Logbuch

UNSERE DAMEN.

Was in der Sprache der PR eine „event location“ ist, das dürfte mit der Wiedereröffnung von NOTRE DAME in Paris klar sein, es sind die Bretter, die die Welt bedeuten, der Theaterboden, auf dem ein Stück aufgeführt wird. Die Medien konzentrieren sich in Paris auf die Bilder mit dem alten und nun wiedergewählten Präsidenten der USA, Donald Trump. Auch seine Begleitung durch den Unternehmer Elon Musk wird ins Zentrum der Berichterstattung gerückt. Das deutsche Staatsoberhaupt sitzt in der zweiten Reihe und bleibt unbeachtet.

Darf ich erwähnen, dass es sich bei NOTRE DAME um eine Kathedrale handelt? Das ist ein katholisches Gotteshaus. Es entstammt dem 12. Jahrhundert; es ist damit ein Ikon des europäischen Christentums. Selbst die Französische Revolution hat es nicht geschliffen, sondern zum TEMPEL DER VERNUNFT umfirmiert. Dazu muss man angesichts des Marienkultes um unsere LIEBE FRAU schon tief Luft holen, aber doch ist der Ort dadurch nicht wirklich geschändet.

Nun also der Tanz um das Goldene Kalb. Man macht sich in deutschen Medien Sorgen um unseren Ruf in der Welt, weil der Scholzomat auf den Götzenbildern fehle und die vielversprechende Außenministerin. Und der Architekt der deutsch-russischen Gas-Allianz nur in der zweiten Reihe hocke, unbeschienen von den Blitzlichtern, die die Welt bedeuten. Diese Sorge teile ich nicht.

Ich bin unmusikalisch in Dingen der Religion, aber doch nicht wirklich zu Gotteslästerungen aufgelegt oder zu Krönungsgottesdiensten. Ich wähle diese meine Worte mit Bedacht. Man wird wissen, was ich meine, wenn bei einem künftigen Event mein Vaterland wieder in der ersten Reihe sitzt und die Blitzlichter unsere Damen erleuchten, Frau Le Pen mit Frau Meloni, zusammen mit der deutschen Kanzlerin Alice Weidel, begleitet von der Außenministerin Frau Wagenknecht.

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BRO HAT BEULE.

Ich wollte es unkompliziert regeln. Mir ist ein Trottel auf dem Parkplatz in die Karre gefahren und ich erreiche bei seiner Versicherung niemanden am Telefon; Mail haben die noch nicht. Man schreibt Briefe. Nach Wochen ein Anruf von einem Prepaid-Handy und die Nonchalance von jemandem, der mich „Bro“ nennt, im Getto kurz für Bruder. Mail geht nicht, Post sind die leicht im Rückstand; ich soll ja nicht zum Anwalt gehen, sondern „Fotto von Handy“ schicken, dann macht er mir Termin bei Beulendoktor.

Früher hieß der ideale Versicherungsvertreter HERR KAISER und war ein kreutznetter Nachbar. Die Verbraucher hatten die Geschichte dank extensiver TV-Werbung gelernt. Ich kenne das auch von einem Professor für Versicherungswesen, der sagt: „Versichern lässt man sich vom Norbert von Nebenan.“ Das hängt mit einer Vertriebsstruktur zusammen, die sich des Maklerwesens bedient. Dort sind die wirklichen Sitten weniger romantisch. Der Makler nimmt erstmal Provision, gern und gut.

Ich kenne einen einschlägigen Schergen aus Hannover, der das Motto dieses Vertriebsunwesens mit „anhauen/umhauen/abhauen“ beschrieben hat. Aber es geht mir heute nicht um Drücker und die Struckis (so heißen die Halbseidenen in den Strukturvertrieben). Es geht mir um die normalen Tante-Emma-Läden, die Versicherungsvertrieb noch immer ausmachen; in einer Zeit da selbst ALDI nicht mehr „commodity“ ist und AMACON das Vorbild für „retail“, Vorbild des ambitionierten Einzelhandels.

Die Branche der Finanzdienstleistungen nennt zeitgemäße Vertriebe „Direktversicherung“, typisch für residuale Finanzverwaltungen im Modus des Franz Kafka: das Normalste wird als Defizitprodukt verhökert. Direkt, weil kein Herr Kaiser und keine Tante Emma. Nur (!) AMACON und Check24. Eine wirkliche Tür würde aufgeschlagen, wenn die Direktversicherung als der Premiumabschluss gelte. Sie könnte das, wenn sie wollte. Wir warten aber noch auf die SMARTE Welt; Versuche wie „wefox“ waren das ja irgendwie nicht.

Aber auch dazu will ich eigentlich nichts sagen; nachvertragliche Treuepflicht. Aber versuchen Sie mal bei einem Schadensfall mit ihrem Herrn Kaiser zu telefonieren; Sie werden nicht mal Tante Emma erreichen. Ein Insider sagt mir, es gehe telefonisch in Festnetz nur noch mit Geheimnummern. Die Chance, dass Sie stattdessen in Anatolien bei einem remigrierten Kreuzberger Drücker landen, stehen nicht schlecht. „Hast Du Beule, Bro? Hab isch Doktor für!“ Bei dem Gedanken, dass die auch mein Steuergerät einstellen, wird mir übel.

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PECH UND SCHWEFEL.

Gestern war NIKOLAUS. Da taucht bei uns ein türkischer Lümmel mit einem Schornsteinfeger namens Ruprecht als Amazonbote auf und wirft Pakete ab. Kaum in der Stube verweist der Bärtige darauf, dass er der WEIHNACHTSMANN sei und auf die Pronomen „er / sein“ höre. Der Schornsteinfeger hat es nicht so mit den Pronomen, sondern dem Pech, dass ihm als Ruß das Antlitz verfärbe, weshalb seine Firma in Holland als „zwarte piet“ firmiere. Pechschwarz.

Da sind wir mitten im Minenfeld der „political correctness“ oder des „woken“. Es bedarf der Aufklärung. Beginnen wir mit den Pronomen. Ich darf mich dazu äußern, weil ich vor Professor Roland Harweg („Pronomina und Textkonstitution“) im Gebiete der Linguistik ein Rigorosum mit „summa cum laude“ abgelegt habe und in Unterschied zu der allpräsenten Dame aus Hannover („Praktische PR“) weiß, wovon ich rede. Das Possessivpronomen heißt nicht „er/sein“, sondern, jedenfalls an der Ruhr, „ihm/sein“. So fängt es mal an: Ihm sein Pronomen war schon falsch. Ihm sein Fehler.

Dann hat es schon Martin Luther nicht gefallen, dass ein gelernter Heide aus Anatolien für die Beschenkung zuständig wurde, der vorgenannte Santa Claus. Nicht nur, weil dessen Gehilfe aus dem Schornstein nun wirklich kein Vorbild für die Dekarbonisierung war, so von Ruß und Pech gekennzeichnet. Vor allem weil er, Luther, den Götzendienst zu verachten fand, der vom 24.12. ablenkt. Dem ihm seine Idee war daraufhin, dass es ein CHRISTKIND gebe, dass für den Amazontag zuständig sei. Das Christkind beschert unter‘m Baum. Richtig?

Grammatisch ist das (!) Christkind ein Neutrum („es / sein“), geschlechtlich ein Maskulinum, da „Gottes Sohn“ oder der der Maria (wenn auch nicht des Josef, was eine andere Geschichte ist). In allen bildlichen Darstellungen erscheint der Bengel aber eher als feminin, jedenfalls blondgelockt („sie / ihr“). Watt denn nun?
Die Variante eines Hermaphroditen verwerfe ich als gotteslästerlich. Unzweifelhaft ist danach aber die Frage berechtigt, welche Pronomina man sich für sich wünsche.

Bleibt nur noch der Komplex um den Emissionsbeauftragten und seine Identität. Wenn dessen Kollege demnächst wieder bei uns auftaucht (wir heizen auf dem Land mit Buchenholz), werde ich ihn fragen, ob er als Schornsteinfeger gelesen werden möchte. Ich bin auf dem ihm seine Antwort gespannt.

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Der Staat ist ein zartes Wesen

Die innenpolitischen Vorgänge in Italien zeigen eine Zerbrechlichkeit des Staates, die die EU erschreckt. Es ist eine Illusion, dass die Nation jenseits der Alpen historisch gewachsen sei und der Staat deshalb stabil. Gerade die rechtspopulistische Lega Nord, die sich inzwischen nur noch „Lega“ nennt hat lange Schimpf und Schande über den Süden des Landes verbreitet. Auch der Aufstieg der sprichwörtlichen Organisierten Kriminalität wird der fehlenden Staatsgewalt in den Provinzen zugerechnet. Unser Autor Klaus Kocks vertritt die These, dass Staaten schützenswerte Wesen sind und großer politischer Sorgfalt bedürfen.

Schwarze mit braunen Schatten

Dass die CDU eine innere Debatte darum hat, ob die Zukunft in der Mitte oder weiter rechts des politischen Spektrums liegt, das stört mich nicht. Diese Strömungen gibt es in der Gesellschaft, ergo soll man sie auch erkennen können. Ebenso akzeptabel finde ich, dass der eher reaktionäre Teil der Konservativen, früher haben wir ihn die Stahlhelmfraktion genannt, sich klar zu erkennen gibt. Insofern also kein Wort gegen Hans-Georg Maaßen, den Mann mit den notorisch zu kleinen Brillengläsern.

In meiner Jugend hießen manche Fürsten der Finsternis zum Beispiel Alfred Dregger und sie kamen oft aus  Hessen, wo die Schwarzen auch schon mal braune Schatten warfen. Ich habe immer an die Aktualität des Brecht-Wortes geglaubt, das er nach dem Zusammenbruch des Faschismus als Warnung ausgesprochen hat: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Was mich am Fall Maaßen nachdenklich stimmt, ist, dass der Mann der oberste Verfassungsschützer war, bevor er stürzte, weil er Merkel zu widersprechen gewagt hatte (übrigens möglicherweise in der Sache zu Recht). So also sieht die Behörde, die den Staat zu schützen hat, von innen aus. An der Spitze eine Elefant im Porzellanladen.

Kein Leviathan, ein zartes Wesen

Was wir vom Staat als Institution denken, ist nicht erst durch die Preußen versaut, von Anfang an lag unser Verständnis daneben. Schuld ist ein gewisser Thomas Hobbes, der uns schon im 17. Jahrhundert die Staatsidee als Leviathan verkauft hat. Das meint ein allmächtiges Ungeheuer, das über die zivile Gesellschaft wacht. Die Idee geht so: Die Bürger delegieren das Gewaltmonopol an den Staat und leben, nach diesem Verzicht, untereinander friedlich.

Diese Idee hat Charme; wird sie nur unvollständig umgesetzt, leidet der zivile Charakter. Das versteht die politische Linke notorisch nicht: Es gibt keine halben Gewaltmonopole. Man sieht das tagtäglich in den USA, in denen das private Recht zum Waffenbesitz, -tragen und -gebrauch den Wilden Westen bis heute erhält. Aus Skepsis gegenüber dem (Bundes-) Staat hält sich dort eine Hoffnung, sein Recht zur Not durch eigenen Schusswaffengebrauch durchsetzen zu können, eine milde Form der Anarchie. Der Staat ist aber ein höchst zerbrechliches Wesen, eine Gestalt aus Delfter Porzellan, die mit höchster Vorsicht zu handhaben ist. Unsachgemäß angefasst oder gar hin und her geschubst, zerbricht er. Und aus der milden Form der Anarchie kann eine nicht ganz so sanfte hervorgehen. Oder eine Diktatur, die den Staat Verbrechern ausliefert. Über diesen Scherbenhaufen des zerbrochenen Staates verliert die Gesellschaft ihren zivilen Charakter.

Brexit: die Zerschlagung Britanniens

Dies sind nicht nur kräftige Worte; sie beruhen auch auf bösen Erfahrungen. Das Vereinigte Königreich hat sehr lange in einem inneren Kriegszustand gelebt. Der sogenannte Nordirlandkonflikt, ein blutiger Bürgerkrieg zwischen katholischen Kräften, die sich eher der Republik Irland zugeneigt fühlen als den Engländern, und den protestantischen in Nordirland, die sich als loyal gegenüber London begreifen, konnte erst durch das „Belfast-Abkommen“ oder „Good-Friday-Agreement im Jahr 1998 beendet werden. Die Terrororganisation IRA stellte das Bomben ein und ihre Anhänger wollten Nordirland als Teil des United Kingdom zusammen mit den orange-gefärbten Englandtreuen friedlich regieren. Es steht viel auf dem Spiel, wenn der Austritt des UK aus der EU dazu führt, dass die Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland eine harte EU-Außengrenze wird und wieder eine Insel und ein Volk zerreißt.

Der unverhandelte Austritt Großbritanniens aus der EU („no-deal-brexit“) wird, das ist meine Befürchtung, den britischen Staat erledigen, und zwar vollständig. Ohnehin ist er eine hoch volatile Konstruktion aus Schotten, Walisern, Nordiren und Engländern, die dann weiter erodieren wird. Schottland wird seine Unabhängigkeit suchen. Wales, das bisher vollständig am Tropf der EU-Landwirtschaftssubventionen hängt, kommt ins Trudeln. Und Irland, die Republik, wird im Inselreich eine Bastion europäischer Prosperität, was die ohnehin schlecht verheilten Wunden der imperialen Gentlemen in Westminster aufreißen wird. In meinem englischen Club sind sich alle einig: chaos to come. Aber das schreckt eben nicht jeden. Die englische Oberklasse ist zu Zynismus in der Lage.

Staaten sind keine Nationen

Großbritannien ist kein Sonderfall. Beispiel: Belgien ist ein Konstrukt, ein Vielvölkerstaat, jedenfalls keine homogene Nation. Jetzt müssen alle Patrioten ganz stark sein: Auch Deutschland war sehr lange keine Nation, sondern ein wilder Haufen. Das unterscheidet Deutschland von England und Frankreich. Diese beiden haben zumindest für drei, vier Jahrhunderte eine zentralistische Staatsform, in der in London und Paris die Uhren gestellt wurden. Das deutsche Vaterland war ein Sehnsuchtsprojekt. Insofern ist die deutsche Nation zunächst ein Projekt der bürgerlichen Aufklärung. Das Vaterland wurde von diesen Protagonisten als Republik gedacht als ein Gemeinwesen, das den Unrechtszuständen der Adelsherrschaft entrungen werden musste. Dieser Patriotismus will Demokratie und er denkt darin auch den Minderheitenschutz als unerlässliche Tugend. Man darf sich den Blick darauf nicht durch die zwölf Jahre der NS-Herrschaft verstellen lassen, die Nation als Volksgemeinschaft durchzusetzen suchte; diese aber ist eine vernichtungswillige Diktatur, die den Staat zum Handlanger von Verbrechern macht.

Es gab da einen Dichter in meiner alten Heimatstadt Wolfsburg, der die Sehnsucht der zersplitterten deutschen Lande in einem Lied zusammengeschrieben hat, namens Hoffmann. Sein „Deutschland, Deutschland über alles“ ist Ausdruck eines patriotischen Wünschens angesichts einer schwachen Nation und eines fehlenden Staates. Wir singen heute eine andere Strophe dieses Liedes als Nationalhymne, weil die Nazis den Gebietsanspruch des Hoffmannschen Wunschtraumes mit einem Angriffskrieg Wirklichkeit werden lassen wollten.

Unsere Nationalhymne ist Ausdruck des Bestrebens, einen bürgerlichen Staat zu bekommen, indem man eine Nation erträumt. Sagen wir es klar: Ein Staat ist eine juristische Konstruktion, die auf den tönernen Füßen einer politischen Konstruktion steht, nämlich der einer Nation. Diese selbst ist aber weder historisch homogen noch ethnisch noch sonst irgendwie. Denn die Nation ist eine Narration, ein ideologisches Konstrukt, das die Künstlichkeit des Staates wegsimulieren soll. Deshalb ist der Patriot möglicherweise ein anständiger Mensch und der Nationalist ein Spinner, immer. Das weiß jeder, der so gerne wie ich in das Elsass fährt, weil die Weine ausgezeichnet und die Küche, na was, deutsch ist. Sauerkraut. In Frankreich. Alles klar?

Quelle: starke-meinungen.de