische Opposition (APO) verstanden, eine eigene Revolutionsromantik aus. Dabei wurden Metaphern geschaffen, die das revolutionäre Vorbild Chinas unter Mao Tse Tung glorifizierten und zugleich zu kleiner Münze machten. Das gilt besonders für den von Rudi Dutschke propagierte „langen Marsch durch die Institutionen“.

Was immer damit gemeint war, es begleitete jene, ehemalige Revoluzzer, die es sich auf Posten des öffentlichen Dienstes bequem machten. So konnte man das Recht auf Faulheit im Staatsdienst genießen und sich zugleich als politische Avantgarde fühlen. Dazu hätte ich Dutschke gern mal gehört, ob das nicht ein durch und durch reformistisches Unterfangen war. Reformen waren den Revolutionären verpönt.

An den LANGEN MARSCH denke ich, als ich den Behördenleiter der Bundesnetzagentur auf einer Pressekonferenz höre. Ein grünes Urgestein, das es geschafft hat. Vor der Tür steht ostentativ sein Daimler mit Fahrer. Um das klar zu sagen: Der Mann hat einen wirklichen guten Eindruck gemacht. Beachtlicher Vortrag zur Gasmangellage, die seine Behörde vermeiden sollte. Er sieht sich in der Agenda zum Ersatz von russischen Pipeline-Gas und weiß sich eins mit dem Bundeswirtschaftsminister. Der milde Winter hat beiden geholfen.

Der Mann war mal grüner Landesminister in Kiel und hat dann bei Verbraucherschutzverbänden gewirkt, 16 Jahre lang, wie er wiederholt erwähnt. Sein langer Marsch, sagt mir ein Grüner, der mal eine WG mit ihm geteilt hat. Im Rausgehen grüßt er eine der Anwesenden, eine Spur zu herzlich, fällt nicht nur mir auf. Ein Konfident raunt mir zu: „Die kennen sich aus Kiel.“ Tjo, der lange Marsch.

Logbuch

GLÜCKSELIGKEIT.

Das Gründungsdokument aller modernen Staaten ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1774, mit der die Kolonien die britische Herrschaft abschüttelten. Das ist 15 Jahre vor der Französischen Revolution. Großgrundbesitzer und Sklavenhalter priesen unveräußerliche Menschenrechte. Auch das Streben nach Glück.

Wie kommt eine solche Rührseligkeit in einen wirtschaftlich und politisch stocktrockenen Vorgang? Das Streben nach Glück zu ermöglichen, sei Zweck jedweder Regierung, sprich Staatsauftrag. Das ist doch schräg. Was mag den Autoren Thomas Jefferson geritten haben, eine solche Sentimentalität da neben dem Recht auf Leben und Freiheit reinzuschreiben? Während er selbst übrigens Sklaven hielt und schwängerte.

Ich habe es noch mal nachgeschaut. Dort steht: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. That to secure these rights, Governments are instituted among Men.“ Regierungszweck.

Zufällig sehe ich jetzt, wo die Gefühlsduselei herkam. Das war originäres Gedankengut der FREIMAURER. Jefferson hatte dort seine Wurzeln. Ich durchblättere ein Spätwerk von Lessing, weil Studentinnen mir erzählen, man habe ihnen in der Wolfenbütteler Bibliothek verklickert, Lessing sei zum Feiern jede Woche nach Braunschweig gezogen. Nur zum Saufen eine Tagesreise? Das glaube ich nicht. Da hätte er auch nach Wöltingerode gehen können, wo Nonnen Schnaps brennen, zu der Zeit.

Lessing hat in Braunschweig eine FREIMAURER-LOGE besucht, vermute ich. Aber das ist, wie der Freimaurer Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es unterhalten sich bei Lessing zwei Figuren über die „bürgerliche Gesellschaft“ und deren Vorzüge. Dabei fällt der Satz: „Alle bürgerlichen Staatsverfassungen sind nichts als Mittel zur menschlichen Glückseligkeit.“ Daher kommt er also, der Happiness-Dusel bei den Amis. Dan Brown, bitte übernehmen Sie.

Logbuch

Schwarz und Gelb: Knapp und schlapp an der Macht

Diese Wahl hat ein Ergebnis. Die großen Volksparteien laufen aus. Gestärkt sind die jeweils nächsten Partner. Alle kleinen Parteien können nun vor Kraft kaum gehen. Das hat mehr Sprengkraft als am Sonntagabend bemerkt wurde. Merkel freute sich über die „stabile Mehrheit“, die sie geschaffen habe, aber doch wohl mit einer dezimierten Union. Jetzt gibt es viele Zwerge, die den gleichnamigen Aufstand proben können. Eine siegreiche FDP macht nun Merkel zur Kanzlerin; die Union muss sich also die Macht beim Juniorpartner leihen. Schwarz-Gelb wird es werden, so sagt mit fester Stimme die politische Klasse in Berlin, wenn in den nächsten Tagen aus den Zahlen Politik gegossen wird.

Der Wähler hat gesprochen, und das politische System muss mit dem Ergebnis zurechtkommen. Es verbietet sich Wahlschelte, weil mit dem Konvolut von Wahlzetteln der Souverän dieses Staates seinen Willen bekundet hat. Selbst Adenauer hat mit einer Stimme Mehrheit regiert.  Die SPD ist seinerzeit über die FDP an die Macht gekommen. Aber Deutschland erfährt nur einen halbherzigen Machtwechsel.  Man kann den Gedanken nicht so recht an die Seite schieben, dass das Wahlergebnis nichts taugt. Der Wahlkampf war wahrlich kein rauschendes Fest, und trotzdem sitzen wir jetzt mit einem Kater da.

Das „gefühlte“ Ergebnis lautet, obwohl es  nun noch reicht für eine bürgerliche Regierung, unentschieden; so war auch der Wähler,  an die Ränder zerstoben, weil unentschieden. Der Wähler hat CDU wie SPD abgestraft, vor allem die jüngeren Generationen. Das ist eine Folge des Wahlkampfes, der vorsätzlich keiner war: im Schlafwagen an die Macht hat nicht funktioniert. Gelangweilt verliert sich die Republik an in das Bunte der Ränder.

Im Boxsport würden solche Kämpfe vom Ringrichter abgebrochen. Im Fußball gäbe es jetzt vielleicht ein Elfmeterschießen. Leider kennt unsere Verfassung so etwas nicht. Vielleicht sollten wir jetzt ein Urteil der Götter bemühen und Hühnerknochen werfen. Oder eine Münze drehen? Wer hat Schuld an dieser elenden Unentschiedenheit? Der liebe Gott, genauer gesagt der Altweibersommer, weil gutes Wetter die Wahlbeteiligung senkt? Die politische Klasse, weil sie durch das Vage an die Macht wollte? Die Steinmeier-SPD, weil sie mit einer bräsigen Sowohl-als-auch-Politik antrat und sich damit als Volkspartei endgültig verabschiedet hat? Der Wähler, weil ihm auch in der Krise jedwede wirkliche Kontroverse zuwider war? Ist dieses Land  selbst schuld, weil hier immer noch Gemütlichkeit vor Geist und auch vor Geld geht?

Die Verliererin Merkel ist gesetzt, mag da kommen, was will. Und das ist, obwohl allgemein erwartet, eigentlich schon erstaunlich genug. Die nicht sonderlich attraktive Pfarrerstochter aus dem Osten, Kohls Mädchen, die Fürstin des Ungefähren, hat das politische Gesicht des Bürgertums und damit das Antlitz dieses Landes verändert. Nach den politischen Inhalten ist sie eine Kanzlerin der Sozialdemokratie, zumal wenn ihr die „stones“ Steinbrück und Steinmeier unter die Arme greifen. Und mit den „stones“ sah man sie im Wahlkampf, nur mit diesen. Eine Sehnsucht nach dem neoliberalen Ehrgeiz des gefallsüchtigen Westerwelle war nie bei ihr zu erkennen. Zu ihm floh trotzdem ein Teil des irritierten bürgerlichen Lagers, das nun die ungeliebte Parteivorsitzende Merkel wieder an der Macht sehen wird.

Was hat die Unionswähler an der CDU gestört, wo hadern diese Menschen mit Merkel? Wenn sie von sozialer Marktwirtschaft schwärmt, ist bei Merkel noch immer die Verwunderung der Ostdeutschen über das Erfolgsrezept der Wessis herauszuhören. Sie weiß gar nicht, dass Ludwig Erhard in der Bundesrepublik eine ungeliebte Figur war. Man versteht, warum für die Ostdeutschen der Begriff des Sozialismus diskreditiert ist, aber eben nur das Wort, nicht die Vorstellungswelt. Aber Merkel hat nicht nur die Union nach links verrückt, sie hat einen präsidialen Herrschaftsstil aus einem „girls’ camp“ geprägt, vor dem bisher jede Männerwut gescheitert ist.

Als Machthabende ist Merkel eine Schülerin Machiavellis, eine Physikerin der Herrschaft, und genau so prinzipien- und skrupellos, wie man das von jenen erwartet, die „gestalten“ wollen. Fluch oder Segen, diese Frau werden wir so schnell nicht los. Merkel wird dabei die Union spalten. Ob die Partei dann auseinanderbricht wie die SPD, wird man sehen. Aber die Sollbruchstelle ist erkennbar. Der konservative Teil ihrer Partei, insbesondere das katholische Lager, findet sich in dieser Führung nicht mehr wieder. Und der ordnungspolitisch bewusste Teil traditioneller Bürgerlichkeit, für den liberales Denken nicht nur ein Wohlfühl-Zeitgeist ist. Eine ähnliche Sollbruchstelle findet sich in der FDP, in der das sozialliberale Lager zurzeit zwar nicht das Sagen hat, aber vorhanden ist. Das Projekt Schwarz-Gelb ist erfolgreich, wenn Merkel Westerwelle erträgt, und die konservativen Wähler den Liberalen als Ko-Kanzler. Ausgemacht ist das nicht.

Innere Widersprüche dieser Art haben auch die anderen. Die erstarkten Grünen waren schon immer rot-grün, sofern sie aus der westdeutschen Linken hervorgegangen sind, und schwarz-grün, wenn es um ostdeutsche oder ökologische Wurzeln ging. Und gelb-grün sind sie auch, wenn es Dienstwagen bringt. Die Linkspartei verliert ihre SED-Historie und wird immer mehr sozialistisch und sozialdemokratisch und dann staatstragend; in Brandenburg liegt sie gleichauf mit der SPD. Da stehen weiterhin zwei heiratswillige Zwerge,  allein zu nichts fähig, aber in wilder Ehe zu allem bereit.

Ob wir eine schwarz-gelbe Epoche erleben, darf bezweifelt werden. Aus der disparaten Struktur aller Parteien besteht thematisch eine Anschlussfähigkeit aller mit allen. Dem stehen die lauthalsen Erklärungen dazu entgegen, wer mit wem wolle oder nicht wolle. Es täte der Demokratie gut, solche Koalitionsabsichten würden vor der Wahl erst gar nicht ausposaunt. Und es tut der Demokratie jetzt gut, wenn die Vorfestlegungen niemand mehr ernst nimmt. Allerdings leben wir im Zeitalter nach Ypsilanti und Wortbruch wie Wahlbetrug stehen nicht hoch im Kurs. Machiavelli hatte für solche Befindlichkeiten kein Verständnis; er hat den Fürsten empfohlen, ihr Wort zu brechen, wenn es denn sein muss. Wenn CDU oder FDP an der Macht sind und doch an sich selbst scheitern, werden die Karten neu gemischt.

Wenn wir den Wähler in seinem Votum ernst nehmen, akzeptieren wir die neue Stärke der Kleinen als Auftrag, dass keine halbherzige Koalition lange halte und sich die Politik nach Inhalten neu sortiere. Das Land braucht einen erneuten demokratischen Aufbruch; das Land braucht Richtungsentscheidungen.

Quelle: starke-meinungen.de