Logbuch
PROPAGANDA.
Was vom Tage übrig blieb. Ich habe gestern vor dem Einschlafen noch Nachrichten geschaut. Und davon geträumt. Die Sorge hat die Nacht überdauert.
Was hat mich gefreut? Der neue Botschafter Israels entstammt einer Familie Berliner Juden, die 1933 vor den Nazis fliehen mussten. Er hat gestern mit seiner Familie den ersten öffentlichen Auftritt auf dem Bebelplatz in Berlin arrangiert, weil dort eine der Bücherverbrennungen stattfand, die seiner klugen Großmutter damals gezeigt habe, wohin das Land getrieben würde. Das ist klug, weil damit begann der Völkermord, mit dem Verbrennen von Büchern. Mit Propaganda.
Was hat mich erzürnt? Ungarn befestigt die Grenze zum Balkan mit riesigen Stacheldrahtanlagen und der amtierende Innenminister äußert dazu offenen Rassismus. Sein Premier tut dies nur in Andeutungen, die aber verstanden werden. Die illiberale Demokratie (Selbstbeschreibung) will eine reinrassige (Selbstbeschreibung) Nation. Das kann Europa nicht tolerieren. Nicht schon wieder.
Wozu ich nix sage? BILD-TV bietet Thilo Sarrazin ein Forum; er habe ein neues Buch geschrieben. Auch ein Großmeister der Andeutung, die von den Seinen verstanden wird. Das habe ich nicht mal durch Kritik auch noch zu befördern.
Drei Nachrichten, ein Thema. Brecht: „Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
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TRANSPARENZ.
„Jetzt hilft nur noch unbedingte Transparenz!“ Ein Allerweltsspruch in Krisen, der dümmer nicht sein könnte. Ein Rat des Teufels, verloren, wer ihm folgt. Ein Erfahrungsbericht.
Wer beschuldigt ist und sich zu verteidigen sucht, dem wäre dafür Glück zu wünschen. Gehen dem Angreifer langsam die Argumente aus oder erlahmt das Interesse des Publikums, so hört man gebetsmühlenartig die Forderung nach mehr Transparenz. Ein vergifteter Rat, und zwar aus dem Mund des Angreifers.
Klären wir vorweg: In der Politik geht es um Macht, nicht um Recht; es geht schon gar nicht um das Seelenheil. Im Beichtstuhl darf ich als gläubiger Katholik erwarten, dass auf Selbstbezichtigung und Reue die Vergebung folgt. Das ist die Hoffnung des Sünders, der sein Herz ausschüttet und sich in den Händen eines gütigen Gottes weiß. Solcherart Gnade kennt Politik nicht. Und die hetzenden Hunde der Presse schon gar nicht, die der Blutfährte des verletzten Wildes nachjagen.
Der Wolf mag dem fliehenden Schaf raten, ihm doch weitere Mühen zu ersparen, durchschaut das Schaf diese List nicht, opfert es sich selbst. Wer sich verteidigt, klagt sich an. Im Englischen gibt es den wunderbaren Begriff des RED HERRING. Er stammt von der Rotwein-Essig-Tunke, in die der Fisch gammelte, bevor man sie auf der Fährte vergoss, um so die feinen Nasen der Jagdhunde zu irritieren. Ein Ablenkungsmanöver. In der Krise braucht man eine gute Geschichte, die die hetzende Meute tief verwirrt; das ist der RED HERRING im übertragenen Sinne.
Man macht sich nicht gläsern (das meint Transparenz ja), sprich nackig. Man wirft der Meute einen roten Hering hin. Essig auf die Spur! If you can’t convince them, confuse then. Wenn man die Einbildungskraft hat und die rhetorische Begabung, den kühlen Kopf und die starke Hand. Wo sich die Gegner wünschen, jeden Morgen neu eine Scheibe von der Salami schneiden zu können, bis der Kaiser ohne Kleider dasteht, knöpft man den Waffenrock zu und schlägt den Kragen hoch. Man folgt dem Brecht-Wort, nachdem man sich in solcher Not „streng an die Unwahrheit“ zu halten habe.
Und wenn auch das nicht mehr hilft? Gibt es noch ein Geheimrezept, das ich hier verraten könnte. Ja. Muss aber unter uns bleiben. ERINNERUNGSLÜCKEN. Ich habe mal einen Politiker, der sich mit der verdeckten Finanzierung seiner Partei („Bimbes“) beschäftigt hatte, in der Hauptverhandlung auf Vorhaltungen des Richters zwanzig Mal sagen hören: „Herr Vorsitzender, daran kann ich mich nun gar nicht erinnern.“ Wortgleich, in identischem hanseatischem Tonfall. Genial.
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DAS AMIKALE.
Eine Vetternwirtschaft nennt man, was Günstlinge sich gegenseitig Gutes tun. Küsschen links, Küsschen rechts. Willkommen in der Verwalteten Intimität zwischen „Freunderlwirtschaft“ und der Organisierten Kriminalität. Verliebt, verwandt, verschwägert, verschworen.
In der Leitung des RBB, so das neueste Gerücht, teilen sich zwei Damen die wichtigsten Ressorts unterhalb der Intendantin, die einander privat so zugetan sind, dass sie sich geheiratet haben. Wo? In den Diensträumen von Frau Schlesinger. Die lesbische Ehe geschlossen hat dort die damals amtierende Vorsitzende des Verwaltungsrates, eine Pfarrerin namens Friederike von Kirchbach. Wo die Hochzeitsnacht stattfand, steht sicher morgen bei den Investigativen von Springer. Nun sind die vier Damen keine Cousinen, womit Vetternwirtschaft dem Buchstaben nach unmöglich bleibt; aber wohl doch über das kollegiale Maß einander zugetan. Einander zugewandte Freundinnen eben. Willkommen im AMIKALEN.
Ich könnte weitere Geschichten erzählen, die man im Borchardt über die Inzucht im Sender von Tisch zu Tisch reicht, will es aber aus prinzipiellen Gründen nicht. Die Liebe (auch die auf Weihnachtsfeiern) ist ein Geschenk des Himmels, das keinerlei Spott verdient. Und Familienbetriebe sind das wirtschaftliche Rückgrat der Nation. Warum also dann keine Amigos und Amorginen, sprich AMIKALEN Verhältnisse, beim RBB? Eigentlich fühle ich mich dazu aufgerufen, die empathische bis promiske Freunderlwirtschaft zu verteidigen. Sie ist ja keine Ausnahme. Parteipolitik geht auch nicht anders; na ja, wenn man unterstellt, dass Hass auch Intimität erzeugen kann. Hassliebe ist es allemal, was Eliten nach innen bindet.
Eine Elite ist ein Klüngel, der sich selbst die Niedrigkeit seiner Motive vergibt. Das AMIKALE erbost ja nur die, die davon ausgeschlossen sind. So nennt der Lateiner den Feind schlicht „Nicht-Freund“ (inimicus). Immer noch klingt mir in den Ohren, wie der legendäre Mafia-Boss davon spricht, jemanden einen Gefallen zu tun, den dieser nicht ablehnen kann: Kill by kindness.
Man war sich „nah“ unter den AMIKALEN, aber es war ein Intrigenstadel. Ist es noch. Nähe kann auch Terror sein. Die „Familie“ der Mafia ist keine Idylle. Ich schließe mit dem Gruß „Freundschaft!“
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Völkische Beobachtung
Wenn der Wähler anders gewählt hat, als dies die Parteien oder die Medien von ihm erwartet haben, beginnt bei den Enttäuschten die Kritik an den Umfragen vor der Wahl, die nichts getaugt hätten. Die Erfolgsaussichten der AfD seien unterschätzt worden, wird von der Union verärgert festgestellt. Die SPD, schimpfen Sozialdemokraten etwa, hätte in Brandenburg 10 Prozentpunkte mehr erzielt, als ihr das Wahlforschungsinstitut Forsa vorhergesagt habe. Reumütige Journalisten versprechen nun reflexartig, bei der nächsten Wahl den Umfragen kein so großes Gewicht mehr einzuräumen. Unser Autor Klaus Kocks, selbst Meinungsforscher, hält das für Krokodilstränen. Je wankelmütiger der Wähler werde, desto einflussreicher sei die Demoskopie. Die Beobachtung des Volkes wandle sich zu einer Hilfsleistung zu dessen gezielter Beeinflussung.
Es gibt Herrschaftswissen in dieser Republik. Am Wahltag selbst erfahren die Wähler nicht mehr, wie die Demoskopen die Aussichten der Parteien beurteilen. Dabei gibt es dann genau dazu sehr verlässliche Zahlen. Die Umfragen bei Wählern unmittelbar nach Abgabe der Stimme liefern solche belastbaren Daten. Aber jene, die noch nicht an der Urne waren, sollen davon nichts erfahren, weil das ihr Abstimmungsverhalten beeinflussen könnte. Der Wähler ist wankelmütig geworden, Volatilität lautet der Unkenruf der politischen Klasse. Die Politiker selbst freilich erfahren diese Werte der „exit polls“. Einige von ihnen wissen so schon mittags, dass sie abends alt aussehen werden. Aber dem volatilen Wähler gegenüber herrscht eisernes Schweigen. Vor näherem Wissen um seine Mitwähler wird er fürsorglich beschützt. Ist es in Ordnung, dass die Bürger wie unmündige Kinder behandelt werden?
Meinungsforschung als Hilfe zur Manipulation
Prognosen sind insbesondere dann schwierig, wenn sie sich auf die Zukunft richten. Wahlforschung ist oft ein solches prognostisches Unterfangen. Man will vorhersagen können, wie der Wähler sich verhalten wird. Natürlich gibt es auch den Blick zurück, der ein Ergebnis analysieren will, wenn die Würfel schon gefallen sind, aber das ist eben nur eine Leichenöffnung, keine Vorhersage. Das Interesse an der Prognose ist radikal gestiegen mit einem Politikstil, der vor allem auf die Stimmen schielt und deshalb wissen möchte, was man den Menschen versprechen muss, damit sie ihr Kreuz an der richtigen Stelle machen. Es geht nicht mehr darum, wer die Wahl gewinnt, sondern wie man sie für sich entscheidet. „Gib Zeichen, wir weichen“, raunt diese Prinzipienlosigkeit in die Ohren der Demoskopen. Der große Erfolg der Populisten bei wankelmütigen Wählern zeigt die neue Möglichkeit, an die Macht zu kommen. Im Klartext: Wahlforschung wird immer mehr eine Hilfsdisziplin der Manipulation; und wenn sie so ist, verdient sie richtig Geld. Also ist die Versuchung groß. Die geschäftstüchtigen Demoskopen sagen flexiblen Politikern, was sie versprechen könnten, um volatile Wähler einzufangen. So wird Beratung zur Propagandahilfe.
Das Laienparadox: Wenige verstehen es, viele schwätzen
Wahlforschung hat von Hause aus nichts mit Propaganda zu tun. Sie ist eigentlich eine Disziplin einer ernstzunehmenden Wissenschaft, nämlich der Empirischen Sozialforschung. Deshalb ist sie objektiv, sprich der Interessenfreiheit und der Wahrheit verpflichtet. Das Unangenehme im Unterschied zu anderen Wissenschaften, deren Angehörige munter daherschwätzen, ist bei der Wahlprognose, dass es einen Stichtag gibt, an dem zweifelsfrei feststeht, ob sie recht hatte oder nicht. Auch das wäre eine Situation, die nur in Fachkreisen auf Resonanz stößt. Das eigentliche Problem der Empirischen Sozialforschung ist aber, dass sie an einem Laienparadox leidet. Ihre Methoden sind fachlich begründet und relativ kompliziert; ein „großer Methodenschein“ ist in einer universitären Ausbildung eine echte Hürde. Gleichzeitig glauben aber alle akademischen Schwätzer und alle Laien hier mitreden zu dürfen. Am schmerzlichsten sind jene Zeitgenossen, die zwei oder drei Fachwörter ihr Eigen nennen und daraus kritische Fragen entwickeln. Journalisten etwa fragen bei der Vorlage von Umfrage-Ergebnissen immer danach, ob die Ergebnisse wohl „repräsentativ“ seien und „wieviele Befragte“ es gegeben habe. Man glaubt, dass erst ab einer Fallzahl von 1000 alles in Butter sei. Was natürlich Unsinn ist. Aber Methoden kann man nicht mit Laien diskutieren (und es wird hier auch erst gar nicht versucht).
Politische Voreingenommenheit als Hausmarke
Forsa wird gerde wieder gescholten. Aber es ist, um es salopp zu sagen, ein guter Laden und sein Kopf, der legendäre Manfred Güllner, sicher eines der ganz großen Genies der Demoskopie. Er hat eine Honorarprofessur an der FU in Berlin, was ich immer für angemessen gehalten habe.
Ihm wird gerüchteweise ein Bonmot zugeschrieben, das sicher erfunden ist, aber eben sehr gut erfunden. Er soll Demoskopie (demos: das Volk, skopie: die Beobachtung) mal aus dem Griechischen als „völkische Beobachtung“ übersetzt und sich damit satirisch gegen das Demoskopische Institut in Allensbach von Altmutter Elisabeth Noelle-Neumann gewandt haben. Das sei nicht gänzlich unmotiviert, so das Branchengerücht, da die Dame 1940 eine Dissertation vorgelegt habe, der manche vorgeworfen haben, antisemitische Spuren zu enthalten. Im Nachkriegsdeutschland galten sie und ihr Haus als Hort konservativer Gesinnung. Mir gegenüber hat sie mal betont, dass es die Vorsehung gewesen sei, sie in die Meinungsforschung gehen zu lassen; kleiner hatte sie es nicht. Güllner dagegen ist ein „street dog“ und geborener Linker. Man sieht, dass, selbst wenn die Demoskopie eine Wissenschaft sein sollte, sie natürlich von Menschen betrieben wird, die für sich selbst eine politische Position ihr Eigen nennen. Kenner wissen, dass unterschiedliche Institute ihre jeweilige Voreingenommenheit für eine Tugend halten und als Marke kommunizieren. Allenbachs erfreute sich lange der Gunst der Union und Forsa soll Gerhard Schröder beraten haben. Ist also, kommen wir zur wirklichen Frage, die Demoskopie eine Gespielin der Politik?
Die Logik der Hammelherde
Einer der Gründungsväter der Demoskopie, der Österreicher Paul Lazarsfeld, der in den dreißiger Jahren in die USA emigrieren musste, hat ein wesentliches Grundgesetz des Wahlverhaltens erforscht. Dabei geht es um einen sogenannten Musikkapellen-Effekt und den Einfluss, den zunächst Medien und dann in der Folge Meinungsführer auf das Handeln der Bürger nehmen. Ich möchte es hier mal mit der Logik einer Hammelherde mit Leithammeln vergleichen. In dieser klassischen Theorie folgen die Menschen gerne einem Trend, den sie für erfolgreich halten, zunächst orientieren sich die Leithammel an den Medien, dann die Herde an ihren Führern. Man will nicht im Bett der Verlierer wach werden, weshalb man dem Werben der vermuteten Sieger folgt. Diese klassische Annahme gilt nicht mehr, zumindest für jene Menschen, die faktisch Populisten wählen, und zwar auch dann, wenn sie deren Meinungen gar nicht teilen. Willkommen im Lager der Protestwähler.
Der Wutbürger ist ein Zyniker
Das Wahlverhalten des Wutbürgers ist uneigentlich; er ist ein struktureller Zyniker. Eigentlich weiß er, dass Rassismus kein Weg und die Holocaust-Relativierung eine Ungeheuerlichkeit ist; zugleich sieht er aber, wie sich das sogenannte Establishment genau darüber aufregt. Das erfeut seine leidgeprüfte Seele. Dann wird der Feind seiner Feinde sein Freund. Er spielt mit dem Feuer, weil er meint, nur noch so sein Unbehagen mitteilen zu können.Und genau deshalb ist er ein schwieriges Objekt für die Wahlforschung: Nach seiner Präferenz gefragt, leugnet er oder lügt sogar. Sein Verhalten ist nicht zu prognostizieren. Er ist ein politischer Heckenschütze. Somit ist die Beobachtung der Völkischen eben nicht einfach.
Quelle: starke-meinungen.de