Logbuch
SCHWEDENKISTE.
Zu den ungeklärten Traditionen der ILLUMINATEN gehört der sagenumwobene Band X aus der SCHWEDENKISTE, jene Sammlung, die von Gotha nach Stockholm und später Moskau gewandert ist, um schließlich nach Merseburg zurückzukehren.
Ich habe Zweifel, dass die russischen Archivare damals den Originalband zurückgegeben haben. Man wird eine Hochzeit veranstaltet haben zwischen authentischem Material, geschickten Fälschungen und natürlich Auslassungen. Das ganze Konvolut geschickt neu mit altem Material gebunden.
Insbesondere die IM-Erklärung von GOETHE scheint mir gefälscht. SCHILLER, der wäre dafür anfällig gewesen. Aber nicht GOETHE; glaube ich nicht. Dazu war der feiste Bonvivant zu feige.
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BISSCHEN SCHWUND.
Der Mensch ist begabt, nach Höherem zu streben. Siegreich berührt er Gipfelkreuze in ungeahnter Höhe. Die Krone der Schöpfung. Ein leerer Wahn.
Bei der Besteigung eines Achttausenders sind fünfzig Bergsteiger über einen verunglückten und gerade sterbenden Hochträger gestiegen, ein Teil dabei dann schon über dessen Leiche, weil es galt, das Wetter auszunutzen. Der Sherpa ist in seinem Seil kopfüberhängend in den Abgrund hängend verreckt. Man hatte das kommen sehen, weil er nur unzureichend ausgerüstet war.
Ich kann mich über die Sensationen dieses Typs nicht mehr richtig empören. Allenfalls erwähnenswert, wie von dem Wahn nur noch die reine Form bleiben kann. Das ist nicht mehr Wandern oder Sport, es ist Wahnsinn. Sieger sein über die Natur. Übrigens sind schon neunzig weitere Opfer dem K2 genannten Gipfel geschuldet. Ich erinnere ein Treffen mit Reinhold Messner und meine Verstörung darüber, wie leer der Mann ist.
Nehme mir vor, heute mal was Wesentliches zu machen. Auf der 17. Juni vor dem Ernst-Reuter-Platz steht bei Wind und Wetter ein Wohnungsloser, der den an der Ampel haltenden Autofahrern die Obdachlosenzeitung anbietet. Gestern bin ich an ihm vorbeigefahren, weil ich gerade telefonierte. Das ist sonst nicht meine Art. Ich fahr heute mal eigens da lang.
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SCHÜLER*INNEN.
Ich vermute, es war der wortgewaltige Martin Luther, der die SCHÜLER des Jesus von Nazareth mit dem Begriff JÜNGER belegt hat. Schräg. Es waren seine Anhänger, Gefolgsleute, Lehrlinge, Fans. Und den Nachfolgern dann auch Augenzeugen. Von mir aus auch APOSTEL (Gesandte); aber da bin ich mir nicht so sicher.
Im Englischen nennt man die 12 Gesellen DISCIPLE, was dem Lateinischen für SCHÜLER entspricht. Mein Lateinlehrer pflegte uns stets mit „Salve discipuli!“ zu begrüßen. Wir antworteten im Chor: „Salve magister!“ Moin Schüler, Moin Lehrer. Darüber sinniere ich, den amtierenden Papst im Fernsehen sehend; was für ein bräsiger alter Sack ganz eigener Bigotterie.
Die Katholischen unter uns mögen mir verzeihen, dem Agnostiker. Aber ich habe noch härteren Stoff. Jesus soll nur mit Kerlen abgehängt haben? Glaube ich nicht. Ich habe nicht nur jene Zeugnisse gelesen, die die klerikalen Bonzen anerkannt haben (die zwölf Jungs), sondern auch die Apokryphen, verworfene Zeugnisse der Lehrlinge (siehe oben). Danach ist die männliche Linie, nach der Jesus nur mit Typen rumgemacht hat, strittig.
Die apostolische Linie des Petrus bis hin zu dem heutigen Papa ist nämlich nur eine Variante. Es gibt auch eine Mama-Linie. Der Nazarener war begleitet von drei Frauen. Da war seine Mutter, Maria, genannt die Jungfrau. Und da war seine Schwester (soviel zum keuschen Status der Unbefleckten). Und da war seine Geliebte Maria Magdalena. Das war sein hood. Der Geltungsanspruch der boy group ist daher mehr als wackelig.
Wer hat den Auferstandenen zuerst gesehen? Keiner der Kerle! Seine Konkubine! Ich sage nur: „Peck mich nich an!“ Besser bekannt als „Noli me tangere!“ Warum hat er das zu Maria Magdalena gesagt? Na, wegen alter Gewohnheiten. Dem patriarchalischen Konkurrenzkampf, der darauf folgte, ist die Diskreditierung der Maria Magdalena als Prostituierte zu verdanken. Männlicher Chauvinismus. Es kann sein, dass Jesus mit den Jungs essen war, sogenanntes Abendmahl; aber gelebt hat er mit den Weibern, nämlich Mama, Schwesterchen und Geliebter.
Gemälde des 17. Jahrhunderts zeigen Maria Magdalena noch halbbekleidet. Und ich muss sagen, der Alte hatte echt Geschmack.
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Propaganda: der Appell an die niedersten Instinkte
Angela Merkel hat ihre Solidarität mit amerikanischen Politikerinnen erklärt, die der amtierende Präsident rassistisch geschmäht hatte. Das Merkel-Wort ist international bemerkt worden, zumal die betreffenden Politikerinnen zum Teil selbst Rassismus pflegen und keine unumstrittenen Figuren sind. Aber die Frage war, ob Ethnizität, die rassische oder nationale Herkunft, jedenfalls die Hautfarbe, ein hinreichender Grund sein kann, jemanden zu expatriieren und seiner Menschenwürde zu berauben. Unser Autor Klaus Kocks geht den Niederungen der Propaganda nach.
Einem russischen Philosophen verdanke ich einen Gedanken, den ich als Zettel an die Pinnwand über meinem Schreibtisch gehängt habe. Er lautet: „Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden.“ Das ermutigt mich, wenn ich mal ganz schlecht drauf bin. Man muss nicht ein Sklave seiner niedersten Instinkte sein, sagt der kluge Mann. Man kann sich am Riemen reißen und die krankhaften Gefühle aus Willenskraft überwinden. Etwa, um nicht üblen Vorurteilen nachzugeben und sich stattdessen einem klugen Gedanken zu widmen. Der Spruch gibt mir Zuversicht. Erstaunlich, dass jemand auf so etwas Nettes kommt, der eingeklemmt zwischen Polen und Litauen in einem russischen Zipfel namens Kaliningrad gelebt hat. Ein Iwan also.
Würde des Menschen
Ich habe da noch einen zweiten Zettel hängen. Er stammt von einem Itaker aus der Po-Ebene, das ist eine Landschaft im Norden Italiens. Er hieß Giovanni Pico della Mirandola und konnte neben dem heimatlichen Italienisch noch Arabisch, Hebräisch und Aramäisch, schrieb aber in Latein. Ein Kosmopolit also (schon verdächtig). Der Spruch lautet: „Quando possumus si volumus.“ Ich habe das Zitat mal bei einem anderen Mediterranen gefunden, einem gewissen Udo di Fabio, der hochgestellter Richter bei uns war und Professor in Bonn. Zu deutsch heißt das Motto: „Weil wir können, wenn wir wollen“. Es geht um Willensstärke und Vernunftbegabung. Pico ist berühmt geworden mit einer sehr grundsätzlichen Rede über die Würde des Menschen. Dieser schwammige Begriff der Menschenwürde ist die zentrale Kategorie unserer Verfassung, sprich des Grundgesetzes. Das ist schon deshalb verwunderlich, weil es ein unbestimmter Rechtsbegriff ist, der Interpretationen nicht nur erlaubt, sondern geradezu verlangt. Er meint jedenfalls sicher, dass unsere Menschenwürde darin besteht, dass wir einen Willen haben (können), der über unsere niedersten Instinkte hinausgeht.
Iwan? Itaker?
Darf man einen Bürger Russlands Iwan nennen? Einen Italiener Itaker? In meiner Jugend waren solche Begriffe noch üblich, weil sich niemand um das scherte, was man heute „political correctness“ oder kurz „pc“ nennt. Es herrschte im Westen Deutschlands ein massiver Antikommunismus, in dessen Fahrwasser man Russen schimpfen konnte, wie man wollte. Wer es da an Feindlichkeit vermissen ließ, erschien verdächtig und wurde aufgefordert. „Geh doch rüber!“ Gemeint war die SBZ, die Sowjetisch besetzte Zone. Und auch den Italienern gegenüber herrschte im Nachkriegsdeutschland noch eine fremdenfeindliche Skepsis. Eine italienische Eisdiele galt damals noch als wirklich exotischer Ort. Und von einer Pizza habe ich zum ersten Mal gehört, als ich, noch in Kinderschuhen, durch Venedig schritt, das man aus einem Urlaub im befreundeten (!) Österreich besuchte. Heute weiß ich, dass die italienische Renaissance zu dem wertvollsten gehört, was meine kulturelle Tradition zu bieten hat. Ich schätze die mediterranen Wurzeln meines Vaterlandes, in dem germanische Wilde erst spät von den römischen Heeren von den Bäumen geholt wurden. Udo di Fabio ist ein belesener Vordenker und Rechtspolitiker. Ja, und ich schätze Russland und meine russischen Freunde, die ich später in meinen Jahren in der Gaswirtschaft dort kennengelernt habe. Ach so, und Immanuel Kant, der eingangs zitierte Aufklärer aus Königsberg, war natürlich Preuße, obwohl seine Geburtsstadt heute auf russischem Territorium liegt.
Fremdenfeindlich
Ich wurde an Kant erinnert, als ich einen Wortwechsel mit einem ehemaligen Botschafter Russlands auf einer politischen Veranstaltung in Brandenburg hatte. Der geschätzte Herr äußerte sich in einem Tenor über die Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland, die auf mich fremdenfeindlich wirkte. Das fand ich komisch, dass sich ausgerechnet ein Russe ausgerechnet in der ehemaligen DDR mir gegenüber xenophob äußerte. Ich stellte ihm folgende Frage: „Herr Botschafter, meine Familie stammt aus Masuren. Mein Urgroßvater ist in das Ruhrgebiet zugewandert, weil er Pferdeverstand hatte und die Rösser im Bergbau benötigt wurden. Er hat es also vorgezogen, in den Pott zu ziehen, statt in Masuren zu verhungern. Ostpreußen ist heute russisches Staatsgebiet. Was bin ich nun? Russe oder Deutscher? Jedenfalls bin ich Enkel eines Migranten.“ Das war natürlich eine rhetorische Frage. An der Ruhr, im sogenannten Pott, sind alle Migranten, außer einigen rheinisch-westfälischen Dörflern, die hier schon vor der Industrialisierung hausten. Erst kamen die Ostpreußen, dann die Iren, dann die Polen, dann die Türken. War das harmonisch oder kulturell homogen? Unsinn, Reibereien zwischen den Ethnien waren an der Tagesordnung. Aber es ist gut gegangen. Knapp. Mein protestantischer Großvater hat immer über die katholischen Polen gelästert, weil ihm deren Kult um die Heilige Barbara auf den Keks ging. Hat man im Pütt zusammengearbeitet? Nun, Kumpel zu sein, das war eine Gefahrengemeinschaft. Jeder musste sich auf jeden verlassen können. Die Iren an der Ruhr waren übrigens die Technologieträger. Die konnten schon Tiefbergbau, als hier noch die westfälische „Zeche Eimerweise“ herrschte. So wie in den Westerwald die Belgier kamen, um als „Welsche“ den örtlichen Dörflern das Verhütten der Erze beizubringen.
Schickt sie zurück? Wohin?
Es hat in vorigen Jahrhunderten Migration aus Deutschlands Armenhäusern gegeben, vorwiegend nach Amerika, dem großen freien Einwanderungsland. Aus der Pfalz stammen die Ahnen von Donald Trump. Woher seine jetzige Ehefrau stammt, will ich hier nicht weiter erörtern, weil dies zu Missverständnissen führen könnte. Wir alle sind Migranten, es wurde schon gesagt, außer einigen Dorfdeppen, die schon immer am Ort hausten, weil sie leider eben zu blöd waren, sich ein besseres Leben zu suchen. Und wir alle haben eine Vernunftbegabung ebenso wie niedere Instinkte. Zu den Instinkten der untersten Kategorie gehören Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass. Natürlich kann es den Impuls geben, dass ich den unduldsamen Fremden nicht mehr dulden mag. Oder dass ich den religiösen Fanatiker in seine Schranken weisen möchte. Natürlich ist es unerträglich, wenn Mitbürger anderen Menschen wegen des Geschlechts oder der Religion oder der Rasse die Menschenwürde absprechen. Wie aber antwortet man darauf? Expatriieren? Ausweisen? Vernichten? Was der amtierende amerikanische Präsident gerade zeigt, ist die übelste Variante möglicher Propaganda. „When they go low, we go lower!“ Ich höre und sehe das und schaue auf meine beiden Spickzettel. Nicht mit mir. Nicht in meinem Namen.
Quelle: starke-meinungen.de