Logbuch
HUGENPOET.
Von den Karteikarten aus Bielefeld: „Steinhaufen vs. Krötenpfuhl“. Kröte wie Frosch oder Huge. Gemeint ist mit Krötenpfuhl wohl nicht der Wein aus Bad Kreuznacht, sondern ein Froschteich, niederdeutsch HUGENPOET genannt. Der Kartenbekritzler: „Der Steinhaufen ist ein Menge, kein System. Er kann niemals Gegenstand der Soziologie sein. Der Krötenteich aber ist ein System mit Elementen, Funktionen und einer Struktur.“
Fasziniert davon, dass die Frösche quaken. Es sind die Männchen, die den Weibchen auch über weite Distanz und in tiefer Nacht signalisieren wollen: Hier ist eine wunderbare Pfütze, in die sich herrlich laichen ließe. Dann im System des LEBENDIGEN erst Laich, dann Kaulquappen, dann Frösche, die immer wieder an ihren Geburtstümpel zurückkehren. Und nachts quaken. Ein System der Selbsterhaltung.
HUGENPOET schreibt der Bielefelder sei AUTOPOIESIS. So versteht man endlich, was das mit der POESIS soll, es kommt von POET, dem Niederdeutschen für PÜTT oder PFUHL, im Englischen „pit“, ein Loch mit Wasser. Sumpf. Wo die Frösche quaken. Die Karteikarten in dem alten Büroschrank erweisen sich als Fundgrube.
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MAGENBITTER.
Ich möchte hier nicht über EMIL UNDERBERG sprechen müssen. Aber wir werden über BALSAM reden, den Bitter aus Riga, Lettland. Vorher aber eine wirkliche Rarität. Schon mal vom MAXIMINERHOF an der Mosel gehört? Das hochrühmliche Weingut Georg Schu. Ja, na gut.
Der Filius hat in Hannover die INSEL, ein Restaurant gehobener Klasse. Mit Gerd Schröder habe ich da manch einen genommen, und andere örtliche Figuren saßen dort rum. Also der Schu hat mir mal einen Mosel-Riesling aus dem elterlichen Gut kredenzt und ich habe am Tisch die letzten 120 Flaschen davon gekauft. Ein wenig großkotzig, aber der Weinkeller in Wolfsburg war groß genug.
Also, die Schus machen einen absolut edlen KRÄUTERSCHNAPS, vielleicht eine Idee zu nah an Likör, aber vom Feinsten. Warum heißt der Bitter nun aber MAGENBITTER? Eine argumentative Schleife des Marketing. Er soll wohltun. Geschenkt. Demnächst die Medizin aus Riga, BALSAM genannt.
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SCHATZ AUS BIELEFELD
Über Ebay von einem Umzugsunternehmen aus Bielefeld, das sich auf Behördenumzüge spezialisiert hat, einen Büroschrank günstig ersteigert. Schloss gestern endlich geöffnet ... Drinnen gut tausend Karteikarten. Handbeschrieben. Auf A5 verkleinerte DIN A 4 -Seiten. Eine wirre Zettelwirtschaft. Ich vermute aus dem Nachlass eines Professoren.
Man könnte alles einfacher und kürzer sagen. Viel Spielfreude. Mut zum Paradoxen. Auch schlicht Unsinn. Ich lese: „Mythen: in der Form des Erzählens nie erlebter ungewöhnlicher Ereignisse xxxxx (nicht leserlich) das Unvertraute im Vertrauten“. Vertrautheit als Kriterium der eigen Lebenswelt. Kryptische Verweise.
Natürlich ist es umgekehrt: Mythen erzählen das Vertraute im Unvertrauten. Alle Märchen, wie unerwartet sie auch beginnen mögen, landen doch stets beim Erwarteten. Sie erzählen immer nur die Volksseele, deren Urgründe.
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DESK SHARING.
Das Büro macht den Menschen. Dieser Satz ist nach meiner Erinnerung von Franz Kafka, dem großen Literaten des Bürokratischen. Nach dem sogenannten Home-Office (Heimarbeit) werden die Menschen zwar ein- oder dreimal in der Woche zur Befehlsausgabe ins OFFICE-OFFICE zurück müssen, aber die Zeiten des eigenen Büros, die sind ein für alle Mal vorbei. Dabei war das Büro früher nicht nur Rückzugsmöglichkeit und quasi-privat, es war ein echtes Status-Symbol.
Ich erinnere mich noch gut an meine Überraschung, als ich an meinem ersten Arbeitstag bei der Aral AG in Bochum feststellte, dass mein Büro die Größe einer Tennishalle hatte und zum Innenhof hin eine deckenhohe Fensterfront mit vier großen Fenstern aufwies. Von meiner damaligen Sekretärin erfuhr ich, dass es im Haus 1-Fenster-Männer, 2-Fenster-Männer und 3-Fenster-Männer gebe. Ich aber war nun ein 4-Fenster-Mann, obwohl ich nach der Hierarchie nur den Dienstgrad des Hauptabteilungsleiters trug.
Das vermeintliche Wunder klärte sich sehr schnell auf, als am ersten sonnigen Sommertag die Klarglasscheiben über zehn volle Stunden der Strahlung ausgesetzt waren. Ich hatte zwar vier Fenster, aber keine Klimaanlage, und obendrein die Südseite. Ich war ein 40-Grad-Mann; die Kollegen spotteten. In dem Büro war es so unerträglich heiß, dass ich mir über eine „befreundete Werbeagentur“ ein Klimagerät besorgte, dessen Abluftrüssel aus dem halb geöffneten Fenster gehängt wurde, womit die Klimatisierung eher ein schlechter Witz als eine Freude wurde.
Aber nach dem sogenannten Home-Office ist die Welt der Büros zerstört. Zu groß sind die Kostenersparnisse. Daran geht niemand vorbei; jedenfalls kein Controller. Was wir künftig erleben werden, ist die Situation, dass sich jeder Mitarbeiter in einer kargen Halle (“Großraum“) aus einem Meer von blanken Tischplatten eine blanke Tischplatte wird aussuchen dürfen, an der er sein Tagwerk verbringt.
Nach dem Carsharing also das Desksharing. Immer wieder aufs Neue der demütigende Kampf um einen Sitzplatz, nicht ausgerechnet neben dem verhassten Teil der Kollegen. Reise nach Jerusalem im Büro. Nach diesem morgendlichen Kinderspiel, dann nachmittags die obligatorische Tatortreinigung: Aufstehen nur nach dem Aufräumen. Erst müssen alle kompromittierenden Spuren, dass man je an diesem Tisch saß, vernichtet werden. Clean-desk-Policy nennt sich das. Sagrotan. Das wird es gewesen sein mit Vertraulichkeit und Heimelichkeit. So bleibt die Belegschaft froh, dass sie den Rest der Woche wieder im häuslichen Wohnzimmer arbeiten darf.