Logbuch

HELDENSAGE.

Der Tisch ist übersät mit Konvoluten. Ganze Stapel ungeordneter Unterlagen liegen zwischen uns, immer wieder fischt mein Gegenüber einen Zettel heraus, liest kurz und setzt dann zu einer langen Erklärung an. Ein Ghostwriter braucht vor allem Geduld.

In Momenten der Verzweiflung über die nicht enden wollenden Ausschweifungen erinnere ich mich an das arabische Sprichwort, nach dem man die Wüste mit zwei Kamelen durchquert; die heißen Humor und Geduld. Als ich mich auf das Projekt einer Autobiografie einließ, war mir klar, dass es eine Hagiographie werden sollte. Ich hatte aber doch gedacht, neben dem Leben des Berühmten auch die Zeiten schildern zu können. The Life and Times of…

Ich lerne etwas über unsere Erinnerung. Es ist gar nicht so, dass die spektakulären Siege unsere Seele prägen; es sind die Niederlagen und Kränkungen, die erlittenen wie die zugefügten. Wenn die Wunden verheilt sind, hat Brecht gesagt, dann schmerzen die Narben. Was unser Gedächtnis nicht los wird, sind die Peinlichkeiten. Dagegen stemmt sich der Biograf, gegen das Trauma, dass das Leben aus Zufällen bestand und Patzern.

Ein großer Charakter wird entworfen, der die Stürme des Lebens bezwang, frei von Banalem, zu Höherem geboren. So ein Heldenmythos bedarf schon einiger Anstrengungen des Erzählers. Wir sind dem Fiktionalen ergeben. Der Zeitzeuge ist dabei eher im Weg, weil ihn bestimmt, was Freud VERDRÄNGUNG genannt hat. Sein Über-Ich hadert noch immer im Unterwussten mit dem Unzulänglichen; aber so baut man ja keine Heiligen. Wenn das Buch erscheint, wird nur der große Name genannt, kein Zweitautor oder Ghostwriter, eine Autobiografie eben. So verborgen steigt mein Mut zur Heldensage.

Nein, ich nenne keine Namen. Ohnehin ist die Sache vertraulich, muss hier also unter uns bleiben. Was den auszulobenden Helden angeht, so sind seinerseits Gewissensbisse eh nicht zu erwarten. Die Gewissheit des Heiligen, dass in ihm höhere Kräfte wirkten, wächst von Seite zu Seite. Wer bin ich, da zu widersprechen?

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ROCK&ROLLER.

Es wäre eigentlich unstattlich über einen älteren Herrn, der allgemein in Ungnade gefallen ist, ein Attribut zu verbreiten, wie jenes, dass er einer der letzten Rock&Roller gewesen sei. Das Wort stammt von Joschka Fischer, Grüne, und meinte Gerhard "Gerd" Schröder, der in diesen Wochen seinen 80. Geburtstag feiert.

Ich werde mich hier nicht über seine Verdienste als Kanzler äußern, auch nicht über die von ihm geförderte Energiepolitik, nicht über seine spätere Tätigkeit als Berater auch ausländischer Unternehmen oder sein Privatleben oder die strukturelle Schäbigkeit seiner Partei.

Was mir hingegen gefällt, ist ein Doppeltes, eine eigenartige Paradoxie im Protokollarischen. Zu einer Geburtstagsfeier ist eingeladen und ich lese von denen, die auf der Liste standen und zugesagt haben, in der Öffentlichkeit bereits Relativierungen ihres Verhältnisses zum zu Feiernden; feige Gratulanten. Und ich lese ebenso peinliche Anschmiegungen von Nicht-Geladenen, die gleichwohl ihre vermeintliche Nähe zur gefeierten Größe bewerben wollen.

Gerd, alter Sack, das ist nicht schlecht für einen Altersgenossen von Mick Jagger. Ach so, ich bin nicht geladen und falle unter das vernichtende Urteil über die zweite Kategorie, siehe oben.

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VERKOSTUNG.

Früher konnte ich Katalogen, die gedruckt in meiner Post lagen, nicht widerstehen. Insbesondere Antiquarisches oder auch nur Antikes oder Anglophiles wusste mich zu verführen. So ist eine Menge Gerümpel in meinen Besitz geraten, um sich nun als Staubfänger zu bewähren. Heutzutage sind es die Sonderangebote, die mich per Mail oder im Netz erreichen.

Es melden sich Weinhändler mit allerlei Tropfen edler Art und ich bin zu faul, um in den einschlägigen Lexika nachzuschauen, wieviel Punkte der jeweilige Kollege bei Parker oder Johnson hat. Daher ende ich oft bei Probierpaketen, deren bunte Mischung die Qual der Wahl ersparen. Professionell ist das nicht. Und wenn mir ein Wein gut geschmeckt hat, vergesse ich den Namen. Vom Connaisseur bin ich Welten entfernt.

Kürzlich hatte ich Zeit und fahre am Tag nach dem gelungenen Dinner zuhause ins Aldi zurück, um von dem guten Tropfen des Vorabends zwei, drei Kisten zu kaufen. Der hatte gerade mal fünf Euro gekostet. Nun, die schneiden die Kisten auf im Aldi, so dass Du die Pullen nur einzeln kriegst. Soll ich wie ein Penner mit einer klappernden Plastiktüte rumlaufen? So blieb es bei zwei Fläschchen.

Jetzt also bin ich auf ein Lockvogelangebot des Weinhändlers Tesladorf reingefallen und bestelle den besten Weißwein Frankreichs, 375 € die Flasche. Alter Schwede. Deren Trick: es gab nur zwei Pullen pro Kunde und das Paket brauchte zwei Wochen. Da war Ostern vorbei. Wie gesagt, wird heute Abend verkostet. Das begleitende Gericht ist noch offen.

Weinpreise. Du kriegst heute im Einzelhandel schon Trinkbares für unter zehn Euro. In der englischen Presse gibt es regelrechte Hitlisten für solche Schnäppchen auf der High Street. Und es gibt das Segment für knapp einen Fuffi, das Tradition hat, aber noch gemeine Handelsware ist. Ganz oben die raren Flaschen für fünfhundert. Im Restaurant mit dem Faktor drei, weil die Getränke die Speisen subventionieren. Kurzum man kann bei Wein jeden Preis finden.

Der Kenner hat es längst bemerkt, wir schwätzen hier von Weißwein. Ich mag keine roten, und wenn, dann nur kalt („très fraîche“). Aber Rotwein kann praktisch alles kosten. Ich bin mal zu einer Flasche Petrus eingeladen worden, in der Temperatur von Kinderpisse und mit einem Geschmack nach Kakao und alter Tennissocke. Der Chinese gießt sich da ja noch eine Cola mit rein. Nicht mein Ding. Morgen mehr zu dem weißen Franzosen.

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DESK SHARING.

Das Büro macht den Menschen. Dieser Satz ist nach meiner Erinnerung von Franz Kafka, dem großen Literaten des Bürokratischen. Nach dem sogenannten Home-Office (Heimarbeit) werden die Menschen zwar ein- oder dreimal in der Woche zur Befehlsausgabe ins OFFICE-OFFICE zurück müssen, aber die Zeiten des eigenen Büros, die sind ein für alle Mal vorbei. Dabei war das Büro früher nicht nur Rückzugsmöglichkeit und quasi-privat, es war ein echtes Status-Symbol.

Ich erinnere mich noch gut an meine Überraschung, als ich an meinem ersten Arbeitstag bei der Aral AG in Bochum feststellte, dass mein Büro die Größe einer Tennishalle hatte und zum Innenhof hin eine deckenhohe Fensterfront mit vier großen Fenstern aufwies. Von meiner damaligen Sekretärin erfuhr ich, dass es im Haus 1-Fenster-Männer, 2-Fenster-Männer und 3-Fenster-Männer gebe. Ich aber war nun ein 4-Fenster-Mann, obwohl ich nach der Hierarchie nur den Dienstgrad des Hauptabteilungsleiters trug.

Das vermeintliche Wunder klärte sich sehr schnell auf, als am ersten sonnigen Sommertag die Klarglasscheiben über zehn volle Stunden der Strahlung ausgesetzt waren. Ich hatte zwar vier Fenster, aber keine Klimaanlage, und obendrein die Südseite. Ich war ein 40-Grad-Mann; die Kollegen spotteten. In dem Büro war es so unerträglich heiß, dass ich mir über eine „befreundete Werbeagentur“ ein Klimagerät besorgte, dessen Abluftrüssel aus dem halb geöffneten Fenster gehängt wurde, womit die Klimatisierung eher ein schlechter Witz als eine Freude wurde.

Aber nach dem sogenannten Home-Office ist die Welt der Büros zerstört. Zu groß sind die Kostenersparnisse. Daran geht niemand vorbei; jedenfalls kein Controller. Was wir künftig erleben werden, ist die Situation, dass sich jeder Mitarbeiter in einer kargen Halle (“Großraum“) aus einem Meer von blanken Tischplatten eine blanke Tischplatte wird aussuchen dürfen, an der er sein Tagwerk verbringt.

Nach dem Carsharing also das Desksharing. Immer wieder aufs Neue der demütigende Kampf um einen Sitzplatz, nicht ausgerechnet neben dem verhassten Teil der Kollegen. Reise nach Jerusalem im Büro. Nach diesem morgendlichen Kinderspiel, dann nachmittags die obligatorische Tatortreinigung: Aufstehen nur nach dem Aufräumen. Erst müssen alle kompromittierenden Spuren, dass man je an diesem Tisch saß, vernichtet werden. Clean-desk-Policy nennt sich das. Sagrotan. Das wird es gewesen sein mit Vertraulichkeit und Heimelichkeit. So bleibt die Belegschaft froh, dass sie den Rest der Woche wieder im häuslichen Wohnzimmer arbeiten darf.