Logbuch
WITZIGKEIT.
Zynismus kann unterhaltsam sein, wenn er wie jede Ironie eigentlich das Gegenteil meint und nur Ausdruck von Weltschmerz ist. Zynismus kann aber auch jenseits dessen sein, worüber noch Spaß gemacht werden sollte, ohne am eigenen Gift zu verkommen. Über Massenmord aus Rassismus etwa mache ich keine Witze.
Ich habe mal in der Gefängniszelle von Nelson Mandela auf der Gefangeneninsel Robben Island gestanden, in der er fast zwei Jahrzehnte verbracht hatte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ermöglicht hatte mir den Besuch ein südafrikanischer Mitarbeiter, der mich auch durch ein Township genanntes Ghetto führte, hinter uns sechs schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Die Getränkeausgabe an einem öffentlichen Grillplatz war gesichert wie ein Knast, weil „last calls“ nicht immer befolgt wurden. Gewalt, Gegengewalt, bloße Anarchie, all das, war hier in jeder Form überpräsent.
Mein weißer Gastgeber, der sich über mein Interesse an Mandela wunderte, bezeichnete ihn als Verbrecher. Ein blutiger Terrorist. Bis heute weiß ich nicht, ob der Bure in meinem Team ein verdeckter Rassist war oder einfach nur klüger als ich. Und wie kann das ein Widerspruch sein? Ich erinnere auch schöne Safaris und die Tatsache, dass man in den Städten nachts an roten Ampeln nicht anhält, außer man will seine Karre loswerden. Strukturelle Gewalt und manifeste, vagabundierende Anarchie, das Erbe des wohl weißen Kolonialismus.
In Weißen Haus streiten jüngst der schwarze Präsident Südafrikas mit dem weißen Amerikas darüber, ob es einen Völkermord (sic) an weißen Farmern am Kap gibt, den die Regierung des ehemaligen Apartheidstaates staatlich stützt. Im Hintergrund ein Bure, der es über Kanada in die USA geschafft hat und das Narrativ als Verleger stützt. Es würde „Kill the boer!“ gesungen. Belegfotos stammen laut Ortskundigen allerdings aus dem Kongo.
Wir erleben einen leichtgängigen Gebrauch des Begriffs Genozid, der mit dem rhetorischen Gewicht, das er seinem Vorwurf geben möchte, wirklichen Massenmord aus Rassismus verharmlost. Das ist das eine.
Das andere ist, dass Ramaphosa im Oval Office bedauert haben soll, dass er Trump leider kein Flugzeug schenken könne, und der geantwortet haben soll, besser wäre es schon gewesen. Witzig?
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GRÜNE SPALTPRODUKTE.
Man kann nicht nur Uran spalten; da geht auch Grünes. Aus der Eifel wird aber leider ein Flop gemeldet; darüber schütteln wir den Kopf. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um. Hunderte von Wasserstoffbussen stehen mit leerem Tank rum; lese ich in der gleichen Zeitung. Freunde, dies ist das Land von Linde! Nein, nicht der Baum, der Chemiker.
Die wahre Wunderwissenschaft ist die Chemie. Der wirkliche Weise trägt einen weißen Kittel. Drei Beispiele fallen mir ein. Man kann Wasser mittels Strom in seine Bestandteile zerlegen und durch Atomspaltung ein supersauberes Gas erhalten, den Wasserstoff; macht man das dann noch mit grünem Strom, ist die schadstofffreie Zukunft gewonnen. Der Physiker scheitert am Perpetuum Mobile, aber der Chemiker nicht; er schafft Genuss ohne Reue.
Mein Herr Vater kam 1923 als Bergmannssohn zur Welt und bewarb sich 1937 bei der Ruhrchemie in Oberhausen-Holten als Laufjunge; daraus wurde ein Weißkittel, der Wunder zu vollbringen hatte. Man spaltete Luft und wandelte den so gewonnenen Stickstoff zu Kunstdünger. Klappt bis heute. Die Erträge der Bauern sprießen. Brot aus Luft. Das kann man bis heute.
Überhaupt gingen hier im Emscherbruch tolle Dinge. Die Arbeitskameraden Fischer und Tropsch arbeiteten Ende der dreißiger Jahre an der Verflüssigung und Vergasung von Steinkohle. So war man zur Gewinnung von Gas nicht mehr auf die elenden Kokereien angewiesen. Als der Sohn meines Vaters in den achtziger Jahren bei der Ruhrkohle AG war, knüpfte man daran wieder an, versuchsweise. Eine neue Generation von Weißkitteln. Heimisches Gas aus dem Pütt, nicht fremdes von Putin. So geht Vision!
Nicht Kohlenwasserstoffe oder Luft wollte man in der Eifel spalten, sondern Wasser (ein Sauerstoffatom, zwei Wasserstoffatome, H2O). Wasserstoff wird Erdgas ersetzen, das einst Stadtgas ersetzte. Grüner Strom wird speicherbar. Paradise now! Man braucht dazu nur eine Elektrolyse. Sie ahnen es schon, werte Zeitgenossen. Dem Elektrolysör ist das zu schwör. Das Ding lief nicht. E.ON mal wieder als E.OFF. Versuchsbetrieb eingestellt. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um.
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DER EWIGE GÄRTNER.
Anders als der Fliegende Holländer ist der Ewige Gärtner ein gleichmütiger Trottel, der, wenn er hinten fertig ist, vorne wieder anfängt. Er weiß um die Vergeblichkeit seines Tuns und ignoriert dies stets auf’s Neue. Mental ist der Gärtner Engländer und philosophisch ein Stoiker; vielleicht auch in allem ein dem Leben zugewandter Zyniker. Man weiß es nicht so genau, weil er wenig redet. In einer alten Kiste des Wintergartens versteckt sich eine Flasche guten Scotch. Er ist sonderlich und spricht mit einigen seiner Bäume. Nicht mit allen. Aus den Fallen für den Marder holt er tote Vögel und Mäuse. Sie würden Füchse locken. Er grübelt gelegentlich.
Vier Jahreszeiten sollen es sein, die das Jahr gliedern. Dieser Irrtum ist wahrscheinlich bäuerlichen Ursprungs. Vor allem, wenn damit die Vorstellung verbunden sein soll, dass es sich um gleichwertige Perioden handelt. Ich bitte das zu korrigieren.
Gestern sitze ich, nach längerer Abwesenheit versteht sich, in meinem Garten und es ist alles wieder da. Das satte Grün der Bäume, hier und da rot, die Blüte der Sträucher und der Rasen als Wiese. Beim Gras hat das Wachstum schon etwas Freches; er verlangt gemäht zu werden. Was war er im Herbst vermoost und vertrocknet, von Unkraut gezeichnet. Jetzt verdient er dank Blumen und Gräsern wieder das Lob als Wiese. Die Baumblühte verschwunden, die Früchte noch nicht da, begehen wir den Anfang des Sommers.
Man spürt, wie die mächtigen Bäume zu neuem Wachstum anheben. Wasser sollte genug sein; sonst hat der Schlauch nachzuhelfen. Alles im Ausdruck des Lebens, dem strikten Gegenteil des weißen Todes, den ein knackiger Winter zu bringen hat. Und geben wir es zu, zwischen diesen beiden gibt es nur elende Übergangszeiten. Der Herbst ist Wehmut über den verlorenen Sommer und der Frühling Hoffnung auf ihn. Man sollte seinen gesamten Jahresurlaub im Sommer zusammenziehen und nur die restlichen drei Monate arbeiten gehen.
Der Tourismus, dieses eigenartige Phänomen der Realitätsflucht, hat daraus die Konsequenz gezogen, unwirtliche Wüsten zum quasisommerlichen Aufenthalt anzubieten. Als bestünde die Glorie des Sommers darin, dass Hitze herrscht. Mit Kreuzfahrschiffen, diesen Lagern zur See, ist dann der Gipfel des Rudelurlaubs erreicht. Bleiben wir bei der Idylle, die die Jahreszeit uns schenkt und im eigenen Garten. Möge er lang sein, der Sommer.
Der Trost der Jahreszeiten liegt in der Garantie ihrer Wiederkehr; so das Leben hält, wird es einen weiteren Sommer geben. Und wenn nicht für den Einzelnen, so doch seine Kinder und Kindeskinder. Darin liegt ja das Verrückte des grünen Weltschmerzes, dass er mit dem Gedanken eines apokalyptischen Endes spielt. Natur endet nicht. Ich blicke auf die zahlreichen Ginkgo-Bäume in meinem Garten und erinnere mich daran, dass sie schon mit den Dinos da waren und noch nach Hiroshima; es fehlt mir die Fähigkeit zur Hysterie. Ich lobe den Gleichmut des Gärtners.
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Eigentum ist Diebstahl
Die Berliner Debatte um den Mietendeckel zeigt, dass die Partei der Linken ihr kommunistisches Erbe in Wirklichkeit gar nicht abgelehnt hat. Auch die SPD hat das noch in ihren Genen. Es wird wieder suggeriert, dass es ein allgemeines Recht geben müsse auf soziale Gleichheit. Man soll in besten Lagen auf Kosten anderer wohnen dürfen. Alles andere wäre Mietwucher, sprich ungerecht. Hinter dieser sozialen Gerechtigkeitsforderung steht für unseren Autor Klaus Kocks die Idee eines Naturrechts auf Enteignung.
Die Geschichte des Sozialneids ist lang. Schon Moses hat unter den Zehn Geboten, die er vom Berg Sinai mitgebracht hat, ein bis zwei dabei, die es untersagen, seines Nächsten Gut, Sklave, Rind, Esel oder Weib zu begehren; in welcher Reihenfolge auch immer. Ich höre, dass die katholische Kirche in der Folge den Neid zu den sieben Todsünden zählt; gute Idee, aber wohl ein zweckloses Unterfangen. Denn gegen das Neidverbot hat die Menschheit mit Sicherheit noch öfter verstoßen als gegen das Gebot, das den Ehebruch untersagt. Das fing früh an, nämlich mit den Kindern von Adam und Eva, also mit Kain und Abel, den feindlichen Brüdern, deren einer aus Neid dem anderen den Schädel einschlug.
Sozialneid als politisches Programm
Es geht mir aber hier nicht um menschliche Schwächen, sondern um das politische Kalkül auf Sozialneid, zu dem sich die Linke in besonderer Weise ermächtigt fühlt. Der französische Anarchist Pierre-Joseph Proudhon hat im 19. Jahrhundert den Titel dieses Freibriefs zur Enteignung erfunden: „Eigentum ist Diebstahl.“ Der Klassenkampf des Marxismus-Leninismus hat diese Vorstellung auf die Ausbeutung der Arbeiterklasse zugespitzt und den privaten Besitz an den Produktionsmitteln zum Knackpunkt erklärt. Überführe man die Produktionsmittel in Gemeineigentum, so sei der Grundwiderspruch des Kapitalismus aufgehoben. Bessere Zeiten stünden demnach dann unweigerlich an. Man fragt sich, was in der DDR und der UdSSR schiefgelaufen ist. Insbesondere, wenn man die Verwahrlosung des öffentlichen Wohnungsbaus im Osten kannte und im Kontrast dazu die Liebe und Fürsorge für die Datsche, das kleine private Häuschen im Grünen. Es sind nicht die hehren Ideen von den neidfreien Menschen, die den Kommunismus unsympathisch machten; er funktionierte bisher nur leider nicht im wirklichen Leben.
„Die Gruben in Volkes Hand!“
Sozialneid steht politisch immer auf der „ moralisch richtigen“ Seite. Georg Büchner aus dem damals gar nicht so beschaulichen Darmstadt hat es schon 1834 auf den Punkt gebracht: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Das Motto steht in seinem „Hessischen Landboten“, mit dem der Vormärz-Dichter die Landbevölkerung zum Kampf gegen die adelige Oberschicht aufrufen wollte. Es ging um Enteignung des Grundbesitzes. Darauf sollte es ein Naturrecht geben, fand er. Und mein Großvater Heinrich Kleine, ein sehr früh schwerbeschädigter Bergmann, hat genau hundert Jahre später in Oberhausen einen lateinisch anmutenden Spruch an eine Fabrikmauer gepinselt, der ihn fast ins Gefängnis gebracht hätte. Der muntere Invalide wollte die Kohlegruben in Volkes Hand sehen und pinselte eine Parole der Kommunisten, nämlich: „Expropriiert die Expropriateure!“ Ich habe mich schon als Kind über die Wortwahl gewundert und mich gefragt, woher er den Zungenbrecher hatte. Heute weiß ich es: KPD-Jargon. So wurde Teddy Thälmann zitiert. Aber auch der war eigentlich kein Lateiner.
Was die Fremdwörter verbergen, das ist ein moralisch verwerflicher Umkehrschluss: Wenn die anderen gestohlen haben, so darf ich auch stehlen. Das frühere Unrecht soll das künftige heilen. So denken die Umverteiler bis heute. Ich beginne hier gar nicht die Debatte, ob die Hypothese des initialen Diebstahls („ursprüngliche Akkumulation“ bei Karl Marx) zutrifft oder nicht. Die Dinge sind nicht ganz aus der Luft gegriffen. Der Kern der politischen Zustimmung, den die Kommunisten und Sozialisten für ihre Enteignungsfantasien erfuhren, war die wirklich prekäre Lage der arbeitenden Klasse. Unter miserablen Bedingungen schufteten sich die Menschen die Seele aus dem Leib. Kinderarbeit war gang und gäbe. Es reichte nicht mal zu dem, was Friedrich Engels die Reproduktion der Arbeitskraft genannt hat.
Gleiches Recht für alle, nicht gleiches Auskommen
Die historische Linke glaubte der Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten ein Enteignungsbegehren politisch entgegenstellen zu sollen. Es entstanden historisch Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie mit dem Anspruch, für die Arbeitskraft einen angemessenen Preis durchsetzen zu können, vulgo einen gerechten Lohn. Auch in der sozialen Marktwirtschaft blieb die soziale Frage bestehen, bis heute; wer das leugnet, der ist ein Zyniker. Der Anspruch, dass wir im Osten wie im Westen ein Volk sind, darf aber nicht meinen, dass nun die Faulen Anspruch auf die Früchte der Arbeit anderer haben. Auch nicht, im biblischen Sinne, auf dessen Frau und Kind. Auch nicht auf eine erneute Versteuerung bereits versteuerter Einkommen, vulgo Vermögenssteuer genannt. Es gibt kein Naturrecht auf Enteignung.
Demokratie beruht auf Privateigentum
Was die demokratische Verfassung des Staates in unseren Tagen veränderte, war die Rechtslage. Allerdings muss man sie auch durchsetzen wollen. So haben Konzerne Steuern zu bezahlen wie einfache Bürger. Weil die Steuerpflicht eine Rechtsvorschrift ist. Es besteht rechtliche Gleichheit, aber eben nicht nur als Anspruch, sondern auch als Pflicht. Teil dieser Rechtsgleichheit ist die Garantie des Privateigentums, das zugleich dem Gemeinwohl zu dienen habe. Über diesen Doppelcharakter wird jetzt wieder gestritten. Mir bleibt als Bürger dieses Landes von jedem verdienten Euro noch fünfzig Cent; akzeptiert. Bitte dann aber auch bei Herrn Facebook und Frau Starbucks.
Dem Gemeinwohl verpflichtet
Zurück zur Frage des Mietwuchers in begehrten Lagen (nur dort findet er statt). Wo liegt die mittlere Linie zwischen Gewinnstreben von Investoren und dem Interesse von Mietern an bezahlbarem Wohnraum? Nicht in einem Zwangsregime überforderter Staatsdiener in Wohnungsverwaltungsbehörden. In der Vielfalt des Angebots. Wie immer. Die Monopolsituationen ruinieren die soziale Marktwirtschaft. Wenn ein Vermieter seine Bude nicht los wird, muss er die Preise senken. Oder er hat Leerstand, also gar nichts verdient. Wenn ein Mieter die Preise in der begehrten Lage nicht bezahlen kann, muss er in die nicht ganz so gute ziehen. Auch in Berlin gibt es Regionen, in denen die Mieten seit Jahren nicht gestiegen sind. Wo liegt der Knackpunkt? Darin, dass hier das Angebot größer ist als die Nachfrage. Also muss man Leute ermuntern, ihr Geld ins Bauen zu stecken. Angebot erhöhen! Das exakte Gegenteil erreicht das kommunistisch animierte Regime der Enteignung, das die Linke wieder errichten will: zurück in den wohligen Mief verfallender Altbauten.
Quelle: starke-meinungen.de