Logbuch
SEINES GLÜCKES SCHMIED
Die USA sind, lerne ich, eine Meritokratie. Wenn da einer was geworden ist, dann verdankt er das sich selbst. Jeder ist dort seines Glückes Schmied. Will sagen: Wer nicht reich ist, der hat selbst Schuld.
Zum amerikanischen Traum gehört der Tellerwäscher-Mythos. Wir reden vom großen Glück des Niedriglohns aus ungelernter Hilfsarbeit im Gastro-Gewerbe. In diesem Land der Zuwanderer konnte es, davon träumten die Pauper aus aller Welt, jedermann zu etwas bringen. Aus Lumpen („from rags“ / “per aspera“) zum Millionär („to riches“ / “ad astra“). Es bedurfte nicht des besonderen Stammbaums oder der höheren Bildung oder eines bestimmten Standes, Fleiß und Geschick, die reichten. Wie gesagt, ein Mythos. Der jene verhöhnt, die die Klassengesellschaft erst gar nicht zu jenen guten Gelegenheiten kommen ließ, die dann das Lebensglück ermöglichten. Zynisch.
In der mittelalterlichen Ständegesellschaft erfreut sich die Witwen von Handwerksmeistern einer ganz besonderen Beleibtheit; sie hatten eine eigene erotische Ausstrahlung. Begehrt. Da es keine Gewerbefreiheit gab und das Regime der Zünfte und Gilden in den Städten streng war, konnte ein eifriger Geselle seinem Aufstiegswillen nur Ausdruck verleihen, sprich ein Handwerk ausüben, wenn er die Witwe eines Meisters ehelichte. Den lustigen Witwen soll das gar nicht so missfallen haben, liest man.
Meritokratie ist die Herrschaft des neuen Geldes über den frisch abgezockten Plebs; jener Gestus, den uns Elon Musk vorführt und für den er belohnt wird, mit grenzenloser Bewunderung und ebensolchem Verdienst aus den Taschen jener mit kleinem Verdienst. Das meint also die Herrschaft der Verdienstvollen über jene, die sich keine Verdienste erworben hatten. Verdienter Verdienst.
RAUM & ZEIT.
Büros, wie wir sie kannten, die wird es bald nicht mehr geben. Bürotürme in Innenstädten, zu denen Menschen jeden Tag wie Ameisen an- und abreisen, die weit draußen in Vorstädten leben, werden selten. Bürovölker, ganze Belegschaftsgruppen werden in die Heimarbeit geschickt und dort reduziert. Das spart, sagt der Herr im Fernsehen, Zeh-Oh-Zwei. Wir werden damit KLIMANEUTRAL. Er freut sich.
Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Es geht nicht wirklich um das Klima. Denn die ABSONDERUNG & VERNETZUNG spart Kosten und erlaubt eine enorme Arbeitsverdichtung. Die atomisierten Rädchen, das Heer der Ameisen kontrolliert zunehmend der Computer, strenger als es der Herr Bürovorsteher vermocht hätte. Die beiden Ritter der Corona und der Digitalisierung sind zwei Reiter, die, obwohl weiß und schwarz, gut miteinander können. Sie reiten gemeinsam gegen RAUM & ZEIT.
Selbstständige kennen den Scherz: man arbeitet selbst und ständig. Jederzeit und überall. Jede und jeder für sich. Die Ketten dieser Sklaven sind aus einem Stahl, der WLAN heißt. Das Versprechen einer „work-life-balance“ im „agilen Zeitalter“ war eine Falle. Es geht um nicht weniger als um die Aufhebung von RAUM & ZEIT. Ich sehe apokalyptische Reiter am Horizont.
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HUMOR
Wenn man „trotzdem“ lache, dann sei das Humor. Sprichwörtlich. Also so etwas wie SCHADENFREUDE in eigener Sache. Über sich selbst Spott empfinden können. Seltene Gabe.
Ein gelungener Witz ist ein seltenes Glück. Viele Scherze sind einfach fad. Man hat sie schon so oft gehört, dass es peinlich wirkt, wenn der Erzähler des abgedroschenen Humors erneut Beifall erwartet. Noch peinlicher wirkt, wenn der Tabubruch, den der Witz begeht, ein Tabu bricht, das uns heilig erscheint, unberührbar, jedenfalls als ein zu vermeidendes Thema. Vermintes Gelände.
Wie bei allem, es liegt das Gift in der Dosis. Ein leichte Peinlichkeit mag noch erheiternd wirken, eine Grobheit erfreut nur derbe Charaktere. Was aber allzu oft verunglückt, ist IRONIE. Das Ironische meint das Gegenteil des Gesagten, verlangt also einen feinsinnigen Zuhörer, der das versteckte Ironiesignal auch empfängt. Man muss das Paradox wahrgenommen haben, wenn man es komisch finden will. Ironie geht bei Böswilligen und bei Dummen immer schief. Gleichzeitig gilt sie aber als Königsdisziplin des Humors.
Der englische Gentleman, der MISTER BEAN spielt, hat behauptet, dass das Recht, jemanden zu beleidigen, über dem Recht stehe, nicht beleidigt zu werden. Das ist strittig, insbesondere bei jenen Zeitgenossen, die Tabubrüche nur zulassen wollen, wenn es nicht ihre eigenen Tabus sind, sondern die der anderen. Man lerne also, dass Ironie fast immer schief geht, Humor oft und werde schweigend bitter. Echt? Oder war das ironisch?
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IDYLLE
Auf der wunderschönen Mittelmeerinsel liegt das Dorf der Bewohner ganz oben an der Spitze des Vulkans, am Ende eines Eselpfades. Wegen der Piraten.
Der idyllische Ort war beherrscht von alltäglichem Raub und Mord, Vergewaltigung und Brandschatzen. Weil das Mediterrane ein Hort der Piraterie war. Niemand hat hier sein Häuschen an den Strand gebaut, um die Sonne anzubeten und dem geharzten Wein zu frönen. Und was den Fischern und Bauern Heim war, hatte hohe Mauern, eiserne Türen und sorgsam verborgene Brunnen. Das Leben war hart und böse.
Das zu erinnern, zeigt welche Scheinwelt der Massentourismus seinen Anhängern gebaut hat; Traumfabriken. Club Mediterrane. Udo Jürgens singt vom griechischen Wein und die Caprifischer genießen den Sonnenuntergang. Frivole Orte für frivole Vergnügungen, diese Capris. Es klingt die Erinnerung an eine vergangene Zeit in den Lockdown, während TUI weitere Staatshilfen für ein untergegangenes Geschäftsmodell fordert. Sehnsucht nach den Seifenblasen. Als noch im Himmel Jahrmarkt war.
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Propaganda: der Appell an die niedersten Instinkte
Angela Merkel hat ihre Solidarität mit amerikanischen Politikerinnen erklärt, die der amtierende Präsident rassistisch geschmäht hatte. Das Merkel-Wort ist international bemerkt worden, zumal die betreffenden Politikerinnen zum Teil selbst Rassismus pflegen und keine unumstrittenen Figuren sind. Aber die Frage war, ob Ethnizität, die rassische oder nationale Herkunft, jedenfalls die Hautfarbe, ein hinreichender Grund sein kann, jemanden zu expatriieren und seiner Menschenwürde zu berauben. Unser Autor Klaus Kocks geht den Niederungen der Propaganda nach.
Einem russischen Philosophen verdanke ich einen Gedanken, den ich als Zettel an die Pinnwand über meinem Schreibtisch gehängt habe. Er lautet: „Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden.“ Das ermutigt mich, wenn ich mal ganz schlecht drauf bin. Man muss nicht ein Sklave seiner niedersten Instinkte sein, sagt der kluge Mann. Man kann sich am Riemen reißen und die krankhaften Gefühle aus Willenskraft überwinden. Etwa, um nicht üblen Vorurteilen nachzugeben und sich stattdessen einem klugen Gedanken zu widmen. Der Spruch gibt mir Zuversicht. Erstaunlich, dass jemand auf so etwas Nettes kommt, der eingeklemmt zwischen Polen und Litauen in einem russischen Zipfel namens Kaliningrad gelebt hat. Ein Iwan also.
Würde des Menschen
Ich habe da noch einen zweiten Zettel hängen. Er stammt von einem Itaker aus der Po-Ebene, das ist eine Landschaft im Norden Italiens. Er hieß Giovanni Pico della Mirandola und konnte neben dem heimatlichen Italienisch noch Arabisch, Hebräisch und Aramäisch, schrieb aber in Latein. Ein Kosmopolit also (schon verdächtig). Der Spruch lautet: „Quando possumus si volumus.“ Ich habe das Zitat mal bei einem anderen Mediterranen gefunden, einem gewissen Udo di Fabio, der hochgestellter Richter bei uns war und Professor in Bonn. Zu deutsch heißt das Motto: „Weil wir können, wenn wir wollen“. Es geht um Willensstärke und Vernunftbegabung. Pico ist berühmt geworden mit einer sehr grundsätzlichen Rede über die Würde des Menschen. Dieser schwammige Begriff der Menschenwürde ist die zentrale Kategorie unserer Verfassung, sprich des Grundgesetzes. Das ist schon deshalb verwunderlich, weil es ein unbestimmter Rechtsbegriff ist, der Interpretationen nicht nur erlaubt, sondern geradezu verlangt. Er meint jedenfalls sicher, dass unsere Menschenwürde darin besteht, dass wir einen Willen haben (können), der über unsere niedersten Instinkte hinausgeht.
Iwan? Itaker?
Darf man einen Bürger Russlands Iwan nennen? Einen Italiener Itaker? In meiner Jugend waren solche Begriffe noch üblich, weil sich niemand um das scherte, was man heute „political correctness“ oder kurz „pc“ nennt. Es herrschte im Westen Deutschlands ein massiver Antikommunismus, in dessen Fahrwasser man Russen schimpfen konnte, wie man wollte. Wer es da an Feindlichkeit vermissen ließ, erschien verdächtig und wurde aufgefordert. „Geh doch rüber!“ Gemeint war die SBZ, die Sowjetisch besetzte Zone. Und auch den Italienern gegenüber herrschte im Nachkriegsdeutschland noch eine fremdenfeindliche Skepsis. Eine italienische Eisdiele galt damals noch als wirklich exotischer Ort. Und von einer Pizza habe ich zum ersten Mal gehört, als ich, noch in Kinderschuhen, durch Venedig schritt, das man aus einem Urlaub im befreundeten (!) Österreich besuchte. Heute weiß ich, dass die italienische Renaissance zu dem wertvollsten gehört, was meine kulturelle Tradition zu bieten hat. Ich schätze die mediterranen Wurzeln meines Vaterlandes, in dem germanische Wilde erst spät von den römischen Heeren von den Bäumen geholt wurden. Udo di Fabio ist ein belesener Vordenker und Rechtspolitiker. Ja, und ich schätze Russland und meine russischen Freunde, die ich später in meinen Jahren in der Gaswirtschaft dort kennengelernt habe. Ach so, und Immanuel Kant, der eingangs zitierte Aufklärer aus Königsberg, war natürlich Preuße, obwohl seine Geburtsstadt heute auf russischem Territorium liegt.
Fremdenfeindlich
Ich wurde an Kant erinnert, als ich einen Wortwechsel mit einem ehemaligen Botschafter Russlands auf einer politischen Veranstaltung in Brandenburg hatte. Der geschätzte Herr äußerte sich in einem Tenor über die Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland, die auf mich fremdenfeindlich wirkte. Das fand ich komisch, dass sich ausgerechnet ein Russe ausgerechnet in der ehemaligen DDR mir gegenüber xenophob äußerte. Ich stellte ihm folgende Frage: „Herr Botschafter, meine Familie stammt aus Masuren. Mein Urgroßvater ist in das Ruhrgebiet zugewandert, weil er Pferdeverstand hatte und die Rösser im Bergbau benötigt wurden. Er hat es also vorgezogen, in den Pott zu ziehen, statt in Masuren zu verhungern. Ostpreußen ist heute russisches Staatsgebiet. Was bin ich nun? Russe oder Deutscher? Jedenfalls bin ich Enkel eines Migranten.“ Das war natürlich eine rhetorische Frage. An der Ruhr, im sogenannten Pott, sind alle Migranten, außer einigen rheinisch-westfälischen Dörflern, die hier schon vor der Industrialisierung hausten. Erst kamen die Ostpreußen, dann die Iren, dann die Polen, dann die Türken. War das harmonisch oder kulturell homogen? Unsinn, Reibereien zwischen den Ethnien waren an der Tagesordnung. Aber es ist gut gegangen. Knapp. Mein protestantischer Großvater hat immer über die katholischen Polen gelästert, weil ihm deren Kult um die Heilige Barbara auf den Keks ging. Hat man im Pütt zusammengearbeitet? Nun, Kumpel zu sein, das war eine Gefahrengemeinschaft. Jeder musste sich auf jeden verlassen können. Die Iren an der Ruhr waren übrigens die Technologieträger. Die konnten schon Tiefbergbau, als hier noch die westfälische „Zeche Eimerweise“ herrschte. So wie in den Westerwald die Belgier kamen, um als „Welsche“ den örtlichen Dörflern das Verhütten der Erze beizubringen.
Schickt sie zurück? Wohin?
Es hat in vorigen Jahrhunderten Migration aus Deutschlands Armenhäusern gegeben, vorwiegend nach Amerika, dem großen freien Einwanderungsland. Aus der Pfalz stammen die Ahnen von Donald Trump. Woher seine jetzige Ehefrau stammt, will ich hier nicht weiter erörtern, weil dies zu Missverständnissen führen könnte. Wir alle sind Migranten, es wurde schon gesagt, außer einigen Dorfdeppen, die schon immer am Ort hausten, weil sie leider eben zu blöd waren, sich ein besseres Leben zu suchen. Und wir alle haben eine Vernunftbegabung ebenso wie niedere Instinkte. Zu den Instinkten der untersten Kategorie gehören Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass. Natürlich kann es den Impuls geben, dass ich den unduldsamen Fremden nicht mehr dulden mag. Oder dass ich den religiösen Fanatiker in seine Schranken weisen möchte. Natürlich ist es unerträglich, wenn Mitbürger anderen Menschen wegen des Geschlechts oder der Religion oder der Rasse die Menschenwürde absprechen. Wie aber antwortet man darauf? Expatriieren? Ausweisen? Vernichten? Was der amtierende amerikanische Präsident gerade zeigt, ist die übelste Variante möglicher Propaganda. „When they go low, we go lower!“ Ich höre und sehe das und schaue auf meine beiden Spickzettel. Nicht mit mir. Nicht in meinem Namen.
Quelle: starke-meinungen.de